Die Schweiz und kein Krieg

by Gunnar on 20. Januar 2010 · 25 comments

Ich bin ein bisschen Schweiz-affin, immerhin ist mein großartiger Bruder Schweizer und meine Mutter irgendwie auch. Mit so einem familiären Blick betrachtet man die schrulligen Eigenarten anderer Länder ein Stück wohlwollender, vermutlich würde es helfen, wenn wir alle mehr Verwandte im Iran oder in Nordkorea hätten. Dann würde man denken, ach, die Atombombe, alles nicht so schlimm, sind ja trotzdem nette Leute, die gerne Halma spielen. Oder so.

schweizerarmeeFrüher hat mir mein Schweizer Stiefvater nicht etwa alles über die herrliche Landschaft und die schönen Hotels der Schweiz erzählt, worauf die meisten Schweizer ja recht stolz sind. Nein, er hat mir gerne die "wehrhafte Schweiz" vorgeführt, hat mir gezeigt, wo die Panzersperren durch die Täler verliefen, hat auf die Berge gedeutet, in deren schroffen Wänden sich schwach die Tore der Kavernen der Armee abzeichneten, die dort Material lagerte, hat mich stolz auf die Bunker aufmerksam gemacht, deren schmale Fensterschlitze sich gegenüber lagen, um sich gegenseitig Feuerschutz geben zu können, hat mich in den vollausgerüsteten Atomschutzkeller geführt, mit dem jedes Schweizer Haus ausgestattet ist.

Falls mal die Russen kommen. Oder die Ösis.

Das klingt für deutsche Ohren alles reichlich bizarr, aber ich erfinde nichts. Wer mir nicht glaubt, möge dieses Buch eines Schweizer Majors lesen, es heißt Der totale Widerstand. Eine Kleinkriegsanleitung für jedermann und beschreibt ausführlich, wie man als Schweizer nach dem Einmarsch des Feindes und der zu erwartenden Niederlage der Schweizer Armee Widerstand zu leisten hat. Sehr aufschlussreich. Und erstaunlich konkret. Ich zitiere:

Erfahrungsgemäss setzt erfolgreiche Kleinkriegsbekämpfung eine mehrfache zahlenmässige Überlegenheit an Infanterie voraus. Ferner hat nur gute Infanterie auf die Dauer Erfolg. Diese zahlenmässig starke Infanterie kann auch durch noch so grosszügigen Einsatz modernster schwerer Mittel (Panzer Flugzeuge) nicht ersetzt werden, denn im Kleinkrieg vermögen Maschinen den Menschen am wenigsten zu ersetzen.kleinkrieg Wenn wir nur 30.000 Mann Kleinkriegstruppen aufzustellen, beziehungsweise nach der Niederlage im grossen Krieg beizubehalten vermögen (nicht einmal 10 % der Armee!) ist der Gegner gezwungen, dauernd mindestens 100.000 bis 150.000 Mann (gleich 8-12 Divisionen) im Lande zu belassen, um den Kleinkrieg nur einigermassen niederzuhalten. Grobe Erfahrungszahlen: Pro Quadratkilometer besetztes Gebiet 2 Mann Besetzungsmilitär. Für Kleinkriegsbekämpfung (Säuberung): Fünffache Obermacht an «Menschen» Voraussetzung! Da nicht nur die Schweiz besetzt sein wird, benötigt der Gegner anderswo noch viel mehr Okkupationstruppen. Weil er gleichzeitig noch mit einer Weltmacht im Kampfe liegt, sind unsere Chancen, im Kleinkrieg bestehen zu können, gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Wir wollen sein ein einig Volk von Kriegern. Don’t fuck with the Swiss, I say.

{ 21 comments… read them below or add one }

ace386 Januar 20, 2010 um 00:58

Klasse timing, die Kriegsanleitung werden die Zivilisten brauchen, jetzt wo die Armee sich kein Benzin mehr kaufen kann ;-)

siehe: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Schweizer-Armee-ist-zahlungsunfaehig/story/11236700

Antworten

Lars Januar 20, 2010 um 01:03

Da hat JEDES Haus einen Atomschutzkeller? Wer bezahlt denn sowas?

Antworten

Drizzt Januar 20, 2010 um 02:36

Leicht-OT: mir fallen zu dem Komplex „wenn die Russen kommen“ ja immer die NATO-Geheimarmeen ein, die Schweiz hatte da auch so eine Gruppe (ganz ohne NATO aber mit MI6-Ausbildung). Unter http://edvan.fadeout.ch/ref/?customerId=30&channelId=43 kann man einen Vortrag von Daniele Ganser sehen, der das mal schön anschaulich und mit Belegen darlegt.

Grüße,
Drizzt

Antworten

Player1 Januar 20, 2010 um 02:44

And I say: Fuck the Swiss.

Kein anderes Land dieser Welt hat so sehr die Fähigkeit perfektioniert, eigene, pervers opportunistische Interessenwahrnehmung als gediegene, seriöse, neutrale und sonstwie von edlen Motiven durchdrungene Lebensart zu verkaufen wie die Schweiz.

Das kann man bewundern, muss man aber nicht.

Antworten

niklas Januar 20, 2010 um 03:17

niemand kann so blöd sein, die schweiz einnehmen zu wollen. in jedem tal eine kernschmelze ist die einzige militärische option…

Antworten

Konrad Januar 20, 2010 um 08:35

Der Papst wird schon Wissen warum er sich von Schweizern schützen lässt ;)

Antworten

Kai Januar 20, 2010 um 09:50

Wer hat’s erfunden?

