Mein Leben unter Mutanten

by Gunnar on 2. Dezember 2008 · 12 comments

Als ich irgendwann mal bei Mythic war, hatte ich ein nettes Gespräch mit einem der Macher von Dark Age of Camelot (dem Online-Rollenspiel). Der sagte eine Sache, die mir eigenlich instinktiv klar war, die ich aber bis dahin so nicht hätte benennen können — bei Rollenspielen, besonders aber MMOs, findet ein wesentlicher Teil des Spielens abseits von PC oder Konsole statt. Oder anders: Rollenspiele sind, trotz Charakteridentifikation und Story und ausgefeilter Welt, Spiele, in die man nicht einsinkt, wie in ein Action-Adventure oder einen Ego-Shooter.

Rollenspiele lebt man.

Ein Vergleich, um es zu verdeutlichen: Wenn ich, sagen wir, Call of Duty 4 spiele, so ist das eine intensive Erfahrung, wie bei einem Kinofilm — ich bin in jeder Sekunde angespannt und voll dabei, ducke mich instinktiv unter den Kugeln weg und darf nicht gestört werden, sonst geht mein Erlebnis kaputt. Wenn ich aber aufhöre, ist es erstmal vorbei. Wenn ich, was Gott verhüten möge, World of Warcraft spiele, so ist das eigentliche Spielen weniger wichtig, ich kann beim Spielen auf dem zweiten Monitor Mails checken, eine Pizza essen und mich mit der Katze unterhalten. Aber in meinem normalen Tag ist das Spiel ständig präsent: Ich denke über meine nächsten Wege nach, über Skillungen, über Orte, die ich besucht habe. Und ich rede mit Freunden über meine Taktiken, meine Erlebnisse, meinen Charakter. Es gibt ja so vieles, mit dem man sich beschäftigen kann.

Klingt jetzt einigermaßen trivial, aber der Gedankenansatz erklärt zum Teil die dauerhafte Faszination von (Online-)Rollenspielen. Mir fiel das alles gerade wieder ein, weil mich Fallout 3 jetzt schon einige Zeit so begleitet, wie andere Leute das von WoW kennen. Naja, nicht ganz so, aber es geht in die Richtung. Ich bin sogar so weit gegangen (was ich seit Jahren nicht mehr getan habe), die Hauptquest abzubrechen und systematisch Nebenquests zu suchen. Weil ich nicht will, dass das Spiel endet.

Ach, wie schön ist es doch im Capital Wasteland.

Am Rande: Der Typ von Mythic nannte Rollenspiele beardy games (und machte dabei die Geste des sich nachdenklich am Bart kratzens). Nett. Ich glaube, wir bezeichneten früher, zu Warhammer Tabletop-Zeiten, die überehrgeizigen Regelfetischsten als beardy. Keine ganz falsche Analogie.

{ 11 comments… read them below or add one }

Player1 Dezember 2, 2008 um 18:33

Eigentlich ein vollkommen sinnloser Kommentar, da dem Post nichts hinzuzufügen ist.

Allenfalls (obwohl vermutlich schon bekannt) noch, dass es (für PC-Wastelander) bereits ein paar schöne Mods gibt, die beispielsweise den Levelaufstieg verlangsamen, damit man nicht so schnell das Limit von 20 erreicht. Ein absolutes Muss.

Nicht alle funktionieren, diese hier schon (sogar mitten im Spiel):
http://www.fallout3nexus.com/downloads/file.php?id=97

Ebenfalls für empfehlenswert halte ich Mods, die den Autopiloten (Ziel-Anzeige im Kompass) entfernen. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Gibt’s auch auf dem tesnexus, ebenso wie bereits zahllose andere mehr oder weniger sinnvolle Ergänzungen.

Antworten

einkay Dezember 3, 2008 um 00:45

Witzig – aber mir geht es exakt genauso. Die letzten Tage mit Fallout 3 erinnern mich stark an meine kurze (aber um so intensivere Zeit) mit Wow. Leichte Quests, simples Kampfsystem, immer mal wieder Belohnungen und ein stäniges “am Laufen halten” lassen Stunde um Stunde vergehen, ohne dass das Spiel wirklich was beeindruckendes geliefert hat und tagsüber erwischt man sich schonmal dabei nach ein paar Tipps zu googlen “Wo finde ich doch gleich den Alienblaster” etc. um Abends gleich wieder weiter zu machen. Und nach ein paar Tagen kommt dieses unangenehme “ich hänge an der Nadel”-Gefühl – was bei mir meistens mit Deinstallation – und noch schlimmer – löschen der Speicherstände einher geht, um Abends auch mal wieder was anderes machen zu können :)

Antworten

Konrad Dezember 3, 2008 um 05:25

Also ich fand Fallout 3 ja auch ganz gelungen, aber so wahnsinnig gut dann doch nicht. Ich trauere immer noch dem zweiten Teil hinterher.

Antworten

D@mien Dezember 3, 2008 um 10:04

Hehe, der Blog-Eintrag erinnert mich ein wenig an die Einführung der “The Witcher”-Preview aus der neuesten Gamepro. Da ging Henry Ernst auch auf die Tatsache ein, dass RPG´s auch im RL noch im Kopf rumspuken.

Ist aber was Wahres dran. Ich weiß heute noch, wie ich mir lieber Strategien für Baldurs Gate 2 überlegt habe, anstatt Mathe zu pauken.

