Überschrift (“Die Generation C-64 schlägt zurück”) und Bebilderung sind ein bisschen albern, aber ansonsten hat der sehr geschätzte Kollege Chris Stöcker von SpOn in seinem Artikel die Sache echt ganz gut getroffen, ich zitiere:
[...] sah zunächst alles nach einem echten Coup aus: Ursula von der Leyen (CDU), Familienministerin, hatte ein Gesetz gefordert und dann, gegen das Zögern und Widerstreben ihrer Kabinettskollegen aus den eigentlich zuständigen Ressorts Wirtschaft, Inneres und Justiz, auch durchgesetzt. Kinderpornografische Inhalte sollen die Provider aus dem WWW filtern, die entsprechenden Sperrlisten soll das Bundeskriminalamt (BKA) führen. Wer trotzdem eine einschlägige Seite ansurft, bekommt ein Warnschild zu sehen.Ein wahltaktisch todsicheres Gesetz, zielt es doch auf einen ungemein konsensfähigen Feind: die Hersteller und Verbreiter von Kinderpornografie, unmenschliche Profiteure und Verursacher unermesslichen Leids.
Folgerichtig tat die Opposition erst gar nichts und gab dann kaum mehr als ein leises Wimmern von sich – um sich dann in das Schicksal zu ergeben, dass die Familienministerin als Bezwingerin der Kinderschänder würde Wahlkampf machen können.
Dann passierte das Unerhörte: Eine rasant wachsende Zahl von Menschen sprach sich offen und nicht anonym gegen die Filterpläne der Ministerin aus – bis heute über 100.000. Obwohl es doch gegen Kinderpornografie ging! In Berlin war man konsterniert. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war so überrascht, dass ihm sogar der Fauxpas unterlief, die zu diesem Zeitpunkt bereits zehntausenden Unterzeichner der Petition gegen das Gesetzesvorhaben, immerhin ja Wähler, vor laufender Kamera in die Nähe von Kinderschändern zu rücken.
Wie konnten die es wagen, einen Vorschlag für unsinnig zu erklären, den ernstlich zu kritisieren zunächst kein Politiker bereit war? Nichts fürchtet man in Berlin mehr, als selbst für einen Kinderschänder-Apologeten gehalten zu werden. [...]
Nicht nur bei diesem Thema wundert man sich zuweilen, wie instinktlos erfahrene Politiker reagieren. Die denken halt nur in Gruppen: Killerspieler, Kinderschänder, Schützenfreunde, Sportler, Milchbauern et cetera — wenn man nach dieser Logik einer lobbyschwachen Gruppe auf die Füße tritt, hat man nichts zu befürchten. Dass es in der Gesellschaft eine Strömung geben könnte, die einerseits noch Reste von freiheitlichen Idealen hochzuhalten bereit ist und andererseits auch vermeintliche Tabu-Themen ganz hemdsärmelig und pragmatisch angeht, das übersteigt offenbar das Vorstellungsvermögen vieler Karrierepolitiker.


Das war der zweitbeste Artikel den ich je auf SpOn gelesen habe, abgesehen davon dass mir “Generation Online” besser gefällt als “Generation C64″
…und was war der beste?
Ist das relevant?
Ich hab’s bei mir “Die digitale Generation” genannt, aber inhaltlich kann man dem Artikel einfach nur zustimmen.
Die Zensur der Abbildung (!!!) von Kinderpornographie im Internet als probates Mittel zur Bekämpfung von Kinderpornographie. Beißender Sarkasmus. Sowas kann sich kein Zyniker ausdenken.
Du hast einen netten Onkel, der manchmal Sachen mit Dir macht, die Du nicht magst? Immer dann, wenn deine Eltern mal weg sind und er auf Dich aufpasst? Aber Du sagst nichts, weil Du dich schämst? Einen Onkel, der dich auszieht und mehr? Der Dinge mit Dir tut, die Dir Schmerzen bereiten, die Dir unangenehm sind, sich falsch anfühlen? Einen Onkel mit Fotoapparat und Videokamera? Hey, alles kein Problem – sei beruhigt! Denn Obermutter von der Leyen hat die Lösung! Den Bruchteil an Bildern und Videos, die er nicht per Rapidshare, FTP, torrent, p2p oder der Deutschen Post an seinen abartigen pädophilen Kumpels schickt, sondern “im Internet” veröffentlicht, den haben wir jetzt aus “dem Internet” zensiert. Großartig, oder? Dir kann also nix mehr passieren, alles in bester Ordnung. Schönes Leben noch.
Dieses Gesetz verhindert Kinderpornographie nicht – es schweigt sie in der Öffentlichkeit tot. Die Meinung der Massen wird durch mangelhafte Darlegung der Sachlage geködert. Damit zu tun hat der (immer existente) Generationenkonflikt ganz sicher, denn daraus geht auch eine Unvertrautheit mit dem Medium Internet und seinen Mechanismen hervor.
Aber ich sehe vor allem gezielte Falschinformationen, die üblichen “einfachen Wahrheiten” um Wählerstimmen sammeln. Und das ist angesichts des Themas richtiggehend widerlich.
Jup,
der Artikel triffts.
Witzigerweise sind die konservativen Amerikaner da viel weiter als wir und sehen die durch das Internet entstehenden Geschäftsmodelle als Chance.
In der Zeit war wohl auch ein großer Artikel über die digitale Spaltung.
Wir fördern lieber Kühe und behindern damit den Wettbewerb der 3. Welt, und sorgen dafür dass die Länder nie hochkommen..
Inhaltlich trifft es der Artikel in weiten Teil wohl ganz gut, die – natürlich aus Journalistensicht hübsche – Grenze “Generation C64″ würde ich allerdings in diesem Zusammenhang so nicht ziehen wollen. Schon gar nicht wenn man im selben Atemzug Politikern vorwirft, nur in Gruppen zu denken.
Meine Beobachtung ist eher, dass es vor allem darauf ankommt, ob jemand Bürgerrechten einen großen Wert beimisst oder nicht. Für jemanden der das bejaht, kann eine bei einer Polizeibehörde geführte Zensurliste, was auch immer sie zensiert, nie und nimmer auch nur ansatzweise in Frage kommen. Unabhängig von seinem Alter.
Kurzum: Guter und wichtiger Artikel, der hoffentlich auch in der Printausgabe erscheint. Den Aufmacher “Generation C64″ halte ich in diesem Zusammenhang aber für nicht besonders gelungen.
Super Artikel. Stimme dem voll und ganz zu.
Danke fürs verlinken. Den hätte ich beinahe überlesen.
Die Petition gegen das Gesetzt geht noch bis zum 16.6. Also wer noch mitmachen will, hier ist der link:
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=3860
Die Generation C64 sind doch alte Knacker *hust* …. ;)
alte knacker schon. aber politiker sind uralte knacker, denen die alten knacker jetzt mal sagen, dass sie selbst fast schon uralte knacker sind und kein junges gemüse mehr, das man einfach übergehen kann.
Man lese in diesem Zusammenhang auch mal das hier:
http://handelsblatt6.blogg.de/eintrag.php?id=2141
@ Christoph80: Zu Guttenberg ist 37. Was ist seine Entschuldigung, denn ein “uralter Knacker” ist er doch wohl nicht…
ähm…, der ist in der CSU,… oder der hat sich sich nicht so gut gehalten? ;-)
Das ist natürlich keine Entschuldigung. Aber am Ende hatte der zu Guttenberg sogar tatsächlich einen C64 in seinem Zimmer stehen. Das würde ja dann alles über den Haufen schmeißen!