Gezwitscher und Geschnatter und Geschrei

by Gunnar on 3. Juni 2009 · 20 comments

Man kann DIE ZEIT nicht genug loben, meist ist sie relevant, unterhaltend und intelligent zugleich — sowohl “im Print” (wie man in Verlagen heutzutage denglischt) wie auch im Web. Aber ein relevantes Medium wäre ja nicht relevant, wenn man sich nicht zuweilen drüber aufregen könnte. Und aufgeregt habe ich mich, jedenfalls ein bisschen. Über Herrn Jens Uehlecke, der sich über Twitter auslässt:

An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden. Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme!

Hm. Er vergisst, das Twitter nur so gut ist, wie die Leute, denen man folgt — wer keine interessanten Gedanken oder Mini-Meinungen versendet, dem folge ich nicht. Punkt. Ich beurteile ja die Printmedienlandschaft auch nicht nach der schier unermesslichen Zahl der hastig hingeschluderten Deppen-Angebote von “Frau im Spiegel” bis “Praline”. Vom TV gar nicht zu reden. Wer nicht relevant für mich ist, dessen Magazin kaufe ich nicht. Was hindert Herrn U. daran, es mit Twitter ebenso zu halten?

Was mich allerdings besonders ärgert, ist der Satz mit der Qualitätskontrolle — das ist ein altes Journalistenargument, mit dem die Kollegen ihren Status zu rechtfertigen versuchen. Das berühmte Gegenlesen hindert aber weder Boulevard- noch Qualitätsmedien daran, jeden Tag kapitale Böcke zu schießen. Von denen das Bildblog nur die spektakulärsten findet. Ich habe früher mal regelmäßig FTD gelesen und kam war nach drei Wochen Mitzählen auf 17 Verwechslungen von “Billion” und “Milliarde”. Plus diverse weitere Fehler. Irren ist menschlich, klar. Und ja, die meisten Magazinartikel enthalten weniger Tippfehler als die Texte auf kaliban.de, die ich als Autor und Textchef in Personalunion betreue. Solange aber auch großen Magazinen und Zeitungen alle Naselang Recherchefehler unterlaufen, die ein 16jähriger Hauptschüler mit T-Onlinezugang nachprüfen kann, solange sollte man zumindest nicht naserümpfend auf die “Amateure” herabsehen und was von Qualitätskontrolle faseln. Ich kenne den Prozess durchaus — man redigiert X Seiten am Tag, Akkordarbeit, man streicht die Rechtschreibfehler an, die floskelhaften Formulierungen, man versucht, die Aussage stärker herauszuarbeiten, man freut sich auch mal, wenn man eine bessere Formulierung gefunden hat als der Autor, aber… …kaum jemand in den gegenlesenden Instanzen hat die Zeit und den Willen, wirklich Fakten zu checken, die auf den ersten Blick plausibel erscheinen.

Aber hey, vielleicht ist die Polemik ja auch nur ein raffinierter Versuch, Klicks und Kommentare und Verlinkungen zu sammeln. Vielleicht hat der Chefredakteur gesagt, Du, Jensi, mach mal was Heftiges, was gegen Blogs oder Twitter oder Facebook oder so, damit sich die Internetfuzzis aufregen, die eh nichts Besseres zu tun haben, und wir ein bisschen Traffic einsammeln können.

Und das hat ja nun auch geklappt.

{ 20 comments… read them below or add one }

Alph Juni 3, 2009 um 16:14

Ne, hat’s ja gar nicht. Ich les den Artikel nämlich erst gar nicht. ;-)

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siR Juni 3, 2009 um 16:42

Nichts gegen die Praline! Das ist Qualitätsjournalismus par excellence.

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Dominik Jungowski Juni 3, 2009 um 16:58

Praline ist höchstens Journatittmus, aber ohne den Zusatz Qualität. ^^

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johannes_mario_simmel Juni 3, 2009 um 18:09

Wahrscheinlich regt sich der Herr Uehlecke (ähnlich wie ich) eher über den Hype auf, der sich im Moment über Twitter ergießt. Ähnlich wie das Geschrei damals bei Second Life. Twitter hier und dort. Das hat ähnliche Wirkung wie ein neues (eigentlich gutes) Lied das dann im Radio den ganzen Tag rauf und runter gespielt wird bis man es nicht mehr hören kann.
Ich wollte Twitter eigentlich leidenschaftlich verachten (aus Prinzip … ) Allerdings ertappe ich mich immer öfter beim lesen von Twitternachrichten (Tweeds?) von Menschen, die tatsächlich interessantes zu sagen haben.

Vielleicht mache ich mir ja auch mal einen Account ….
aber erst in ein paar Monaten (aus Prinzip…)
:-D

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alex Juni 3, 2009 um 19:00

moment moment….

