Die Schuld der Medien an Winnenden

by Gunnar on 13. März 2009 · 35 comments

Es ist meine feste Überzeugung, dass die Tragödien von Winnenden und Emsdetten nie passiert wären, wenn das Fernsehen nicht im großen Stil über Columbine oder Erfurt berichtet hätte.

Das sind Nachahmungstaten, das funktioniert wie bei Selbstmördern: Wenn in der Zeitung steht, es sind von einer bestimmten Brücke zwei gesprungen, stürzen sich morgen drei weitere von derselben Brücke. Deshalb gibt es eine Art stillschweigende Übereinkunft bei Tageszeitungen, in solchen Fällen ohne konkrete Ortsnennung, ohne Fotos oder gleich gar nicht zu berichten.

Diese breitgetretene, detailversessene, voyeuristische Berichterstattung, die fast alle Medien (exemplarisch aber natürlich BILD*) betreiben, dient ja nicht mehr der Information, sondern einzig der Erregung der Zielgruppe. Und glorifiziert die Täter, indem sie das grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf sie richtet. Nach ihrem Tod werden sie so dann doch noch zu Stars, sie, die sie so oft die Underdogs in ihrem Umfeld waren. Das bereitet den Boden für Nachahmer, die sich auch im Leben zu kurz gekommen wähnen, und ebenfalls nach einem Weg suchen, der ungerechten Welt ihre Demütigungen heimzuzahlen.

Denn, seien wir ehrlich, diese Fälle sind ja keine Amokläufe. Amokläufer handeln im plötzlichen Irrsinn, in Umnachtung und wissen hinterher nicht mehr, was sie getan haben. Emsdetten und Winnenden und Erfurt und Columbine und Blacksburg, das alles sind erweiterte Suizide von ausgegrenzten jungen Menschen. Von jungen Menschen allerdings, die zufällig oder durch Planung Zugriff auf Waffen haben und ausreichend Hass und Wahn, aus dem Selbstmord eine mörderische Inszenierung zu machen. Ohne die realen Vorbilder aus dem Fernsehen ist diese Spielart von Suizid nur schwer vorstellbar. Und so wird auch Winnenden wieder eine Legende erzeugen und in irgendeinem sozial erniedrigten Jugendlichen den Boden für eine Mordtat bereiten.

Mehr zum Thema in einem älteren Beitrag: Amok.

* Das “Minutenprotokoll” des Amoklaufs als Klickstrecke. Unfassbar.

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Mini-Linkliste: Nachtrag: Einen der besten Artikel zur Thematik hat Johnny von Spreeblick geschrieben. Ihm geht’s hauptsächlich um die Sendung Hart aber Fair (die ihren Namen schon lange nicht mehr verdient hat), aber er schneidet da eine grundsätzliche Problematik an. Ebenfalls lesenswert: Hanno, der sich der Sache satirisch nähert und und wie immer Florian Rötzer und der Spiegelfechter, der zudem eine ähnliche Meinung vertritt wie ich. Hörenswert: der Vortrag von Dr. Huisken.

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