Ich, die Schirme und Vernor Vinge

by Gunnar on 18. März 2010 · 11 comments

Herr Kaliban erzählt was über das Ding auf seinem Nachttisch.

Meine Untergang schreitet rapide voran, schon bald bin ich möglicherweise für die reale Welt verloren. Auf der Arbeit sitze ich an einem Windows-PC, wenn ich nicht gerade in Meetings auf das flackernde Bild eines Beamers schaue. Im Auto wechsele ich zwischen Straße und Navi-Touchscreen, außer an Ampeln, da checke ich rasch Mails mit dem iPhone. Zuhause klappe ich das Macbook auf, um mich meinen diversen Web-Projektchen zu widmen, wobei schwer zu entscheiden ist, ob ich meine Aufmerksamkeit nun meinen Facebook-Aktivitäten***, meinem Twitter-Account*, meinen Blogs**, den Geheimnis-Seiten** oder dem Geheimprojekt widmen soll. Wenn ich davon genug habe, entspanne ich mich am Fernseher mit einem Xbox-Spiel. Oder daddele ein bisschen DS auf der Couch.

Uh. Meine Welt besteht aus Bildschirmen.

Ich habe nur eine Sache zu meiner Verteidigung zu sagen: Immerhin ist es mir bislang gelungen, den Kauf eines Kindle zu vermeiden. Irgendwie. Also lese ich noch echte Bücher. Und das, welches gerade auf meine Nachtisch liegt, wollte ich hier mal rasch empfehlen:

vernor vinge a deepness in the sky Es heißt A Deepness in the Sky, wurde verfasst von Vernor Vinge* und ist generell großartig. Vinge schreibt Science Fiction der alten Schule — da geht es um den Weltraum, um klug ausgedachte Alien-Rassen und weitreichende Entwürfe möglicher Zukünfte. Vinge ist nicht der ganz große Erzähler, aber er entwirft ein hochspannendes Universum. Ich beschreibe mal kurz die groben Zusammenhänge, okay? Also, die Sonne des Planeten Arachnia heißt On/Off, aus dem bizarren Grund, dass sie immer 35 Jahre lang Hitze und Licht abstrahlt und dann 215 Jahre lang ausfällt. Die Bewohner von Arachnia, freundliche Spinnenwesen, deren Kultur der Europas zu Anfang des 20. Jahrhunderts ähnelt, gehen also alle naselang für längere Zeit in eine Art Winterschlaf. Als sie diesmal aufwachen, sind zwei menschliche Flotten in ihrem Orbit: die gewieften Händler der Queng Ho, die Beziehungen eröffnen wollen und die faschistoiden Emergents, denen es eher um Eroberung geht. Noch bevor sich die Leute den Arachniden vorstellen können, geraten sie aneinander und löschen sich in einer Weltraumschlacht nahezu gegenseitig aus. Die Emergents gewinnen, müssen aber mit den überlebenden Queng Ho kooperieren, denn die Technologie der Arachniden (die von der ganzen Lichtshow im All nichts bemerkt haben) ist noch lange nicht so weit, den Menschen und ihren schwer beschädigten Schiffen helfen zu können. Die sitzen also im Sonnensystem, beuten Asteroiden aus und warten, dass die Spinnen endlich den Computer, die Atomkraft und den Raketenantrieb entwickeln. Die Handlung erzählt in zwei Strängen die Geschehnisse bei den Menschen und bei den Arachniden.

Der fabulierfreudige Herr Vinge jongliert eine Vielzahl von Charakteren souverän, beschreibt die Technik glaubhaft und macht aus der ganzen absurden Sache generell eine spannende Geschichte, die auch große ethische Fragen nicht schamhaft umgeht. Toll. Nicht ganz so orginell wie der danach spielende Vorgängerroman A Fire Upon The Deep*, aber meiner bescheidenen Meinung nach besser erzählt. Empfehlenswert für jeden, der bei der Erwähnung von Scifi nicht sofort die Straßenseite wechselt.

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