Nick Hornby: Juliet, naked

by Gunnar on 30. September 2009 · 7 comments

Eine hoch subjektive und keinen konventiellen Literaturkritikregeln folgende Kurzbesprechung des Buches Juliet, naked von Nick Hornby. Mit länglicher Einleitung.

Ich habe, glaube ich, nahezu das gesamte Oeuvre von Herrn Hornby gelesen, chronologisch korrekt nach Erscheinen geordnet. Ich fand Fever Pitch, die Liebeserklärung eines Fußballfans an seinen Club, sensationell frisch und echt und schön und groß und überhaupt. Dann kam das fantastische High Fidelity, eine Jungs-Mädchen-Story, die so viel Wahrheit über Männer enthält, dass ich lange gefordert habe, man möge Frauen das Lesen dieses Buches verbieten. Dann About A Boy, ein nett zu lesendes, aber eher lauwarmes Büchlein über einen unreifen Müßiggänger, der sich in eine alleinerziehende Mutter verliebt. Da dachte ich, nun, einen Ausrutscher kann man sich nach zwei guten Büchern schon mal erlauben.

Aber Pustekuchen: Von da an wurden die Bücher von Mal zu Mal schlechter. How To Be Good drehte nach starken Beginn auf der Mitte in den Schwachsinn; A Long Way Down (wo sich vier potenzielle Selbstmörder zufällig auf dem gleichen Dach mit dem gleichen Plan treffen) und Slam (in dem ein 15jähriger Junge Tony Hawk als imaginären Freund hat) hatten eigentlich großartige, aber so mittelmau umgesetzte Grundideen, die dann nicht über mehr als 100 Seiten getragen haben.

juliet_naked_von_nick_hornbyMittlerweile hatte ich Herrn Hornby schon abgeschrieben. Dann kam Juliet, Naked und ich hab’s nicht mehr gekauft, sondern nur mal so aus Neugier im Buchladen reingelesen. Und hey, ehe ich mich versah, war ich bei Seite 50 und gut unterhalten. Dann musste ich’s natürlich kaufen. Die Geschichte geht so: Duncan, Anfang 40, ist einer von diesen halb in der Pubertät hängengebliebenen Männern, die keiner braucht. Er lebt in einer öden Beziehung mit Annie, hat kaum Freunde und auch sonst nicht viel vorzuweisen. Seine Haupterrungenschaft ist eine von allerlei Spinnern frequentierte Webseite über einen Sänger aus den frühen Achtzigern, der nach vier Platten unter vage mysteriösen Umständen untergetaucht ist und seither keine Musik mehr veröffentlicht hat. Dann kommt eine Art Werkedition seines bekanntesten Albums heraus, und Duncan verfasst auf seiner Seite eine euphorische Kritik. Seine Freundin findet die Scheibe öde, was Duncan, nach eigener Auffassung Experte für dieses Thema, quasi als Blasphemie auffasst und einen ordentlichen Streit vom Zaun bricht. Seine Freundin stellt eine Gegenmeinung auf die Seite, der seit 20 Jahren verschollene Musiker liest sie und meldet sich bei ihr — was sie ihrem Freund verschweigt. Von da an geht’s bergab für Duncan und Annie.

Hornby ist in diesem Buch zurück bei seinen Anfängen: Juliet, Naked ist eine Fangeschichte wie Fever Pitch, eine Musikgeschichte wie High Fidelity — und man glaubt direkt zu merken, dass ihm das Schreiben leicht von der Hand gegangen ist. Die Beobachtungen passen, die Figuren sind plausibel, die Dialoge klingen echt. Verbohrte Männerfiguren sind offenbar Hornbys besondere Stärke — Duncan könnte, wenn man die extremen Ausprägungen seines Fan-Seins ein bisschen abschleift, jeder von uns sein. Annie ist ein bisschen idealisierter, aber in ihrer Frustration über ihr kinderloses Leben ebenfalls glaubhaft. Die Handlung plätschert nur so vor sich hin, ohne wilde Wendungen, bleibt aber interessant. Das Finale ist dann leider ein bisschen unbefriedigend, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Dreikommafünf von fünf Punkten, würde ich sagen, wenn ich was sagen müsste.

Hinweis: Die Werke von Herrn Hornby gibt’s (mit Ausnahme des neuesten) als Taschenbuchausgaben bei Amazon für Kleingeldbeträge zwischen 0,98 und 9,95 Euro. Fever Pitch bekommt man auch als günstige (ab 5,49) Hörbuchedition, gelesen von Peter Lohmeyer.

{ 6 comments… read them below or add one }

Leave a Comment

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: