OMFG, der liest Bücher (Teil 2)

by Gunnar on 11. April 2009 · 13 comments

Fortsetzung des Beitrags von gestern.

joe abercrombie the blade itselfThe Blade Itself (Joe Abercrombie)
Fantasy-Roman (Teil 1 der “First Law”-Trilogie)
Hm. Also. Drei Helden, drei Handlungsstränge, die nichts miteinander zu tun haben und sich erst später verflechten — der Barbar Logen, der um sein Überleben kämpft, der eitle junge Adelige Jezal, der unbedingt Fechtmeister werden will, der verkrüppelte Inquisitor Glokta, der pragmatisch seinen Weg geht. Alles beginnt im Kleinen, im Persönlichen, doch am Ende geht es um das Überleben des Mittlereren Reiches und den Kampf gegen das Böse schlechthin, aber bis zum Schluss ist eigentlich nie alles so, wie es scheint. Der Autor, der Engländer Abercrombie, schreibt hauptberuflich Drehbücher, was man dem Buch durchaus anmerkt — viele Szenen sind ziemlich bildhaft angelegt, vor allem dann, wenn’s mit Schwert und Fäusten zur Sache geht. Dazu kommen großartig überdrehte Charaktere (die allerdings samt und sonders nicht zur Identifikation taugen) und ein ordentlicher Schuss Humor. Eine Mischung, die in der Mainstream-Fantasy seinesgleichen gar nicht erst zu suchen braucht.
Fazit: Pflichtkauf für Fantasy-Fans, die auf Elfen und Zwerge verzichten können. Auf deutsch heißt das Buch “Kriegsklingen” und ist bei Heyne erschienen.

shaun tan the arrivalThe Arrival (Shaun Tan)
Comic
Die Geschichte handelt von einem Mann, der in ein fremdes Land emigriert (wobei er seine Familie zurücklässt) — und sich dort zurechtfinden muss, ohne die Sprache zu kennen oder die Gebräuche zu verstehen. Die gesamte Erzählung entfaltet sich in den einfarbigen Bildern, Bildunterschriften oder Sprechblasen gibt es keine. Der Autor Tan arbeitet damit die eigene Familiengeschichte auf, sein Vater ist unter ähnlichen Umständen in die USA gekommen.
Fazit: Die Zeichnungen sind grandios, die Figuren liebenswert, die Geschichte ist zeitlos relevant. Tolles Buch.

marvel 1602 neil gaimanMarvel 1602 (Neil Gaiman
Comic (Sammelband)
Absurd — Gaiman siedelt eine Reihe von Marvel-Helden (aus dem Earth-616-Universum) im Elisabethanischen Zeitalter an: Wir treffen auf die X-Men (die hier Witchbreed heißen), Daredevil, “Peter Parquah” (bevor er zu Spiderman wird), Doc Strange, die “Four of the Fantastick” und eine ganze Reihe von anderen Helden. Die haben alle im dieser Epoche eigentlich nichts zu suchen, denn das “Zeitalter der Helden” hätte erst im 20. Jahrhundert beginnen sollen. Da aber die Erde von der Apokalypse bedroht ist (woran unabsichtlich ein Superheld schuld ist), tauchen die Helden schon Anno 1602 auf — und müssen zusammenarbeiten, um die Welt zu retten. Eine spannende Geschichte, die umso besser wird, je mehr von den zahllosen Insider-Jokes man versteht und je intimer man das Marvel-Universum kennt.
Fazit: Das alles ist smart erzählt, hübsch gezeichnet und clever arrangiert. Gaiman eben. Man kann ihn nicht genug loben.

