Englischer Garten, Südzipfel, 7:59 morgens.
Ich jogge.
Nun, eigentlich jogge ich nicht wirklich, aber das geht ja auch kaum, ich schiebe schließlich den bulligen Emmaljunga samt Goldkindtm drin vor mir her und Emmaljunga, das weiß vielleicht nicht jeder, ist ein schwedisches Fabrikat mit breiten Rädern, geländegängig und für die nähere Ewigkeit gebaut. Sozusagen der Volvo unter den Kinderwagen.
Und so jogge ich nicht, aber ich marschiere. Mit gleichmäßig hohem Tempo und entschlossenem Gesichtsausdruck, so dass die Dackel-Ausführer und die Nordic-Walker schon von allein aus dem Weg gehen. Marschieren, das verbrennt nämlich massenhaft Kalorien und stärkt die Unterschenkelmuskeln, marschieren, das ist nämlich eigentlich viel härter als Joggen. Denn: Das härteste, was es gibt, das ist die Rote Armee. Und die Rote Armee marschiert. Oder steht in der Zeitung sowas wie “Die Rote Armee joggt in Georgien ein”? Eben.
Ich marschiere also.
Und weil marschieren aber bekanntlich den Geist nicht anregt — auch da könnte jede beliebige Armee als Beispiel dienen — schaue ich mich sinnierend um. Woran liegt es eigentlich, dass es so viele dickliche Jogger gibt? Man sollte doch denken, Leute, die die Willenskraft aufbringen, früh am Morgen durch Gottes urban eingepferchte Natur zu laufen, sollten auch beim Essen maßhalten können. Oder fressen die abends wie die Redakteure am kostenlosen Buffet, erwachen morgens mit Magengrimmen und schlechtem Gewissen und versuchen dann, durch halbherziges Gewackel, wenigstens 75 Gramm des angefressenen Halbzentners wieder loszuwerden? Hm. Jetzt, wo ich drüber nachdenke, bin ich heute morgen ja auch mit Magengrimmen und schlechtem Gewissen, ach, was soll’s. Schwamm drüber.
Ich marschiere.
Ein Dackel kreuzt todesmutig meinen Weg und kann sich, weil ich rücksichtslos auf ihn zuhalte, nur durch eine Rolle seitwärts in Sicherheit bringen. Erschrocken bleibt er im Gras stehen und glotzt, da ertönt die Stimme seines Herrchens aus dem Off: “Humboldt! Hier! Humboldt von Weissensee! Hier!” Die Stimme ist original die von Heinrich Himmler, aber ich kann den zugehörigen Hundebesitzer nicht sehen, weil mir ein Gebüsch den Weg versperrt. Ist vielleicht auch besser so, ich will gar nicht wissen, wie Leute aussehen, die sich nach Nazigrößen anhören und ihre Stammbaum-Hunde mit vollem Namen rufen. Bizarr. Schwamm drüber.
Ich marschiere.
Ein Vorzeigevater überholt mich. Er joggt, in geschmackvoller Sportmontur, schiebt einen dieser Sportkinderwagen einhändig vor sich her, mit gut gelauntem Stammhalter drin — und telefoniert mit der anderen Hand. Mit einem iPhone. Kann man damit überhaupt telefonieren? Egal, ich hasse ihn spontan ein bisschen, weil, zugegeben, das Joggen mit Sportkarre und passendem Outfit cooler ist als das Marschieren mit Alltagszeug und Kinderpanzerwagen. Egal, das darf mich nicht ablenken. Schwamm drüber.
Ich marschiere.
Und da ist das Ende des Englischen Gartens oder wenigstens ein Ausgang und ich schiebe den Wagen über die Grenze und Jubel brandet auf und der Bundespräsident winkt mit der Goldmedaille im Kinderwagenmarschieren und… Ach.
Schwamm drüber.
Ich schiebe nach Hause, körperlich und geistig erschöpft.

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Sehr schön und sehr amüsant.
Aber müsste es nicht aus Gründen der historical (und political) correctness “Russische Armee” heißen? Die “Rote Armee” gibt es offziell seit 1946 de facto seit 1991 nicht mehr.
