Die Geister von Kunduz

27. Februar 2010

in Die Doofheit der Medien,Für eine bessere Welt,Geföhnte Arschlöcher

Die Geister von Kunduz

Eine kurze Nacharbeitung der Ereignisse im Deutschen Bundestag von gestern, in welcher der Verfasser seine persönliche Bindung zur einer bestimmten Partei auf die Probe gestellt sieht.

Ich rekapituliere: Während der Debatte über eine Vorlage, welche die Verlängerung und Aufstockung des Mandats der Bundeswehr für den Afghanistan-Einsatz vorsieht, heben nach der Rede der Linken Christiane Buchholz die Mitglieder der Linksfraktion Plakate hoch. Darauf stehen Namen von Zivilisten, die durch das vom Deutschen Oberst Klein irregulär befohlene Bombardement bei Kunduz* zu Tode gekommen waren. Der Bundestagspräsident Nobert Lammert wirft alle Plakathochheber nach kurzer Warnung aus dem Saal. Damit sind sie auch von der folgenden Abstimmung ausgeschlossen. Der Grüne Ströbele bittet den Bundestagspräsidenten die Entscheidung zu überdenken. Lammert lehnt das ab, lässt aber am Ende abstimmen, ob die Linke zurückkommen darf, die anwesenden Abgeordneten entscheiden sich dafür. Die Linke kommt wieder, verhält sich ordnungsgemäß und stimmt geschlossen gegen die Vorlage der Regierung. Der Antrag wird mit der Mehrheit der anderen Fraktionen angenommen. Die einzige weitere Fraktion, die nicht mehrheitlich für die Aufstockung stimmt, sind die Grünen, bei denen sich mehr als die Hälfte der Fraktionsmitglieder enthält.

Dies nur zur Wiederholung, damit wir alle auf demselben Stand sind. Ich nehme an, dass die Linke hat sich nicht satzungsgemäß verhalten hat und somit vermutlich zu Recht des Saales verwiesen wurde. Vermutlich. Vielleicht ist die Aktion auch nicht angemessen für die Würde des Deutschen Bundestages. Vielleicht. Geschenkt. Was aber nicht rechtfertigt, dass die schützenswerte deutsche Qualitätspresse (SZ, Focus und andere) behauptet, die die Damen und Herren hätten “Spruchbänder”, “Transparente” und “Protestplakate” gehabt, was ein kleiner, alberner Trick ist, um zu suggerieren, es sei eine Art Demo gewesen. In Wirklichkeit haben die Linken nur schweigend Schilder mit Namen hochgehalten. Keine Randale, keine Parolen, kein Aufruhr. Ausgerechnet Springers Welt fällt im Kanon durch einen vorurteilsfreien Bericht und ein deutliches Foto auf. Auch die neutrale Überschrift der WELT (“Lammert schließt Linke aus”) unterscheidet sich deutlich von der, die die SZ gewählt hat (“Linke provozieren Rausschmiss”) — was die Frage aufwirft, wieso das liberale und überparteiliche Vorzeigeblatt tendenziöser agiert als die Springerpresse.

Naja, wurscht. Ist auch nur ein Detail, das mir speziell aufgefallen ist, weil ich in der SZ zuerst davon gelesen hatte.

Mich regt bei dieser ganzen Sache viel mehr das Agieren einer bestimmten Partei auf: ich meine nicht die Linke mit ihrer vielleicht pur populistisch motivierten Aktion gegen eine nicht gänzlich bescheuerte Vorlage. Ich meine auch nicht die Jungs von Schwarz/Geld, die ihre Kriegsbefürworterlinie zwar grundsätzlich fortsetzen, aber immerhin irgendwie mit einer Art Ablaufdatum versehen. Und mich nervt nicht einmal die idiotische SPD, wo der Vortanzbär Sigmar Gabriel nicht entblödet, seine Truppe für ihre “Geschlossenheit” zu loben, weil nur 16 Leute nicht mit der Regierung gestimmt haben. Nein, wer mich ärgert und irritiert, sind die Grünen, von denen nur ein gutes Drittel gegen die Regierungslinie votiert. Und deren Fraktionschefin Künast (der “die Wut über Ströbeles Parteinahme deutlich anzusehen” war* Ströbele für sein Verhalten eine “Debatte” und “Konsequenzen” ankündigte.

Äh. Bitte?

Als wär’s nicht schon schlimm genug, dass die Grünen bei dem ganzen Kriegsthema nicht allzuweit entfernt vom CDU-Hafen ankern, muss man auch noch Ströbele drohen, weil der als Einziger ein bisschen Zivilcourage abseits der Parteienkonkurrenz und ein wenig Fingerspitzengefühl und überhaupt einen Rest von grünem Geist (wir erinnern uns: das waren mal linke Spießbürgerschrecks) zeigt? Mir reicht das langsam, glaube ich.

Vielleicht sollte ich endlich mal aus der Partei austreten, dann muss ich mich weniger ärgern.