Die Zeit hat einen eigenen Twitter-Account, der sogar häufiger als häufig aktualisiert wird… und das auch noch mit Sätzen, die mal überhaupt keinem interessieren…. das ist, wie der Gastautor da oben schon sagt, ziemlich arm … toll wie sich ZO da mal wieder ins eigene Bein grast (oder so)

Und dann schreiben sie auch noch (bei Twitter) : “Wer Vorschläge hat, was außer Twitter sonst noch verboten gehört – Ideen an @zeitonline (fm)”, wie Klowanddämlich ist das denn?

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PhanThomas Juni 3, 2009 um 19:21

Glaub, es ist von allem ein bisschen: Hetze gegen Twitter & Co. zum Anlocken, Herausstellen des eigenen Status als “besserer Schreiber” und letztlich wahrscheinlich auch eine gute Portion Unverständnis dem “Neuen” gegenüber, was sich ja fast immer in Form solch hingerotzter Häme äußert. Na ja.

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Marjan Juni 3, 2009 um 19:24

im großen folge ich herrn Uehleckes argumentation. natürlich gilt: wem du nicht folgst, bekommt deine beachtung nicht. dasselbe gilt aber auch für fernsehquote: was nicht gesehen wird, wird nicht produziert. trotzdem hat trash-tv quote bis zum umfallen und zwar, weil es gesehen wird. jetzt sagst du, Gunnar, du folgst nur qualitätsinhalten, so wie du auch nur qualitätsfernsehen konsumierst (btw, schreib doch mal was über firefly. dein argument, der agitpopblog hätte schon alles niedergeschrieben, gilt nicht mehr, denn der link ist tot.). allerdings bist du nicht der standard, leider.

“geltungsdrang” und “trash-talkshows” sind nur böse worte für das phänomen, was leute dazu bewegt, sich selbst in sozialen netzwerken zu verglasen. im weitesten sinne aber stimme ich Uehlecke zu. und im übrigen: “twittern ist bloggen für arme”… umkehrschluß: bloggen ist qualität! damit wäre dein “naserümpfen”-argument dahin. ;)

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Gunnar Juni 3, 2009 um 19:39

nee, nee, da ist kein lob für’s bloggen impliziert. so meint der das nicht. außerdem hinkt das beispiel mit der quote auf beiden beinen — was bei twitter oder sonstwo im netzt nicht gesehen wird, wird trotzdem produziert. kostet ja nix. und? wie arm ist es, sich über die leutchen zu erheben, die sinnloses für ihre drei bis 10 follower twittern, von denen fünf spambots sind?

und wegen firefly: alles noch da.

http://agitpopblog.org/?p=147
http://agitpopblog.org/?p=149

vollständig. ich habe nichts hinzuzufügen.

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Marjan Juni 4, 2009 um 17:42

nehme deine meinung zur kenntnis. :)

wegen firefly, habe mich auf diesen deinen beitrag bezogen, bei welchem der link tot ist: http://kaliban.de/2006/02/wie-captain-kirknur-mit-nem-kleineren-schiff/
bisschen kleinkariert, die links von vor drei jahren klicken zu wollen, aber vor ein paar tagen stolperte ich drüber.

hoschi Juni 3, 2009 um 23:02

lustig, da regt sich jmd über die Polemik und Verallgemeinerungen eines Herrn Uehlecke auf, intendiert aber besonders in anderen Einträgen dieses Blogs die gleichen Gebaren.

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Jeff Juni 4, 2009 um 09:45

<°-((((< Don’t feed the trolls!

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hoschi Juni 4, 2009 um 10:32

ach was du nicht sagst

Thearcadier Juni 3, 2009 um 23:24

Äh, hoschi? Ich zitiere mal kurz:

Kaliban ist ein vage unfreundliches Weblog mit arrogantem Unterton. Gab es schon als Hildegard Knef noch lebte. Der Submit-Button zerstört bei Verwendung die Nasenscheidewände; der RSS-Feed ist möglicherweise halluzinogen.

Jetzt noch mal explizit für Dich:
Blogs sind meistens (eigentlich immer) subjektiv, da sie die Meinungen und Ansichten des Bloggers widerspiegeln. Bei einem größeren Medium wie der Zeit hätte – auf diesem Artikel bezogen – ein wenig Objektivität gut getan.

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Usakar Juni 4, 2009 um 03:24

Nunja, der auther vergisst ja auch in seinem artikel dass klo wände auch nicht zum spass rumstehen, sondern deren dasein auch nicht ohne reitz und zweck ist.
Datenaustausch damit auch alle klo besucher “in touch” bleiben, bei gleichzeitiger wahrung der anonymität.

