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Beef! — eine Art Heftkritik

19. Oktober 2009

in Die Doofheit der Medien

Beef! — eine Art Heftkritik

Man muss die Damen und Herren von Grunerundjahr ja grundsätzlich loben, weil sie auch jetzt, wo die meisten Printmedienmacher in klapprigen Seifenkisten ohne Anschnallgurt den Berg hinunter und auf diese Mauer unten im Tal zurasen, noch so viel Vertrauen in ihr Geschäftsmodell haben, dass sie auf einen Schlag gleich drei neue Zeitschriften herausbringen: Beef!, Business Punk und Gala Men. Alle für Männer, überraschenderweise.

Ob sie sich mit dem, was sie da auf den Markt geworfen haben, einen Gefallen tun, muss die Zeit erweisen. Ich jedenfalls habe wenigstens Beef! mal testhalber gekauft, was ein handfester Akt von verlagsübergreifender Solidarität ist, denn das Blatt kostet knapp zehn Euro — und es liegt nicht mal ein Kleinwagen dabei.

beef coverGroßverlage denken, was mir schon seit langem schräg vorkommt, in Zielgruppen, nicht in Themen. Man macht also nicht einfach eine gute Zeitschrift für über’s Kochen, die dann bestimmt Leuten gefällt, die gern gut essen und mit vernünftigen Zutaten arbeiten, sondern, huh, ein rock&rolliges Kochmagazin für Männer. Für Männer mit Geld, natürlich. Und legt gleich die Karten im Editorial auf den Tisch — der Chefredakteur fabuliert uns vor, er habe das Heft für seinen Freund “Christoph” erdacht. Bei Grunerundjahr, muss man wissen, denkt man nicht nur gern in groben Zielgruppenrastern, sondern stellt sich bizarrerweise die Idealzielgruppe auch noch personifiziert* vor. Und dieser Christoph ist eben so, wie man den Leser wohl gerne hätte: Mann, 42, Hamburg, stinkt vor Geld, findet nicht-selbstgemachte Nudeln prinzipiell öde, hat Kinder und Frauen nicht gern in der Küche, kocht auf hohem Niveau, streitet mit Freunden über die Vorteile und Nachteile von Induktion und Gas. Puh. Ein arroganter Großstadtfatzke offenbar.

Da möchte man gleich das Heft zuklappen und an den Verlag unfrei zurücksenden, mit dem Vermerk “Zielgruppe verfehlt”.

Wenn man dann liest und blättert, relativiert sich der erste Eindruck. Aber nicht gleich: Erstmal muss man zwar über das irgendwie stylishe, aber krass unübersichtliche Inhaltsverzeichnis hinweg und dann auch noch die anstrengende Mischung aus Kuriositäten und Schleichwerbung aus dem Weg blättern, mit der Blattmacher immer gerne beginnen, um die Götter der Heftdramaturgie zu besänftigen. Dann, wir sind schon auf Seite 35, kommt der erste richtige Artikel, immerhin eine volle Seite Text. Dann die Titelgeschichte, eine Art Suche nach dem besten Steak der Welt, einigermaßen originell als Turnier aufgemacht: In Runde 1 wirft Frankreichs Charolais Argentiniens Filet raus, dann das Halbfinale, Finale und am Ende hat das Hereford Rib-Eye aus Irland gewonnen. Bisschen dünn inhaltlich, kann man aber machen. Es folgen aufwändig inszenierte Fotos von teuren Messern, Tipps für die Gründung eines Männerkochclubs (wtf?), eine wirklich schöne Strecke über (eher zu simple) Saucen, ein toll erklärtes Sechsgangmenü mit Rausklappseiten, weitere Rezepte, weitere Artikelchen, eine surreale Sache über Männerkochclubs, ein Interview über die Frage, wie sexy kochende Männer sind (bebildert mit nackten Frauen, damit auch niemand vergisst, dass Beef! eine Veranstaltung für Jungs ist), ein bisschen Wissen, schöne Fotos allüberall und eine interessante Reportage über den Tsukiji-Markt in Tokio.

Insgesamt wäre es gar kein schlechtes Heft, und für eine Erstausgabe sogar ziemlich gut, wenn die Attitüde nicht so albern wäre: Unerträglich die “humorige” letzte Seite, wo die Unterschiede von Männern und Frauen beim Kaffee-machen beschrieben werden und der Mann der Pedant ist, der seine Bohne quasi einzeln mit dem Bunsenbrenner röstet, während die Frau einfach doof ein Pad in die Maschine haut und sich nebenbei die Nägel lackiert. Haha. Mir ist nicht klar, warum dieses ganze Zielgruppending immer mit dem Holzhammer daherkommen muss, immer mit diesem Anbiedern, mit diesem “Hey, wir sind wie ihr”. Den Jungs von 11Freunde gelingt es doch auch, ein Fußballheft für Männer zu machen und dabei Sujet sowie Zielgruppe gleichzeitig ernst zu nehmen und liebevoll zu ironisieren.

Irgendwer muss den Leuten, die da in Hamburg in ihrem Raumschiff von einem Bürogebäude sitzen, mal erzählen, dass nicht alle Leute draußen in Deutschland so sind wie ihre Bekannten aus der Medien- oder Werberszene, mit denen sie sich im Starbuck’s auf einen White Chocolate Mocca treffen.

* Bei stern.de etwa hat man sich als Proto-Leserin eine “Sandra Müller” gebastelt: Mittdreißigerin, schlau, sympathisch, interessiert sich für Nachrichten und Hintergründe, findet den “Spiegel” zu abgehoben und die “Bild” zu krawallig. Aha. Das ist so ein Stern-Trauma, weil sein Erfinder Henri Nannen seinerzeit immer die abhebenden Redakteure mit dem Bild von “Lieschen Müller” auf Volksnähe und Lesbarkeit eingeschworen hatte.

{ 6 trackbacks }

Jens Arne Männig
19. Oktober 2009 um 22:40
Florian
19. Oktober 2009 um 23:52
Tweets die Beef! — eine Art Heftkritik erwähnt -- Topsy.com
19. Oktober 2009 um 23:53
where’s the beef? | eat
22. Oktober 2009 um 12:35
Olfersson
28. Oktober 2009 um 15:24
xilfe
28. Oktober 2009 um 15:35

{ 20 comments… read them below or add one }

1 Tinderbox 19. Oktober 2009 um 22:34

Ich habe heute die Werbung für das Beef! Heft im aktuellen GEO Magazin gesehen und fand sie ziemlich gelungen. Ich schmunzelte vor mich hin und für einen kurzen, nanosekundenlangen Augenblick wollte ich das Heft wirklich haben.
Nun denn, hätte ich am heutigen Abend diese Kaliban’sche Kritik nicht zu Gesicht bekommen, würde ich vermutlich beim nächsten Stop im Zeitschriftenladen zugreifen. Aber jetzt ist die Hemmschwelle wieder um einiges höher.

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2 Gunnar 19. Oktober 2009 um 22:38

Ach, schau ruhig im Laden mal rein. Lesen kann man’s schon.

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3 Fabian 19. Oktober 2009 um 22:39

Lustig, heute am Flughafen Beef! und Business Punk gesehen und mir gedacht: “Wow, so schlecht geht es dem Printmarkt ja doch nicht – was die so alles rausstellen”.
Hab aber nicht gemerkt dass es sich um neue Objekte handelt. Werde also erst wieder erstaunt sein, wenn lauch noch in sechs Monaten neue Ausgaben im Regal stehen. Für die Schwester (V) wird dann auch ein Geschenkabo abgeschlossen.

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4 DerKnut 20. Oktober 2009 um 00:58

Ich finde Beef! ungesehen cool. Das mag daran liegen, dass ich Rindfleisch gut gegrillt schon fast unsagbar gerne mag. Kaufen werde ich Beef! nicht. Wie so viele der Hamburger Magazin-Geschwister. Ich esse auch wenig Rindfleisch, Schweinsbraten gelingt mir immer besser. Ein komische Welt, das.

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5 Yuri 20. Oktober 2009 um 06:48

Ja, das mit den Zielgruppen fand ich auch schon immer komisch. Mir hat mal jemand gesagt, die Werbezeit fuer $SPIEL [das mich zufaellig interessiert hatte, wovon ich aber nie auch nur einen einzigen Werbespot gesehen hatte, obwohl da angeblich welche liefen] sei perfekt, da ich ja nicht zur Zielgruppe gehoerte. Also duerfe ich logischerweise auch die Werbung nicht sehen.

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6 Christoph72 20. Oktober 2009 um 08:43

Na toll, die hätten ihre “Zielgruppe” ja auch Stephan oder Michael nennen können. So sehr fantastische medium-rare Rindersteaks auch mein Lieblingsessen sind, so wenig brauche ich eine knapp 10 Euro teure Zeitschrift dazu. In Deutschland gute Steaks zu finden, ist eh teuer genug und nur in Großstädten möglich. – Was gibt’s in München eigentlich in dieser Richtung empfehlenswertes außer dem “Blockhouse”?

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7 D@mien 20. Oktober 2009 um 09:09

Sofern in dem Heft nicht irgendwo, mindestens einmal, das Wort “Kobe-Rind” zu finden ist, wird es auf alle Zeit der Welt ignoriert.

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8 Fabian (der richtige) 20. Oktober 2009 um 16:15

Der Quatsch mit der personifizierten Zielgruppe wird wohl auf entsprechenden Seminaren gelehrt. So hat mich doch neulich tatsächlich ein gemeinsamer Kollege nötigen wollen, für ein nicht näher zu benennendes Projekt den durchschnittlichen Interessenten zu beschreiben. Angefangen mit dem Namen. Das muss er irgendwo gelernt haben.

