Als hätten wir nicht genug Manifeste

by Gunnar on 7. September 2009 · 14 comments

Och. Nun. Ja. Jetzt haben wir also auch noch ein Internet-Manifest. Welches aber dann doch kein Internet-Manifest ist, sondern eine Art Thesensammlung zum Onlinejournalismus. Verfasst von einer Handvoll Blogger und freier Journalisten, mehrheitlich wohnhaft in Berlin.

Grundsätzlich wegen der Signalwirkung lobenswert, sowas mal in die Welt zu setzen. Ich stimme mit den meisten Sachen auch so grob überein — die Punkte 12./14. standen erst neulich bei mir im Blog auch sehr ähnlich, wenn auch vielleicht ein bisschen weniger flappsig formuliert.

Das Formulieren ist überhaupt das Problem — die “Thesen” lesen sich so dahingefaselt, ohne rechten Griff und sinnvollen Aufbau. Alles sehr jaja und kennenwirschon und werhatwasanderesgesagt. Zudem ist der Text an vielen Punkten auch ein bisschen weltfremd oder verallgemeinernd, denn, bei aller Liebe, das Netz ist (noch?) nicht das Zentrum aller Dinge. An dieser Hybris leidet auch die (teilweise mitunterzeichnende) deutsche A-Blogger-Szene, was in my humble opinion einer der Gründe ist, warum es in Deutschland mit den Blogs nicht recht vorangeht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nachgerade ärgerlich ist aber natürlich, dass da Leute vom “Qualitätsjournalismus” reden, die dann so Schwachsinnssätze wie “Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet” verbrechen — ein bisschen mehr Gegenlesen hätte da ganz gut getan. So wird das nix mit der Qualität, meine Herren.

Und irgendwie könnte ich die ganze Sache ernster nehmen, wenn sie nicht von einer kleinen elitären Gruppe im stillen Kämmerlein zusammengebastelt worden wäre, sondern man sich irgendwie der Techniken dieses Internets bedient hätte, um möglichst viele Journalisten an der Entstehung zu beteiligen. Man hätte auch mal versuchen können, Wege zu einer besseren Zukunft aufzuzeigen. Man hätte versuchen können, dezidiert Gegenpositionen zu denen der Verlage aufzuschreiben. Aber man hat sich damit begnügt, ein paar Allgemeinplätze in Werbetextersprache zusammenzuklopfen, um zu zeigen, wie wahnsinnig Avantgarde man selber ist und wie gestrig die anderen sind. Schade nur, dass ich jetzt meine Meinung über ein paar Leute revidieren muss, namentlich Stefan Niggemeier, die ich bislang für schlaue Köpfe gehalten habe.

Zum Weiterlesen: vielleicht hier oder hier oder hier oder hier.

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Ralf September 7, 2009 um 22:23

Dass die Autoren sich auf “die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt” beziehen und dann nicht wenigstens eine Handvoll Mit-Initiatoren aus Frankreich, Spanien, Italien etc. gewinnen konnten (sofern sie das überhaupt versucht haben), ist im Zeitalter weltweiter Vernetzung etwas trist, oder? Das Manifest scheint mir jedenfalls ein typisch deutsches Oberlehrer-Thema zu sein.

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ALF September 7, 2009 um 22:29

Das schlägt aber ganz schön hohe Wellen. Dafür das es wie in fünf Minuten, von einem der Journalisten, auf dem Klo geschrieben wirkt.

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Flanders September 8, 2009 um 10:31

Naja, es schlägt deswegen hohe Wellen, weil es eben von den A-Bloggern kommt und damit auch auf A-Blogs verbreitet wird.

Im großen und ganzen halte ich es für ziemliches Geschwurbel mit zuviel Pathos und zuwenig Ehrlichkeit. Ich meine: Die Freiheit des Internet ist unantastbar – ja, deshalb bin ich mit deutscher IP auch auf hulu.com nicht erwünscht.

Für mich ist es am Ende nur – wieder – eine Selbstdarstellung der ach so professionellen Blogger mit Zeigefinger auf die Online-Newsseiten. Dabei hat dieser nervige Grabenkrieg zwischen Bloggern und Journalisten ohnehin nur noch in deren Köpfen Relevanz. Der User entscheidet selbst wo er hinklickt – anstatt sich gegenseitig die Federn vom Kopf zu klauen, sollten deshalb allesamt lieber mal ihre guten Vorsätze umsetzen.

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ingo September 8, 2009 um 11:09

Im netzpolitik.org-Wiki kann man das Manifest jetzt auch weiterbearbeiten. http://netzpolitik.org/wiki/index.php/Internet_Manifest

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Michael September 8, 2009 um 13:03

Dieses Manifest soll (und wird) außerhalb der Blogosphäre vermutlich nichts bewirken. Weder unerfahrene Internetnutzer, noch die wohl adressierten Internet-Ausdrucker werden sich davon beeindrucken lassen. Texte dieser Art werden gemeinhin von Unternehmensberatern als “Vision” entworfen und von der Belegschaft mangels Verständnis und Bodenhaftung mit Kopfschütteln bedacht.

Erfahrene Internetnutzer sind wohl nicht adressiert, denn die verfügen meist über netzdienliche Meinungen und Ansichten.

Substanzlose Allgemeinplätze, leider. Doch der Anfang ist gemacht. Eventuell lässt sich aus diesem Geschwurbel etwas Nützliches destillieren, mit dem der gemeine Surfer tatsächlich etwas anfangen kann. Denn es sind nicht die zwei Millionen Internetversteher, die die Geschicke unseres Landes durch ihr Kreuz beeinflussen. Es sind die sechzig Millionen netzaversen Menschen, die ihresgleichen in entscheidende Positionen wählen (…so sie denn wählen).

Der Schlüssel heißt “Medienkompetenz”. Statt verklausulierter Nichtigkeiten hätte ich mir eher etwas in Richtung “10 Schritte zum informierten Bürger: Netz schlägt Lobby” gewünscht. Da kämen “Urheberrecht” und “Qualitätsjournalismus” etc. als Resultate quasi nebenbei heraus.

Noch ist nichts verloren. Besser so, als vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen! ;-)

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Ben September 8, 2009 um 15:46

Vom historischen Kampf zwischen gut gemeint und gut gemacht einmal abgesehen… ich denke das Hauptproblem bei solchen Dingern ist die vollkommen überschätzte Aussenwirkung.
Hin und wieder täte es gut sich bewusst zu machen, dass das Internet selbst für aktive Nutzer oft aus wenig mehr als T-Online, Youtube, Amazon und E-Mail besteht und viele Menschen auch in den kommenden Jahren kaum darüber hinaus wachsen werden, sei es aus Mangel an Zeit, Interesse oder Bildung.

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noch ein Markus September 8, 2009 um 16:43

wer oder was ist die “deutsche A-Blogger-Szene”?

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Norathia September 9, 2009 um 02:54

Niggermeier, Lobo und co, also die Herrschaften, die auch ab und an mal im TV ihre Meinung kundtun dürfen und offenkundig die heißen Tage im Sommer nicht gut vertragen haben. Anders kann ich mir nicht erklären, wie man auf so ‘ne Idee kommen kann — pure Selbstüberschätzung, das triffts. Von professionellen Journalisten und PR-Leuten erwarte ich aber, dass da mehr bei rumkommt als diese Allgemeinplätzchen, teils an den Haaren herbeigezogen.

Ohnehin frag ich mich, an wen sich das Teil richten soll und was der tiefere Sinn ist? ‘Ne Art Leitfaden für qualitativen Journalismus, Diskussionsgrundlage? Aufs Fernsehen übertragen wäre es meiner Meinung nach vergleichbar, wenn Phonix einen Aufruf für ein qualitativ hochwertigeres Programm startet…

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noch ein Markus September 9, 2009 um 15:07

der Lobo der mit seinem roten Hahnenkamm vodafone Werbung macht und in irgendeinem SPD Gremium sitzt?

ahaa …

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Styg September 9, 2009 um 10:23

Jetzt steht die ganze Kritelei schon so wunderbar auf den Punkt gebracht im Blog als auch den Kommentaren über diesem hier, aber ein bischen was habe ich dazu auch noch:

Ein Manifest ist oder sollte sein eine Absichtserklärung, publiziert werden dann aber 17 Thesen. Nun sind Behauptungen wenig wert, wenn sie nicht als Ausgangspunkt zur Widerlegung oder Bestätigung genutzt werden. Gut, mag’ ja noch kommen, leider zeichnen sich diese Thesen nicht gerade durch inhaltliche Substanz aus. Die meisten der aufgeführten Punkte sind nicht einmal Thesen, sondern schlichte Aussagesätze! Das ist den Autoren selbstverständlich bewußt, schließlich liefern sie hochreflektierten Qualitätsjournalismus ab, ganz klar. Vielleicht haben sie aber auch augenzwinkernd und mit einer gewissen Dosis Selbstdarsteller-Blues lediglich Meinungen publiziert, um dann zu sehen, ob die werte Leserschaft ihrem Pawlow’schen Reflex folgend genauso jubelnd und klatschend den elitären Szenegrößen zustimmt. Wie sie’s bei der Bildzeitung eben auch tun.

Lese ich mir die Kommentare durch, ist das in weiten Teilen der Fall. Damit ist diese Aktion fast schon absurd selbstironisch. “Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.” Aha. Das “Mir san mir” für den modernen Blogger, oder wie?

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grobi September 9, 2009 um 14:49
Groovechampion September 10, 2009 um 13:14

Typisch Berliner Größenwahn, inhaltsleer und wichtig wie die U55. Wenn soetwas in den traditionellen Medien verbreitet würde, so wäre Herr Niggemeier sicher der erste, der die verantwortliche Person in seiner Feuilleton Kolumne in der FAS auseinandernehmen würde. ” Journalismus muss … den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.” Na dann: los!

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