Der heißt gar nicht Wilhelm

11. Februar 2009

in Die Doofheit der Medien

Der heißt gar nicht Wilhelm

Schön zu sehen, dass bei Kaliban.de im Kleinen geschieht, was im deutschen Journalismus im Großen passiert:

Ich mache einen kleinen Beitrag über den Glos-Rücktritt und erwähne seinen Nachfolger, mit vollem Namen: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Ein paar Stunden später meldet sich in den Kommentaren der regelmäßige Kaliban-Leser Marjan und weist mich auf eine Unterlassung hin: Im Namen fehle ein “Wilhelm”. Ich stutze, wundere mich über meinen Fehler, schaue in der Wikipedia nach. Dort steht “Wilhelm” zwischen “Philipp” und “Franz”. Damit ist es klar, ich füge den Namen ein.

Später stellt sich raus: Der Wilhelm ist eine Fälschung. Nicht von Marjan (oder doch?), sondern von einem Anonymus, der sich einen Scherz erlaubt und damit die halbe deutsche Journaille als Abschreiber entlarvt hat. Die Wikipedia ist eben, trotz aller Kontrollen, gegen geschickte Manipulation machtlos. Wir sollten ihr nicht so blind glauben. Ein falscher Name auf Kaliban.de ist ja noch weniger als ein chinesischer Sack Reis; ein falscher Name auf der Titelseite der Bildzeitung hingegen ist schon relativ peinlich.

Nachtrag: Unfassbar, wie bescheuert die Süddeutsche auf ihr eigenes Versagen reagiert — mit einer Art Glosse. Ein so unsinniges Stück, meilenweit am Leser vorbei, habe ich in einem Qualitätsmedium schon lange nicht mehr gelesen. Weiß gar nicht, was ich schlimmer finde: Dass der Autor (Bernd Graff) Mitglied der Chefredaktion ist oder dass die Münchner auch so einen Beitrag noch mit albernen PI-Schinde-Strecken (“Beliebte Kindernamen”) durchsetzen. Ich hätte das der SZ übrigens auch gerne selber gesagt, aber da darf man ja nach 19:00 nicht mehr kommentieren.

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11. Februar 2009 um 15:01
Geht das Internet weg, wenn ich die Augen schließe? | kaliban
22. Juni 2009 um 20:34

{ 17 comments… read them below or add one }

1 batolemaeus 11. Februar 2009 um 09:07

Pah, Bildzeitung. Die nimmt doch kaum jemand (informationstechnisch) ernst. Die kann Fehler machen wie sie will, das ändert am Ergebnis nix. Die einen glaubens sowieso, die anderen aus Prinzip nicht.

FAZ, das wär mal was.

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2 Gunnar 11. Februar 2009 um 09:12

Den falschen Namen haben alle verwendet: BILD, Handelsblatt, heute.de, SpOn, tar, SZ u.a.

Das ist ja das Schöne.

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3 Christoph 11. Februar 2009 um 11:11

…zumal der Name auf kaliban.de ja gar nicht falsch war! Also ist der Sack Reis völlig in Ordnung. Nicht so wichtig, aber objektiv sehr gut. (Und wie immer amüsant)

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4 Christoph 11. Februar 2009 um 11:15

Hallo Herr Kaliban,
woher hatten Sie denn Ihren – zunächst natürlich vorbildlich recherchierten – richtigen Namen?
Aber dennoch haben Sie an Ihrer Arbeit gezweifelt. Müssen wir da an Ihrem Selbstvertrauen arbeiten? ;-)

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5 der andere Christoph 11. Februar 2009 um 11:16

ähm… 2 dumme – ein name zur selben zeit?

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6 (der erste) Christoph 11. Februar 2009 um 11:25

Hm. Tja. Was machen wir’n da jetzt? – Dann kommentier’ ich jetzt immer als Christoph72. (Und wehe, Du bist auch in dem Jahr geboren! Dann nehm’ ich noch den 29. Februar als Geburtstag irgendwie mit auf, denn auch der stimmt wirklich. – Wenn’s dann immer noch unentschieden steht, treffen wir uns und ich geb’ ein Bier aus)

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7 Gunnar 11. Februar 2009 um 11:40

@christoph (irgendeiner):

Hatte den Namen von der Abendzeitung, glaube ich. Aber man neigt natürlich dazu, Wikipedia mehr zu glauben.

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8 Christoph72 11. Februar 2009 um 12:27

Ich neige in diesem Fall dazu, der Seite http://www.zuguttenberg.de zu glauben.
Wo halt blöderweise der volle Namen nicht zu finden ist…

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9 nadu 11. Februar 2009 um 17:30

Wow, hätte echt nicht gedacht, wie viele Journalisten einfach so aus Wikipedia kopieren.
Interessant auch die Reaktionen der einzelnen Blätter:
http://www.bildblog.de/5731/wilhelm-ii/
Dabei predigen die Lehrer in der Schule doch immer, dass Wikipedia als Quellengabe nicht ausreichend ist ;-)

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10 Steff 11. Februar 2009 um 18:12

Moment. Ich will ja nicht klugscheißern (okay, will ich dohoch!), aber “Zeitung” darf sich die Bild schon länger nicht mehr schimpfen (der Fall landete meines Wissens nach sogar vor Gericht)… ;-)

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11 Gunnar 11. Februar 2009 um 19:11

@steff:

“Einer modernen Legende zufolge soll sich die „Bild“-Zeitung nach einem Gerichtsurteil nicht länger „Zeitung“ nennen dürfen. In Deutschland gibt es jedoch kein Gesetz, welches vorschreibt, wann eine Veröffentlichung als „Zeitung“ verkauft werden darf.[14] Die „Bild“-Zeitung verzichtete einfach mit der Zeit auf einen Artikel (die) und das Attribut „Zeitung“ aus Marketing-Gründen. Sprachlich an die Zielgruppe angepasst, wirbt das Blatt auf Werbeaufklebern an Kiosk-Eingängen mit dem Spruch „Hier gibt’s BILD“.” (http://de.wikipedia.org/wiki/Bild-Zeitung)

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12 Sven 11. Februar 2009 um 19:47

… ich habe ja persönlich nichts gegen ihn, aber hat Bernd Graff sich nicht schon vor längerem aus der Diskussion verabschiedet? Also hiermit: http://www.sueddeutsche.de/computer/28/426784/text/

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13 Gunnar 11. Februar 2009 um 19:52

Diesen absurden Text habe ich nicht vergessen, dachte aber das sei ein Ausreißer. Nur weil Bernd das Internet hasst und zur Gänze nicht versteht, heißt das ja egentlich noch nicht, dass auch seine Glossen Schwachsinn sein müssen.

Naja, aber vielleicht doch.

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14 Mr.Plow 11. Februar 2009 um 22:59

sehr guter punkt und unheimlich peinlich für journalisten und wikipedia gleichermaßen… ich rieche die medien- und internetschelte schon um die ecke kommen.

aber war früher wirklich alles besser?!

ich bin der sache mal nachgegangen ;)

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15 Gunnar 12. Februar 2009 um 09:14

schöner text, der hinter dem link.

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16 Player1 12. Februar 2009 um 11:14

Dass Herr Graff Mitglied der SZ-Chefredaktion ist, ist ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass im deutschen Zeitungswesen durchaus möglich zu sein scheint, sich in völliger Unkenntnis der wirklichen Welt, die einen aus beinahe jedem seiner Artikel heraus anschreit, nach oben zu schlafen. Oder vielleicht – besser hoffentlich – ist es aber in der SZ auch nur üblich einen Kulturredakteur in der Chefredaktion zu haben, und hinter seinem Rücken wird kräftig über ihn gelacht.

Auf jeden Fall ist der Mann ein mahnendes Beispiel für alle vorrangig hochkulturell Interessierten, sich doch besser gelegentlich mal mit der Realität auseindersetzen, um nicht irgendwann als Lachnummer zu enden.

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17 Marjan 12. Februar 2009 um 13:30

ach, wenn ich doch nur der urheber des ganzen gewesen wäre. hab den namen hier gelesen, copy&paste-gegoogelt und dann bin ich auf diversen seiten gelandet, die den Wilhelm noch dazu stehen hatten. “super”, denk ich mir, “jetzt das ganze noch webzweipunktnullen und auf kaliban.de klugscheißen.” und womit? mit unrecht.

*insert förmliche und kriecherische entschuldigung*

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