September 2009

Nick Hornby: Juliet, naked

by Gunnar on 30. September 2009 · 7 comments

Eine hoch subjektive und keinen konventiellen Literaturkritikregeln folgende Kurzbesprechung des Buches Juliet, naked von Nick Hornby. Mit länglicher Einleitung.

Ich habe, glaube ich, nahezu das gesamte Oeuvre von Herrn Hornby gelesen, chronologisch korrekt nach Erscheinen geordnet. Ich fand Fever Pitch, die Liebeserklärung eines Fußballfans an seinen Club, sensationell frisch und echt und schön und groß und überhaupt. Dann kam das fantastische High Fidelity, eine Jungs-Mädchen-Story, die so viel Wahrheit über Männer enthält, dass ich lange gefordert habe, man möge Frauen das Lesen dieses Buches verbieten. Dann About A Boy, ein nett zu lesendes, aber eher lauwarmes Büchlein über einen unreifen Müßiggänger, der sich in eine alleinerziehende Mutter verliebt. Da dachte ich, nun, einen Ausrutscher kann man sich nach zwei guten Büchern schon mal erlauben.

Aber Pustekuchen: Von da an wurden die Bücher von Mal zu Mal schlechter. How To Be Good drehte nach starken Beginn auf der Mitte in den Schwachsinn; A Long Way Down (wo sich vier potenzielle Selbstmörder zufällig auf dem gleichen Dach mit dem gleichen Plan treffen) und Slam (in dem ein 15jähriger Junge Tony Hawk als imaginären Freund hat) hatten eigentlich großartige, aber so mittelmau umgesetzte Grundideen, die dann nicht über mehr als 100 Seiten getragen haben.

juliet_naked_von_nick_hornbyMittlerweile hatte ich Herrn Hornby schon abgeschrieben. Dann kam Juliet, Naked und ich hab’s nicht mehr gekauft, sondern nur mal so aus Neugier im Buchladen reingelesen. Und hey, ehe ich mich versah, war ich bei Seite 50 und gut unterhalten. Dann musste ich’s natürlich kaufen. Die Geschichte geht so: Duncan, Anfang 40, ist einer von diesen halb in der Pubertät hängengebliebenen Männern, die keiner braucht. Er lebt in einer öden Beziehung mit Annie, hat kaum Freunde und auch sonst nicht viel vorzuweisen. Seine Haupterrungenschaft ist eine von allerlei Spinnern frequentierte Webseite über einen Sänger aus den frühen Achtzigern, der nach vier Platten unter vage mysteriösen Umständen untergetaucht ist und seither keine Musik mehr veröffentlicht hat. Dann kommt eine Art Werkedition seines bekanntesten Albums heraus, und Duncan verfasst auf seiner Seite eine euphorische Kritik. Seine Freundin findet die Scheibe öde, was Duncan, nach eigener Auffassung Experte für dieses Thema, quasi als Blasphemie auffasst und einen ordentlichen Streit vom Zaun bricht. Seine Freundin stellt eine Gegenmeinung auf die Seite, der seit 20 Jahren verschollene Musiker liest sie und meldet sich bei ihr — was sie ihrem Freund verschweigt. Von da an geht’s bergab für Duncan und Annie.

Hornby ist in diesem Buch zurück bei seinen Anfängen: Juliet, Naked ist eine Fangeschichte wie Fever Pitch, eine Musikgeschichte wie High Fidelity — und man glaubt direkt zu merken, dass ihm das Schreiben leicht von der Hand gegangen ist. Die Beobachtungen passen, die Figuren sind plausibel, die Dialoge klingen echt. Verbohrte Männerfiguren sind offenbar Hornbys besondere Stärke — Duncan könnte, wenn man die extremen Ausprägungen seines Fan-Seins ein bisschen abschleift, jeder von uns sein. Annie ist ein bisschen idealisierter, aber in ihrer Frustration über ihr kinderloses Leben ebenfalls glaubhaft. Die Handlung plätschert nur so vor sich hin, ohne wilde Wendungen, bleibt aber interessant. Das Finale ist dann leider ein bisschen unbefriedigend, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Dreikommafünf von fünf Punkten, würde ich sagen, wenn ich was sagen müsste.

