Ich und die Realität

by Gunnar on 18. Januar 2010 · 37 comments

Ich, ich habe die Realität immer verteidigt.

Ich hielt ihr noch die Treue, als damals, auf dem Gymnasium, uns nach der Schule die drei halbstarken Hauptschüler abpassten und vermöbelten, was hauptsächlich mich betraf, da meine falschen Freunde Sascha* und Matthias es vorzogen, nur symbolischen Widerstand zu leisten.

Ich habe noch zu ihr gestanden, als Bayern erst Rekordmeister und danach immer noch rekordmeisteriger wurde, als Hannover 96 in die 2. Liga musste, als ich, während sich Völlers Truppe in München blamierte, fast allein unter lauter Engländern in Surrey im Epizentrum eines 5-1, and even Heaskey scored-Kanons unterging.

Ich versuchte weiter zu leben, als mir klar wurde, dass das brillante System Shock 2 sich nicht ausreichend verkauft hatte, um irgendwie für irgendwen die Entwicklung eines dritten Teils zu rechtfertigen.

Ich verdammte die Realität nicht, als ich — möglicherweise von bösen Geistern ferngesteuert — beim Ausparken im Parkhaus die komplette linke Seite meines Firmenwagens demolierte und am Tag darauf mein Missgeschick dem strengen Chef der Verwaltung gestehen musste.

Ich klagte nur wenig, als die FDP gegen alle Vernunft im Jahr der Finanzkrise drittstärkste Partei wurde und sich gleich nach der Wahl wie erwartet dranmachte, den Staat an die Hotelkonzerne und die Apotheker zu verscherbeln.

Ich akzeptierte beinahe schweigend, dass im letzten Jahr nahezu alle technischen Geräte im Haushalt gleichzeitig die eingebaute Selbstmordschwelle erreichten und durchbrannten, von der Xbox 360 bis zum Staubsauger.

Aber dass jetzt, verdammt, dieses verdammte Billy-Regal unter der Last des verdammten Krempels einfach ohne Vorwarnung zusammenbricht und beim Einstürzen meine verdammte Lieblings-CD von New Model Army zertrümmert, das schlägt dem Fass den verdammten Boden aus. Verdammt.

Jetzt reicht’s. Ich bin dann weg. Sucht mich im Internet.

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