
Irgendwie habe ich das Gefühl, vielleicht liegt’s am Älterwerden, dass der Fortschritt sich beschleunigt — TEH INTARWEB und die Handys und die ganze Kommunikation und so, irgendwie hat das alles mein Leben innert weniger Jahre ziemlich verändert. Ich meine damit nicht, dass ich jetzt Blurays statt Videokassetten gucke oder sonstwas, was sich in evolutionären Schritten bewegt. Eher sowas wie die Tatsache, dass mein Chef 1998 noch verzweifelt ist, weil die Kollegen sich modernen Medien verweigerten (“Wir müssen in diese Redaktion E-Mail reinkriegen”) und deswegen auch mal zwei Stunden am Stück arbeiten konnten, während heute alle um mich herum per Blackberry und ICQ und Skype rund um die Uhr erreichbar sind und ständig der nächsten unwichtigen Botschaft harren. Oder dass man sich als Autofahrer mit Navi quasi nicht mehr verirren kann, selbst in fremden Städten. Was übrigens den Orientierungssinn zerstört, jedenfalls meinen, weil ich überhaupt nicht mehr versuche, mir den Weg zu merken. Aber egal.
Ich habe mal versucht, nur so zum Spaß eine wirre Liste von Dingen aufzustellen, welche die Kinder meiner Tochter (so sie welche bekommt) nicht mehr kennen werden. Sind noch nicht so viele Einträge — vielleicht hat ja jemand Lust, per Kommentar Ergänzungen beizusteuern. Ich update dann gerne diesen Beitrag. Also:
Woran sich schon bald keiner mehr erinnert
* Streits im Auto, weil der Fahrer sich verfahren hat. Grund: Navigationsgeräte für alle. Muss man sich wieder wegen Fahrstil und peinlichen Einparkskills streiten. Obwohl, für Letzteres gibt’s ja Einparkhilfen.
* Bargeld. Grund: Wer braucht das? Niemand. Klimpert und knittert bloß und geht verloren. Und ohne Bargeld keine…
* Münztelefone. Grund: Braucht keiner mehr in Zeiten persönlicher Kommunikatikonsgeräte. Auch nicht in der Kreditkartenvariante. Und damit verschwinden auch die…
* Festnetztelefone. Grund: Naja, Handys. Und VoIP-Systeme. Und irgendwann Kommunikationsimplantate oder sowas.
* Gedruckte Tageszeitungen. Grund: Naja, das Geschäftsmodell der Abozeitung bricht zusammen. Sieht man ja. Vielleicht gibt’s kleinauflagige Spezialblätter für elitäre alte Säcke, aber die Massenblätter werden verschwinden.
* Software, Musik, Filme auf Datenträgern. Grund: Nutzt keinem, gibt bloß Kopierschutzprobleme (“Sicherheitskopie”) und sowas. Ist schon jetzt auf dem Weg nach draußen. Und damit verschwinden auch die…
* …Videotheken. Grund: In der Breitbandwelt gibt’s Filme per Download; Connaisseure haben alternativ Abos, bei denen ihnen ausgewählte Werke auf HDHDRay zugeschickt werden.
* Verbrennungsmotoren. Grund: Man wird Ersatz finden müssen, wenn die Brennstoffe ausgehen. War eh eine blöde Idee, Dinge zu verbrennen, um Energie zu gewinnen.
* aufgeschobene Arztbesuche. Grund: Monitorsysteme werden unsere Gesundheit checken und uns der Krankenkasse melden, wenn erste Anzeichen von Fehlfunktionen auftreten.
* Wehrpflichtigenarmeen. Grund: Mit ein paar hunderttausend halbausgebildeten Prolls erschreckt man schon heutzutage keinen mehr. Zukünftig wird man Spezialisten brauchen.
* Gemüse/Obst in natürlicher Form. Grund: Schon heutzutage gibt es in Supermärkten immer mehr vorgefertigte und mit Klarsichtfolie überzogene Plastikschälchen, die triefende viereckige Karottenstückchen, viereckige Melonenstückchen oder viereckige Apfelstückchen enthalten. [von ZIPPO]
* Das Freizeichen. Grund: Wird eigentlich schon heute nur noch der Tradition halber integriert. In Zukunft wird einem der Anrufstatus entweder erotisch ins Ohr gesäuselt oder von innen in die obere linke Ecke der WiFi-Brille projiziert. [MARJAN]
* Brillen. Grund: Operationen, die nur noch als “Routine” bezeichnet werden können, werden 110%-ige Sehkraft garantieren. [MARJAN]
* Briefe von Menschen. Grund: Schon heute verschicken nur noch Behörden und die dem Direct-Mailing-Wahn aufgesessene Konsumgüterindustrie Post. Privatpersonen machen sowas nicht. Selbst Amor verteilt seine Liebesbotschaften ganz ungeniert per SMS. [DAVID]
* AIDS. Grund: “Ach, was waren die damals unterentwickelt, daß sie nicht einfach das [...] entdeckt haben. Kommt doch überall in der Natur vor! Die zweiwöchige Therapie kann sich nun wirklich jeder leisten.” [MARJAN]
* TV-Zeitschriften und überhaupt Programmverzeichnisse. Grund: Wenn alles fragmentiert und auf Nischengeschmäcker ausgerichtet ist und on demand abgerufen werden kann, braucht niemand noch ein Kompendium von Sendezeiten. Die Sendezeit an sich ist dann eh ein gestorbenes Konzept. [MARTIN]
* Dockingstationen für Notebooks. Grund: Drahtlose Verbindungen vernetzen Monitore, Tastaturen und Mäuse… und der Rest hat Macs. Vielleicht verschwinden sogar Kabel komplett. [YUKIRU]
* Die Handschrift an sich. Grund: Gestenerkennung, Spracherkennung, Tastaturen und Eintippfelder auf jedem Gerät — schon heute kommt die eigene Handschrift kaum noch zum Einsatz. Das meistgeschriebene Wort vieler Bewohner der westlichen Welt ist der eigene Name, als Unterschrift. [MARTIN G.]
* Die Rente. Grund: Die klassische umlagenfinanzierte Rente überfordert bei negativem Bevölkerungswachstum die öffentlichen Kassen und wird im Laufe der Jahre gegen Null zurückgefahren. [ERDKNUFFEL]
* Filme in Fotoapparaten Grund: Das muss man ja im Jahr 2009 schon erklären: Also, das sind diese unförmigen Einweg-Speicherchips mit einer Speicherkapazität von bis zu 36 Bildern, die es früher mal gab. Und wenn man ein einziges schon angucken wollte, verfielen die anderen unwiderruflich. [HILKO]
* Maus und Tastatur. Grund: Jeder bedient PCs nur noch mit den Fingern direkt (Touchscreens, Gesten etc.). [FLO]
Und noch eine Gegenmeinung zum Fortschrittsgejubel:
* Freiheit. Grund: Die verschwindet nach und nach bis – was wohl den meisten reichen wird – nur noch eine Illusion von ihr vorhanden ist. Warum? Schon bald wird sich niemand mehr erinnern, was Privatheit war. Viel zu viel davon wird freiwillig hergegeben — an wen auch immer (siehe Facebook, bargeldloses Zahlen etc.). Und was wir nicht freiwillig geben, nimmt sich die (von uns selbst gewählte!) Obrigkeit mit immer neuen Überwachungsgesetzen. Ganz langsam natürlich, Jahr für Jahr nur ein kleines neues Gesetzchen, auf dass es niemand merkt. Und wer sich auch nur wundert, der muss – natürlich – wohl irgendetwas zu verbergen haben. Und wenn dann erst einmal die Privatheit gänzlich verschwunden ist, wenn erst jeder immerzu veröffentlicht (freiwillig oder weil alle es tun), was er denkt und glaubt und tut, und wenn von jedem jederzeit bekannt ist, mit wem er wann und wo gesprochen hat, dann ist es mit der Freiheit (im Sinne einer Freiheit anders zu sein oder zu denken) auch nicht mehr allzu weit her. Mit Glück leben wir dann alle wie in einem virtuellen Dorf, in dem jeder jeden kennt und keiner vergisst. Mit Pech in einer allgegenwärtigen und mutmaßlich ziemlich unerträglichen Diktatur der Mehrheit. [PLAYER1]

Die echte Gestalt von Obst/Gemüse. Grund: Schon heutzutage gibt es in Supermärkten massenhaft vorgefertigte und mit Klarsichtfolie überzogene Plastikschälchen, die wahlweise triefende viereckige Karottenstückchen, viereckige Melonenstückchen oder etwa viereckigen Apfelstückchen beinhalten.
