Ein Beitrag, in welchem der Herr Kaliban in leicht ungeordneter Weise sein Unbehagen an der aktuellen Unart der so genannten Qualitätsmedien erkennen lässt, sich die Welt schön- und das moderne Zeug aus dem Internet wegzudenken.
Wir beginnen mit Zeit Online, die Kollegen interviewen den Wallpaper-Erfinder und elitären Zeitschriftenmacher Tyler Brûlé, freuen sich über ein paar Aussagen, wie sie Verlage gerne hören und überschreiben den Beitrag mit “Medientrends: Twittern war gestern”. Offenbar reicht es heutzutage schon für einen Trend, wenn eine gut gekleidete Einzelperson sagt, sie aktualisiere ihre Facebook-Seite nicht mehr. Und sich die gute alte Welt zurückwünscht:
“Zuschauer würden sich über den Luxus von weniger Auswahl freuen. Es gibt viele, die sich nach den Zeiten zurücksehnen, als man zum Beispiel BBC 2 oder das ZDF einschalten konnte und einen Abend mit guten, solide gemachten Programmen verbrachte und einfach nur auf der Couch saß.”
Klar. Ich sitze auch oft abends da, bin erschlagen von der Auswahl aktueller Medien und wünsche mir einen Abend mit dem ZDF.
Seufz. Als Beweis für den Trend zurück zum Bewährten zerrt Brûlé den relativen Erfolg (*) der Zeitschrift The Economist heran. Aber hey, der Economist ist eine der beste Zeitschriften der Welt. Die Auflage liegt derzeit bei anderhalb Millionen und kein Wunder — das Heft ist ja auch voll von relevanter Information, macht selten grobe Fehler und hat fast immer tolle Cover (*). Wenn deutsche Wirtschaftspresse auf diesem Niveau agieren würde, ging’s ihr auch besser, keine Frage. Dieser Erfolg dürfte nicht recht nachahmbar sein.
Aber egal, weiter im Text.
Dann kommt die SZ um die Ecke und lässt den früheren Virtual Reality-Pionier Jaron Lanier zu Wort kommen, der gerade sein aktuelles Buch promoten muss und in einem atemlosen Interview in rascher Folge absurde Behauptungen und Forderungen aufstellt: Google sei das Äquivalent zur Kommunistischen Partei, Google habe die gleichen Ziele wie die Chinesische Regierung, Google müsse Geld verlangen für die Inhalte, die es anbiete und dieses Geld den Autoren geben, der Islamistische Terrorismus sei in Teilen ein Phänomen der Mob-Kultur im Internet und so weiter. Unwidersprochen, ohne Gegenfrage. Der Interviewer versteht sich nur als Stichwortgeber.
Schon klar, liebe Verlage, dass ihr momentan Linie halten müsst, während eure Bosse versuchen, das größenwahnsinnige Leistungsschutzrecht durchzusetzen. Aber so albern und plump muss es doch nun wirklich nicht sein.
Ich empfehle wie immer zum Thema Technologiekritik den großartigen Aufsatz von Kathrin Passig, die ihren Standpunkt auch nochmal in einem sehr lesenswerten Interview auf tagesschau.de darlegt. Ihre Aussage zu Facebook liest sich wie eine direkte Antwort auf Tyler Brûlé:
Facebook soll bitte wieder bedeutungslos werden. Und weil Facebook das größte soziale Netzwerk ist, verschwinden logischerweise alle kleineren gleich mit. Danach sieht das Leben wieder genau wie früher aus, und niemand muss sich mehr Sorgen machen, weil er keinen rechten Anschluss an die neuen sozialen Sitten findet. Dass Facebook in ein paar Jahren wieder an Bedeutung verliert, ist dabei sogar ziemlich wahrscheinlich; von AOL, dem Platzriesen der 90er, hat man schließlich in letzter Zeit auch nicht mehr so viel Aufregendes gehört.
Die schlechte Nachricht für Anhänger des “Nur-eine-Phase”-Glaubens: An die Stelle von Facebook wird nicht der Prä-Facebook-Zustand treten, sondern Angebote, die noch viel stärkere Verwerfungen in unseren sozialen Gepflogenheiten mit sich bringen.


{ 19 comments… read them below or add one }
Brûlé: “…Was aber wichtig dabei ist: Wenn ich in eine Flughafen-Lounge gehe und Sie mit Ihrem Laptop sehe, weiß ich nicht, ob Sie sich Pornografie auf einer Website aus Bratislava ansehen oder einen Dokumentarfilm auf dem Sundance-Kanal. Sehe ich Sie aber die ZEIT aufschlagen oder den Economist, dann sagt das etwas über Sie…”
Ich finde diesen Aussage sogar viel extremer, da er wirklich schön beschreibt, was er sich unter “dem Internet” vorstellt.
Alle Masse ist träge und widersetzt sich Veränderung, scheinbar auch die Hirnmasse mancher Zeitgenossen. Aber die “Früher war alles besser”-Mentalität ist ja ebenso wenig neu wie der Glaube, “dieses ganze moderne Zeug wird bald wieder aussterben”.
Kleiner Hinweis:
Im Satz “Wenn deutsche Wirtschaftspresse auf diesem Niveau agieren würde, ginge ihr auch besser, keine Frage” gehlt ein “es”.
Da setze ich noch einen drauf.
http://www.ftd.de/lifestyle/lifestyle/:tillmann-pruefer-alle-sind-bei-facebook-ausser-mir/50064257.html
Von der MUTTER aller Wirtschaftstageszeitungen.
xD
Die 08/15 Facebookuser kümmert die Meinung von Brûlé und Co. doch wenig, denke ich. Es verpufft eher im Nichts. Vielleicht würde er mehr Gehör finden wenn er sich online sozial vernetzt. Wäre ja auch toll für die Zeit … würden die Pageviews steigen.
Gruselig! Alles so Überbleibsel aus der .com-Blase. Örks!
Anstatt mal jemand Ideen abliefert, wie der nächste Schritt aussehen könnte.
Kontraproduktive Flachzangen.
Nun ja … weniger solchen Unsinn lesen rettet Lebenszeit.
Gruß!
ps: Jaaaa, hin und wieder lese ich die FTD, auch als Kaliban-Fanboy.
Wobei sich die Aussagen Passigs und Brûlés doch überhaupt nicht widersprechen: Brûlé führt an, Facebook würde sich auf kurz oder lang überlebeben und Passig ergänzt hierbei nur, dass im Anschluss daran mit hoher Wahrscheinlichkeit ein noch weitergehendes Produkt dies Lücke füllen wird. Zumindest für einige Jahre…
Als bedeutend dramatischer habe ich dagegen den dem Zitat vorhergehenden Absatz empfunden. Nicht nur, dass er unnötigerweise die Floskel der “göttlichen Stimme” bemüht, um die Bedeutung der traditionellen Medien zu überhöhen, er spricht auch von einer quasi Notwendigkeit, den Blick der Masse auf die WIRKLICH (!?) relevanten Themen zu fokussieren und damit uns letztlich die Fähigkeit ab, diese Entscheidungen auch selbstständig treffen zu können; Unter Umständen auch unabhängig voneinander, also individuell. Damit schlägt er in eine ähnliche Kerbe wie Lanier, wenn dieser schildert, es gäbe zu viele Internet-Angebote, die am Kollektiv, nicht aber am Individuum interessiert seien. Diese Aussage ist nicht falsch, lässt aber außer Acht, dass diese Einstellung in den traditionellen Medien noch viel stärker verankert ist, da deren Existenz erst durch die Gelder des Kollektivs überhaupt ermöglich wird. Das Internet ist in meinen Augen das derzeit individuellste Medium und sein Erfolg erheblich dieser Tatsache geschuldet.
Das Interview enthält aber auch wichtige und durchaus richtige Aussagen:
Wenn Brûlé von slow media spricht, dann riecht das zwar nach Business-Sprech, markiert letztlich aber ein Statement für mehr Nachhaltigkeit und wohlüberlegtes Handeln in der Medienwelt. Darauf angesprochen, legt er einen in meinen Augen sehr gut nachvollziehbaren Absatz lang dar, was das Hantieren mit Twitter für die Medien so gefährlich macht und warum es rückblickend oft besser gewesen wäre, nicht gleich jedem Trend nachzurennen. Vielleicht etwas umständlich benennt er dabei das größte Problem tranditioneller Medien: Im Bemühen darum hip, cool und sexy zu sein geben sie ihr größtes Potential (die solide, mit verlässlichen Quellen hinterfütterte Berichterstattung) aus der Hand und machen sich als lediglich halbgares Mischwerk für uns unattraktiv.
Der Titel des Interviews ist hierbei auch noch absolut irreführend, da Brûlé zu keiner Zeit behauptet, Twitter befände sich auf dem Abstieg, ebensowenig wie er eine Rückkehr zum Bewährten oder Konventionellen attestiert. Im Gegenteil, er prognostiziert für die Zukunft eine Zunahme der kostenlosen Angebote, wobei er lediglich in Frage stellt, dass diese nur positive Auswirkungen haben wird. Gleichzeitig zeigt er sich aber auch überzeugt, dass Qualität sich auch langfristig weiter durchsetzen wird und da verwundert es dann auch nicht weiter, dass er eine relative Erfolgsgeschichte wie die des Economists anführt.
Damit liegen seine Position und die vieler Internetuser gar nicht so weit auseinander: Den Untergang der alten Medien, wie er regelmäßig prophezeit wird, wird es so nicht geben. Der verschärfte Wettbewerb wird lediglich zur „Flucht in die Qualität“ führen, ein Prädikat dass sich auch weiterhin vermarkten lassen wird: Im Netz genauso wie am Kiosk.
Internet ergänzt, ersetzt die althergebrachten Medien aber – noch? – nicht.
Ein schönes Beispiel zum Thema ‘Medienkompetenz’
Twitter war gestern, soso
Sagt die Zeit, nicht Brûlé.
Dem Internet ist ein Netz zur Übertragung digitaler Daten jeglicher Art.
Ihm ist charakteristisch dass es aufgrund der steigenden Quantität an Information unser Leben beschleunigt – Fakt. Das ist eine Eigenschaft des Mediums selbst und hängt nicht an einzelnen darin stattfindenden Angeboten wie Facebook oder Konsorten.
Das Internet ist nicht gut oder schlecht, es ist, was man daraus macht. Twitter stand ich bislang skeptisch gegenüber. Befindlichkeit und so. Im Zuge der Haiti-Katastrophe war es für mich eine wichtige Informationsquelle, eine authentische Informationsquelle – teilweise brachial besser und aktueller als Print oder Broadcast. Für eine Umfrage vor einiger Zeit hat mir Twitter Dank Herr Kaliban massig Zulauf gebracht. Zwingt mich ja niemand, die Konsistenz meines morgentlichen Stuhlgangs zu twittern – oder selbiges von anderen zu lesen, right?
Qualität ist ein Merkmal des Inhalts eines Mediums, nicht des Mediums selbst.
Und genau darum geht es bei slow media: Qualität. Brûlé bemängelt ja nicht Twitter an und für sich und als technologisches Phänomen, sondern den Umgang der alten Medien damit.
Man kann ja Twitter und Co gut finden oder nicht. Das sei jedem selbst überlassen. Wenn aber jmd anfängt aus dieser persönlichen Ansicht Rückschlüsse auf das gesamte Internet und dessen Nutzen zu ziehen, zeigt sich einfach nur eines: Nämlich dass derjenige das Internet nicht versteht und auch gar nicht in der Lage dazu ist. Oder behauptet wirklich jmd jede Form des Print sei “schlecht” nur weil man am Bahnhoskiosk auch Pornoblätter kaufen kann . Nein ? Andersrum muss man sich sowas oder ähnliches Unlogisches aber immer wieder von so Alteingesessenen anhören.
by the way: Das Internet gibts doch mittlerweile so lange, warum muss selbst heute noch ständig über dessen Nutzen philosophiert werden. Die ganze Diskussion bewegt sich doch seit Jahren keinen Millimeter weiter und bringt doch gar nichts…
Die Frage nach dem “Warum?” beantwortet Passig doch eigentlich ganz gut:
Zuerst heißt es “Wozu soll das denn gut sein?”, dann folgt “Das braucht doch nun wirklich kein Mensch” und “Ich brauche das jedenfalls nicht. Das ist nur was für Terroristen und picklige junge Männer.” Als Nächstes behauptet man “Das ist doch nur wieder so eine Phase”, dann “Na gut, es geht also nicht mehr weg, aber ändern wird sich dadurch nichts!” Schließlich sieht man ein, dass das neue Ding manche Vorteile hat und klagt jetzt, es sei ja aber noch gar nicht perfekt, und außerdem viel zu teuer. Wird das Neue dann preiswerter und attraktiver, muss man sich wiederum Sorgen machen, was passiert, wenn Frauen, Kinder und andere leicht beeindruckbare Gemüter damit konfrontiert werden. Am Ende stehen Etikettefragen (Handytelefonate in der Öffentlichkeit pro und contra) und im Falle von Techniken, die mit Denken, Lesen oder Schreiben zu tun haben, die Sorge, sie könnten unser Denken, Lesen oder Schreiben verändern – natürlich zum Schlechteren. Dann wird etwas Neues erfunden, und alles geht wieder von vorne los. Ein solcher Zyklus scheint im Moment etwa zehn bis fünfzehn Jahre zu dauern.
Kurz: Das ist ein immer noch dankbar angenommes Thema und damit natürlich im Mittelpunkt des Interesses vieler Medien. Solange das Internet das jüngste aller Medienphänomene bleibt, wird es diskuttiert werden. Erst wenn es etwas noch Neueres gibt, wird man es als vollständig etabliert hinnehmen.
Den Rest deiner Kritik verstehe nicht. Wer behauptet denn, das Internet sei schlecht, weil es kostenlose wie kostenpflichtige Pornos bereitstelle?
OKAY, okay okay,
einen hab ich noch, ein’n hab ich noch!
Hier!:
http://www.youtube.com/watch?v=I6IQ_FOCE6I
There’s absolutely no bubble in technology
Mich stört vor allem die Kostenlosmentalität vieler Fernsehzuschauer. Die schalten BBC 2 oder Sat 1 oder N24 an, und denken, dass sie umsonst hochwertige Inhalte kriegen – in den notwendigen Werbepausen gehen sie dann pinkeln. DAS sollte mal jemand hinterfragen. [/ironie]
Hm, das SZ-Interview mit Herrn Lanier scheint mir neben vielen pauschalen und manchmal recht wirren Behauptungen auch inhaltlich etwas abstrus zu sein. In der Frage wird auf die “Herren der Wolke” Bezug genommen, was ja zweifelsohne auf “Cloud Computing” anspielt. In der Antwort meint Lanier dann, dass die aktuelle Rezession (warum auch immer) im Wesentlichen durch die falsche Anwendungen von “Crowd Computing” ausgelöst wurde. Da beide Dinge ja doch etwas anderes sind, erschließt sich mir der Zusammenhang nicht ganz. Oder stehe da nur ich auf dem Schlauch?
Das habe ich auch nicht verstanden. Übersetzungsfehler?
Von dem Lanier gibt’s auch gerade ein Interview auf Spiegel Online. War etwas abstrus aber nicht unbedingt abwegig was er dort gesagt hat. Eine radikale Mobkultur würde ich jetzt im Internet auch nicht vermuten, aber dass das Internet zu mehr Individualismus führt ist auch Unsinn. Insofern ist “Kollektiv” schon nicht unbedingt weit hergeholt.
Also, wenn das Internet mir mal nicht mehr als alles bisher dagewesene ermöglicht, im ganz großen Stil mein aufregendes Gunnar-Sein auszuleben, dann weiß ich’s nicht. Hallo? Wir sind hier auf meinem persönlichen Blog, mitten im Gunnar-Land. Prä-Internet haben mir nie so viele Leute zugehört ;-)
Und die tiefen Verästelungen, in die man seinen persönlichen Geschmack verfolgen kann.
Ist Tyler Brulé nicht der Typ, der diese sprachlich eher unbeholfen daherkommende (im Zweifel mag das an der Übersetzung liegen) Kolumne für SpON / Merian.de schreibt? Der wirkt dabei so unglaublich großkotzig und überheblich, dass mich bei der Lektüre Übelkeit überkommt.
Hm.. ich weiß nicht Recht – ich finde Facebook eigentlich recht toll – kann auch nicht nachvollziehen, dass “die Leute” ihren Facebook-Account nie aktualisieren. Im Gegenteil.
Ich war letztens auf einem Klassentreffen und habe Leute, die ich seit 10 Jahren nicht gesehen habe getroffen. Einige von ihnen haben einen Facebook-Account, weswegen ich zu vielen jetzt wieder regen Kontakt habe! Das kann doch nicht negativ sein.
Mir fällt jetzt spontan kein echter Grund “gegen” die Existenz von Facebook ein – ausser die zeitraubenden, eigentlich langweiligen Minispiele. Und die muss ja keiner spielen =)
{ 6 trackbacks }