Ich erwähnte schon mal irgendwo, dass ich ganz gut leiden kann, was Kathrin Passig aus Berlin so schreibt, nehme ich an. Mag ihre Liebe zum Detail, ihr Nerdtum, ihren Humor. Wollte daher auch den Link zu dem großartigen Text Standardsituationen der Technologiekritik nicht einfach im Massengrab der gestrigen Sonntagslinks versenken, sondern hier gesondert anpreisen.
Also, es geht in dem Aufsatz um die üblichen Reaktionen gegen neue Technologien, die wir alle schon häufiger von den diskursbeherrschenden Berufsbedenkenträgern gehört haben: “Das braucht man nicht”, “Das macht doof”, “Das ist nur was für Nerds”, “Das geht bestimmt bald wieder weg”, “Das ist zu kompliziert” et cetera pp. Zuletzt beispielsweise vom unsäglichen Herrn Schirrmacher, der wegen seiner Internetnutzung um seine Konzentrationsfähigkeit fürchtet und düstere Zeichen an die Wand malt: Globale Hirnvermatschung! Reizüberflutung! Universelle Bräsigkeit!
Passig nimmt sehr pointiert und sehr witzig aufs Korn, zeigt auf, dass z.B. die Internetkritik sich nicht wesentlich von der Lesekritik des 19. Jahrhunderts unterscheidet:
»Man liest, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern, sondern nur um zu sehen, man liest das Wahre und das Falsche prüfungslos durcheinander, und dieß lediglich mit Neugier ohne eigentliche Wißbegier. Man liest und gefällt sich in diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüßiggang, wie in einem träumenden Zustande. Die Zeitverschwendung, die dadurch herbeigeführt wird, ist doch nicht der einzige Nachtheil, welcher aus der Vielleserei entsteht. Es wird dadurch das Müßiggehen zur Gewohnheit und bewirkt, wie aller Müßiggang, eine Abspannung der eigenen Seelenkräfte«, warnt 1844 das Universallexikon der Erziehungs- und Unterrichtslehre in der zweiten Auflage. [...] Hat die neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie, Argument neun, ganz sicher unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren. Die Postkarte galt Kritikern um 1870 als Sargnagel der Briefkultur. Die American Newspaper Publishers’ Association diskutierte im Februar 1897 die Frage: »(Do typewriters) lower the literary grade of work done by reporters?«.
Oder führt vor, wie der Rechtfertigungsdrang technologieferner Menschen aktuelle Anschaffungen abwertet:
Das iPhone (Jahrgang 2007) hat die schon aus der Handyeinführung in den neunziger Jahren bekannten Kritikstufen »Braucht kein Mensch« – »Brauch ich nicht« – »Ist nur was für Angeber« durchlaufen und ist bei »Ich hab mir jetzt auch so ein iPhone geholt – aber der teure Vertrag!« (Argument sechs) angekommen. Sowohl beim Handy als auch beim Smartphone zeigten sich, wie zum Zeitpunkt der Anschaffung noch die vom Vorläufer abgeleiteten Nutzungsabsichten dominieren: »Wir wollen nur im Urlaub erreichbar sein! Nicht selbst telefonieren!«, versicherte man dem Verkäufer ungefragt; beziehungsweise im Falle des Smartphones: »Wir wollen gar nicht ins Internet! Nur telefonieren!« Es kann dann noch einige Zeit dauern, bis die eigentlich innovativen Fähigkeiten des Geräts tatsächlich genutzt werden.
Aber genug. Rübersurfen. Lesen. Klick.

Hab ich zwar auf einem anderen Blog zuerst gesehen, aber ja, super Artikel.
Zum Thema Schirrmacher:
der hatte das Ganze doch bei Kerner oder Beckmann (ich verwechsel die beiden immer…) promotet.
In einem Punkt musste ich ihm und dem Jauch aber Recht geben: auch ich lasse mich durch die ständige Verfügbarkeit oft unnützer Informationen leicht ablenken und habe viel mehr Schwierigkeiten mich mal länger auf eine Sache zu konzentrieren als zu 56KBit-Zeiten.
Im weiteren Verlauf der Sendung hat er für meinen Teil dann aber doch zu dick aufgetragen. Der hat ja echt schon den Untergang des Abendlandes prophezeit. Sponsored by iPhone, versteht sich.
An deinem Zitat zur Bücherkritik, lieber Gunnar, ist auch nicht alles falsch. Vielen Menschen täte der eine oder andere Blick in ein Sachbuch mal ganz gut. Immer nur Belletristik ist zumindest vom Bildungsaspekt her und zum Kopftraining recht unbrauchbar.
Das heißt natürlich nicht, dass ich irgend jemandem sein Recht auf ein Mindestmaß an Müßiggang abspreche. Ganz im Gegenteil.
Aber die Dosis macht das Gift. Und seit ich DSL habe, merke ich, dass ich es nicht immer so unter Kontrolle habe, wie ich es gerne hätte.
Man kann die moderen Technologie sicher in vielen Punkten auch kritisieren, aber warum muss man speziell bei der Technologiekritik immer die Extreme als allgemeingültig hinstellen. Gerade sol Leute wie dieser Herr Schirrmacher sind Meister darin. Aber von Leuten die mit solcher Meinungsmache ihr Geld verdienen kann man keine sinnvollen Aussagen erwarten.
Nun ja, nur weil im 19. Jhd schon ähnlich kritisiert wurde, wird die eigentliche Aussage ja nicht unbedingt entkräftet. Natürlich klingt so manches ziemlich melodramatisch und grundlegende Technologiefeindlichkeit hat auch noch keinem geholfen, nichtsdestotrotz kann man aber, und konnte man schon vor 200 Jahren, annehmen, dass die Menschheit langsam aber sicher nach immer mehr Unterhaltung strebt, von den Mühen des Lebens abgelenkt werden will und weniger Zeit für “Muße” hat. Vergnügungsgesellschaft ist halt angesagt.
Das muss ja nicht schlecht sein, wenn die Menschen später alle in der Matrix sitzen, können sie schließlich keinem mehr was tun. Solche Sachen erinnern mich immer an das Buch “Fahrenheit 451″ wo die Menschen mit Videoleinwänden (bisschen veraltet, zugegeben) von der Langeweile abgehalten werden. So unrealistisch find ich die Entwicklung auf lange Sicht jetzt nicht, allerdings muss das nicht unbedingt schlecht sein.
Ich persönlich hab zwar sowieso Konzentrationsschwierigkeiten, deshalb bin ich da vielleicht beeinflusst, muss aber sagen, dass ich auch finde, durch das Internet enorm schnell abgelenkt zu werden.
Ich würde mal selbstkritisch behaupten, dass ich gefühlte 75% der Zeit, die ich täglich im Internet verbringe, hinterher als vergeudet, verplempert und verschenkt empfinde. Anstatt auf Wikipedia jeden Tag den Artikel des Tages zu lesen, um mein Allgemeinwissen zu pimpen oder geschäftliche Mails zu checken, tipp ich z. B. Fuppes beim Herrn Kaliban – um mal eines der harmloseren und jugendfreien Beispiele zu nennen.
Das Problem hierbei ist aber nicht das Internet mit all seinen Verlockungen und Zerstreuungen, sondern ob und wie man sich darauf einlässt. Sprich: oft fehlt es an Disziplin. Dass ich die nicht habe, kann ich aber keinem anderen, als mir selbst vorwerfen. Das Fehlen von Disziplin ist, wie ich denke, für viele gesellschaftliche und persönliche Probleme verantwortlich. Das ist es dann wohl auch, was die Internetgegner dem Medium vorwerfen: dass es diese Entwicklung fördert und letztendlich für einen Niedergang des Niveaus, der Moral und dergleichen sorgt.
Ob das dann aber auch wirklich so sein wird, können weder die Befürworter, noch die Gegner wirklich wissen. Ich kann für mich nur bis jetzt resümieren, dass ich bei Amazon schon viel Kohle gelassen habe, die ich ohne die Jobs, die sich durch das Internet ergeben haben, nicht verdient hätte. Außerdem einen Haufen “Leserbriefe” veröffentlichen konnte, die so nirgends gedruckt worden wären.
ich weis zwar nicht warum, aber bei mir war plötzlich ein tab offen:
amazon.de – suche “Kathrin Passig”
Der dritte Treffer ist ein Buch und heißt:
“Die Wahl der Qual: Handbuch für Sadomasochisten und solche, die es werden wollen”
Netter Text nebenbei
Vorweg die Anmerkung, dass ich Schirrmachers Kulturpessimismus zu exakt 0% teile. Ich freue mich immer noch jeden 2. Tag wie ein Zweijähriger, der seinen ersten Schaufelradbagger sieht, über die unglaublichen Möglichkeiten des Internets (jugendliche Mitleser dürfen jetzt gerne überheblich grinsen), für die man vor 20 Jahren schon mindestens in die Nationalbibliothek einer mittelgroßen Supermacht hätte ziehen müssen.
Allerdings stelle ich an mir selbst gegenüber früher gewisse Veränderungen bezüglich des Leseverhaltens fest, die mir nicht nur gut erscheinen. Während ich früher oftmals Bücher fast am Stück verschlungen habe, ist es heute ziemlich häufig so, dass ich bereits nach recht kurzer Zeit gedanklich abschweife, ganze Seiten “lese”, während ich eigentlich geistig ganz woanders bin, und generell ein Buch schneller weglege, um irgend etwas anderes zu machen/konsumieren.
Kurzum: Die Informationsvielfalt steigt. Die Fähigkeit zur Fokussierung auf ein einzelnes Thema sinkt. Heftig. Zumindest bei mir. Soweit kann ich Schirrmachers Analyse also aus ganz persönlicher Erfahrung durchaus folgen.
Ob auch seine Bewertung zutreffend ist, lässt sich wohl erst in 15 oder 20 Jahren beurteilen. Ich hoffe (und glaube) eher nicht.
@Player1:
Habe mich zufällig gerade heute Mittag mit einem echten Menschen bei einem echten, “klassischen” Gespräch über genau dieses Thema (Leseverhalten) unterhalten.
Wir sind zum Schluss gekommen: beim Lesen von Büchern fokusiert man etwas: das Buch, den Inhalt, also EIN Thema. Darin liegt wohl auch unbewusst der Reiz. Wenn man etwas fokusiert, wird man nicht so leicht abgelenkt, bzw. will man nicht abgelenkt werden und ist hinterher entspannt. Vielleicht sollte man anstatt “Konzentration” besser den Begriff “Meditativ” verwenden.
Das Surfen im Netz sehe ich dagegen eher so, wie das Zappen beim Fernsehen. Man springt hin und her, ist also in gewisser Weise nicht so im Thema vertieft, wie bei einem klassischen Buch, was dann durch die vielen Möglichkeiten der Ablenkung wieder zu Konzentrationsschwierigkeiten führen kann.
Außerdem ist das Lesen am Bildschirm, gerade bei längeren Texten, die vielleicht auch längere Zeilen haben, anstrengend. Kurze Texte sind am Monitor ergonomischer, wenn man das so sagen kann.
Wenn das Gehirn mit diesen “Infosnacks” dauerhaft unterfordert wird und sich daran gewöhnt, dann fällt es wieder schwer sich auf lange Texte einzulassen – denk ich mal.
Man sollte sich schon bewusst werden, dass von diesem neuen Medium diese Gefahr ausgeht – zumindest habe ich das bei mir (und Du bei Dir) festgestellt.
Wenn man aber weiterhin sein Gehirn parallel mit “klassischen” Medien oder anderen intellektuellen Tätigkeiten trainiert, ist es aber auch kein echtes Problem. “Sinnvoll” genutzt kann das Netz dann eine wertvolle Bereicherung bei der gezielten Informationssuche sein. Man muss aber gerade heute im Zeitalter des Informationsüberschusses gut filtern können, was denn nun wirlich für einen selbst relevant ist. Und, wie ich oben schrieb, Disziplin haben.
Wobei ich denke, dass die Netz-Kritiker gerade hier wieder eine Gefahr für die Jugend sehen – die ja seit hunderten von Generationen IMMER in Gefahr ist.
Unsere Generation ist eben noch mit “alten” Büchern und Zeitung groß geworden und hat ein anderes Leseverhalten. Weil man selbst den Vergleich zu “Früher” hat, fällt es einem womöglich besser auf, dass sich bei einem selbst die Konzentrations- und Lernfähigkeit verschlechtert hat. (Vielleicht liegts auch nur dran, weil man mittlerweile ein alter Sack wird. ;-)) Aber sicher ist doch: bei der Jugend von heute hat die Informationstechnologie von Kindheit an einen sehr großen Einfluss. “Copy&Paste”-Infos aus Google behält sich das Gehirn sicher nicht so gut, wie das, was man selbst mit der Hand aus einem Buch abgeschrieben hat.
Aber egal. Ob das Internet nun gut oder schlecht ist, ist an sich eine überflüssige Diskussion, denn es ist eine Entwicklung, die man ohnehin nicht aufhalten und – wenn überhaupt – nur schwer steuern kann. Da es immer noch verhältnismäßig neu ist, wird sich vieles mit Sicherheit vielleicht sogar von selbst regulieren und relativieren.
Ich zum Beispiel, habe für mich ja festgestellt, dass ich nicht mehr so viel Zeit im Netz vergeuden will. Drum reicht’s auch hier an dieser Stelle. Für heute.
Nicht ganz ernst zu nehmender Text dazu:
http://www.ichwerdeeinberliner.com/25-the-internet