@zippo: Ja. Vielleicht. Ehrlich gesagt, glaube ich das nicht recht — das ist eine der Sachen, bei denen es parallele Stränge gibt: die ALDILIDLPENNY-Esser, der ihre Lebensmittel gerne fertig zubereitet kaufen und die SLOWFOODler, für die es nicht authentisch genug sein kann. Wird im Verhältnis 9:1 immer beide Gruppen geben.
Das mit den Spezialausgaben für elitäre alte Säcke erinnert mich ungemein an Aperto Epic 2015.
Post in Briefform. Grund: Wer verschickt denn heute noch freiwillig Briefe? Selbst Amor verteilt seine Liebesbotschaften ganz ungeniert per SMS. Bleiben nur noch die elitären alten Säcke. Aber ich bin doch nicht elitär und schon gar nicht alt und trotzdem schreibe ich unheimlich gerne via Füller und Tinte Briefe. Hält man die Finger fit :)
AK-47 und M4 Carbine als Lieblingswaffe in Kriegen. Grund: Laserwaffen werden bereits heute eifrig ausgetestet und entwickelt.
Das glaube ich nicht recht. Gerade die AK wird noch lange für Guerillas und kleine Armeen, die nicht die Ressourcen für aufwändige Wartung haben, die Waffe der Wahl bleiben.
Ich denke das überzeugt mich. :)
Das Freizeichen. Grund: Eigentlich schon heute nur noch der Tradition halber integriert. In Zukunft wird einem der Anrufstatus entweder erotisch ins Ohr gesäuselt oder von innen in die obere linke Ecke der WiFi-Brille projiziert.
oh, das bringt mich auf…
Brillen. Grund: Operationen, die nur noch als “Routine” bezeichnet werden können, werden 110%-ige Sehkraft garantieren.
AIDS. “Ach, was waren die damals unterentwickelt, daß sie nicht einfach [...] entdeckt haben. Kommt doch überall in der Natur vor! Die zweiwöchige Therapie kann sich nun wirklich jeder leisten.”
:-)
Schafe. Grund:
Irgendwann werden wir soweit sein und das Kosten-Nutz-Verhalten von Schafen so optimiert haben, dass nur noch die Wolle grasend über die Wiesen läuft.
Bis das Bargeld abgeschafft wird, kann es aber noch eine ganze Weile dauern.
In dem Bereich wird die Entwicklung gerne überschätzt; ich habe erst vor kurzem noch gelesen (was glaubhafter wäre, wenn ich die Quelle zur Hand hätte), dass das jährliche Umsatzvolumen von digitalen Geldgeschäften (Kreditkarte, pay-pal, Online-Banking, etc) in 2007 ziemlich exakt die pessimistischsten Prognosen traf, und zwar die für 1999.
Ansonsten könnten die meisten Prognosen doch ziemlich schnell eintreffen.
ich denke brillen wird es schon noch geben, und seis nur der mode wegen.
ansonsten: briefträger, wer braucht in zeiten von e-mail und sms schon menschen, die mit dem fahrrad durch städte fahren um text von a nach b zu schleppen.
Ähm… was ist mit gedruckten Computerspielzeitschriften?
Computerspielezeitschriften gehen, langfristig, denselben Weg wie Zeitungen.
Fernsehzeitschriften. Kuckt sowieso jeder was er will wann er will.
Woran sich schon bald keiner mehr erinnert … an Personen und Gemeinden, welche über keine Breitbandanbindung verfügen. Denn das sich in jedem elektrischen Gerät befindliche, also allgegenwärtige staatlich regulierte Netz der Zukunft bietet der reichen westlichen Welt an jedem Ort genügend Rechenleistung und Bandbreite, um dort im virtuellen Cyberspace alle Sozialen Kontakte, Freizeitbeschäftigungen und Alltagsaufgaben einfach und bequem zu erledigen. Denn das Netz der Zukunft kann alles, beherrscht alles und begleitet dich auf Schritt und Tritt. Früher oder Später wird es vielleicht darauf hinauslaufen …
Glaubst du, dass (Jugend-)Freundschaften sich durch SMS, Facebook & Co in Zukunft noch weiter drastisch verändern werden?
Um ein wenig Wasser in den allgemeinen Fortschrittswein zu gießen, hier noch etwas ziemlich Grundsätzliches:
Freiheit.
Die verschwindet nach und nach bis – was wohl den meisten reichen wird – nur noch eine Illusion von ihr vorhanden ist.
