Niggemeiers Rundumschlag

by Gunnar on 21. Oktober 2008 · 11 comments

In einem deutschen Blog auf einen Artikel von Bildblogger und Medienjournalist Stefan Niggemeier hinzuweisen, ist vermutlich wie Eulen nach Athen zu tragen, aber ich tue es trotzdem mal, der gestrige Beitrag über den deutschen Online-Journalismus ist einfach zu lesenswert:

Was macht man also als klassischer Medienbetrieb mit einem neuen Medium, das vermutlich irgendwie die Zukunft ist (und, wenn wir ehrlich sind: schon lange die Gegenwart), aber in dem sich hier und heute kaum Geld verdienen lässt?
Die einfachste Antwort ist natürlich: Man ignoriert es. Das ist eine Strategie (oder auch: der Verzicht auf eine Strategie), die viele Regionalzeitungen gewählt haben. Sie haben irgendwelche Präsenzen im Internet, die man bei flüchtigem Hinsehen mit Online-Angeboten verwechseln könnte. In Wahrheit sind es aber nur mit dem Logo der Zeitung angemalte Sperrholzwände, auf denen automatisch einlaufende Agenturmeldungen einen Anschein von Leben vortäuschen.

Klickst du hier.

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Insider Oktober 21, 2008 um 16:32

Aber am Ende hat Herr Niggemeier auch bloß keine Lösung bereit: Wenn die Zeitungen im Web das Geld nicht verdienen können, um davon wirklich gute Online-Redaktionen mit entsprechend teuren aber professionellen Journalisten zahlen zu können – was soll man dann tun? Ist Internet die Zukunft? Keine Frage! Aber bis es soweit ist, müssen heute und jetzt Gehälter und Betriebskosten bezahlt werden und das leisten im Augenblick die Print-Objekte. Was also machen, wenn man nicht die Finanzpower von Springer oder Spiegel hat und wirklich zwei getrennte Redaktionen hinstellen und das entsprechend lange bis zum Break-Even durchhalten kann? Es bleibt also beim gleichen Kosten- und Personal-Block und man knappst bei Print immer mehr ab und verschiebt alles Richtung online. Aber was passiert dann? Print geht den Bach noch schneller runter, Käufer und Anzeigenkunden ziehen sich zurück und vor lauter Zukunft weiß man nicht mehr, wie man nächsten Monat die Gehaltschecks ausstellen soll. Und Online kann die Verluste nicht ansatzweise kompensieren. Spätestens dann schauen die Redakteure mal genauer hin: Mhhh, die Währung im Internet sind also Page Impressions, mhhhh, dann mach ich doch lieber die 200 peinlichsten Fotos von Paris, Britney und Co. statt einen gute recherchierten Artikel und schon sind wir bei den PIs im Soll und dann bleibt auch noch genug Zeit, um das x-te Sonderheft zu produzieren um Print durch noch mehr Heftversionen und Seiten pro Redakteur irgendwie zu retten, damit das Geld reinkommt, um sich online wenigstens auf kleiner Flamme leisten zu können. Und nun? Klar stellt sich der Blogger und Internet-Fan Niggemeier hin und sagt: Macht es richtig! Und recht hat er! Aber wenn es ums bezahlen geht, reicht die richtige Grundeinstellung (Internet galore!!!) leider nicht aus.

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Publikumsliebling Oktober 21, 2008 um 16:35

für keine technische neuerung der welt möchte ich meine morgenzeitung missen.schließlich ist das internet auch oft mit ärger verbunden und hat mir schon so manches graues haar eingebracht,wenn zum beispiel wieder einmal alles mit viren überschwemmt ist,obwohl man aufgepasst hat wie ein schießhund.

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Gunnar Oktober 21, 2008 um 18:32

@insider:

korrekt. solange SEO billiger und effizienter als redaktionller content ist, wird die situation nicht besser werden. immerhin ist langsam konsens, dass die page impressions als währung ausgedient haben.

aber am ende entscheidet der user — und wenn der lieber auf titten-klickstrecken klickt anstatt redaktionelle texte bis zum ende zu lesen, dann wird er eben die medien bekommen, die er verdient.

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Insider Oktober 21, 2008 um 22:42

Genau so wird es kommen – Journalistische Qualität wird auf dem PI-Altar ohne zu zucken geopfert und wir werden uns am Ende fragen: Ist das noch der Job, den ich mal machen wollte? Mir drehts den Magen um, wenn ich Volontären heute nicht mehr beibringen muss, was ein Glosse ist, wie man ein Interview führt oder wie man journalistisch sauber arbeitet, nein, heute wird gelernt, wie man endlose Klickorgien erstellt und wo man umsonst die meisten Titten-Bilder herbekommt. Das reicht dann bestenfalls noch für “irgendwas mit Medien” – aber mit dem was wir mal gelernt haben, hat das nix mehr zu tun. Und habe ich durchaus Verständnis für die “alten” Verlage und Redaktionen, die sich dann für den anderen Weg entscheiden und sagen: Machen wir das was wir wirklich gut können, so lange es eben noch geht – auch wenn sie das nicht retten wird. Aber zumindest bleibt dem Redakteur der die letzten 20 Jahre seriösen Politik-Journalismus gemacht hat, erspart die 50 besten Nacktbilder von Doris Schröder-Köpf ins Netz stellen zu müssen, um bei einem TKP von 10 Cent ein paar Pimperlinge im Web zu verdienen.

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Gunnar Oktober 22, 2008 um 08:03

das mit den nacktbildern, machen content manager, das ist der entsprechende neue berufszweig. die beherrschen seo-gerechtes schreiben, sind näher an der community, kennen sich mit cms’sen aus et cetera, dafür wissen sie eben nicht, was eine glosse ist. ist das ein kulturverlust — ach was, das ist einfach eine veränderung. veränderungen gibt es ständig, wenn sich der publikumsgeschmack dreht.

da müssen wir durch.

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Insider Oktober 22, 2008 um 11:44

Auf jeden Fall und ich denke die meisten Verlage werden das über kurz oder lang schon hinbekommen und am Ende gibt es keinen anderen Weg. Aber gerade für alteingesessenen Tageszeitungen oder Jahrzente alte Fachmagazine wird dieser Wandel auch in den nächsten Jahren für große Probleme sorgen…und wir werden noch ziemlich lange die “Sperrholzwände mit DPA-Meldungen” und Klick-Orgien haben, bevor auch im Netz sich endlich ein Qualitätsstandard herauskristalisieren wird – wie immer der dann auch aussehen wird :)

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Gunnar Oktober 22, 2008 um 11:51

hmm. um die fachmagazine fürchte ich am wenigsten — die haben potenzial. wenn sie ihre zielgruppe gut kennen. und den willen haben, die gut zu bedienen.

damit kann man immer geld verdienen. daraus lässt sich auch gut ein zusatzgeschäft stricken — konferenzen, beratung etc.

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tkone Oktober 22, 2008 um 23:01

Grundsätzlich ist es ein wenig traurig, die Worte von Herrn Niggemeier zu lesen, wenngleich sich ebenso wahr sind. Ich denke allerdings auch: Der User bekommt, was er wünscht. Vielleicht wird das eines Tages in unserer abgestumpften Gesellschaft ja auch mal etwas anderes als eine Britney-Fotostrecke sein.

Und ja: PIs sind nicht optimal. Aber was soll hier als neue Währung gelten? Nielsen hat 2007 mal einen Vorstoß mit der Verweildauer auf Websites gemacht. Allerdings denke ich, dass selbst bei noch besseren Ideen die PIs erstmal nicht so schnell verschwinden werden. Die Online-Vermarkter und Agenturen mussten jahrlange Überzeugungsarbeit leisten, um den Kunden das Internet schmackhaft zu machen. Und noch heute ist es eine Hauptaufgabe, die großen Budgets (z.B. TV) in den Online-Bereich zu kriegen. Wenn dann mal so nebenbei die Währung geändert wird, ist die ohnehin hohe Unsicherheit bei Online-Neulingen noch größer.

Bis die Vermarkter einmal etwas anderes als PIs haben wollen, wird es m. E. noch lange dauern. Und pikanterweise entscheiden sie beispielsweise in Deutschland ja mehr oder weniger über eben diese Definition (AGOF-Gremium). Daher auch hier: Erst wenn die letzte Bilderstrecke von Paris keinen mehr interessiert, könnte Bewegung in die Sache kommen. Solange freuen sich die Vermarkter über tolle PIs, die sie verkaufen können.

grüße, tkone

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Gunnar Oktober 23, 2008 um 08:03

achwas. in der agof spricht man ja nur noch über uniques. alles andere ist in den hintergrund getreten.

und überdies ist das ja alles ohnehin komplett irrelevant — wenn ich mir doch absurde tricks pi erschleiche, sieht das ja allenfalls auf irgendwelchen charts gut aus. wenn ich die aber nicht als ad impressions mit aufmerksamkeitsstarken werbeformen ausliefern kann, nutzen sie mir nix.

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tkone Oktober 23, 2008 um 15:08

Klar, Uniques sind ausschlaggebend und nicht umsonst das Kriterium für das Vermarkter-Ranking. Und es ist auch logisch, dass mir Unmengen an PIs einer mäßig attraktiven Zielgruppe weniger bringen als saubere PIs einer attraktiven Käuferschaft.

Mir ging es in erster Linie um die überholte Web-Währung “PIs”, die die Vermarkter meiner Meinung nach nicht so schnell köpfen werden – selbst wenn sie suboptimal ist.

grüße, tkone

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Ellenn Oktober 23, 2008 um 23:19

Der Niggemeier ist gerade bei TvTotal auf Pro 7. Wird heute Nacht wiederholt und dürfte ab morgen auf http://www.tvtotal.de online zu sehen sein.

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