Hinweis: Die Werke von Herrn Hornby gibt’s (mit Ausnahme des neuesten) als Taschenbuchausgaben bei Amazon für Kleingeldbeträge zwischen 0,98 und 9,95 Euro. Fever Pitch bekommt man auch als günstige (ab 5,49) Hörbuchedition, gelesen von Peter Lohmeyer.

Wege in die Spieleindustrie

by Gunnar on 29. September 2009 · 17 comments

Altersweiser Ratschlag: Wer sich um eine Stelle in der Spieleindustrie oder den angrenzenden Feldern bewirbt, der darf ruhig ein bisschen forscher sein. Mit Standardanschreiben nach Lehrbuch fällt man in der Masse nicht auf.

Also, jedenfalls erzähle ich auf Nachwuchsveranstaltungen immer angehenden Spiele-Entwicklern, dass sie sich in ihren Bewerbungen was trauen sollen. Und nehme als Beispiel immer meine eigene Geschichte: Ich hatte mich bei GameStar und ein paar anderen Heften Anno 1997 erfolglos beworben und die Karriere im Spielejournalismus schon nahezu abgeschrieben. Da kam plötzlich der PC-Player-Redakteur Volker Schütz in den Spieleladen in Kassel, in dem ich damals jobbte. Ich fasste mir ein Herz und fragte den jungen Mann, was wohl mit mir falsch sein könnte, da mich die Spielepresse nicht einstellen wolle. Volker entgegnete: »War deine Bewerbung originell?« Ich musste zerknirscht einräumen, dass ich ziemlich gestelzten Bewerbungsquatsch verfasst hatte. Wie ich halt dachte, dass man es machen müsse. Wegen Seriösität und so.

Kurzum, mehr war nicht nötig — ich versuchte es bei der nächsten Gelegenheit nochmal, legte dem seriösen, aber halbwegs flott formulierten Anschreiben einen “Test” bei, der im typischen Spielehefte-Layout gestaltet war und mich (mit allerlei Witzchen) bewertete, als sei ich ein Spiel. Und zack! gab es zwei, drei Zusagen. Ich entschied mich für GameStar und dann begann meine Karriere. Bei meinem Freund Niklas war es nicht unähnlich: Der schickte als Bewerbung auf einen Praktikumsplatz eine aufwändig gestaltete Medikamentenpackung mit der Aufschrift »Praktikant Forte — einzusetzen bei innerbetrieblicher Überlastung« an eine Werbeagentur und wurde vom Fleck weg engagiert.

Ich nehme an, dass dieses Prinzip zumindest für alle Medienberufe gilt — wenn man sehr mutig oder originell daherkommt, wird man zumindest eingeladen, weil der Personaler oder Manager einfach wissen will, was das für ein Typ ist, der sich da bewirbt. Und sei es nur zur Abwechslung und wegen des Kuriositätswertes, denn langweilige Bewerbungsgespräche mit ängstlichen oder oder pseudocoolen Aspiranten hat man genug.

Tim Schafer, LucasArts-Veteran und Designer von legendären PC-Spielen wie Day of the Tentacle, hat’s auch so gemacht, wie er auf seiner Webseite darlegt — er hat sich mit einer Art Beschreibung eines Adventure-Spiels beworben, komplett mit krude gezeichneten Bildchen. Lesenswerte Geschichte, angereichert mit Scans der vorangegangenen Ablehnungsschreiben.

tim schafer

With your blood still warm on the ground

by Gunnar on 29. September 2009 · 5 comments

Ein Beitrag aus der Rubrik Montagsmusik. Nur eben ausnahmsweise am Dienstag. Naja. Also: Augen schließen, hinhören, Herzschlag kontrollieren, Hirn leeren. Ahhh.


[The Decemberists – O Valencia]

Sonntags-, achwas: Montagslinks

by Gunnar on 28. September 2009 · 5 comments

Die beliebten Sonntagslinks sind –wahlbedingt — ausnahmesweise auf heute verschoben. Weiterhin gilt: Wer ungewöhnliche oder hilfreiche Webseiten gefunden hat, von denen er glaubt, sie würden sich gut in einer solchen Liste machen, möge mir Bescheid geben.

VIDEO: Für Leute, die dieses Youtube-Dingens eher sporadisch besuchen: 100 Youtube-Kracher in vier Minuten. Und los. ###

VIDEO: Das Lächeln von Barack Obama ist erstaunlich stabil. ###

VIDEO: Der, uh, Apple Store Love Song. Nerd-Zeuch. Aber ein bisschen lustig. ###

TEXT: Petra hat den Flush Mob erfunden. ###

TEXT: Eine kurze Geschichte der potenziellen Google-Killer. ###

TEXT: Kurze Buchkritik mit Beispielen: Die Leiden eines Mitarbeiters von G. W. Bush. ###

TEXT: Sinnvolle Foto-Tipps für Online-Journalisten und andere Hobby-Fotografen. ###

TEXT: Astrid, die Krimiautorin, schreibt über den TV-Sonntag, schwedische Kommissare und den Sperrmüll der Nachbarn. ###

TEXT: Die NYT beschreibt den unglaublichen Stromverbrauch der Gadgets. ###

BILD: Diese Nazi-Deppen können gar nichts, nicht mal zählen. ###

BILDER: Konzeptzeichnunge für die Playstation 4. ###

BILDER: Auf der Jagd nach den Space Invaders. ###

BILDER: 30 hübsche Tilt-Shift-Fotos (das sind die, wo echte Landschaft aussieht wie Spielzeug) in Schwarzweiß. ###

BILDER: Es gibt Situationen, da braucht man vielleicht einen Ehrlichkeitsstempel. ###

BILDER: Hier ist eine Liste mit 45 sehr schönen alte Reiseanzeigen. ###

BILDER: Ahhhhh! In den italienischen Alpen wurde die Leiche eines rosafarbenen Riesenkaninchens gefunden! ###

BLOG: Schöne Fotos von gut angezogenen Menschen gibt’s beim Styleclicker. ###

BLOG: Hatte ich übersehen: Herr Paulsen führt ja ein interessantes Foodblog. ###

TOOL: Zu wenig Kommentare auf deinem Blog? Der Supercommentbot schafft Abhilfe (der Bot ist ein WordPress-Plugin). ###

TOOL: Bau eigene Kunstwerke mit dem Voxel-Art-Generator. ###

TOOL: Der Schwurbelige-Kunstkritik-Generator. ###

DING: Ein, uh, Norweger-Pulli. Immerhin mit einem vernünftigen Muster. ###

DING: Superpotato ist ein Videospiele-Fanzine. ###

GAME: Sehen Sie nicht, dass ich beschäftigt bin? ###

GAME: Dad’n’me ist von den Leuten, die das hübsche Alien Hominid gemacht haben. Falls das wer kennt. ###

Als Rausschmeißer: ein sensationelles Werbevideo. Mehr Kunst als Werbung allerdings.

Bundestagswahl 2009: keine Analyse

by Gunnar on 27. September 2009 · 38 comments

Nur ein paar ungeordnete Gedanken zu den Ergebnissen der heutigen Bundestagswahl.

CDU/CSU: Die CSU geht in den Keller, die CDU merkelt sich so hin — unter’m Strich bleibt das schlechteste Ergebnis seit 1949. Wobei das IMHO allerdings keine wirkliche strukturelle Schwäche ist: Im Grunde ist die Union auf dem Niveau von 1994, nur dass man sich eben entschlossen hat, der FDP 15 Prozent zu leihen anstatt 8. Aber das ist jetzt erst einmal vorbei: In einer schwarzgelben Koalition kann die CDU der FDP wieder die Luft abschnüren. Und trotzdem nebenbei den großen Lordsiegelbewahrer der sozialen Werte geben.

