Wir sollten sie wegblasen!

by Gunnar on 9. November 2009 · 15 comments

Der Schriftsteller Michael Chabon*, Autor von Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay (reinschau’n?), hat ein paar Meinungen darüber, warum das Medium Comic bei Kindern außer Mode kommt. Und was man tun müsste, wenn man Kinder begeistern will.

Das alles hat Chabon in einem Vortrag vor fünf Jahren angesprochen, alter Hut quasi, aber was wahr ist, bleibt bestehen und verrottet nicht. Und irgendwann findet es ein aufmerksamer Blogger und hält den alten Hut für eine hübsche Perle mit durchaus noch vorhandener Relevanz und dann zitiert es ein anderer Blogger und dann, äh, ich. Also. Chabon hat in besagtem Vortrag fünf Forderungen aufgestellt, für’s Geschichtenerzählen für Kinder. Das muss einen nicht unbedingt interessieren, wenn man nicht gerade Comic-Verleger oder Kinderbuchautor ist, aber die Ausführungen sind so schön formuliert und so allgemeingültig für alle, die irgendwie in irgendwelchen Medien Geschichten erzählen, dass ich sie gerne mit Ihnen, meinen geschätzten Mitlesenden, teilen möchte. Für Leute, die wenig Lust auf elaborate englische Sätze haben, fasse ich sie mal sehr frei auf deutsch zusammen:

1. Lasst uns nicht versuchen, Geschichten für die Jugend von heute zu erzählen, das führt zu Fehlschlägen und Irrsinn. Lasst uns Geschichten erzählen, wie wir selber sie als Kinder geliebt hätten: mit überraschenden Wendungen, Mut, wo man ihn nicht erwartet, der beglückenden Nützlichkeit sinnlosen Wissens oder der Entdeckung eines Körnchens Gutherzigkeit in etwas Bösem.

2. Lasst uns Geschichten erzählen, die, nach und nach, eine schlüssige, raffinierte, fesselnde Mythologie aufbauen, die dennoch an jedem Eintrittspunkt verständlich ist. Die Komplexität und Reichhaltigkeit des Hintergrunds sollten erfinderisch und doch vertraut sein, begründet in alten Ängsten und Sagen, aber eben neu interpretiert, neu erfunden.

3. Lasst uns die Geschichten immer wieder erzählen, endlos ausgeschmückt. Jeder, der denkt, Kinder würde es langweilen, dieselbe Geschichte immer wieder zu hören, der hat nie für ein Kind vorgelesen. Der Schlüssel ist: Wiederholung mit Variantion, wie in der Barockmusik.

4. Wir sollten sie wegblasen. Einfach wegblasen. Nicht so wie Hollywood es zu lehren scheint, mit Action, Explosionen, Tempo und wilden Szenerien. Das ist schon okay, aber richtig weggeblasen ist man, wenn sich eine irrationale Furcht als begründet herauststellt, wenn man merkt, dass die Welt weit größer, weit fantastischer oder grausamer ist als man zu träumen wagte, wenn man den Beweis bekommt, dass alles mit allem verbunden ist, dass alles, was man zu wissen glaubt, falsch ist, wenn man gleichzeitig das Zentrum des Universums ist und doch nur ein kleiner Fleck am Rande.

Genau. Forderung Nr. 5 wäre übrigens, in Comics mehr Kinder zu Helden zu machen.

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