Der neue alte Journalismus

by Gunnar on 26. August 2009 · 11 comments

“Die Aufgabe des Journalisten ist es, durch den Dschungel der
irdischen Verhältnisse eine Schneise der Informationen schlagen – und den
Inhabern der Macht auf die Finger zu sehen.” (Schneider / Raue, 2006)

Ich äußere mich in diesem Blog, das eigentlich ausdrücklich nicht durch meine berufliche Tätigkeit geprägt sein soll, eher selten zum Thema Journalismus, abgesehen vielleicht von dem einen oder anderen Verweis auf doofe Produkte, kluge Worte oder offenen Wahnsinn. Oder sonstwelchen Anmerkungen. Hm, doch häufiger, als ich dachte. Egal.

Weil man mich neulich fragte, was eigentlich meine “Philosophie” zum “neuen Journalismus” sei und ich für den Vortrag eines US-Kollegen ohnehin etwas halbwegs Zitierfähiges aufschreiben musste, kann ich’s auch gleich der Weltöffentlichkeit zum Besten geben. Aber zurück nochmal zum Eingangszitat — Schneider und Raue sagen im selben Buch auch:

“Der Journalist hat nicht Überzeugungen feilzuhalten oder für Glaubensbekenntnisse zu wüten, sondern Nachrichten zu formulieren und Analysen auszuarbeiten (…) Die Ethik des Journalismus ist eine Service-Moral.”

Das ist korrekt und bleibt korrekt. Wenn wir uns alle immer zu jeder Zeit daran hielten, wären die Texte besser und die Medienblogger arbeitslos. Wohlgemerkt, ich bin schon ein Freund von starken Meinungen, aber eine öffentliche Meinung muss man sich verdienen, durch relevante Positionen, messerscharfe Analysen und — Vertrauen. Ich habe Zeitungen oder Zeitschriften, auch von mir geführte, nie als “Gatekeeper” zum goldenen Land der exklusiven Information verstanden, wir haben immer unsere Aufgabe im Ordnen, Gewichten und Erklären gesehen. Das ändert sich mit den neuen Medien nicht grundsätzlich: Klar muss man sich auf Medienkanäle anpassen, Twitter ist keine Zeitschrift; mobile Webseiten brauchen eine andere Darstellung als Portale, die man mit 1400×1050 ansteuert. Das ändert aber an der journalistischen Herangehensweise nichts — Erklärung, Empfehlung, Ordnung (und ein Schuss Entertainment), das sind und bleiben die Schlüssel zum Erfolg.

Ich sorge mich nicht um den Journalismus. Bedarf gibt es in dieser komplexen Welt genug. Man wird, jetzt und in Zukunft, seine Zielgruppen finden, wenn man Journalismus als Service versteht. Wenn man seinen Lesern objektiv und verständlich die Welt erklärt. Wenn man sich vorurteilsfrei bemüht, die Stärken jedes Medienkanals zu nutzen. Wenn man die Leser ernst nimmt und auf sie hört. Und die Aufmerksamkeit von Zielgruppen lässt sich irgendwie monetarisieren — Paid Content, eCommerce, Leads, Banner-Werbung, Data Mining, Performance Advertising, die Art ist letztendlich egal.

Wer aber denkt, der Elfenbeinturm verwandele sich, wenn man ihn ins Meer wirft, automatisch in ein seetaugliches Schiff, der wird untergehen.

Weiterlesen? Heribert Prantl nimmt sich des Themas in einem langen Text an.

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