Antworten

Christoph Dezember 3, 2008 um 16:57

Ich finde, Fallout 3 und The Witcher, die ich beide sehr ausführlich spiele, sind hervorragende Beispiele für diesen Effekt, nämlich genau die beiden Spiele, bei denen mir das im letzten dreiviertel Jahr genauso gegangen ist: “Bloß nicht die Hauptquest, erstmal das gegenüber liegende Ende der Karte erkunden” und tagsüber nicht arbeitsbezogene e-mails zwischen den Büros von Kleinem Bruder ™ und mir über die Frage, ob diese skills oder jene perks nun mehr bringen würden… Hoffentlich gibt’s immer wieder so gute Spiele für uns! (Und laufende Kosten verursachen sie auch nicht!)

Antworten

Christoph Dezember 3, 2008 um 17:00

PS: Daß ausgerechnet unter dieser Seite Werbung für “CD Keys für WoW” oder “Gold für LotrO” erscheint, ist nicht zu verhindern, oder? Auch “Items für Guild Wars” erspiele ich mir lieber selber.

Antworten

Konrad Dezember 3, 2008 um 18:31

@Christoph
Falls du FF benutzt einfach Flashblock installieren, dann ersparst du dir die Werbung.

Antworten

Jago Dezember 4, 2008 um 17:51

Auch trivial: Rollenspiele erzählen stets, im Falle von Fallout 3 eine beklemmend-fesselnde, Geschichte und möglicherweise beschäftigt es uns gerade aufgrund dieses narrativen Momentes so sehr außerhalb des eigentlichen Spielens. Man resümiert die Erlebnisse des Charakters, kann mit für einen selber lustigen Anektdoten Freunde langweilen oder begeistern und spinnt durch seine Charakterentwicklung somit auch die Handlung fort. Wir sind kreativ und wir sind narrativ und dies wiederrum ist Ausdruck unseres Wunsches nach Fiktionalität, der irgendwie gleichzusetzen ist mit einer Art Farbbedürfnis? (frei nach O. Marquard)

Fallout 3 fesselt mich auch unheimlich. Zwar nicht so sehr wie Oblivion, aber das mag wohl am Szenario liegen. Es gibt nichts stylischeres, als einen schönen verzierten Bogen in den Händen zu halten. Da kann ein Alien Blaster einfach nicht mithalten. Einen furchtbar negativen Aspekt hat dieses Spiel allerdings: das Entwicklerteam hatte dadurch keine Zeit an Oblivion II zu arbeiten.

Antworten

Player1 Dezember 5, 2008 um 02:08

@Jago:

Ging (geht) mir ähnlich. Spielmechanische Aspekte (Levelaufstiege, Perks usw.) haben mich eigentlich nur am Rande beschäftigt. Dies war seit vielen, vielen, vielen Jahren das erste Spiel, das mich allein durch seine Welt und Atmosphäre vollkommen in seinen Bann gezogen hat. In meinem Fall – für mich selbst überraschend – sogar weit mehr als Oblivion. Selbst die für sich gesehen absolut abartigen Gewaltorgien in den VATS-Kämpfen schienen irgendwie zu passen.

Und neben dieser wahnsinnig stimmigen, beklemmenden Welt gab es dann auch noch, und das ist vielleicht das eigentlich Bemerkenswerte, auch tatsächlich Momente im Spiel, die wirklich emotional berührten. Für mich dauerhaft in Erinnerung bleiben wird etwa die Tennpenny-Tower-Quest, in der sich, nachdem zunächst alles plangemäß verläuft, etwas später zeigt, dass der Versuch alles richtig zu machen, erst die wahre Katastrophe heraufbeschwört. Grandios. Beinahe ebenso bemerkenswert die kleine Episode am Radio Relay Oscar Zulu, die mich, obwohl eigentlich gar nicht so wahnsinnig kreativ, mit bald 40 Jahren, fast zum Weinen gebracht hätte…

Ich könnte noch weiter machen, will aber nur noch festhalten, dass, zumindest für mich, dieses das erste Spiele war, das auch Erwachsene emotional auf so vielfältige Weise fesseln konnte, wie es sonst nur ganz wenige gute Filme vermögen. Zumindest beinahe. Aber das heißt für ein Spiel ja auch schon was.

Bitte mehr davon. Im Zweifelsfall gern mit etwas weniger umherfliegenden Gliedmaßen und dafür mehr faszinierenden Geschichten.

Antworten

siR Dezember 5, 2008 um 09:37

Ich spiele ja wirklich gerne viele Genres von Computerspielen und mag auch Rollenspiele, aber WoW wayned mich dermaßen, das ich irgendwie die Sucht nicht wirklich verstehen kann.

Aber vielleicht liegt das daran, dass mir der Einstieg einfach immer viel zu lange gedauert hat. Ich mag INSTANT ACTION! ;)

Antworten

C's kleiner Bruder Dezember 5, 2008 um 10:48

Tja, was soll ich sagen, auch ich bin gefesselt von Fallout 3! Und ich, als Christoph’s “kleiner” (richtig: jüngerer) Bruder, verbringe etliche (zuviele!) Stunden des Tages mit philosophieren, Taktiken schmieden, planen und Abends finde ich dann beim umherlaufen doch eine neue Quest und verfolge dann erst diese anstatt meinem grandiosen Plan zu folgen. Das führte in meinem Falle dazu, dass ich schon lvl 20 bin ohne bisher in Rivet City gewesen zu sein. Übrigens meiner Meinung nach das größte Manko des Spiels, dass es lvl-max gibt.

Antworten

Leave a Comment

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: