Lesen bewirkt eine Abspannung der Seelenkräfte

by Gunnar on 7. Dezember 2009 · 9 comments

Ich erwähnte schon mal irgendwo, dass ich ganz gut leiden kann, was Kathrin Passig aus Berlin so schreibt, nehme ich an. Mag ihre Liebe zum Detail, ihr Nerdtum, ihren Humor. Wollte daher auch den Link zu dem großartigen Text Standardsituationen der Technologiekritik nicht einfach im Massengrab der gestrigen Sonntagslinks versenken, sondern hier gesondert anpreisen.

Also, es geht in dem Aufsatz um die üblichen Reaktionen gegen neue Technologien, die wir alle schon häufiger von den diskursbeherrschenden Berufsbedenkenträgern gehört haben: “Das braucht man nicht”, “Das macht doof”, “Das ist nur was für Nerds”, “Das geht bestimmt bald wieder weg”, “Das ist zu kompliziert” et cetera pp. Zuletzt beispielsweise vom unsäglichen Herrn Schirrmacher, der wegen seiner Internetnutzung um seine Konzentrationsfähigkeit fürchtet und düstere Zeichen an die Wand malt: Globale Hirnvermatschung! Reizüberflutung! Universelle Bräsigkeit!

Passig nimmt sehr pointiert und sehr witzig aufs Korn, zeigt auf, dass z.B. die Internetkritik sich nicht wesentlich von der Lesekritik des 19. Jahrhunderts unterscheidet:

»Man liest, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern, sondern nur um zu sehen, man liest das Wahre und das Falsche prüfungslos durcheinander, und dieß lediglich mit Neugier ohne eigentliche Wißbegier. Man liest und gefällt sich in diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüßiggang, wie in einem träumenden Zustande. Die Zeitverschwendung, die dadurch herbeigeführt wird, ist doch nicht der einzige Nachtheil, welcher aus der Vielleserei entsteht. Es wird dadurch das Müßiggehen zur Gewohnheit und bewirkt, wie aller Müßiggang, eine Abspannung der eigenen Seelenkräfte«, warnt 1844 das Universallexikon der Erziehungs- und Unterrichtslehre in der zweiten Auflage. […] Hat die neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie, Argument neun, ganz sicher unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren. Die Postkarte galt Kritikern um 1870 als Sargnagel der Briefkultur. Die American Newspaper Publishers’ Association diskutierte im Februar 1897 die Frage: »(Do typewriters) lower the literary grade of work done by reporters?«.

Oder führt vor, wie der Rechtfertigungsdrang technologieferner Menschen aktuelle Anschaffungen abwertet:

Das iPhone (Jahrgang 2007) hat die schon aus der Handyeinführung in den neunziger Jahren bekannten Kritikstufen »Braucht kein Mensch« – »Brauch ich nicht« – »Ist nur was für Angeber« durchlaufen und ist bei »Ich hab mir jetzt auch so ein iPhone geholt – aber der teure Vertrag!« (Argument sechs) angekommen. Sowohl beim Handy als auch beim Smartphone zeigten sich, wie zum Zeitpunkt der Anschaffung noch die vom Vorläufer abgeleiteten Nutzungsabsichten dominieren: »Wir wollen nur im Urlaub erreichbar sein! Nicht selbst telefonieren!«, versicherte man dem Verkäufer ungefragt; beziehungsweise im Falle des Smartphones: »Wir wollen gar nicht ins Internet! Nur telefonieren!« Es kann dann noch einige Zeit dauern, bis die eigentlich innovativen Fähigkeiten des Geräts tatsächlich genutzt werden.

Aber genug. Rübersurfen. Lesen. Klick.

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