Der Schriftsteller Michael Chabon*, Autor von Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay (reinschau’n?), hat ein paar Meinungen darüber, warum das Medium Comic bei Kindern außer Mode kommt. Und was man tun müsste, wenn man Kinder begeistern will.
Das alles hat Chabon in einem Vortrag vor fünf Jahren angesprochen, alter Hut quasi, aber was wahr ist, bleibt bestehen und verrottet nicht. Und irgendwann findet es ein aufmerksamer Blogger und hält den alten Hut für eine hübsche Perle mit durchaus noch vorhandener Relevanz und dann zitiert es ein anderer Blogger und dann, äh, ich. Also. Chabon hat in besagtem Vortrag fünf Forderungen aufgestellt, für’s Geschichtenerzählen für Kinder. Das muss einen nicht unbedingt interessieren, wenn man nicht gerade Comic-Verleger oder Kinderbuchautor ist, aber die Ausführungen sind so schön formuliert und so allgemeingültig für alle, die irgendwie in irgendwelchen Medien Geschichten erzählen, dass ich sie gerne mit Ihnen, meinen geschätzten Mitlesenden, teilen möchte. Für Leute, die wenig Lust auf elaborate englische Sätze haben, fasse ich sie mal sehr frei auf deutsch zusammen:
1. Lasst uns nicht versuchen, Geschichten für die Jugend von heute zu erzählen, das führt zu Fehlschlägen und Irrsinn. Lasst uns Geschichten erzählen, wie wir selber sie als Kinder geliebt hätten: mit überraschenden Wendungen, Mut, wo man ihn nicht erwartet, der beglückenden Nützlichkeit sinnlosen Wissens oder der Entdeckung eines Körnchens Gutherzigkeit in etwas Bösem.
2. Lasst uns Geschichten erzählen, die, nach und nach, eine schlüssige, raffinierte, fesselnde Mythologie aufbauen, die dennoch an jedem Eintrittspunkt verständlich ist. Die Komplexität und Reichhaltigkeit des Hintergrunds sollten erfinderisch und doch vertraut sein, begründet in alten Ängsten und Sagen, aber eben neu interpretiert, neu erfunden.
3. Lasst uns die Geschichten immer wieder erzählen, endlos ausgeschmückt. Jeder, der denkt, Kinder würde es langweilen, dieselbe Geschichte immer wieder zu hören, der hat nie für ein Kind vorgelesen. Der Schlüssel ist: Wiederholung mit Variantion, wie in der Barockmusik.
4. Wir sollten sie wegblasen. Einfach wegblasen. Nicht so wie Hollywood es zu lehren scheint, mit Action, Explosionen, Tempo und wilden Szenerien. Das ist schon okay, aber richtig weggeblasen ist man, wenn sich eine irrationale Furcht als begründet herauststellt, wenn man merkt, dass die Welt weit größer, weit fantastischer oder grausamer ist als man zu träumen wagte, wenn man den Beweis bekommt, dass alles mit allem verbunden ist, dass alles, was man zu wissen glaubt, falsch ist, wenn man gleichzeitig das Zentrum des Universums ist und doch nur ein kleiner Fleck am Rande.
Genau. Forderung Nr. 5 wäre übrigens, in Comics mehr Kinder zu Helden zu machen.

Kommt das echt bei Kindern aus der Mode? Das wär sehr schade drum. Oh, und wer sich sehr artig an die oben aufgeführten 5 Punkte hält ist Ted Naifeh mit den 3 Courtney Crumrin Bänden. Ist auch was für etwas grössere Kinder
Chabon beschreibt im Vortrag, dass sein Sohn kein anderes Kind kennt, das Comics liest.
Chabon wird hierzulande leider viel zu wenig wahrgenommen. Nicht nur seine Bücher sondern auch die Essays (zwei sind hier vor kurzem in der Welt-Literaturbeilage am Samstag erschienen), sind wirklich großartig. Ähnlich schönes Englisch findet man sonst nur bei Bob Dylan. Danke für den Eintrag!
ein wirklich schöner eintrag.
aber warum lese ich nur 4 forderungen, wenn doch 5 angekündigt sind?
Jetzt stellt sich mir die Frage, inwieweit in dem Zusammenhang Manga als Comics gelten – selbige sind ja vergleichsweise stark verbreitet, zumindest ist das mein Eindruck.
Der Markt schrumpft, jedenfalls in Deutschland.
Ich spreche aus großes Lob!