{ 1 trackback }

Gunnar Lott
27. Februar 2010 um 19:17

{ 24 comments… read them below or add one }

1 Flo 27. Februar 2010 um 21:21

Wenn du schon Parteimitglied bist, hast du denn da auch mal parteiintern nachgefragt? Würde mich ja sehr interessieren.

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2 Gunnar 27. Februar 2010 um 21:22

Nö. Bin ja nicht aktiv. Schreibe aber sicher nochmal ‘ne Mail an irgendwen.

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3 Gachmuret 27. Februar 2010 um 21:25

*sign*
In der taz läßt sich ein Kommentar von Herrn Beck lesen, der mir wirklich die Hutschnur hochgehen ließ.
“Aber das geht nur nach Absprache mit dem Präsidium”, sagte Beck der taz. Die Aktion der Linken empfinde er als “gegen den parlamentarischen Betrieb gerichtet”. (nachzulesen hier: http://ow.ly/1bZgF )
Wissen die Damen und Herren überhaupt noch, in welcher Partei sie sind?
Und mit solchen Argumenten wollen sie dann Ströbele maßregeln, oder was?
Weil man sonst riskiert, nicht mit der Union kuscheln zu dürfen?
Ich verstehe es nicht.

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4 Sven 27. Februar 2010 um 21:55

… würdest du in Hamburg wohnen, hättest du das bestimmt schon getan.

Sven

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5 Konrad 27. Februar 2010 um 22:29

Mitglied? Bei den Grünen?? Das schockt mich dann doch irgendwie. Ich fand die Grünen ja auch mal ganz spannend und Joschka Fischer bis heute toll, aber solange die sich selbst in Schlüsselfragen wie der Atomenergie dem genannten Afghanistaneinsatz und Hartz IV intern nicht einig sind sind sie halt auch keine Alternative.

Außerdem geht mir deren Quote und das gegendere auf den Sack.

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6 Gachmuret 27. Februar 2010 um 22:34

Ja, und dann kommen solche Sprüche und man überlegt es sich doch noch mal.

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7 Gunnar 28. Februar 2010 um 14:10

“aber solange die sich selbst in Schlüsselfragen wie der Atomenergie dem genannten Afghanistaneinsatz und Hartz IV intern nicht einig sind sind sie halt auch keine Alternative. Außerdem geht mir deren Quote und das gegendere auf den Sack.”

Jetzt plötzlich erscheint es mir doch wieder ganz erstrebenswert, Mitglied in einer Partei zu sein, in der es schwierig ist, die Fraktion auf Linie zu bringen und die wenigstens versucht, nicht zu einem dieser männerbündischen “Old Boys-Clubs” zu werden.

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8 Thomas Benle 1. März 2010 um 00:53

Ach mei, es ist ja nun auch wieder nicht so, dass nur bei den Grünen Uneinigkeit über bestimmte Entscheidungen herrschen würde. Es gibt nicht umsonst in jeder größeren Partei unterschiedliche Blöcke von rechts- bis links-außen. Fraktionszwang existiert ja offiziel eigentlich sowieso nicht. ;o) Und sicher, die Männerdominanz ist nicht ganz unproblematisch, aber wenn die Damen nur wegen irgendeiner wilkürlichen Quote in ihre Position rücken, für die sie im Grunde gar nicht geeignet sind… na ja, wtf?
Und zumindest in einem hat er völlig recht: Gendering nervt! (taz-I…)

9 Der mit dem Gnu im Schuh 28. Februar 2010 um 02:21

Ich gehe jetzt davon aus, dass eines der Gründe für Geschichtsforschung jener ist, daraus was zu lernen. Menschen haben schon früher Kriege geführt. Ich denke eines der Lektionen der Geschichte ist, dass die Dynamik des Krieges früher oder später dazu führt, dass man sich die Hände schmutzig macht – auch wenn dies von der Propaganda immer ein wenig unter Teppich gekehrt wird. Dies sollte einem aber klar sein, bevor man einen neuen beginnt (nennt mal wohl Verantwortung oder so).

Den Grünen war damals Machterhalt wichtig und sie haben für den Krieg gestimmt. Jetzt müssen sie auch dazu grade stechen.

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10 Der mit dem Gnu im Schuh 28. Februar 2010 um 02:30

… geradestehen.

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11 Thomas Benle 28. Februar 2010 um 02:38

Und können es sich nie, nie, NIE wieder anders überlegen? Zu schade…

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12 Der mit dem Gnu im Schuh 28. Februar 2010 um 06:56

Geh doch mal nach der Ziehung der Lottozahlen zum Kiosk und sag, dass Du Dich beim Setzen der Kreuze geirrt hast, und jetzt gerne andere hättest.

13 Thomas Benle 1. März 2010 um 00:41

Der Vergleich hinkt. Niemand verlangt von den Grünen, ihre damalige Entscheidung rückgängig und die daraus erwachsenen Konsequenzen ungeschehen zu machen (aus einfachem Grunde: das geht nicht!), aber es besteht durchaus keine Notwendigkeit, dass die Grünen weiterhin an dieser Fehlentscheidung festhalten müssten. Auf dein Beispiel gebracht wäre das mehrso wie die Erkenntnis, nach dem ersten Lottoverlust nicht immer weiterzuspielen, sondern… – richtig! – aufzuhören. Oder meinetwegen auch der Versuch beim nächsten Mal einfach auf die richtigen Zahlen zu setzen.

14 Yukiru 28. Februar 2010 um 08:59

Es ist kein Wunder, dass Springer Verlag sich auf die Seite der Linke schlägt. Die haben doch schon seit längerem eine Auseinandersetzung mit Lammert. Da wird das denen schon ganz Recht gekommen sein. Ich würde deshalb nicht so weit gehen und denen unparteiischen Journalismus vorwerfen. ;)
http://www.bildblog.de/search/“lammert”

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15 ben_ 28. Februar 2010 um 10:23

Ich muss zugeben: Das Abstimmungsverhalten der Grünen entspricht wohl nicht mehr den Positionen, die sie mal zur Gründung der Partei hatten.

Aber ich muss sagen, dass ich die Vorstellung, eine Krieg liesse sich im Parlament beenden und zwar auf Grund von politischen Entscheidungen – von denen ziemlich sicher die wenigsten etwas mit der Situation im Kriegsgebiet zu tun haben – diese Vorstellung finde ich ein wenig pervers, gerade wenn man den Krieg angefangen hat.

Meiner Meinung nach, können wir nicht einfach in ein Land einmarschieren, es mit Krieg und Bürgerkrieg überziehen und uns dann verpissen, wenn die politische Lage daheim nicht mehr oportun ist. Viel ekelhafter geht es nicht mehr. Und ich muss zugeben, ich weiß nur aus dem gelegentlichen Konsum des Weltspiegels, wie die Lage da aussieht … aber bei aller Liebe … die Afghanen machen mir nicht den Eindruck, als hätten sie ihr Land unter Kontrolle, sogar mit unserer Armee. Ich will gar nicht wissen, was da sonst los wäre.

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16 ben_ 28. Februar 2010 um 10:25

Axo … ich wähle latürnich auch grün. Werde ich auch weiterhin machen.

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17 ben_ 28. Februar 2010 um 10:26

Und nochwas, sorry, beim Abschicken eines Kommentars bekomme ich immer einen
– ziemlich häßlichen – Fehler 500. Falls es Dich interessiert.

“Interner Serverfehler (500)

Das von Ihnen aufgerufene Programm
http://kaliban.de/wp-comments-post.php
erzeugte einen Fehler. Kontrollieren Sie bitte das error.log.”

Antworten

18 Gunnar 28. Februar 2010 um 13:19

Ich weiß. Keine Ahnung, woran das liegt.

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19 Ellenn 28. Februar 2010 um 11:02

Mangels Alternative weiss ich auch nicht was ich sonst wählen sollte, trotz gelegentlicher Bauchschmerzen. Bei der letzten Wahl war es eine Grün-Piraten-Kombination.
Demnächst steht die NRW-Wahl an, was soll ich nur tun? Schwierig.

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20 Matthias Damm 28. Februar 2010 um 13:08

Kommunismus ist doch besser…

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21 Konrad 28. Februar 2010 um 14:09

rofl

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22 Jan 28. Februar 2010 um 13:37

hmm, ja, Künast hat sich in der Frage wirklich peinlich daneben benommen. Ich verstehe die Kritik an der Aktion der Linken zwar vollkommen, denn wie in der TAZ zu lesen war, es hätte durchaus die Option einer angekündigten und gemeinsamen Trauerveranstaltung des ganzen Hauses gegeben, deren PR-Wirkung für die Linken natürlich deutlich schwächer gewesen wäre.
Solange Ströbele im Boot ist und der Nachwuchs sich so engagiert, werde ich trotzdem in dem Verein bleiben:
http://www.ftd.de/politik/europa/:kopf-des-tages-jan-philipp-albrecht-mister-anti-swift/50072520.html

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23 henk 28. Februar 2010 um 19:08

Solche Gedanken sind mir auch so durch den Kopf gegangen. Wobei ich schon seit der Hamburg-Wahl raus bin. Für Schwarz/Grün stehe ich nicht zur Verfügung.
Frau Künast (will vielleicht regierende Bürgermeisterin von Berlin werden) hat sich extrem peinlich benommen. Zu mindestens im grün-technischen Sinne. Vielleicht sollten sie sich in die Dunkelgrünen umbenennen? Wie auch immer…

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24 The man they called Poschelt 3. März 2010 um 10:53

Joa geh, Bua. Kummst halt allweil in’d CSU, do bist gar pfundig aufg’hobn, ge? Und wennsd ma widda a poar Maß zvui host und brauchst a nit genga wie’d Käßmann, ge?

Habe die Ehre
Poschelt

P.S. Duds mir aan G’falln wenns ‘s eintreten tun dunst, in’d CSU, sagts der Poschelt schickts euch, I krieg für jeden aan Punkt, und wann’dsd 100 von daane Punkte beisam host, kriegstn an sauber’n Postn. Des dät mia guad nei’glaufa!

Hobe die Ehre
Poschelt MdL Bayern

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