oliver uschmann murp hartmut und ich verzetteln sichMurp! (Oliver Uschmann)
Roman (Band 4 der “Hartmut und ich”-Serie)
Die Geschichte von Hartmut und dem Ich-Erzähler, die lustig begann und mit “Wandelgermanen” einen schwer lesbaren Seitensprung ins Surreale unternahm, setzt sich hier schleppend fort. Uschmann will uns offenbar was sagen, eine Botschaft nahebringen, predigen gegen die Fremdbestimmung des kleinen Mannes durch den Terror der Politisch Korrekten, der Öko-Esser, Antiautoritär-Erzieher und Jutetaschen-Träger. Das ist nicht nur abgeschmackt, das ist seit dem Jahr 2000 auch nicht mehr witzig. Weil der Autor aber so an seine Botschaft glaubt, versteckt die eine Hauptfigur ständig Zettel mit kleinen Essays, die die andere Hauptfigur dann findet und liest — wir haben es hier eigentlich mit einer Kolumnensammlung zu tun, um die mühsam eine Art Roman gestrickt ist. Kann das gutgehen? Nein, und das tut es auch nicht. Auch wenn die Essays teilweise brillant sind, die ganze Attitüde, die ganze Form, der ganze Plot, das ist alles kaum erträglich. Ich musste etwa bei zwei Dritteln aufgeben, obwohl ich gerne noch gewusst hätte, wie Uschmann das alles zu einem sinnvollen Ende führen will.
Fazit: Wäre der Autor, der immerhin fortwährend beweist, dass er schreiben und beobachten kann, bei einer leichteren Form geblieben und nicht ins Lager der selbstverliebten Weltverbesserer gewechselt, wäre ich sicher weiterhin ein Fan seiner Bücher. So leider nicht.

spielmacher winnie forsterComputer- und Video-Spielmacher (Winnie Forster) Sachbuch/Lexikon
Kein richtiges Buch, sondern eine Art Lexikon mit 1.500 Einträgen. Winnie führt in alphabetischer Ordnung und gewohnter Faktensicherheit handelnde Personen und Firmen auf und widmet den wichtigeren ein paar Absätze, den unwichtigeren Kurzeinträge. Toll zum Stöbern und Nachschlagen und als Recherchestartpunkt. Wer das durcharbeitet, ist ein ganzes Stück schlauer.
Fazit: Pflichtkauf für Spielejournalisten. Für interessierte Laien ist das alles vermutlich ein bisschen zu viel.

heinz strunk die zunge europasDie Zunge Europas (Heinz Strunk)
Roman
Sieben Tage im Leben des erfolglosen Gag-Schreibers Markus Erdmann, der in einer hoffnungslosen Beziehung lebt und jeden Sonntag seine senil werdenden Großeltern besucht. Ihn interessiert eigentlich nichts, nicht Sex, nicht Geld, nicht Ruhm, er brütet in seinem bedeutungslosen Dasein vor sich hin, bis er Janne im Zug trifft.
Soweit, so belanglos — Strunk interessiert sich nicht für seine Handlung, nicht für seine Hauptfigur und im Grunde auch nicht für den Leser. Alles, was dieses Buch ausmacht, findet nebenbei statt, in humorigen Einschüben, in denen der Held stellvertretend für den Autor die Welt beobachtet und zynisch kommeniert. Das ist durchaus witzig, trägt aber das Buch nicht — hier wäre es (wie bei Uschmann) besser gewesen, der Autor hätte auf die Romanform verzichtet und einfach ein Bündel Kolumnen vorgelegt.
Fazit: Macht über weite Strecken fast alles falsch, was der Vorgänger “Fleisch ist mein Gemüse” richtig macht. Ich konnte es nicht zuende lesen, weil mich die Figuren so kalt gelassen haben.

kathrin passig sie befinden sich hierSie befinden sich hier (Kathrin Passig)
Hörbuch
Die von mir wegen ihres großartigen Lexikon des Unwissens, ihres Blogs und ihres Twitter-Feeds hochverehrte Frau Passig hat, obwohl eigentlich eher Journalistin und Sachbuchautorin, Anno 2006 den hochrenommierten, aber auch meistens von schwerer Verquasung bedrohten Bachmann-Preis gewonnen. Mit ihrem literarischen Debüt, einer Ich-Erzählung aus der Sicht eines Mannes, der sich im Schnee verirrt hat und dabei ist, zu erfrieren. Dieses Stück gibt es nur als Mitschnitt der Lesung auf CD, als Kurzhörbuch sozusagen, denn die Story ist nach 23 Minuten erzählt.
Fazit: Coole Geschichte. Schlau komponiert, schlau geschrieben. Hörenswert.

Soweit. Erstmal. Ich hätte noch so fünf bis zehn erwähnenswerte Bücher, die reiche ich bei Gelegenheit nach.

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