Gibt doch nichts Schöneres, als ab und an an das eigene innere Kind (froh sei, wer noch was davon über hat…) erinnert zu werden.
Naja, mir fällt auf, dass Comics (die inzwischen zu großen Teilen aus Mangas bestehen) immer mehr die “älteren” Kinder bis zu den jungen Erwachsenen als Zielgruppe wählt. Beim Zappen bei RTL II stehen geblieben –> Naruto: mieses Kiddie-Stimmen, stark gekürzt –> mies. Aber als ich (interessenhalber über meine Schwester) den Manga gelesen habe: WTF? Da wird überhaupt nicht mit Blut gespart, der Comic ist eindeutig nichts für die Zielgruppe vom RTL II Nachmittagsprogramm, die Zuschauer sind viel zu Jung, um sich den Anime ungekürzt reinzuziehen und schon DER wurde mächtig von im Vergleich zur Comicvorlage mächtig beschnitten.
Aber auch die “traditionellen” westlichen Comics (Superhelden) werden immer düsterer, wenn man z.B: Batman aus den 60ern, sowohl der Comic als auch Adam West, mit den neueren Comics vergleicht… da trägt Batman teilweise faschistoide Züge.
Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay? Das hatte ich mal vor Jahren ausgehliehen und es leider nie beendet mal sehen was der bei amazon noch kostet….
Den Forderungen kann ich nur zustimmen. Besonders Nr. 1 ist kann ich aufgrund meiner noch halbwegs frischen Erinnerungen bestätigen, ich fand alle Jugendbücher die sich an die Lebenswelt von Jugendlichen/Kindern anlehnten furchtbar langweilig, sicher auch ein Grund warum ich mit dem Lesen erst anfing als ich auf solche Literatur nicht mehr angewiesen war, denn zu meiner Jugendzeit gab es fast nichts was diesen Forderungen entsprach.
Meiner Meinung nach ist der Erfolg der Harry Potter Bücher aber der eindeutigste Beweis dafür wie sehr Herr Chabon doch recht hat.
Glückwunsch! Du wirst auch von Angela Merkel gelesen:
“Merkel will Deutschland mit Fünf-Punkte-Plan reformieren”
Man muss nicht unbedingt ein Kind sein um Chabons umgesetzte Forderungen toll zu finden – und sich auch nicht auf das Medium Comic beschränken. Als ich das erste Mal “Heart of Darkness” auf der PlayStation gespielt habe, dachte ich die ganze Zeit nur, wie sehr ich dieses Spiel wohl mit 9 oder 11 Jahren geliebt hätte ;-)
Scheint das Rezept für Harry Potter gewesen zu sein.
Das war genau das, was ich gedacht habe.
imho war Harry Potter Fantastisch und ist mit seiner Leserschaft erwachsen geworden. Einfach der perfekte Zeitpunkt und eine tolle Geschichte.
Auch wenn das Ende (Epilog) nicht nach meinem Geschmack ist ;)
Danke, Herr Kaliban. Ich kann diesen kleinen 5 Punkte-Plan wirklich sehr gut gebrauchen!
Oft ist es leider so, dass Kunden oder Verlage ein sehr bestimmtes, meist sehr weichgespültes Bild im Kopf haben, wie eine “gute” Geschichte auszusehen hat. Schwierig ist es dann klar zu machen, dass gerade diesen Vorstellungen über Bord geworfen werden müssen, wenn man die Kinder erreichen will und man ein wenig mutiger sein muss. Denn die Kids fühlen sich, glaub ich schon, von vielen Geschichtenerzählern nicht ernst genommen.
Tröstend, dass ich mich wiederum von vielen Filmemachern und von Fernsehredakteuren nicht ernst genommen fühle. Verdammte weichgespülte Soße, durch die wir, egal ob groß oder klein, alle in einem Boot, schwimmen.
Diese Punkte sind durchaus nicht nur für Leute interessant, die Geschichten schreiben oder in Medien Geschichten erzählen, sondern auch für Eltern, deutlich ältere Geschwister und sonstwelche Personen, die dazu prädestiniert sind, kleinen Kindern vorzulesen und sich daher mit der Frage auseinandersetzen müssen, welches Buch vorzulesen ist.
Übrigens: Während ich diese Punkte durchgelesen habe, musste ich die ganze Zeit an die Unendliche Geschichte denken, die meiner Meinung nach all diese Punkte mit Bravour erfüllt.