Ich möchte ncoh mehr Goldkind-Erlebnisse lesen können!
@baruch: jaja, das mit der roten armee ist mir auch klar. klingt aber besser so.
In der Tat: zu der Zeit, als es die Rote Armee noch gab, brauchte diese nicht in Georgien einzumarschieren, denn Georgien war ein Teil der Sowjetunion.
Heute marschiert nur die die Russische Armee.
Doch wer die Fernsehbilder der letzten Invasion in Georgien gesehen hat, wird wissen: dabei wird von den Russen weniger marschiert, als schlapp auf Armeelastern herumgehockt. Von den teils etwas zerlumpt aussehenden Soldaten werden zudem ab und an bei Zivilisten Zigaretten geschnorrt sowie Kloschüsseln aus georgischen Kasernen abgeschraubt und nach Hause geschleppt. Wankend, mit erbeutetem Wodka intus. Nicht sehr eindrucksvoll, wenngleich dank hoher Feuerkraft durchaus effektiv.
Beim Joggen telefonieren? Manchmal verstehe ich die Leute echt nicht…
Anyway, sehr schöner Eintrag.
Ich will auch mal wieder nach München :(
Allein schon deshalb, um Hunde zu sehen, die mit Adelstiteln beglückt sind.
Phil, beim Frankfurt-Marathon, etwa KM 11, hab ich einen überholt, der fleißig in sein Headset geplappert hat. Ich überlege jetzt, ob ich nächstes Mal Live-twittern will …
:-D äußerst unterhaltsamer beitrag
War vor kurzem mal mit einem Kollegen Joggen, der neuerdings auch mit einem Goldkind gesegnet ist. Er hat dann auch beim Joggen den Kinderwagen (entschuldigt, dass ich das Modell nicht mehr weiß, mir entgehen solche Details immer…) vor sich hergeschoben, was ich (freundlich formuliert) etwas seltsam fand. Ich kam an diesem Tag auch nicht wirklich in meinen Rhythmus, weil mein Kollege immer etwas asynchron lief, um den fehlenden Schwungarm (der ja am Kinderwagen hing) auszugleichen. Ich kann mich Gunnars Beschreibungen daher nur anschließen, mit einem Kinderwagen marschiert (für echte Männer ;-) ) oder spaziert (für Schwiegermamas) man, joggen geht nur ohne. Der Jogger mit Kinderwagen und I-Phone gehört sicherlich auch zu der von mir besonders geliebten Joggerart, den “parfümiert duftenden, Gelfrisur Joggern” bei denen das I-phone mit den Schuhen gekoppelt ist, um die Laufstrecke per Twitter & Co. gleich Stolz an Deutschland 2.0 zu verkünden.
7:59 morgens,
Ich drehe mich im Bett um und schlafe mit einem seligen Lächeln auf den Lippen weiter… Ferien sind was tolles ;)
eigentlich fehlt noch die kategorie “geföhnte arschlöcher” für diesen eintrag.
Ach, geföhnte Arschlöcher ist denen vorbehalten, die Krawatten tragen. Wer joggt schon mit Krawatte? Wobei, so langsam schockt mich da auch nichts mehr…
By the way: Sehr, sehr lesenswerter Text. :-) Made my day!
Herrlicher Text. Wie immer.
jau, zur Gewichtsabnahme gehört neben Bewegung auch die richtige Ernährung. Viele Proteine, wenig Fett, kaum Kohlehydrate – das gibt schöne Muskeln und die Wampe geht weg. Aber Kohlehydrate machen nunmal schön satt… das ist das Problem für die meisten ;)
Soso, Emmaljunga heißen die SUVs unter den Kinderwagen also. Ich habe mich immer gefragt, warum sich Eltern solche Dinger antun und sich damit in beengte Plätze wie etwa UBahnen quälen – ich habe mir geschworen, wenn ich mal Kinder habe, kommt was kleines, unnaufälliges her – so ne Art Golf der Kinderwagen. Hat das Ding – außer den Squirrel-Smasher-Schlappen – noch irgendwelche anderen Vorteile?
das mit der roten armee war witzig ^^