SPD: Sechs Millionen Zweitstimmen weniger als letztes Mal, wo’s auch schon nicht so super aussah. Darunter 1,8 Millionen Wähler, denen man direkt das Wählen insgesamt ausgetrieben hat, was sicher auch für die miserable Wahlbeteiligung mitverantwortlich war. Die SPD bekommt die Quittung für den Verrat an ihren Grundwerten, für ihren übermäßigen Pragmatismus, und ihre hilflose Personalpolitik. Und, ja, auch für einen Wahlkampf, in dem man versucht hat, gleichzeitig die eigene Regierungsarbeit zu loben und sich als wahre Opposition zu verkaufen. Vielleicht kann man jetzt endlich mal darüber nachdenken, ob man den richtigen Vorsitzenden und den richtigen Kandidaten am Start hat.

FDP: 1,2 Mio. Leihstimmen von der CDU, zusätzlich zu denen, die sie schon vorher hatten. Interessant zu sehen, wie sehr die CDU-Anhänger deutlich machen, dass auch sie die große Koalition satt haben. Westerwelle, zuweilen kritisiert für seine Nibelungentreue zur CDU, kann also gar nicht anders — ginge er in eine Ampel, vergraulte er mehr als zwei Drittel seiner Wähler. Vorerst. Ob es nicht auf lange Sicht besser wäre, wenn die FDP flexibler wäre, das weiß nur der Wind. Leihstimmen hin oder her, Westerwelle hat die Wahl gewonnen, jetzt schau’n mer mal, ob die Herren Apotheker wirklich Bildung und Bürgerrechte verteidigen.

lafo2DIE LINKE: In Europa wechseln die Regierungen traditionell von eher sozialdemokratisch zu eher christdemokratisch. Und zurück. Immer wieder. Dabei wirkt eine typische Dynamik: Die »Rechten« bedienen, wenn sie dran sind, ihre Freunde in der Wirtschaft, folgen dem “Wachstum ist alles”-Credo und drehen ein paar gesellschaftliche Werte in Richtung Polizeistaat. Irgendwann wird die Bevölkerung ihrer müde und wählt sie ab. Die »Linken« übernehmen einen wirtschaftlich einigermaßen intakten Staat, bereinigen die schlimmsten Ungerechtigkeiten, bedienen ihre Freunde in den Gewerkschaften und den Wohlfahrtsorganisationen und verteilen ein paar Geschenke. Bis sie wieder abgewählt werden. Doch ist in Deutschland alles anders: Die SPD hat 1998 von der CDU einen Staat im Abschwung und mit Reformstau geerbt und musste, ganz gegen ihre Tradition, selber für die schmerzhaften Reformen sorgen — was man ihnen tendenziell mehr übel nimmt als dem anderen Lager. Und prompt haben wir die größte Krise der Sozialdemokratie seit der Gründung der USPD. Und eine Partei links von der SPD mit über zwölf Prozent. Küchenanalyse, klar, aber hey, an Bordell-Oskar kann’s doch wohl nicht liegen.

DIE GRÜNEN: Zugewinne jaja, ewiges Rekordergebnis oho, aber am Ende ist es nur die Opposition und Platz 5 der Bundestagsparteien. Weil nämlich die Linke auch noch da ist, können die Grünen die SPD nicht so blutleer saugen, wie das die FDP bei der CDU tut. Nichtsdestotrotz sind die Bündnisgrünen für sich genommen eine erfolgreiche Partei, die auch von der wild faselnden Claudia Roth nicht kaputtzukriegen ist, allerdings bleiben sie auf lange Sicht ohne bundesweite Machtoption mangels Koalitionspartner. Eigentlich können sie nur hoffen, dass sie irgendwann allein über 25 Prozent kommen — Juniorpartner bei Rot-Rot zu werden dürfte einer zumindest ansatzweise fortschrittlich und liberal orientierten Mannschaft keinen Spaß machen und von der großstädtischen Manufactumbiokäuferklientel nicht gern gesehen sein.

