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Wege in die Spieleindustrie

29. September 2009

in Altherrenweisheiten

Wege in die Spieleindustrie

Altersweiser Ratschlag: Wer sich um eine Stelle in der Spieleindustrie oder den angrenzenden Feldern bewirbt, der darf ruhig ein bisschen forscher sein. Mit Standardanschreiben nach Lehrbuch fällt man in der Masse nicht auf.

Also, jedenfalls erzähle ich auf Nachwuchsveranstaltungen immer angehenden Spiele-Entwicklern, dass sie sich in ihren Bewerbungen was trauen sollen. Und nehme als Beispiel immer meine eigene Geschichte: Ich hatte mich bei GameStar und ein paar anderen Heften Anno 1997 erfolglos beworben und die Karriere im Spielejournalismus schon nahezu abgeschrieben. Da kam plötzlich der PC-Player-Redakteur Volker Schütz in den Spieleladen in Kassel, in dem ich damals jobbte. Ich fasste mir ein Herz und fragte den jungen Mann, was wohl mit mir falsch sein könnte, da mich die Spielepresse nicht einstellen wolle. Volker entgegnete: »War deine Bewerbung originell?« Ich musste zerknirscht einräumen, dass ich ziemlich gestelzten Bewerbungsquatsch verfasst hatte. Wie ich halt dachte, dass man es machen müsse. Wegen Seriösität und so.

Kurzum, mehr war nicht nötig — ich versuchte es bei der nächsten Gelegenheit nochmal, legte dem seriösen, aber halbwegs flott formulierten Anschreiben einen “Test” bei, der im typischen Spielehefte-Layout gestaltet war und mich (mit allerlei Witzchen) bewertete, als sei ich ein Spiel. Und zack! gab es zwei, drei Zusagen. Ich entschied mich für GameStar und dann begann meine Karriere. Bei meinem Freund Niklas war es nicht unähnlich: Der schickte als Bewerbung auf einen Praktikumsplatz eine aufwändig gestaltete Medikamentenpackung mit der Aufschrift »Praktikant Forte — einzusetzen bei innerbetrieblicher Überlastung« an eine Werbeagentur und wurde vom Fleck weg engagiert.

Ich nehme an, dass dieses Prinzip zumindest für alle Medienberufe gilt — wenn man sehr mutig oder originell daherkommt, wird man zumindest eingeladen, weil der Personaler oder Manager einfach wissen will, was das für ein Typ ist, der sich da bewirbt. Und sei es nur zur Abwechslung und wegen des Kuriositätswertes, denn langweilige Bewerbungsgespräche mit ängstlichen oder oder pseudocoolen Aspiranten hat man genug.

Tim Schafer, LucasArts-Veteran und Designer von legendären PC-Spielen wie Day of the Tentacle, hat’s auch so gemacht, wie er auf seiner Webseite darlegt — er hat sich mit einer Art Beschreibung eines Adventure-Spiels beworben, komplett mit krude gezeichneten Bildchen. Lesenswerte Geschichte, angereichert mit Scans der vorangegangenen Ablehnungsschreiben.

tim schafer

[Schamlose Werbung am Beitragsende: Mein Arbeitgeber, die IDG Entertainment, veranstaltet am 24.10. in München eine Konferenz für Spiele-Entwickler-Nachwuchs]

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{ 12 comments… read them below or add one }

1 D@mien 29. September 2009 um 21:23

Recht ähnlich habe ich es vor über zwei Jahren auch gemacht. Alle möglichen Spielezeitschriften Deutschlands angeschrieben, hier und da ein paar Zusagen bekommen, dann das beste Angebot ausgesucht.

Letztendlich war es ein bisschen risky, doch es hat sich ausgezahlt. Drei Jahre Onlineredaktion + Jahrespraktikum für einen Hungerlohn (nichts) waren langsam auch mal gut…

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2 vafal 29. September 2009 um 21:44

Tja, jetzt würde ich aber gerne den Spieletest zu Gunnar Lott lesen… Gibts den noch? Oder bekommt der heute keine Freigabe mehr?

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3 Gunnar 29. September 2009 um 22:38

Finde ihn nicht mehr, glaube ich.

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4 ingo 30. September 2009 um 00:09

Das lustige ist ja, dass ich vor einigen Jahren die Idee hatte, mich mit einem Selbsttest-Artikel bei der Gamestar zu bewerben. Gemacht habe ich das dann nie, weil ich das doch für zu “albern” hielt – und nagut, weil mir auch nicht wirklich viel Spannendes über mich eingefallen ist außer mir im Bereich Grafik eine… 8… zu geben (bescheiden, nicht wahr?).

Aber ist denn Spielejournalist wirklich so ein Traumjob? Ich merke, wie ich immer weniger Lust habe mich in Spiele reinzudenken, ich immer weniger in den Flow komme. Und wenn man täglich beruflich mit Spielen umgeben ist, wird man ihrer dann nicht überdrüssig? Will man zum Spaß bzw. kann man dann noch nur zum Spaß spielen? Funktioniert der Eskapismus dann überhaupt noch?

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5 Marjan 30. September 2009 um 00:57

ich nehme an, daß du ja so viel scheiße testen mußt, daß du dich zur entspannung auf die spiele stürzt, die dir wirklich spaß machen. du mußt nicht auf schöne screenshot-motive achten, dir keine sorgen machen um videoaufnahme-programme, nicht alternative lösungswege ausprobieren, nicht die frei-speicher-funktion testen… spiele zu testen ist wohl schon eher arbeit.
sag ich als geschichtsstudent. ;)

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6 Gunnar 30. September 2009 um 09:28

@ingo: was 1998 nicht albern war, mag heute albern sein.

@marjan: das analytische ist schlimmer — ich konnte mass effect und auch bioshock nicht voll genießen, weil ich jeden augenblick gesehen habe, wo die entwickler kompromisse machen musste, wo was fehlte, wo was anders geworden ist als es werden sollte.

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7 Marjan 30. September 2009 um 11:35

was also noch spielen? die wirklich gelungenen und durchdachten spiele? oder die, die einem subjektiv trotz aller macken einfach freude bereiten? kannst du denn deinen analytischen verstand abstellen beim spielen, oder ist der schon zur berufskrankheit geworden?

8 FloGaming 30. September 2009 um 15:35

Sehr interessanter Beitrag. Ich würde mich freuen, wenn der Beitrag einen Festen Platz (Oben bei den Seiten (Irisches Tagebuch,etc.)) bekommt, da wahrscheinlich viele Leser Intresse an “Wege in die Spieleindustrie” haben.

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9 Sumo 30. September 2009 um 16:16

Fragt sich nur, ob es so bestrebenswert ist einen job in der Spielebranche zu bekommen. Schlechte Bezahlung, mörderische Arbeitszeiten und Überstunden, mehrere hundert Games Academy Absolventen in den Startlöchern, die nur zu gerne Deinen Job hätten, daraus resultierend die Tatsache, dass man die Missstände mal lieber nicht zur Sprache bringt und gute Miene zum bösen “Spiel” macht. Zu guter Letzt: Dein schöner Job kann von heute auf morgen futsch sein, da im Moment viele Studios dicht machen (siehe Replay und Ascaron).
Aber was tut man nicht alles für ein wenig Selbstverwirklichung.

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10 ingo 30. September 2009 um 18:30

Das ist allerdings bei jedem Job so un d sicherlich nicht exklusiv nur in der Spielebranche so.

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11 Lord Quinex 30. September 2009 um 17:44

Naja, aber es gehen ja auch viele andere Firmen pleite, ich denke das betrifft jetzt nicht nur die Spieleindustrie, die ja eigentlich immer weiter wächst.

Und mit schlechter Bezahlung und Überstunden hat man doch ebenfalls in viele anderen Jobs mit denen man anfängt zu kämpfen. Selbtverwirklichung hingegen ist ein ziemlich gutes Argument.

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12 Jan 30. September 2009 um 20:16

Super Tipp, vielen dank. Ich Plädiere auch für eine Aufnahme ins Best-of und eigentlich ist das doch auch was für die Berufsgeheimnisse, oder?

-jan

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