Stürme in Wassergläsern

by Gunnar on 26. November 2009 · 52 comments

Ach, es sind lustige Tage derzeit für Leute, die Spielemagazine und Blogs lesen. Der einschlägig bekannte Herr Boris S. aus M. steht im Mittelpunkt eines kleinen Wirbelstürmchens aus Meinung und Gegenmeinung. Ich fasse die Geschehnisse mal rasch zusammen, okay? Also:

Erst schießt meinungsfreudige Herr Luibl, Chefredakteur eines bedeutenden Spielemagazins, eine Polemik in die Welt, in der es um “Embargos” geht, wobei Embargo hier für die Auflagen von Copyright-Inhabern steht, was den Veröffentlichungstermin von Informationen angeht. Boris Schneider-Johne, seines Zeichens Produktmanager für die Xbox 360 (und verdienter Ex-Chefredakteur lang vom Winde verwehter Spielemagazine), fühlt sich angesprochen, erklärt in einem Blog-Beitrag, warum er nicht Luibls Meinung teilt und impliziert am Rande etwas grobschlächtig mangelnde Professionalität (“Wieso seit Ihr schlau und die PR-Leute doof? Welche von diesen beiden Gruppen arbeitet professioneller und hat seinen Job wirklich in einer Ausbildung gelernt?“). Was wiederum den Herrn Luibl vergrätzt, weswegen er in den Kommentaren unfein sein Gemächt schwenkt (“Im Gegensatz zur dir, der damals wie heute im Stile eines jungen Klempners textet, besitze ich [… ] einen Magister Artium germanistischer Prägung plus journalistische Ausbildung”).

Sensationell.

Wollte mich gerade popcornkauend im Sessel niederlassen, um den fortschreitenden Glaubenskrieg zu verfolgen, da legt Boris, offenbar befeuert durch die Debatte, nach und veröffentlicht eine längliche Anklage gegen Spieletests an sich, insbesondere aber die Praxis der Wertungsvergabe in Prozenten. Ich zitiere: “I am not a number! sollte jedes Videospiel schreien. Dummerweise hat man sich aber ein Publikum rangezüchtet, das nur auf diesen Wert schaut. Das Internet kann sich um die Leute, die die Zahlen sehen wollen, viel besser, aktueller und unprofessioneller kümmern. Denn die Journalisten, die nicht nur Elektronen verschicken, sondern echtes Papier bedrucken wollen, sollten doch an sich selbst den Anspruch haben, was besseres abzuliefern als die ganzen Webseiten.” Dazu hat der Herr Luibl auch was zu sagen und tut das in den Kommentaren, zusätzlich springt die Frau Fröhlich, Chefredakteurin eines anderen Spielemagazins, in die Bresche und entgegnet Boris in einer gefällig verfassten Kolumne, Spiele seien anders als Filme und bräuchten Wertungen wegen der vergleichbaren “Features”: “Das Feature unterscheidet Spiele von Theaterstücken, TV-Serien, Kinokomödien und Romanen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen. Und es ermöglicht Einordnung und Bewertung. Wertungen haben seit jeher die fantastische Eigenschaft, dass man die Hosen runterlassen und sich festlegen muss – besser als x, schlechter als y. Und zwar um so-und-so-viel. Das gilt für Bundesligaspielernoten in der Bild am Sonntag genauso wie eine prozentgenaue Spielspaß-Wertung. Zu einer Dragon-Age-Bewertung im sensiblen Bereich zwischen 75 und 95 Punkten gehört Spielzeit, Erfahrung und Mut – erheblich mehr Mut jedenfalls als für die Aussage “MIR macht das Spiel Spaß”. Oder: “Für MICH ist das nix”. Populärwissenschaftlich formuliert: keine Wertung, keine Eier.”

Woah.

Mir brennen die Kommentare auf der Zungenspitze, da ich weder Boris noch Petras Meinung teile, verzichte aber auf eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Auseinandersetzung mit den Texten der Kollegen. Ich möchte allerdings trotzdem eine (grundsätzlich private, von den Meinungen meines geschätzten Arbeitgebers unabhängige) Zeugenaussage zur Sache machen:

Diese Debatte um Sinn und Unsinn von Wertungen geht meines Erachtens in voller Fahrt am Kern der Sache vorbei — bis auf eine kleine, vokale, forenerfahrene Minderheit von Hardcore- und Ex-Hardcore-Gamern ist, das zeigen Gespräche mit echten Spielekäufern und Magazinlesern, niemand so wirklich daran interessiert, ob Heft X oder Webseite Y nun eine 89 oder eine 8.7 vergeben hat, auch wenn man die 100er Skala* an sich grundsätzlich schätzt. Die Wertung ist letztendlich bloß eine Art Wasserstandsmarke, um sich abzusichern, dass das betreffende Werk generell zum Kreis potenziell kaufenswürdiger Dinge gehört. Und ein bisschen auch eine Konsistenzprüfung für das vergebende Medium — wer abseits gängiger Kriterien und unnachvollziehbar wertet, mag irgendwann von der Abteilung “relevant” in die Schublade “kurios” wandern. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die “EDGE” hat’s auch überlebt, dass sie Baphomets Fluch 3 10 von 10 Punkten gegeben hat. Jedenfalls zeigt die Erfahrung, dass Wertungen oder meinetwegen Metawertungen im Wesentlichen von Redakteuren und Pressevertretern und Trollen ernst genommen werden, wobei “ernst nehmen” hier im Sinne von “Anlass für eine potenzielle Flamewar-Kriegserklärung” verwendet wird. Viele Leute kaufen, das ist der Fluch eines gereiften Marktes, eh nur noch die Top 5 der Charts, da bekommt man eigentlich nie ein so richtig schlechtes Stück Software. Die Frage, die man in Wirklichkeit von einem Spieletest beantwortet haben möchte, ist: Ist dieses Spiel was für mich? Dazu muss man, da hat Petra nicht unrecht, schon die Features aufarbeiten und einordnen. Dazu muss man aber auch, da hat Boris nicht unrecht (“Erzählt, was das Spiel mit Euch angestellt hat. Welche Emotionen es auslöst, wie euer Bauch und euer Kopf reagierten. Beschreibt die Technik, in Relation zur Handlung, aber nicht als lange Frameratenoptimierungswüste.”) versuchen, die Seele des Spiels zu erfassen und die eigene emotionale Erfahrung als Richtwert mitzuliefern.

Letzteres gelingt den einschlägigen Medien nicht immer, denke ich. Ist auch eine Frage von Skill. Aber hey, meine Meinung ist auch nur ein weiterer Flötenton im dissonanten Konzert der “Insider” — schließlich bin ich wie Boris ebenfalls nur ein Ex-Spielemagazinchefredakteur. Mich würden diesbezüglich die Ansichten der geschätzten Mitlesenden interessieren: I declare this bazaar open.

* Nachtrag: Anders als gerne behauptet wird, ist die böse 100er-Skala keine Erfindung der deutschen Spieleredakteure, sondern wird auch in anderen Bereichen eingesetzt, die nicht leicht zu objektivieren sind: Filme wären zu nennen. Oder, und das ist das schönere Beispiel, die breit akzeptierte TWA-Wertung von Wein, wo die Tester übrigens auch den mathematischen Durchschnitt nicht ausschöpfen, sondern sich auf den interessanten Bereich von 80+ konzentrieren.

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