Die Zeit und Bioshock 2

by Gunnar on 10. Februar 2010 · 6 comments

Es ist ja grundsätzlich interessant und auch erfreulich, dass die Kollegen von zeit.de sich mit Computerspielen beschäftigen, aber dieser aktuelle Artikel ist genau von der typischen Sorte Fließbandjournalismus, der Schuld daran ist, dass ich fast keine Magazine mehr lese.

Das typische Rezept geht so: Wir wollen über ein Produkt schreiben, dass uns interessiert, brauchen aber irgendeine Rechtfertigung dafür. Also konstruieren wir, extra für den Ressortleiter, einen windigen Meta-Rahmen anhand von zweikommafünf Beispielen, der vage zum Hauptthema passt. Und postulieren eine Pseudo-These, in diesem Fall sowas wie Oh hey, bei Computerspielen sind Dystopien als Setting total in oder im Wortlaut des Artikels “Was werden die Menschen denken, wenn sie in 50 Jahren auf die Computerspielewelt unserer Zeit zurückblicken? Vielleicht werden sie […] darüber nachdenken, warum sich […] ausgerechnet Videospiel-Dystopien so großer Beliebtheit erfreuten, also Spiele, in denen die Erde verwüstet, die Menschheit unterjocht und die Zahl der wackeren Widerständler äußerst überschaubar ist.” Vielleicht. Vermutlich aber nicht. Gähn. In den aktuellen Charts findet sich schon mal gar kein Spiel mit dystopischer Geschichte, eher Titel wie Avatar oder Star Trek Online, die die Zukunft durchaus farbenfroh zeichnen. Der Autor muss denn auch schon das jahrealte Half-Life 2 aus dem Grab zerren, um ein halbwegs bekanntes Beispiel für seinen postulierten Trend zu haben.

In Absatz 2 nimmt man einen Experten, den keiner kennt, der aber ein bisschen halbwegs passendes Akademiker-Kauderwelsch ausspuckt (“Diese post-apokalyptischen Szenarien können im Spiel als detailreiche, räumliche Fiktion erforscht werden […]”), das der Autor selber viel verständlicher hätte formulieren können. Aber das Expertenzitat an sich ist ja der Arbeitsnachweis des Qualitätsjournalisten, das muss der Leser eben schlucken. Dann kommt die unvermeidliche Inhaltsangabe des besprochenen Mediums, in diesem Fall erstmal Bioshock 1 in 25 Zeilen, ehe dann Bioshock 2 in läppischen fünf Zeilen abgehandelt wird. Dann noch ein bisschen Lob/Kritik, dann der elliptische Schluss, für den der Autor leider keine rechte Idee hat, der aber trotzdem unbedingt sein muss. So. Artikel fertig, Zeilen gefüllt. Kein interessanter Gedanke, keine überraschende Formulierung, kein Wort zum Spielprinzip. Nur ein weiterer Artikel, nach dessen Lektüre jedermann (egal ob Bioshock-Kenner oder -Neuling) genauso schlau ist wie zuvor. Klassisches Feuilleton, eigentlich.

Wenn er wenigstens auf Björns großartiges Bioshock-Essay gelinkt hätte.

P.S.
Image1

{ 6 comments… read them below or add one }

Leave a Comment

Previous post:

Next post: