Die Schuld der Medien an Winnenden

by Gunnar on 13. März 2009 · 35 comments

Es ist meine feste Überzeugung, dass die Tragödien von Winnenden und Emsdetten nie passiert wären, wenn das Fernsehen nicht im großen Stil über Columbine oder Erfurt berichtet hätte.

Das sind Nachahmungstaten, das funktioniert wie bei Selbstmördern: Wenn in der Zeitung steht, es sind von einer bestimmten Brücke zwei gesprungen, stürzen sich morgen drei weitere von derselben Brücke. Deshalb gibt es eine Art stillschweigende Übereinkunft bei Tageszeitungen, in solchen Fällen ohne konkrete Ortsnennung, ohne Fotos oder gleich gar nicht zu berichten.

Diese breitgetretene, detailversessene, voyeuristische Berichterstattung, die fast alle Medien (exemplarisch aber natürlich BILD*) betreiben, dient ja nicht mehr der Information, sondern einzig der Erregung der Zielgruppe. Und glorifiziert die Täter, indem sie das grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf sie richtet. Nach ihrem Tod werden sie so dann doch noch zu Stars, sie, die sie so oft die Underdogs in ihrem Umfeld waren. Das bereitet den Boden für Nachahmer, die sich auch im Leben zu kurz gekommen wähnen, und ebenfalls nach einem Weg suchen, der ungerechten Welt ihre Demütigungen heimzuzahlen.

Denn, seien wir ehrlich, diese Fälle sind ja keine Amokläufe. Amokläufer handeln im plötzlichen Irrsinn, in Umnachtung und wissen hinterher nicht mehr, was sie getan haben. Emsdetten und Winnenden und Erfurt und Columbine und Blacksburg, das alles sind erweiterte Suizide von ausgegrenzten jungen Menschen. Von jungen Menschen allerdings, die zufällig oder durch Planung Zugriff auf Waffen haben und ausreichend Hass und Wahn, aus dem Selbstmord eine mörderische Inszenierung zu machen. Ohne die realen Vorbilder aus dem Fernsehen ist diese Spielart von Suizid nur schwer vorstellbar. Und so wird auch Winnenden wieder eine Legende erzeugen und in irgendeinem sozial erniedrigten Jugendlichen den Boden für eine Mordtat bereiten.

Mehr zum Thema in einem älteren Beitrag: Amok.

* Das “Minutenprotokoll” des Amoklaufs als Klickstrecke. Unfassbar.

———————-

Mini-Linkliste: Nachtrag: Einen der besten Artikel zur Thematik hat Johnny von Spreeblick geschrieben. Ihm geht’s hauptsächlich um die Sendung Hart aber Fair (die ihren Namen schon lange nicht mehr verdient hat), aber er schneidet da eine grundsätzliche Problematik an. Ebenfalls lesenswert: Hanno, der sich der Sache satirisch nähert und und wie immer Florian Rötzer und der Spiegelfechter, der zudem eine ähnliche Meinung vertritt wie ich. Hörenswert: der Vortrag von Dr. Huisken.

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ingo März 13, 2009 um 22:28

Vielleicht ist ein Verband der Computerspieler sinnvoll?`- Das klingt schon beim runterschreiben eigentlich bescheuert…

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Player1 März 13, 2009 um 22:30

Ich weiß, dass ich hier klinge wie die nervige alte Tante, die keiner hören will. Aber auch wenn das alles tatsächlich ein Faktor ist, was ich zu 100% bejahen würde: Wäre es für Spieler und mit Spielen befasste nicht viel nahe liegender, sich damit zu beschäftigen, wie man mit dem wohl ebenfalls recht sicher vorhandenen Einfluss von Computerspielen auf solche Menschen umgeht und ob es nicht vielleicht doch Konsequenzen für die Spiele selbst geben sollte?

Alles andere wirkt, egal ob richtig oder nicht, halt einfach viel zu schnell nach Schwarzer Peter spielen.

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Jagos März 13, 2009 um 22:39

Ich glaube man sollte das ganze noch differenzierter sehen. Grundsätzlich spricht vieles dafür, dass ein Ziel der Täter der “effektvolle und geschichtemachende” Untergang ist, der bei den Amokläufern davor auch in diesem Sinne funktioniert hat. Und natürlich nähren und unterstützen die Medien (auch wir) dieses Ziel und zeigen somit, dass diese Aufmerksamkeit mit so einer Tat wirklich erreicht werden kann.
Aber wichtig ist vermutlich nicht, dass etwas darüber berichtet wird – es wäre naiv und utopisch zu glauben so etwas ließe sich verhindern und ich fände das auch gar nicht wünschenswert – sondern das Problem besteht darin, wie und was im einzelnen berichtet wird. Viel zu oft wird vergessen zu erwähnen:

der Typ ist kein Held! Er ist kein Mythos und er/sie waren auch nicht cool. Sondern es muss ganz klar einfach mal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Das sind alles durch die Bank weg Verlierer, arme bedauernswerte Geschöpfe die, möglicherwiese krankheitsbedingt, mehr als nicht mehr klar kamen und anderen, die die Chance noch gehabt hätten etwas aus ihrem Leben zu machen, diese einfach nahmen. Verlierer! Sozio- und/oder Psychopathen, arme und verrückte Schweine!

Wo bitte steht das in der Zeitung? Wo wird bitte deutlich die Meinung ausgesprochen? Hilft hier Mitleid? Ich glaube kaum! Warum habe ich aber das dumpfe Gefühl, jede heftigere Kritik am Täter wird medial pietätvoll zurückgehalten? Spricht man über solche Toten nicht schlecht? Das ist für mich kontraproduktiv, denn genau dadurch kann erst eine Mythifizierung stattfinden, denn man hat ja noch irgendwie irgendwo fast so etwas wie Mitleid mit dem armen Kerl der nichts auf die Reihe kriegte. Wenn den vorzugsweise Jugendlichen deutlich vor Augen geführt werden würde, dass man mit so jemandem keinen Mitleid zu haben braucht und es nichts nacheiferungswürdiges an dieser Tat gibt, weil derjenige einfach nur ein Loser ist, dann könnte dies Wirkung zeigen.

Und, verzeihung, es muss einmal raus, Tim K. ist für mich einfach ein blöder Depp, der seine Chancen hatte, sie nicht genutzt ha, seine Therapie scheinbar nicht weitergeführt hat und damit anderen, die höchstwahrscheinlich keine solchen Totalversager sind, die Chance auf ein glückliches Leben genommen hat! DAS sollte viel öfter berichtet werden!

Ps: Verzeihung ob meiner im Laufe des Comments zunehmenden Emotionalität.

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Ellenn März 13, 2009 um 23:35

@player1 :

So lange man nicht konkret weiss wie genau der mögliche Einfluss der Spiele auf labile Menschen ist, kann es auch keine Konsequenzen für die Spiele geben. Das wäre ein Stochern im Nebel.

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Mardermolch März 13, 2009 um 23:50

#Satire an#

Eine Sache, die ich nicht verstehe, ist die: Da läuft der Kerl mit 200 Schuss, in die Schule, tötet dort und auf der Straße 15 Leute und dann sich selbst. Selbes Schema bei allen anderen vergleichbaren Taten. Aber warum ist die Opferzahl immer nur so niedrig? Das bitte jetzt nicht falsch verstehen, aber wenn er 200 Schuss hat, hätte er doch bestimmt 100 statt 15 Leute mit sich reißen können? Und warum der Selbstmord am Ende? Sieht man sich die Berichterstattung in den Medien an, ist das doch genau die Aufmerksamkeit, die er vorher nicht gehabt hat?
Nun werden vor allem die Medien reich, die Auflagen und Einschaltquoten steigen. Nur einer hat nichts mehr davon, und das ist der Tim, denn der ist zu früh ausgestiegen.

#Satire aus#

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Thomas März 13, 2009 um 23:55

Das Idee eines Amoklaufes zum Teil aus den Berichten der Medien geschöpft wird, sollte wohl klar sein.
Wenn ich mir aber die BILD-”Bericht”erstattung ansehe, dann wird mir ganz übel. Aber der Erfolg gibt den Machern recht ! Heute das meistgeklickte Video auf Bild:
3-D-Animation (!)
Der blutige Weg des Amokläufers durch die Schule

Für meinen Teil frage ich mich dennoch: Muß DAS sein ?
Wann kommt noch die 3-D-Animationen sterbender Opfer ?

Keine Berichterstattung ist genau so schlecht wie diese übertriebene. Warum ist es so schwer, ein vernünftiges, angepasstes und sachliches Mittelmass zu finden ?

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Ellenn März 13, 2009 um 23:58

@Mardermolch :

Dem Täter ist meiner Meinung nach absolut klar, dass er aus der Sache nicht lebend rauskommt. Die Psychologen sprechen ja auch von einem “erweiterten Selbstmord”. Anstatt still und leise aus dem Leben zu treten inszeniert man einmal einen “grossen Auftritt” um es der ungerechten Welt zu zeigen und so auf sich aufmerksam zu machen und für manche zum Martyrer zu werden.

Warum jemand mit über 200 Schuss irgendwann aufhört und nicht weiter killt möchte ich gar nicht verstehen, dazu müsste ich ja erstmal nachvollziehen wie man tatsächlich auf Menschen schiessen kann. Wenn ich Schilderungen vom genauen Ablauf lese, setzt bei mir ganz schnell ein Verdrängungsmechanismus ein, weil ich diese Bilder im Kopf gar nicht aushalte. In Filmen kann ich alles sehen, aber die tatsache dass das real geschehen ist, ist für mich unbegreiflich.

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Player1 März 14, 2009 um 01:09

@ellenn

Ein Glück, dass alle anderen Spekulationen in dieser Sache kein Stochern im Nebel sind.

Im Ernst: Die allgegenwärtigen Verweise auf irgendwelche ‘Studien’ (bewusst in Anführungszeichen, Erklärung wäre hier zu lang) von allen Seiten und die allgemeine Verwissenschaftlichung aller Lebensbereiche inklusive Nichtaktivwerdens aufgrund fehlender ‘wissenschaftlicher’ (siehe Klammer oben) Beweise ist ein riesengroßes Probleme in allen möglichen Bereichen von Politik und Gesellschaft, nicht nur in diesem Fall. Das ist ein wening abstrahiert nicht viel mehr als eine moderne Form von ‘Ich habe nur Befehle befolgt’. Ich sage das – das nur sicherheitshalber – mit einem ziemlich starken naturwissenschaftlichen Hintergrund.

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wissenschaftlich beweisen, und Fragen psycho-/sozio-/sonstwaslogischen Einflusses von WasAuchImmer auf WenAuchImmer gehören ganz sicher weitgehend dazu. Die entscheidende Frage in derartigen Fällen, so sie gesellschaftliche Relevanz haben, lautet nicht ‘Was kann man beweisen?’, sie lautet ‘Was wollen wir?’.

Einer Antwort darauf will ich gar nicht vorgreifen, auch wenn ich natürlich meine Meinung habe, aber es wäre schön, wenn sich die Diskussion – auch innerhalb der Spielerschaft – irgendwann mal beginnen würde um eben diesen Punkt zu drehen.

Intelligent, kreativ und zukunftsorientiert wie wir ja alle sind, sollte das doch eigentlich kein Problem sein.

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Ellenn März 14, 2009 um 03:36

Stimmt. Ich weiss, was ich will. Und zwar so wenig Einschränkungen wie möglich in meinem privaten Bereich. Wenn mir jemand nachweisen kann dass ich jemandem schade, dann sehe ich Einschränkungen ein. Sonst nicht. Und ich gönne auch allen anderen Zockern ihren harmlosen Spass.

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Kai März 14, 2009 um 07:54

Gunnar, hast du den Artikel von Florian Rötzer schon gelesen? Der gehört auch noch auf die Linkliste: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29910/1.html

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Lorenz März 14, 2009 um 09:53

Nun ist es Far Cry 2, am Tag vorher bis 21:40 (wtf) gespielt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,613288,00.html
“Neben “Far Cry 2″ hatte K. auch die Schießspiele “Counter Strike” und “Tactical Ops” installiert.” -.-

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Gunnar März 14, 2009 um 10:04

Interessanter Artikel — er zählt auch andere wesentliche Punkte auf, etwa, dass er in einem Forum zu Amokläufen unterwegs gewesen sein soll (was meine These aus diesem Beitrag stützt), aber die “Killerspiele” schaffen es natürlich in die Überschrift.

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Styg März 14, 2009 um 11:00

Die aktuelle Berichterstattung erzeugt maximale Rewarding für eine maximal negative Tat – ideales Rewarding für den Täter. Die Presse berichtet so explizit als möglich. Man stürzt sich geil auf wackelige Pixelhaufen. Jemand einen Bericht über die Opfer/Hinterbliebenen gesehen, der nicht diesen “das müssen wir ja auch noch machen”-Touch hat? Was mich irritiert ist, dass ein guter Teil der Presse es nicht schafft, über simple Polemik und das getriggerte Emotionen hinauszukommen. Betroffenheitsjournalismus.

Es wird über “Killerspiele” in dieser Form berichtet und debattiert, weil die älteren Generation ihren eigenen Nachwuchs nicht mehr versteht. Garnicht weiß, was dieser tut und was für ein Leben er führ. Und scheinbar auch kein Interesse daran hat, dies zu verstehen und zu akzeptieren. Was nicht verstanden wird, wird abgelehnt. Dass man soziologische Auswirkungen gesamtgesellschaftlich nicht vollständig wissenschaftlich erklären kann liegt nicht an der Wissenschaft selbst, sondern an der extrem hohen Komplexität des Themas. Gerade dann wäre es wichtig, wenn an der offiziellen Debatte beteiligte Personen wenigstens in Grundlagen wissenschaftliches Arbeiten verinnnerlich hätten – dann würden nicht ständig wilde und völlig unbelegte Hypothesen von absoluten Laien zur Wahrheit verklärt.
Dahinter steckt doch wieder einmal als die Angst über das Fremde und Unbekannte. Also wird es abgelehnt in Form von Ablehnung. Diese Ablehnung argumentiert man mehr oder minder wild herbei und erklärt sie dann zur Wahrheit. Sollte eigentlich ein bekannter Mechanismus sein.

Solange dieses Verhalten nicht eingestanden wird, wird’s darüber keine sinnvolle breite öffentliche Debatte geben.

Dass Computerspieler auf die teilweise stattfindende Hetze (kennt man ja…) nicht offen und selbstreflektiv reagieren, dürfte angesichts des teilweise recht dumpfen Populismus doch klar sein. Natürlich findet eine differentiere Beschäftigung mit dem Thema zwar statt, aber nun in einem sehr schmalen Bereich.

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Player1 März 14, 2009 um 11:24

@(nicht nur) ellenn

“Stimmt. Ich weiss, was ich will. Und zwar so wenig Einschränkungen wie möglich in meinem privaten Bereich.”

Das ist doch mal ein Ausgangspunkt, aber auch nicht mehr. Genau um dieses ‘wie möglich’ muss sich die Diskussion drehen.

“Wenn mir jemand nachweisen kann dass ich jemandem schade, dann sehe ich Einschränkungen ein.”

Ich glaube, Du beziehst vieles zu sehr auf Dich. Nicht, ob Du jemandem schadest, ist die Frage. Niemand wirft Dir derartiges vor. Die Frage lautet: Wollen wir immer mehr plakative Gewalt (in welchem Medium auch immer)? Dabei geht es ganz sicher nicht nur um Deine offenbar heißgeliebten Splatterfilme und Egoshooter, aber eben auch.

Persönlich denke ich übrigens, dass man auch bereit sein muss, mal auf irgendetwas zu verzichten, das einem Spaß macht, wenn es übergeordnete Gründe gibt, die dies sinnvoll erscheinen lassen. Der eigene Spaß, so harmlos er für einen selbst auch sein mag, ist ganz sicher nicht das Maß aller Dinge. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit.

Eine für mich ganz wesentlicher Punkt, wären jedenfalls mal klare Statements, vor allem von Medienproduzenten, aber auch -konsumenten, die irgendeine Grenze ziehen. Ein ‘bis hierher und nicht weiter’. Wunschdenken natürlich, aber als gedankliche Anregung vielleicht trotzdem nicht ungeeignet.

Die ganze Entwicklung der immer offeneren Darstellung von Gewalt beruht für mich vor allem auf zwei Grundprinzipien:

1. Lust an der Grenzüberschreitung. Das betrifft im wesentlichen den Spaß an Gewalt in Spiel und Film oder anderen, sagen wir mal – in Ermangelung eines passenderen Begriffs – künstlerischen Medien. Als Beispiel seien hier ohne jede Bewertung mal die zwei Typen, die neulich in der Watchmen-Vorstellung vor mir saßen und die zwei etwas gewalttätigen Stellen, an denen so manch anderer lieber kurz zur Seite sah mit “Boah Alter, guck Dir das an. Ha,ha, ha.” lauthals kommentierten.

2. Lust am Voyeurismus. Das betrifft vor allem die berichtenden Medien von der Bildzeitung bis zum ARD-Brennpunkt und geht in die Richtung des Posts von Gunnar. Zeigt im übrigen sehr schön eine bei genauerem Hinsehen ziemlich offenkundige Doppelmoral vieler Vertreter der Gattung der Journalist. Während man auf Gewalt in einer Form eindrischt, breitet man sie gleichzeitig genüsslich aus. Natürlich nur, um den Leser zu informieren.

Beides, Lust an Grenzüberschreitung, und Lust an Voyeurismus sind nun beileibe nicht Neues, aber für beides müssen immer wieder neu jeweils zeitgemäße Grenzen gezogen werden. Grenzen, für die man sich entscheiden muss. Persönlich und gesellschaftlich. Das geschieht momentan nicht, es wird von denen, die es hauptsächlich betrifft, nicht einmal darüber gesprochen.

Stattdessen beruft man sich auf irgendwelche höheren Instanzen, die mal Freiheit der Kunst, mal Marktverlangen, mal Leser- oder Zuschauerwille oder sonstwie heißen. Damit lässt sich dann alles und jedes rechtfertigen und man selbst ist jeder Verantwortung enthoben. Unfassbar billig eigentlich. Vielleicht auch einfach nur dumm.

Das ist die Produzentenseite. Auf der anderen, der Konsumentenseite, der die uns Spieler und Blogleser hier vor allem betrifft, lautet die Fragestellung, um den Bogen zu Beginn meines etwas länglichen Kommentars hingenen, wie gesagt:
Wieviel Grenzüberschreitung und Voyeurismus wollen wir eigentlich haben, selbst wenn das unter Umständen negative Effekte haben kann?

—–
Sorry für den langen Kommentar, der aber eigentlich immer noch viel zu kurz ist. Viel zu komplex das Thema für moderne Internettexthäppchen.

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Ellenn März 14, 2009 um 11:50

Klingt für mich wie eine Sonntagspredigt in der Kirche, oder von unserem Bundespräsidenten. Ist mir aber viel zu schwammig. Und dieses “wenn es negative Auswirkungen haben könnte ….” ist auch wieder viel zu allgemein. Dann sollte man lieber erst einmal Gedanken über Dinge machen, die tatsächlich nachgewiesenermassen negative Auswirkungen haben, z.B. Alkohol und sein Missbrauch, etc …. Daran sterben im Jahr zigtausende Menschen, und das wird einfach so hingenommen. Wo ist da die Verhältnismässigkeit ?

Natürlich findet auch in der Spielerschaft ein Diskurs statt, und nicht alle finden alles toll nur weil es blutig ist. Das geht mir genau so. Aber ich lasse da den Markt entscheiden. Was nicht gefällt wird nicht gekauft.
Aber auch Beobachtungen wie Deine in der Watchmen-Vorstellung sind doch sehr subjektiv. Wenn die Herren im eher jugendlichen Alter sind, dann ist das doch normal, das ist reines Profilierungsgehabe. ich gehe seit Jahren aufs FantasyFilmfest, weil es die einzige Möglichkeit ist viele Horror- und Splatterfilme auf der grossen Leinwand und ungeschnitten zu geniessen. Und da wird auch im Publikum gefeiert wenn die Köpfe rollen und Gedärme platzen. Und hinterher geht man dann noch einen trinken in der Eckkneipe und keiner haut sich die Köpfe ein. Mir gefällt diese Liberalität.

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Player1 März 14, 2009 um 12:03

‘Klingt für mich wie eine Sonntagspredigt in der Kirche, oder von unserem Bundespräsidenten.’

Ist ja auch fast Sonntag. ;-) Im Übrigen wäre es vielleicht gar nicht schlecht, wenn bei derartigen Veranstaltungen – vielleicht unter Auslassung der göttlichen Teile – gelegentlich mal wieder mehr zugehört würde. Moralische Erwägungen hätten es jedenfalls verdient, gelegentlich auch in der Woche stattzufinden.

‘Aber ich lasse da den Markt entscheiden…’

Eine ausgezeichnete Idee, siehe dazu verschiedene ökonomische Entwicklungen der letzten Monate. Ist übrigens, ganz konkret, eine der simpelsten Formen des angesprochenen Anrufens einer höheren Instanz. Schön einfach, muss man nicht selber entscheiden, gell?

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Ellenn März 14, 2009 um 13:48

Sie klingen wirklich wie die vervige alte tante, die keiner hören will. Wahrscheinlich haben Sie den Beitrag auch mit erhobenem Zeigefinger geschrieben.

Grundsätzlich habe ich wirklich nichts gegen einer kritischen Hinterfragung, aber ich hätte es wirklich ein wenig konkreter als diese mit Konjunktiven gespickten Allgemeinplätze.

Ich hoffe Sie fühlen sich nicht allzu sehr persönlich angegriffen. Mein Standpunkt sollte jetzt klar sein. Schönes Wochenende !

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Claudia März 14, 2009 um 14:08

Um die Diskussion mal wieder von den persönlichen Fehden zurück zum Ausgangspunkt zu bringen: Kluger Beitrag! Sagt meiner Ansicht nach zum Thema Medieneinfluss alles, was zu sagen ist.

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Player1 März 14, 2009 um 14:19

Tja, um eine schöne Feststellung des Blogbetreibers aufzunehmen: Niemand liebt einen, weil man recht hat. Kann ich aber gut mit leben.

Im Übrigen versuche ich ja nur die ganze Zeit die Anregung zu geben, gelegentlich mal die Ego-Perspektive zu verlassen und auf eine möglichst weit entfernte Third-Person Kamera zu wechseln. Wir alle kennen das aus jedem x-beliebigen Strategiespiel: Zu nah dran geht oft die Übersicht flöten.

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johannes_mario_simmel März 14, 2009 um 14:41

Zitat von Player1:
“1. Lust an der Grenzüberschreitung. (…) Als Beispiel seien hier ohne jede Bewertung mal die zwei Typen, die neulich in der Watchmen-Vorstellung vor mir saßen und die zwei etwas gewalttätigen Stellen, an denen so manch anderer lieber kurz zur Seite sah mit “Boah Alter, guck Dir das an. Ha,ha, ha.” lauthals kommentierten. (…) Beides, Lust an Grenzüberschreitung, und Lust an Voyeurismus sind nun beileibe nicht Neues, aber für beides müssen immer wieder neu jeweils zeitgemäße Grenzen gezogen werden. Grenzen, für die man sich entscheiden muss. Persönlich und gesellschaftlich.”

@ Player1 :Warum ziehst du dann für dich persönlich diese Grenzen nicht und gehst in den Film, von dem bereits vorher klar war, dass er explizite Gewaltdarstellung beinhaltet? Finde ich eine etwas schwache Position um über andere Leute zu urteilen..

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nachgeblogt.de März 14, 2009 um 14:49

nachgeblogt.de

Dort ist ein ganz frisches Interview mit dem Betreiber der Seite krautchan.net “Tsaryu”

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Player1 März 14, 2009 um 15:08

Mutmaßlich letzter Beitrag meinerseits zum Thema, läuft ein wenig aus dem Ruder, bzw. in eine ganz andere als die beabsichtigte Richtung:

1. Ich habe versucht, in aller Kürze meine Sichtweise zur Gemengelage unter Einbeziehung verschiedener Aspekte darzustellen.

2. Ich habe über niemanden geurteilt, das genaue Gegenteil ist der Fall: OHNE JEDE BEWERTUNG steht deutlich lesbar im Text.

3. Ich habe niemandes, nicht mal ellenns persönliche Grenzen bewertet und will das auch gar nicht tun.

4. Mein einziges Anliegen wäre eine Debatte jenseits von wechselseitigen Schuldzuweisungen und Defensivargumentationen.

5. Nur wer fähig zur Selbstkritik ist, hat die Erlaubnis zur Kritik. Insofern: Falls irgendetwas missverständlich formuliert war: Mea culpa.

6. Vorletzter ungebetener Ratschlag: Verteidigungsargumentationen aufgeben, locker bleiben, andere Meinungen akzeptieren, Lösungen suchen.

7. Letzter ungebetener Ratschlag: Gelegentlich mal lachen, am besten über sich selbst.

Ich gehe jetzt Laufen.*

Danke für Eure Zeit.

*wissenschftliche Studien haben ergeben, dass 1 Stunde Laufen ungefähr den Spaßfaktor von 10 Stunden Quake 3 enthält.

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Styg März 14, 2009 um 15:09

“Niemand liebt einen, weil man recht hat.”

Argumentativer Gegenwind in einer Diskussion bedeutet wiederum nicht, dass man selbst richtig liegt.

Anfangs war ich sehr skeptisch, was Blogs zu diesem Thema angeht. Ich bin aber doch eher positiv überrascht. Insgesamt beobachte ich im Querschnitt recht ansprechende Diskussionen. Zumindest häufig besser als das, was aktuell gedruckt oder gesendet wird…

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Player1 März 14, 2009 um 16:35

“Niemand liebt einen, weil man recht hat.”

Kann man so eine Aussage wirklich ernst nehmen? Vielleicht wäre es doch an der Zeit für noch ein weiteres lustig klingendes Schulfach. Vielleicht ‘(Selbst-)Ironie, Doppelbödigkeiten und die Widersprüchlichkeiten des menschlichen Seins. Irgendwie so was.

Kleine Korrektur übrigens: 1 Stunde Laufen enthält den Spaßfaktor von 20 Stunden Quake 3.

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johannes_mario_simmel März 14, 2009 um 20:37

@Player1
Wenn man auf einmal merkt, dass man doch etwas zu überheblich daherkommt, so ist es in einem Internetforum immer eine angenehme Sache, auf die nicht verstandene (aber natürlich von Anfang an geplante) Ironie hinzuweisen.

Die meisten deiner Beiträge vermitteln ein Überlegenheitsgehabe, wie es auch bereits Ellenn mehrfach erwähnt hat. Ich war heute auch laufen, aber ich muss nicht den Leuten, die stattdessen ne runde gezockt haben erklären, dass das ja sooo viel besser als zocken sei.
Das macht es auch etwas schwerer sich mit deinen Inhalten auseinanderzusetzen, da du einfach unsympathisch rüberkommst.

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Player1 März 14, 2009 um 21:23

Also bevor ich da jetzt gänzlich missverstanden werde: Sympathisch rüberzukommen war nun in diesem Fall wirklich nicht das Ziel der Übung. Du darfst gerne alles exakt so überheblich finden, wie Du magst.

Everybody’s darling is everybody’s Depp, wie es so schön heißt.

Nichts für ungut.

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Benni März 15, 2009 um 09:51

In der Welt am Sonntag ist heut auf Seite 57 ein Artikel über den Anteil der medialen Berichterstattung am Amoklauf. Ist zwar in meinen Augen alles noch sehr vorsichtig formuliert, geht aber in die richtige Richtung.

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WhiteWolf März 17, 2009 um 00:33

Im SWR bringen sie grade bei Report Mainz einen Beitrag über die Schuld der Medien, die fatale Darstellung in Medien (Vornehmlich BILD) und die Auswirkungen auf andere “tatgeneigte”.
Recht gut gemacht und durch die klaren Aussagen einer Profilerin des BKA auch sehr eindeutig GEGEN die Darstellungspraxis der Medien bei solchen Dingen gerichtet.

Herr Lott, ich muss sagen, sie sind ein Trendsetter mit ihrem Beitrag ^^

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LiterMilch März 17, 2009 um 23:46

es GIBT einen verband für computerspieler, der sich auch dagegen wehrt…

siehe hier:

http://www.gamers-against-rejection.de/

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siR März 18, 2009 um 12:18

Ich teile Gunnars Meinung voll und ganz. Auch ich habe mir bei der breiten und voyeuristisch geprägten Berichtserstattung bereits öfters gedacht, dass gerade sie selbst Nachahmungstaten zur Folge haben.

Diese erweiterten Selbstmorde (wie sie korrekterweise genannt werden sollten), die meistens in einer Schule anfangen und sehr ähnlich ablaufen, sind ja eher eine jüngere Erscheinung. Gerade diese Tatsache, dass die Taten sich alle sehr ähneln, lässt die Vermutung zu, dass die Berichterstattung eine nicht zu verachtende Rolle auf Nachahmungstäter hat.

Ich möchte nicht den gleichen Fehler wie die “Killerspiel”-Gegner begehen und hier von einem singulären Motiv sprechen. Aber ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass die verbreiteten Bilder über vorangegangene “Amokläufer” für potenzielle Selbstmörder eine attraktive, alternative Methode im Gegensatz zu dem einfachen Selbstmord aufgezeigt haben.

Ich muss aber auch zugeben, dass selbst ich als passionierter Computerspieler die ewigen Argumente “Verbietet Brot” und dergleichen nicht mehr lesen kann. Ich finde viele virtuelle Gewaltdarstellungen derart übertrieben, dass ich auch gut darauf verzichten kann. Außerdem fehlt diesen Spielen oft eine ironische Komponente, die zum Beispiel einige B-Splatter-Movies gewissermaßen rettet (z.B. Braindead von Peter Jackson).
Es ist ein trügerischer Schluss, mit einfachen Verboten ein Problem beseitigen zu können. Es ist dennoch auch nicht ganz falsch, striktere Vorschriften zu beschließen, die exzessive Gewaltdarstellung verbietet bzw. nur einer Zielgruppe erschließt, die damit umgehen kann (sprich über 18).

Kein ernsthafter Gamer wird bestreiten, dass viele Ego-Shooter ab 18 gehören und dass dennoch diese Vorschriften viel zu leicht umgangen werden können.

Die journalistischen Fehler und Ungenauigkeiten vieler Medien sind dagegen nur beschämend und beängstigend, wenn man bedenkt, dass diese Diskrepanzen wohl oder übel auch in Themen bestehen, von denen wir keine Ahnung haben.
Das “öffentliche Bild”, wie es gern verallgemeinernd genannt wird, zeigt ein starkes Zerrbild der Realität und dessen müssen wir uns alle täglich bewusst sein.

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tmanthey März 21, 2009 um 17:38

Ich stimm dir ausdrücklich zu.

“Bei allen Amokläufen an Schulen geht es nur um eins:
Einmal im Leben im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit stehen. Es ist einfach eine grausame Form der Selbstinzenierung. Und wir sind das Zielpublikum. Und solange das Zielpublikum so schön mitmacht, werden wir immer wieder solche Amokläufe sehen.”

Der ganze Artikel hier

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