PIRATEN: Trotz letzter Unstimmigkeiten (der kinderpornoverdächtige Tauss im Allgemeinen, Popps jungfreiheitliche Interviews im Besonderen) schlagen die Piraten das Ergebnis der Grünen von deren erster Bundestagswahl (1980) glatt: 2,0 zu 1,5 Prozent. 845.904 Wählerstimmen insgesamt. Das sieht gut aus, allerdings hätte man, im Lichte der aktuellen Debatte um Zensursula und all den Schäuble-Irrsinn, auch mit drei Prozent rechnen können. Wir werden sehen, ob der orangeschwarze Schmetterling länger als einen Sommer flattert. Zu hoffen wäre es.

Italien, Dollarmilliarden und der Surrealismus

by Gunnar on 26. September 2009 · 13 comments

Erinnert sich noch jemand an die Sache mit den 134 Milliarden Dollar in Bonds und Staatsanleihen, die der italienische Zoll Mitte Juni von zwei Japanern beschlagnahmt hatten?

Falls nicht: Unaufmerksame Kaliban-Leser oder Neuankömmlinge in dieser Welt können den Sachverhalt und meine erfolglose Spekuliererei dazu noch rasch in den Tiefen meines Blog-Archivs nachlesen. Kommt ja nix weg, hier im Internet.

Das US-Schatzamt hat immerhin noch im gleichen Monat erklärt, dass die Papiere definitiv Fälschungen seien. Was aber nicht heißt, dass die Sache irgendwie aufgeklärt wäre, man die flüchtigen Geldkofferjapaner wiedergefunden oder dass sich irgendjemand, beispielsweise ein investigativer Qualitätsjournalist, bemüht hätte, Licht ins Dunkel zu bringen. Ist ja auch egal, ist irgendsoein Finanzmarktding, da weiß man eh nicht, was real und was gefälscht ist.

Rätselhaft genug, nachgerade bizarr wird die Sache aber nun, weil die Italiener offenbar eine Glückssträhne haben — laut einem Bericht des Finanznachrichtendienstes Bloomberg haben die im August nochmal zwei Nasen mit 100 Milliarden Dollar in Bonds geschnappt. Ist da irgendwo ein Nest? Und wieso liest man darüber (quasi) nirgendwo was? Ist das eine bekannte Ente? Gibt’s ein Stillhalteabkommen? Findet das niemand außer mir merkwürdig?

Die Welt an sich wird zunehmend surrealer, fällt mir auf. Vermutlich muss ich in ein paar Jahren zur Vermeidung eines Informationsinfarkts irgendwohin ziehen, wo noch alles in Ordnung ist und das Internet nicht hinreicht.

In die russische Taiga vielleicht.

Killerspielspielchen

by Gunnar on 25. September 2009 · 14 comments

Vielleicht habe ich nicht alles genau beobachtet, aber mir kam es so vor, als ob die Medien, so voyeuristisch ihre “Berichterstattung” bei der gräßlichen Bluttat von Ansbach auch war, sich immerhin im Vergleich zu den vorangegangenen Amokläufen einigermaßen zurückgehalten haben. Auch Vergleiche zu “Killerspielen” wurden kaum gezogen.

Die relative Zurückhaltung der Medien bei der Schuldzuweisung “Killerspiele mache Amokläufer” liegt natürlich auch daran, dass es diesmal aber auch so gar keine Hinweise darauf gab, dass der Täter Videospieler gewesen sein könnte. Andererseits — das Fehlen von Hinweisen hat die Kollegen in den Nachrichtenredaktionen der Boulevardpresse noch nie von vielsagenden Spekulationen abgehalten.

Obwohl, bis zum Boulevard muss man gar nicht gehen, schau’n wir doch mal in die SZ von heute:

Die Kripo rätselt über eine bundesweite Anschlagserie an Autobahnen. In einem Jahr wurden 160 Lastwagen von Schüssen getroffen. Spielen die Täter ein in die Realität übertragenes Ballerspiel? […] Für ein anderes Motiv gibt es keine Hinweise. Die Fabrikate der beschossenen Autos sind so unterschiedlich wie ihre Bestimmungsorte. (Quelle)

Äh ja. Sicher. Wenn’s kein Motiv gibt, muss es wohl so ein irrer “Killerspieler” sein.

Naja, immer noch besser als Ex-Ministerpräsident Beckstein, der vor ein paar Tagen mal wieder ohne Not und Sachverstand folgendes behauptet hat:

Das Spiel Counter-Strike wurde von der US-Army entwickelt, um die Gewaltschwelle bei den Soldaten herabzusetzen. Derartige Spiele gehören nicht nur zensiert, sondern verboten! (Quelle)

Irgendwann kriege ich mal raus, wer dem armen ahnungslosen Politrentner diesen Bären aufgebunden hat. Ich vermute schon lange, dass irgendwo, vielleicht in Bonn, eine gehässige Consultingagentur voller frustrierter älterer Herren sitzt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst vielen Politikern möglichst viele bekloppte Standpunkte einzublasen. Um zu demonstrieren, dass die Berliner Republik nicht funktioniert, vielleicht. Oder um sich am Establishment zu rächen. Oder sonstwas. Ach.

iPhone-Kaliban-WordPress-Plugin-Dings

by Gunnar on 24. September 2009 · 9 comments

Kurzer Hinweis in eigener Sache: Dank meines reizenden Kollegen Andreas, der mich auf das gloriose WordPress-Plugin WP Touch aufmerksam machte, gibt’s www.kaliban.de ab eben für die Nutzer von iPhone, iPod Touch und diesen googeligen Android-Geräten auch in einer aufgeräumten Smartphone-Version. Enthält alles, was auf der normalen Website auch drauf ist, Profisurfer können aber (am unteren Ende der Seite) auf die Vollansicht zurückschalten.

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Und alle so: “Whoa!” (Minutenlange Welle! Handflächenzerfetzender Applaus! “Ich will ein Kind von deinem Blog”-Schilder werden hochgehalten!)

Es ist wahr: Mit WordPress kann jeder cool sein.

Herr Kaliban gegen das Möbelhaus

by Gunnar on 24. September 2009 · 20 comments

Ich habe neulich meine Kontoverbindung gewechselt, immer noch eines der großen Abenteuer des modernen Lebens. Von den gut 30 Firmen, die über Einzugsermächtigungen Zugriff auf mein Konto haben, vergaß ich zwei zu benachrichtigen, weil ich von ihnen nur selten Rechnungen bekomme.

Firma 1, ein Hamburger Verlag, versuchte, die Abogebühr für ein Nachrichtenmagazin einzuziehen, scheiterte, weil das betreffende Konto aufgelöst ist und schrieb mir diesbezüglich einen freundlichen Brief, in welchem um meine neue Kontoverbindung gebeten wurde. Man bedaure, aber man müsse mir wegen der entstandenen Kosten leider 3,50 Euro Gebühr berechnen.

Firma 2, ein, uh, skandinavisches Möbelhaus mit vier Buchstaben, versuchte, die Bezahlung für einen Kleineinkauf einzuziehen, scheiterte, weil das betreffende Konto aufgelöst ist und schrieb mir diesbezüglich einen freundlichen Brief, in welchem um meine neue Kontoverbindung gebeten wurde. Man bedaure, aber man müsse mir wegen der entstandenen Kosten leider 35,- Euro Gebühr berechnen.

Äh, WTF? Einmal kostet das 3,50, einmal 35 Euro? Spinn’ ich?

Ich neige nun gegenüber Firmen und Behörden, die mich verscheißern wollen, zum Jähzorn und entwickle in solchen Fällen einen brennenden Ehrgeiz. Ich schrieb dann folgenden Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich fordere Sie auf, mir kurz und formlos zu erklären, warum mein am 15.7.2009 um 20:13 an die Faxnummer xxxxxxxx versandtes Schreiben, das meine neuen Kontodaten und die Bitte um Aktualisierung enthielt, offenkundig nicht bearbeitet wurde, sodass es zu dem unnötigen Versuch einer Abbuchung von meinem erloschenen Konto kam.

Unabhängig von der Klärung der eingangs gestellten Frage bezüglich meines Faxes, weise ich Sie in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Sie laut Entscheid vom LG Dortmund, 25.5.07, AZ 8 O 55/06 keine pauschalisierten Personalkosten berechnen, sondern nur real entstandene Kosten weiter geben dürfen. Ich setze Ihnen hiermit eine Frist bis zum 31.8.2009, um entweder die Ihnen entstandenen Kosten zu dokumentieren oder die Gebühr neu festzusetzen.

Der guten Ordnung halber möchte ich zuletzt noch anmerken, dass mich Ihr Schreiben am 12.8.2009 erreicht hat, Sie aber eine Antwortfrist bis zum 15.8 setzen — abzüglich des zu kalkulierenden Postlaufs für die Antwort und angesichts der Tatsache, dass Arbeitnehmer gemeinhin erst abends Gelegenheit haben, ihre Briefpost zu kontrollieren, ist das eine Frist von zwei Werktagen. Das ist nach aktueller Rechtssprechung nicht illegal, aber deutlich unangemessen. Ich empfehle Ihnen, im Sinne der Kundenfreundlichkeit und des Images der Firma xxxx, in deren Auftrag Sie handeln, Ihre Politik in dieser Sache zu überdenken.

Mit freundlichem Gruße,

Gunnar L., Journalist

Das erste, das mit dem Fax, das war natürlich ein Bluff — aber hey, sollen die Spacken doch ruhig mal bei sich suchen. Das zitierte Gerichtsurteil ist aber korrekt, die übliche Politik, bei fehlgeschlagenen Lastschriften Fantasiegebühren anzusetzen, dürfte vor Gericht keinen Bestand haben. Außerdem enthält das Schreiben die üblichen Sachen, um Firmen zu ärgern — eine Fristsetzung, eine Aufforderung zur Dokumentation von entstandenen Kosten sowie das drohende Wort “Journalist” neben der Signatur. So.

Innerhalb der Frist kam die Antwort, dass man auf die komplette Forderung verzichte, weil ich ein “guter und langjähriger Kunde” sei.

Aha.

Das Gandhi/Stalin-Problem

by Gunnar on 23. September 2009 · 17 comments

Wenn unsere Tochter, das Goldkindtm, nach ihrem Mittagsschlaf aufsteht, dann wachsen ihr Engelsflügel — lauten Meinungsäußerungen abhold, schwebt sie durch die Räume, hat für Kater&Mutter&Vater immer ein Lächeln, beteiligt sich an Spielen, hebt Dinge auf, die ihr runter fallen, freut sich über Kleinigkeiten, erprobt ihre Sprachfertigkeiten an neuen Sätzen, singt, tanzt, wirft Kusshände, badet in überirdischem Licht. Und so weiter.

Außer manchmal.

Manchmal steht sie nach dem Mittagsschlaf auf und hat eine Laune wie Sauron bei Sonnenschein. Dann bekommt sie minutenlange Wutanfälle, wenn man ihr das Messer entwindet, mit dem sie auf den Kater losgehen wollte. Dann lehnt sie Nahrung, Getränke, Musik und Spielzeug ab. Dann experimentiert sie vornehmlich mit den psychoakustischen Eigenschaften von zerbrechlichen Gegenständen. Tritt Löcher in die Wand. Bekommt eine grüne Hautfarbe. You get the picture.

Es ist uns nicht gelungen, herauszufinden, wo der Schalter ist, mit dem Gott bei ihr zwischen den Modi umschaltet. Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.

*Seufz*.

Followerpower: Podcasts

September 21, 2009

Ich hatte kürzlich akuten Podcast-Mangel und bat meine Twitter-Follower, mir welche zu empfehlen. Daraufhin hagelte es Tipps. Ich möchte die Empfehlungen hiermit gern weitergeben.

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The Old World Has Eyes

September 21, 2009

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