Und das alles erreichbar von einer bequemen sitzgelegnheit aus, mit schätzungsweise mehr “acces points” als einwohner in deutschland.

Aber das ist doch letzendlich alles nur heiße luft, leute die gerne morgens beim frühstück, im zug oder von mir auf auf dem klo “print medien konsumieren”.
Oder von mir aus auch leute die es hin und wieder genießen nicht auf bildschirme zu starren werden so oder so nicht sämtliche abos kündigen, nur um den ganzen tag twitter und blogs zu lesen.

Aber ist est nicht lustig wie ein “DIE ZEIT” author seine meinung (nicht gerade subtil) in die aussenwelt hinausbläst, die besagt das dass problem bei webseiten wie twitter uÄ sei das sie subjektiv und ungefiltert seien, wärend er keine gegendarstellung zulässt oder auch wenigstens nur andeutet.

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Styg Juni 4, 2009 um 11:04

Das Zielpublikum der Zeit wird ihm dafür weitgehend applaudieren. Dafür hat er’s geschrieben, und mehr Nährwert hat der Artikel dann meines Erachtens auch nicht – obwohl ich selbst Twitter auch für überbewertet halte. Kann man durch simple Ignoranz lösen.

Zitat: “Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will.”
Das ist richtig. Anzumerken ist aber, dass Portale wie ZEIT.DE und Konsorten schreiben _müssen_ und zwar täglich. Um also bei den Umschreibungen des Autors zu bleiben: Die Content-generierende Zunft ist aus rein geschätlichen Gründen dazu angehalten, ihre täglich erscheinende Klowand immer wieder vollzukritzeln.

Ob dieses “Muss” automatisch soviel besser ist als das “Kann” von Blogs/Microblogs, darf bezweifelt werden. Oft genug endet’s im wortgewaltigen Drüberrutschen. Siehe oben.

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Stephan Juni 4, 2009 um 11:43

Ich find den Zeit-Artikel eigentlich ganz amüsant. Ernst nehmen kann ich den nicht. Wahrscheinlich ist der Author nur stinkig wegen der 140 Zeichen Beschränkung. Schließlich ist so ein durchschnittlicher Zeit-Artikel deutlich länger ;-)

Bloß gut dass es bei Twitter keine Qualitätskontrolle gibt. Mit Unterschichtenfernsehen hat das nix zu tun (immer wieder schön wenn dieser Begriff bemüht wird). Schließlich hat uns die “Qualitäts-”kontrolle des Fernsehens erst die Trash-Talkshows gebracht. Da kann bei fehlende Kontrolle auch mal was richtig gutes rauskommen. Schließlich kann auch ein Klowandspruch amüsant sein.
Tja und bei Twitter gilt wohl wie bei allem anderen auch Sturgeons Law: 90% von allem ist Mist.

Ich hab irgendwie den Eindruck, dass der Schreiber eher Angst vor der Freiheit hat, die Twitter bietet.

Ich werd Twitter jedenfalls erstmal nicht ausprobieren. Da komm ich dann zu gar nix mehr, wenn ich aller 5 Minuten nachschaue, wer wieder was neues getwittert hat.
Momentan ist es eh so gehypt wie Second Life seinerzeit. Haben nicht schon ein paar Regierungen Twitter-Kanäle eingerichtet?

Muss da wieder an den Hype-Zyklus denken. Spiegel-Online hat den ganz gut dargestellt, aber da ist leider twitter noch nicht eingetaktet:
http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,grossbild-722349-443717,00.html

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Groovechampion Juni 4, 2009 um 16:34

Die gemeinte Qualitätskontrolle soll sich, glaube ich, weniger auf Orthographie und Interpunktion beziehen als vielmehr auf das Niveau. Und gegen eine Niveaupolizei solltest Du als deren Gründer wohl am wenigsten haben.

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Gunnar Juni 4, 2009 um 16:39

True. Was ich aber zu sagen versuchte, ist, dass die Qualitätskontrolle sich in der Regel auf Rechtschreibung beschränkt, sich dafür auf die Schulter klopft und das Niveau vergisst. Styg nennt das weiter oben sehr hübsch “wortgewaltiges Drüberrutschen”.

Jetzt wo du’s sagst, sollte ich vielleicht die Niveaupolizei nochmal reaktivieren.

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Yukiru Juni 4, 2009 um 17:02

Twitter scheint auf jedenfall wichtig genug zu sein, um es dem chinesischen Volk vorzuenthalten…
http://www.guardian.co.uk/technology/2009/jun/02/twitter-china

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Traveller Juni 7, 2009 um 13:18

Schöner Beitrag, dem ich in allen Punkten, von der Qualität der ZEIT bis zum Alltag des Redigierens, nur voll zustimmen kann.

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