Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

by Gunnar on 2. Oktober 2009 · 24 comments

Wenn man auch nur einen Hauch Mitleid mit der Sache der historisch verdienstvollen Sozialdemokratie hat, ist die aktuelle Diskussion in der SPD unerträglich, weil sie sich — wie nach jeder verlorenen Wahl der letzten Jahre — mal wieder um alles dreht, nur eben nicht um die wirklichen Ursachen der Niederlage.

Könnte dazu viel sagen. Könnte aber auch einfach nur Felix, Nico und Chris zitieren:

[...]plakatspd die SPD scheint nach elf jahren öffentlichem und exessiven wein-konsums zu glauben, dass die menschen davon zu überzeugen seien, die SPD stünde nicht für wein, sondern für wasser, weil sie das ein paar wochen lang im wahlkampf wiederholt behauptet [...] (sagt Felix); [...] Früher ist die SPD mit den Menschen gegen den Krieg auf die Straße gegangen, heute steht die SPD auf der anderen Seite.[...] (schreibt Chris); [...] Steinmeier ist sicherlich für viele Positionen geeignet, aber weder für die des Oppositionsführers und erst recht nicht für den Parteivorsitz.[...] (schimpft Nico)

Ich will aber gar nicht kritisieren, sondern mal ausnahmsweise konstruktiv sein und schlage vor, dass die Partei das Personalproblem durch gezielte Planung löst. In der Wirtschaft baut man den Führungskräftenachwuchs schließlich auch methodisch auf.

Die Analyse ist einfach: Die SPD offenbart, bei der Besetzung ihrer Führungspositionen und auch sonst, ein strukturelles Defizit — eine Partei mit einer solche Tradition braucht Emotionen. Links ist eben da, wo das Herz sitzt. Wer aber soll die großen Gefühle transportieren? Sigmar Gabriel, der nichts mehr ähnelt als einem bunten Luftballon? Ein Spießbürger wie Kurt Beck, der Kohl der SPD — bärtig, bärig, funktionärig? Frank-Walter Steinmeier, der Prototyp des arroganten Beamten? Die nervtötende Nahles, die nun wirklich niemand leiden kann? Nonsense. Also muss ein Masterplan her. Die Partei braucht einen neuen Brandt. Und da der nicht in Sicht ist, muss er erschaffen werden.

Ich stelle mir das so vor: Ein Gremium von hochrangigen Strippenziehern entwirft das Projekt “Willy 2017″. Dazu guckt man sich unter den Würdenträgern der Jusos einen aus, der schon ein kleines Amt hat, aber nicht zu kompromittiert durch die Macht ist. Dann, nun, Arbeiterbackground ist schon wichtig. Gute Ausbildung auch, aber nicht zu gut, das sieht nach Strebertum aus. Kann ruhig ein bisschen Außenseiter sein, sollte aber alle sozialdemokratischen Rituale drauf haben, Brüder zur Sonne und so. Anfang 30 wäre gut, dann hat er schon einige Flausen aus dem Kopf. Soll ruhig ein bisschen verwackelt rumlaufen, wuschelige Frisur zum Beispiel, weiter Mantel, nicht zu perfekt, nicht zu jugendlich. Braucht irgendeine Eigenart, etwas Markenzeichenhaftes, einen leichten Akzent zum Beispiel. Solides Norddeutsch vielleicht, das ist konsensfähig. Selbstverständlich darf und soll er sich spektakulär zu aktuellen Themen äußern, aber nicht einfach so — statt dessen füttert ihm die Parteispitze geheime Strategiepapiere und lässt ihn Dinge anstoßen, die man gerne angestoßen haben will. Erst er, dann springt Gabriel drauf, lobt den jungen Kollegen und führt die Sache aus. Natürlich kommt ein Life Coach zum Einsatz, Rhetoriktrainer, Typberatung et cetera. Ein eigener Stab direkt unter Gabriel sekundiert dem neuen Willy, bis jeder in der Partei und den angrenzenden Medien gecheckt hat, dass er das größte politische Talent der SPD seit Kurt Schumacher ist. Dann gibt man ihm irgendeinen zukunftstauglichen Sprecherposten und holt ihn in den Vorstand. Auf fiesen Druckposten wie Fraktionsvorsitz oder Generalsekretär darf man ihn nicht lassen, da verschleißt er sich bloß. Das müssen ihm Soldaten abnehmen.

Strengste Geheimhaltung ist natürlich vonnöten, aber, hey, die Sache kann nicht schiefgehen, wenn man einen einigermaßen präsentablen Typen und hellen Kopf erwischt.

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Christian S. Oktober 1, 2009 um 23:26

Ich kommentiere hier mal, auch wenn der Titel des Eintrags gar nicht geht. (Wikipedia sagt, warum.)

Der Plan klingt witzig, aber wenn man etwas darüber nachdenkt, wäre das, was auf solche Weise erschaffen würde, kein Mensch mehr, sondern eine Maschine. Also nicht gerade erstrebenswert. Mal davon abgesehen, dass so ein Versuch in einer geschwätzingen Partei wie der SPD keinen Tag geheim bliebe. ;)

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Gunnar Oktober 2, 2009 um 09:20

Lieber Herr S. von der SPD,

klar habe ich das ein bisschen überspitzt, aber im Kern ist es wahr — alle möglichen Leute, Schauspieler, Wirtschaftsbosse, you name it, werden systematisch aufgebaut, trainiert, begleitet, gefordert, gestützt. In Parteien muss man sich alleine hochbeißen, netzwerken, katzbuckeln, was nicht die Talente, sondern die moralisch flexiblen Funktionärsseelen durchlässt. Dieser Auswahlprozess macht viel deutlicher Maschinen aus den Menschen als eine gezielte Förderung.

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Stefan Oktober 2, 2009 um 00:03

@Christian S.

Wegen dem Titel: Was soll man machen, wenn er nun mal wie die Faust aufs Auge passt.
http://www.youtube.com/watch?v=Ph-vHNUBUdc

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Marjan Oktober 2, 2009 um 00:50

traumhafter song! schade, daß das publikum teilweise so demonstrativ angegriffen dasitzt.

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Marjan Oktober 2, 2009 um 00:55

dein Plan, Gunnar, wird nie im leben realität. bevor sich die partei mit allen flügeln auf eine person geeinigt hat, die Willy 2.0 werden soll, hat sich selbige schon altersbedingt ihre grabstelle gesichert. im übrigen ist der ruf in deutschland leider viel zu schnell ruiniert für eine lichtgestalt im Brandtschen oder Adenauerschen ausmaß. da reichen ein, zwei öffentliche ausrutscher, schon war’s das mit den höheren sympathieweihen. wer sind denn im moment die beliebtesten politiker deutschlands? die Merkel, weil sie ihre sache als ehemaliges mädchen Kohls “besser als erwartet” macht (V. Pispers) und der zu Guttenberg, der unangreifbar scheint, weil das gros der wähler ihm rhetorisch kaum folgen kann.

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Gunnar Oktober 2, 2009 um 05:55

flügel? natürlich ist die partei selber in diesen plan nicht einzuweihen. sonst geht’s natürlich nicht.

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Gunnar Oktober 2, 2009 um 09:23

Ach was.

Flugmeilen-Cem ist auch wieder da, Zwei-Frauen-Horst ist sogar Parteichef geworden. Und dem Frank, der aus Angst vor der Bildzeitung einen deutschen Bürger im amerikanischen Gulag belassen hat, dem trägt das auch keiner mehr nach.

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Marjan Oktober 2, 2009 um 10:24

besagte politiker werden eben auch nicht Willy 2017. ich glaube, es ist eine sache der heutigen zeit, in der so viele informationen wie möglich gesammelt und verkauft werden und der großteil der journaille ihre moralischen grundsätze über den haufen geworfen haben. das ist der grund, warum es keine großen schauspieldiven und politiker wie Brandt gibt und geben wird. bestimmt hat der damals auch das ein oder andere krumme ding gedreht, mitbekommen hat es nur keiner. muß _das_ noch ein regieren gewesen sein, als man nur mit seinen politischen inhalten in der presse stand…

rue Oktober 2, 2009 um 00:59

Diesen ganzen Text mit Willy 2017 habe ich doch schon mal irgendwann gelesen.

(kram) (such) Ach ja, hier, ne: http://www.kaliban.org/kommentare.php?view=1045

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Gunnar Oktober 2, 2009 um 05:45

Ja. Ist ei aufgearbeiteter alter Text. Aber hey, immer noch wahr.

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Konrad Oktober 2, 2009 um 06:19

Ich bin für Franzi Drohsel, die ist wenigstens “easy on the eyes”.

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Michael Oktober 2, 2009 um 08:53

Für die JuSos sehe ich gar nicht einmal sooo schwarz. Ich hatte “neulich” das zweifelhafte Vergnügen, Ullalala Schmidt und Brigitte Zypries auf einer Informationsveranstaltung (Thema: Netzsperren) im Aachener Ludwig-Forum zuhören zu können (oder eher: es über mich ergehen zu lassen). Während vorne altgediente Vorklatscher jeden Furz bejubelten, waren aus der hinteren Störerreihe die Stimmen der JuSos zum Thema fundiert, kritisch und laut. Die nachrückende “Sozi-Generation” hat Potenzial.

Ich sympathisiere mit den Piraten und kann mir sehr gut vorstellen, dass eine links geläuterte SPD (Generationenwechsel: Jetzt!!!) das schwach ausgeprägte soziale Parteiprogramm der Piraten ergänzen könnte.

Keine Bange: Die Zeit rennt, wenn man Spaß hat!
4 Jahre sind schnell durchgestanden! Dann ist die SPD wieder sozial, die Piraten haben ihre Struktur gefunden, und dann gibt’s die rot-orange Koalition! ;-)

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Magnus Oktober 2, 2009 um 12:45

Ob die SPD sich bis zur nächsten Kanzerwahl wieder geläutert haben wird, ist nach den momentanen Ereignissen ja mehr als zu bezweifeln. Allerdings kann sich das nach den nächsten Abklatschen bei Landtagswahlen hoffentlich doch noch vielleicht ändern.

Ich finde auf jeden Fall die gesamte gerade neu gewählte Führungsschicht komplett abstoßend und habe dies schon seit Jahren getan. Das gerade Nahles, Gabriel und Scholz die SPD aus der Krise führen sollen ist lachhaft. Lieber einige komplett unbekannte Politiker, da mag zwar der Wiedererkennungswert fehlen, aber zumindestens haben die dann nicht Jahre vermurkster Politik verantwortet.

Mal sehen, vielleicht reißt die Franziska Drohsel ja was, der jungen Dame sieht man das Karrierefrauentum wenigstens nicht so sofort an wie der Nahles.

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Michael Oktober 2, 2009 um 13:59

…ich habe mir Deine Antwort jetzt dreimal durchgelesen, und jedesmal drängt sich mir “…bis zur nächsten Karnewahl…” auf.

Liegt wohl an den Nasen… ;-)

Marjan Oktober 2, 2009 um 15:06

jaa! pro Schäfer-Gümbel! :)

ALF Oktober 2, 2009 um 13:26

Druckposten ist etwas missverständlich gebraucht. Es wird meistens ein Posten auf dem man sich vor etwas Drücken kann als Druckposten bezeichnet.

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Lord Quinex Oktober 2, 2009 um 15:42

Joa, entweder schaffts die SPD dieses mal, oder aber sie rutschen entgültig auf gleiche Ebene wie FDP, Grüne und Linke.

Aber Gunnars Idee entbehrt nicht eine gewissen Logik. Man schaue einmal in die USA, und frage sich dann : “Warum können unsere Politiker das nicht auch? Warum nichtmal im Ansatz?”

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freizeitheld Oktober 2, 2009 um 15:47

Dein Plan setzt natürlich auch voraus, dass die Parteispitze weiß, was für revolutionäre wie welt/deutschlandverändernde “Strategiepapiere” sie dem neuen SPD-Supermann soufflieren will/kann. Da sehe ich leider auch einen Schwachpunkt. Aber irgendwann muss man den Kreis mal durchbrechen, daher eine gute Idee.

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Björn Oktober 2, 2009 um 16:47

Das ist doch ein wenig, wie in der Spieleentwicklung. Gute Spielecharaktere beruhen nicht auf Marktforschungen. Sie entstehen direkt in kreativen und unverdorbenen Köpfen. Gute Politiker werden vom Leben geschliffen, nicht von Coaches – und Krisen sind ein fieses Schmirgelpapier.

Dein Text ist aber wieder klasse. Lese hier gerne.

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Sven Oktober 6, 2009 um 08:33

T`schuldigung, aber genau das was hier gewünscht wird, ist doch das ursächliche Problem der Partei. Es wird versucht jemanden an die Spitze zu stellen, der für jeden ein Leckerli in der Tasche hat – man vergisst dabei nur, dass Hund und Katze sich nicht unbedingt vertragen…. Man kann es nicht jedem Recht machen und erst Recht nicht wenn man grünes, linkes, schwarzes und sonstiges in nur einer Partei bedienen will.

Weder Willi noch Schröder wurden gewählt weil Sie über Jahre aufgebaut und mundgerecht zugeschnitten wurden und oben drauf etwas Zuckerguß hatten – sondern weil Sie eine mehr oder weniger funktionierende Vision hatten.

Unter einer Vision verstehe ich jedoch nicht möglichst alles zu verprechen damit man Stimmen von grünen, linken, schwarzen und sonstigen bekommt – wer zuviel in sich hineinstopft dem wird nämlich schlecht.

Derzeit meint die SPD jedoch immer noch, dass es am Koch liegt und nicht an den vielen Gängen…..

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Sebastian Oktober 6, 2009 um 11:18

Wer Visionen hat soll zum Arzt gehen…

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