…ach die Schweizer. Nicht einmal ole Adolf hatte es für notwendig befunden, die Schweiz zu besetzen. Warum auch? Die haben ja freiwillig kooperiert. :-P

Und jetzt würden die Sowjets.. äh Russen auch nicht mehr kommen, ihr Geld ist ja jetzt auch schon dort.

Antworten

vafal Januar 20, 2010 um 10:07

Wasn Bergvolk… ^^

Antworten

JBird Januar 20, 2010 um 16:02

Uh… das hätte der Gaddafi lesen sollen, bevor er sich mit den Schweizern angelegt hat… no wait….

Antworten

paule Januar 20, 2010 um 17:00

haha wir österreicher die schweiz angreifen? hahha WOZU?
bei uns würds im falle eines angriffs so ziemlich genauso ablaufen alpen ftw!

Antworten

Pascal Parvex Januar 20, 2010 um 17:48

Du hast eine Schweizer Mutter? Wusste ich gar nicht. Und wie ist dein Bruder Schweizer geworden, eingebürgert?

Antworten

Gunnar Januar 20, 2010 um 18:22

Nee, mein Bruder ist geborener Schweizer, meine Mutter ist eingebürgerte Ex-Deutsche. Ich bin Deutscher.

Antworten

Pascal Parvex Januar 21, 2010 um 18:03

Wo lebt denn dein Bruder? In der Schweiz? Dann müsste er älter sein als du, oder? Stelle mir das Ganze recht kompliziert vor.

Gunnar Januar 21, 2010 um 20:33

Mein Bruder lebt in Zürich.

Und die Sache ist ganz einfach: Ich aus erster Ehe, er aus zweiter.

Christoph72 Januar 20, 2010 um 18:54

Das eigentlich Interessante sind doch die militärischen Tatsachen(behauptungen) in dem Buch. Selbst wenn es nur ungefähr stimmt, und die gedanklichen Ansätze sind mal gar nicht so verkehrt, rein militärtaktisch gesehen, – dann übertragt das doch mal auf Afghanistan oder Irak: Da müßte doch jeder Idiot, geschweige denn ein Viersterne-General, schon *vor* der “Einreise” dort wissen, daß dort mit dem vorhandenen Personal- und Zeitrahmen nichts zu erzwingen sein wird, schon gar nicht Frieden. Und sprachliche, kulturelle und religiöse Hürden haben wir da noch gar nicht mit eingerechnet.

Antworten

eth0 Januar 20, 2010 um 20:30

Was ihr nicht wisst: Die schweizer Berge sehen nur von aussen massiv aus. Innen sind sie hohl. Und in all den schönen Chalets sind häufig Raketen drin. Oder Panzer. Ist nett wenn man ein schönes Haus näher anschaut und merkt das man das Dach aufklappen kann. :D

Antworten

HeadcraP Januar 20, 2010 um 21:15

Und nicht mal die Ricola-Bomber erwähnt- wer hats erfunden?

Antworten

snyder Januar 20, 2010 um 22:00

Gunnar hat schweizer Wurzeln? Sowas aber auch.
Der ganze Mythos von der Wehrhaftigkeit des Schweizers wird hier aber bereits langsam als lästiges Klischee angesehen.
Wir sind natürlich nicht alles Invasionsparanoiker mit Sturmgewehr unter dem Bett und natürlich hat nicht jedes Haus einen Atombunker. Die gibts hier sowieso nicht, wenn dann einfache Zivilschutzräume die grössenmässig für jeden Schweizer Raum bieten würden.

Antworten

Daniel Januar 21, 2010 um 09:36

Naja es hat vielleicht nicht in jedem Haus einen Atombunker, aber es hat für jeden Schweizer einen Platz in einem davon.

Ich muss hier aber noch anmerken: Ich hätte nicht gedacht das unsere Chancen im Falle einer Invasion so gut stehen :-P

Antworten

siR Januar 22, 2010 um 01:25

Der Major hat langsam ausgedient. Gegen die vielen deutschen Akademiker, die in friedlicher Mission kommen, hilft ihm sein Stellungskampf auch nicht mehr.

Antworten

Simon Januar 25, 2010 um 15:19

Was der Stiefvater mit Erzählungen und der Major mit dem Buch machen, ist nichts anderes, als einen Mythos zu zementieren. Das ganze nennt sich Geistige Landesverteidigung und ist quasi der psychologische Überbau zu all den Bunkern, Sprengsätzen unter Brücken und Atomwaffenplänen. Konservative Menschen glauben noch heute, die Schweiz sei dank ihrer Wehrkraft und ihrem Reduit vom Krieg verschont worden, dabei weiss jeder patriotisch nicht Verblendete, dass die Schweiz mehr oder weniger die Bank von Nazideutschland war. Und das sage ich als Schweizer.
Tatsache ist: All die militärisch supertollen Anlagen und Pläne wurden kein einziges Mal im Ernstfall erprobt (zum Glück nicht, aus Schweizer Sicht). Im Gegensatz zu Völkern wie den Afghanen oder Vietnamesen mussten man nie wirklich in den Krieg ziehen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb man dieses ganze Gedankengut heute so schön mystifizieren kann.

Antworten

Leave a Comment

{ 4 trackbacks }

Previous post:

Next post: