Das geht alles wieder weg

by Gunnar on 25. Januar 2010 · 25 comments

Ein Beitrag, in welchem der Herr Kaliban in leicht ungeordneter Weise sein Unbehagen an der aktuellen Unart der so genannten Qualitätsmedien erkennen lässt, sich die Welt schön- und das moderne Zeug aus dem Internet wegzudenken.

zeit interview

Wir beginnen mit Zeit Online, die Kollegen interviewen den Wallpaper-Erfinder und elitären Zeitschriftenmacher Tyler Brûlé, freuen sich über ein paar Aussagen, wie sie Verlage gerne hören und überschreiben den Beitrag mit “Medientrends: Twittern war gestern”. Offenbar reicht es heutzutage schon für einen Trend, wenn eine gut gekleidete Einzelperson sagt, sie aktualisiere ihre Facebook-Seite nicht mehr. Und sich die gute alte Welt zurückwünscht:

“Zuschauer würden sich über den Luxus von weniger Auswahl freuen. Es gibt viele, die sich nach den Zeiten zurücksehnen, als man zum Beispiel BBC 2 oder das ZDF einschalten konnte und einen Abend mit guten, solide gemachten Programmen verbrachte und einfach nur auf der Couch saß.”

Klar. Ich sitze auch oft abends da, bin erschlagen von der Auswahl aktueller Medien und wünsche mir einen Abend mit dem ZDF.

Seufz. Als Beweis für den Trend zurück zum Bewährten zerrt Brûlé den relativen Erfolg (*) der Zeitschrift The Economist heran. Aber hey, der Economist ist eine der beste Zeitschriften der Welt. Die Auflage liegt derzeit bei anderhalb Millionen und kein Wunder — das Heft ist ja auch voll von relevanter Information, macht selten grobe Fehler und hat fast immer tolle Cover (*). Wenn deutsche Wirtschaftspresse auf diesem Niveau agieren würde, ging’s ihr auch besser, keine Frage. Dieser Erfolg dürfte nicht recht nachahmbar sein.

Aber egal, weiter im Text.

szDann kommt die SZ um die Ecke und lässt den früheren Virtual Reality-Pionier Jaron Lanier zu Wort kommen, der gerade sein aktuelles Buch promoten muss und in einem atemlosen Interview in rascher Folge absurde Behauptungen und Forderungen aufstellt: Google sei das Äquivalent zur Kommunistischen Partei, Google habe die gleichen Ziele wie die Chinesische Regierung, Google müsse Geld verlangen für die Inhalte, die es anbiete und dieses Geld den Autoren geben, der Islamistische Terrorismus sei in Teilen ein Phänomen der Mob-Kultur im Internet und so weiter. Unwidersprochen, ohne Gegenfrage. Der Interviewer versteht sich nur als Stichwortgeber.

Schon klar, liebe Verlage, dass ihr momentan Linie halten müsst, während eure Bosse versuchen, das größenwahnsinnige Leistungsschutzrecht durchzusetzen. Aber so albern und plump muss es doch nun wirklich nicht sein.

Ich empfehle wie immer zum Thema Technologiekritik den großartigen Aufsatz von Kathrin Passig, die ihren Standpunkt auch nochmal in einem sehr lesenswerten Interview auf tagesschau.de darlegt. Ihre Aussage zu Facebook liest sich wie eine direkte Antwort auf Tyler Brûlé:

Facebook soll bitte wieder bedeutungslos werden. Und weil Facebook das größte soziale Netzwerk ist, verschwinden logischerweise alle kleineren gleich mit. Danach sieht das Leben wieder genau wie früher aus, und niemand muss sich mehr Sorgen machen, weil er keinen rechten Anschluss an die neuen sozialen Sitten findet. Dass Facebook in ein paar Jahren wieder an Bedeutung verliert, ist dabei sogar ziemlich wahrscheinlich; von AOL, dem Platzriesen der 90er, hat man schließlich in letzter Zeit auch nicht mehr so viel Aufregendes gehört.
Die schlechte Nachricht für Anhänger des “Nur-eine-Phase”-Glaubens: An die Stelle von Facebook wird nicht der Prä-Facebook-Zustand treten, sondern Angebote, die noch viel stärkere Verwerfungen in unseren sozialen Gepflogenheiten mit sich bringen.

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