Die Deppen, der Verkehr, das Adrenalin

by Gunnar on 8. Juni 2009 · 15 comments

Ich fahre den Ring entlang, quasi auf Autopilot. Mein Stoffwechsel ist am Ende des Arbeitstages auf 45 Prozent, höhere Hirnfunktionen sind abgeschaltet. Aber es ist der Weg, den ich hundertmal pro Jahr fahre, also ordne ich mich korrekt ein, halte Abstand, bremse vorausschauend. Aber natürlich bin ich in diesem Zustand nicht vorbereitet auf den Skoda voller Deppen, der kurz vor’m Abbiegen auf meine Spur zieht und mir voll den Weg abschneidet.

Mein Nebennierenmark prüft kurz meinen Allgemeinzustand, hält mein Überleben für fraglich und schießt mir eine Dosis Adrenalin ins Blut. Ah! Das befähigt mich, zu bremsen, in den Wagen der Deppen rüberzuschauen, geistreich “Ey!” zu rufen und die Arme zu einer dieser “Was soll das?!”-Gesten auszubreiten, wie man sie oft bei unschuldig bestraften Fussballspielern sieht. Einer der Deppen, der hinten links auf der Rückbank, schaut zurück, sieht, dass ich nur ich bin und nicht etwa eine bewaffnete Türkengang, bei schwarzen BMWs weiß man ja nie, und zeigt mir den Finger. Der Depp neben ihm hüpft zu irgendeiner Musik auf und ab, die Deppenmädels vorne schunkeln hin und her. Surreal. Ich, und da schaltet mein Hirn in Zeitlupe, ich sehe alles mit Max Payne-artiger Klarheit, werde erfasst von dieser kalten Wut, die schon viele Männer im Straßenverkehr zu Mördern gemacht hat. Mein Wagen ist jedoch mangelhaft ausgestattet, leider, mit einem sanften Antippen des Auslösers für die vorderen Maschinengewehre ist die Situation nicht zu lösen.

Ich zeige auf den Mittelfinger-Deppen, greife in meine Jacketttasche, entnehme meiner Brieftasche den Presseausweis und zeige ihn deutlich dem glotzenden Deppen, wohlweislich darauf achtend, dass das Wort “Presse” verdeckt ist. Auf ein paar Meter Entfernung sieht ein Ausweis aus wie der andere, Foto, Schrift, Wappen et cetera, ein gewöhnlicher Straßendepp wird ja wohl einen Presseausweis nicht von einer Zivilbullen-ID unterscheiden können. Mit der anderen Hand lege ich vier Finger über mein Gesicht, so dass ich wie durch Gefängnisgitter schaue. Dann zeige ich wieder auf den Deppen und setze einen genervt-herrischen Gesichtausdruck auf. Er versteht. Schaut nach vorne, sagt etwas zu seinen Mitdeppen, die daraufhin das Schunkeln einstellen. Jetzt fahren sie ganz zivil vor mir her und gucken nicht mehr zurück. An der nächsten Kreuzung biegen sie abrupt ab.

Pwnd! Brain beats Mittelfinger.

Aber huh, keine Ahnung, warum mir der Ärger diese absurde Reaktion eingegeben hat. In einem anderen, mindestens genauso plausiblen Hosenbein der Zeit hätten die Deppen gebremst, die zwei Kerle wären ausgestiegen und breitbeinig auf meinen Wagen zugestapft, um mich zu fragen, was, ey, Alter, mein Problem sei und wieso ich mit einem Presseausweis zu winken geruhe. Aber das ist nur einer Parallelwelt und damit einem ganz anderen Herrn Kaliban passiert, puh.

Ach, die Gefahren des Straßenverkehrs sind weithin unterschätzt.

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