Warum? Schon bald wird sich niemand mehr erinnern, was Privatheit war. Viel zu viel davon wird freiwillig hergegeben – an wen auch immer (Siehe Facebook, bargeldloses Zahlen etc.). Und was wir nicht freiwillig geben, nimmt sich die (von uns selbst gewählte!) Obrigkeit mit immer neuen Überwachungsgesetzen. Ganz langsam natürlich, Jahr für Jahr nur ein kleines neues Gesetzchen, auf dass es niemand merkt. Und wer sich auch nur wundert, der muss – natürlich – wohl irgendetwas zu verbergen haben.
Und wenn dann erst einmal die Privatheit gänzlich verschwunden ist, wenn erst jeder immerzu veröffentlicht (freiwillig oder weil alle es tun), was er denkt und glaubt und tut, und wenn von jedem jederzeit bekannt ist, mit wem er wann und wo gesprochen hat, dann ist es mit der Freiheit (im Sinne einer Freiheit anders zu sein oder zu denken) auch nicht mehr allzu weit her.
Mit Glück leben wir dann alle wie in einem virtuellen Dorf, in dem jeder jeden kennt und keiner vergisst. Mit Pech in einer allgegenwärtigen und mutmaßlich ziemlich unerträglichen Diktatur der Mehrheit.
Notebookdockingstations
Grund:
Wireless Verbindungen vernetzen Monitore, Tastaturen und Mäuse… und der Rest hat einen Mac.
Hm. Echt?
Alle klassischen Medien (Print, Radio, TV, Telefon, etc.). Grund: Sie wurden alle in traditioneller Borgmanier vom Internet assimiliert. Playlisten ersetzten Fernsehkanäle, Newsfeeds die Tageszeitung, usw. Hier und Jetzt ist dieser Prozess nur noch nicht abgeschlossen.
Bei mir ist es immerhin auch schon soweit, dass wir in der Arbeit neben den Standardnotebooks wie Dell und IBMs jetzt auch Macs an die Mitarbeiter ausliefern dürfen/müssen. -.-
Das Ergebnis der MacBook-Initiative:
Keine Dokingstation (jedesmal in der früh alles einzustöpseln geht einem irgendwann auf den Keks), kein 24h Business Support, kaum Erfahrung in der Belegschaft mit MacOS, Windows läuft auf Bootcamp im Accubetrieb knapp eine Stunde, der Mac wird unter Vista gefühlte 1000° warm, unser Verschlüsselungssystem funktioniert nicht mehr und um ein einfaches “\” unter MacOS hinzubekommen braucht man Google.
Aber er sieht schick aus ^^
Prima Thema, Gunnar!
Ich hätte da auch noch eine Sache: die Handschrift.
Bin mir nicht grad sicher ob das nicht zu sozialkritisch ist aber:
Die Rentenversicherung als “Wohlstandsversicherung” – Grund? naja, möcht ich nicht wieder alles durchkauen, aber das die Rente maximal eine “Grundabsicherung” darstellen wird ist wohl mittlerweile jedem bekannt.
Ich müsste was zu dem Punkt Brillen sagen. Ich denke nicht, dass sie verschwinden werden. Es gibt einfach zu viele Fehler in/an den Augen. Menschen die schielen etwa, die können nicht einfach operiert werden, oder Menschen dessesn Augen sich ständig schräg und unscharf stellen. Die müssen ständig plinkern, Abhilfe schafft nur eine Brille. Ich gehörte selbst zu diesen Leuten, aber zum Glück lässt es mit der Zeit nach.
Wir werden sehen.
Filme (das sind diese unförmigen Einweg-Speicherchips mit einer Speicherkapazität von bis zu 36 Bildern, die es früher mal gab. Und wenn man ein einziges schon angucken wollte, verfielen die anderen unwiderruflich).
Maus und Tastatur. Grund: Alle Bedienen Ihren PC mit den Fingern (Touchscreen).
zu Player1: Privatheit und Freiheit ist nicht dasselbe oder voneinander abhängig. In Privatheit kann auch Unfreiheit stecken: Missbrauchsituationen leben davon.
[...] mit seiner Allverfügbarkeit und Allwissende-Müllhalden-Haftigkeit, und macht so vieles von dem überflüssig, was unsere Generation für selbstverständlich genommen hat. Kein Studienanfänger kann sich heute [...]
[...] das mit dem Mitmachen der Kaliban-Leser bei den letzten Malen (Zukunftsfragen) so gut geklappt hat, würde ich gerne nochmal zu einer kleinen Gedankenübung einladen. Vor allem [...]