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9 Pomme 20. Oktober 2009 um 16:49

Hurra, eine Kaliban-Heftkritik! Die mag ich besonders. Ansonsten habe ich selbst ein großes Herz für Zeitschriften jedweder Art und finde es erstmal ganz witzig, ein Männermagazin mit diesem Titel zu produzieren. Aber wer kauft das denn in ausreichender Auflage? Hoffentlich wenigstens die Anzeigenkunden.

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10 Ellenn 20. Oktober 2009 um 20:35

Bin Vegetarier. Beef kommt mir nicht ins Haus. So !

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11 Patrick 20. Oktober 2009 um 21:41

Höre ich da ganz versteckt eine Kritik an Hamburg raus? Oder nur an Hamburger Verlagshäusern? :P

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12 hoschi 20. Oktober 2009 um 21:52

Es mag sicherlich viele Männer geben die gerne kochen und auch anders als Frauen. Aber ich kann mir schwer vorstellen dass die sich ein Magazin für ca 10€ kaufen was dann auch noch ein mehr oder weniger verkapptes Lifestyle Magazin mit belanglosen Themen ist wo das Thema Kochen nur ein sekundärer Aufhänger ist.

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13 Gunnar 20. Oktober 2009 um 23:25

Das habe ich nicht geschrieben — das Heft ist schon ein pures Kochmagazin, kein Lifestyle-Blättchen.

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14 Marjan 20. Oktober 2009 um 22:26

eigentlich hattest du mich bei “hamburg” und “nackte frauen”.
andererseits kann man sich für 10€ ein ganz hervorragendes stück fleisch kaufen und in die pfanne legen. vermutlich ein größerer genuss.

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15 Styg 20. Oktober 2009 um 23:40

Hm, gekauft, gelesen, Meinung:

Affektiert, teilweise peinlich, Bilder statt Text, Style vor Inhalt. Stark subjektiv ist, dass meiner Ansicht nach die verwendeten Schriftarten nicht harmonieren und der Satz auf mich nervös und umhomogen wirkt – linksbündiger Flattersatz, uneinheitliche Anschläge, scheinbar beliebige Abstände zwischen Text- und Grafikkästen, häufig fünf Schriftarten und – größen pro Seite… na ich weiß nicht. Scheint aber gerade wieder in zu sein.

Klar, schicke Bilder, netter Druck, gutes Papier. Alles nette Features, aber davor sollten die Kernkompetenzen sitzen: Für den abgerufenen Preis sollten netto einige lesbare und interessante Seiten Text rüberkommen. Mir kam vieles etwas seicht vor.

Mag’ ein hartes Urteil über den Launch einer Zeitschrift sein, denn was dabei an Mechaniken und Parameter greifen und inwiefern diese dann das Ergebnis beeinflussen, kann ich nicht beurteilen. Soweit mein beef über BEEF!, mal schauen ob sich in der nächsten Ausgabe einige Kanten abgeschliffen haben. Bin gespannt.

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16 Groovechampion 21. Oktober 2009 um 12:02

Wo sollen die ganzen Christophs denn alle herkommen? Damit kann ich doch wohl höchstens den (Möchtegern-) coolen Teil der Leserschaft von Essen&Trinken und Der Feinschmecker abholen und keine Neu-Christophs (i.e. Gunnars). Inhaltlich ist mit der ersten Ausgabe wohl auch schon alles gesagt: Bestes Fleisch, beste Messer, bester Fischmarkt. Und nun?

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17 Tobias Knoke 21. Oktober 2009 um 15:41

Sehr schön – kommt vielleicht auch noch eine Kritik zu Business Punk? Die bisherigen Kommentare waren ja eher negativ. Ich persönlich habe die Zeitschrift mal während einer Bahnfahrt gelesen und weiß nicht so recht. Nicht unterirdisch, aber wohl auch nicht mit genügend Substanz für eine weitere Kaufempfehlung.

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18 Killerkarnickel 2. November 2009 um 23:42

Hmm, eine Zeitschrift über lecker Fleisch, warum nicht?

Ganz einfach: Weil man für 10 Euro schon ein gutes Kochbuch bekommt. Ich weiß nicht, wer so eine Zeitschrift kauft, weil er sie ernsthaft lesen will (und nicht etwa kritisieren oder testen).

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19 Dave 15. November 2009 um 13:21

Diese “Art von Heftkritik” ist durchdrungen von Unzufriedenheit und Nörgelei.
Für mich deshalb nicht ernst zunehmen.

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20 Gunnar 15. November 2009 um 17:53

Guter Punkt. Ich nehme auch eher Produkttests ernst, die sich positiv und liebevoll äußern. Ist ja auch meist nicht so, dass Produkte Mängel hätten. Wer was nicht gut findet, hat oft nur die Brillanz des Produkte nicht durchschaut.

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