Pogorausch und die weinende Milch

by Gunnar on 15. März 2010 · 11 comments

Es ist einer dieser Texte, die ganz harmlos beginnen, mit einer schlichten Beobachtung, und dann irgendwie abdrehen. Ahem.

Nahezu jeden Morgen, wenn ich in der Autoschlange auf der Max-Joseph-Brücke einraste, steht ein paar Meter weiter auf der Geradeausspur ein weißer Lieferwagen mit der bedeutsamen Aufschrift:

Pogorausch Pralles Pils

Fühle mich irgendwie angesprochen, weiß aber nicht, was ich davon halten soll. Ist vielleicht eine unabhängige Biermarke, die von fünf alten Punks betrieben wird, die die alten Ideale hochhalten und nicht dieses ganze Kapitalistenbier aus den Bonzenbrauereien saufen mögen. Oder auch was ganz anderes. Müsste das mal googeln, kann mich aber nicht aufraffen. Obwohl, man sollte vielleicht nicht immer “googeln” sagen, wenn man “suchmaschinieren” meint, wer “googeln” sagt, kann sich hinterher, wenn Google die Weltherrschaft übernommen und Atombomben auf China geworfen hat, nicht mehr rausreden, er habe das alles nicht gewollt. Ich könnte vielleicht mal “bingen” sagen und damit den sympathischen Außenseiter Microsoft unterstützen. Ist aber natürlich hoffnungslos, denn wenn ich das so lese, wird mir klar, dass sich “bingen” niemals durchsetzen wird: Doofe Leute vermuten darin bestimmt irgendeine Art von sexueller Aktivität, und gebildete Leute müssen immer an die Heilige Sirene Hildegard von Bingen denken, was niemandem recht sein kann. Man muss doch auch mal an die gebildeten Leute denken, die haben’s auch nicht leicht dieser Tage und in diesem Land, wo normale Menschen Mario Barth für einen witzigen Typen halten. Wobei es sich gebildete Leute natürlich auch selber nicht leicht machen, nehmen wir mich als Beispiel, ich halte es in klassischer intellektueller Selbstüberschätzung für eine gute Idee mit meiner gerade zweijährigen Tochter auch mal komplexere Angelegenheiten zu erörtern anstatt wie so viele andere Eltern über Wauwaus, Winkewinke, die Heia und Schnappischnappi zu sprechen. Was habe ich davon? Das Kind redet wie ein Wasserfall, auch mit leblosen Gegenständen: “Musst nicht weinen, kleine Milch. Wird wieder gut. Ich tröste.” singsangt sie zuweilen, während sie ein Milchtetrapack durch die Wohnung trägt. Bizarr, wie da im Hirn offenbar zwei Programme durcheinander laufen.

Aber was soll’s es reden ja viele Leute mit Objekten, die nicht antworten: mit Computern, Goldfischen, verstockten Ehemännern und ihren Briefmarkensammlungen. Gibt es eigenlich überhaupt noch Leute, die Briefmarken sammeln? Das hat so was 50er Jahre-haftes, da muss ich immer an verschrobene hagere alte Männer denken, die mit riesigen Lupen bewaffnet in staubigen Läden stehen und auf Kundschaft warten. Aber da die Deutschen, anders als andere Völker zum überwiegenden Teil nicht aus Wegwerfern (wie mir) sondern Behaltern bestehen, stirbt dieses absurde Hobby sicher nicht aus. Wobei mir einfällt, dass ich bestimmt endlich reich würde, wenn es mir gelänge, endlich ein Produkt zu entwickeln, das Behalter anspricht, denn Produkte, die man denen verkauft, müssen ja nicht einmal funktionieren — der Behalter will sie ja eh nicht verwenden, nur aufheben, lagern, katalogisieren und verwalten. Wenn ich, sagen wir, die von mir letztes Jahr erfundene Good Old Game Boxtm endlich auf den Markt brächte, würde es reichen, an Behalter einfach ein leeres Gehäuse zu verschicken und gelassen die zwei Jahre Garantiezeit abzuwarten. Manche Leute kaufen nämlich, und das ist wahr, genauso gerne das Versprechen wie das Ding selber. Sehe das an mir selber: Die Putzfrau, die wir beschäftigen, funktioniert hauptsächlich als Drohung — in unserer Panik, von ihr als schmutzende Schlunzfamilie enttarnt zu werden, räumen wir vor ihrem Besuch gründlich auf und lassen sie dann nur Kleinigkeiten machen, “Ach, heute gibt’s nicht viel zu tun, weißt du”. Es wäre sinnvoller, wir zahlten ihr die Hälfte zahlen und sie käme nur halb so oft, würde uns aber im Dunkeln lassen, welche Termine sie auslässt und an welchen sie erscheint. Das Resultat wäre ungefähr gleich. Vielleicht sollte ich eine unzuverlässige Putzfrauenagentur gründen, das wäre noch eine Marktlücke.

Oder gibt’s sowas schon? Muss ich mal bingen googeln suchmaschinieren.

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Munzeei März 15, 2010 um 22:43

Wenn ich “bingen” lese denke ich zu allererst an Menschen die “binge drinking” eindeutschen wollen, liegt aber sicher an mir.

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Feras März 15, 2010 um 23:22

Bitteschön.
Zitat von deren Website http://www.pogorausch.de/:
“Die Pogorausch GbR gibt es seit Mai 2004. Wir sind inzwischen sechs Leute mit Wurzeln im Punk. Mit Pogorausch wollen wir nicht einfach Geld scheffeln und berühmt werden – das zwar auch, aber es geht auch darum, mal wieder was für die Punkszene zu tun. Wir haben der Szene viel zu verdanken: Freundschaften, wilde Erlebnisse, Abstürze, Musik, Sex, Gewalt, Drogen und was sonst noch das Leben schön macht. Und mit unserer kleinen Firma geben wir das an die Szene zurück…”
Hast es also ziemlich gut getroffen, mit den 5 alten Punks.

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Rebbot März 16, 2010 um 17:25

Als hätte Herr Kaliban das nicht vorher schon ersuchmaschiniert… ;)

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hoschi März 17, 2010 um 13:50

“Und mit unserer kleinen Firma geben wir das an die Szene zurück…”
bei sowas muss ich immer wieder lachen. Typisch linkes heuchlerisches Geblubere. Sowas kann ja nur von “Punks” kommen. Also mir ist diese Pogorauschtruppe völlig unsymphatisch.

Falcon März 16, 2010 um 03:07

Ich gestehe: Ich verwende den Ausdruck “bingen”. Ich verweigere mich Google und benutze seit Monaten Bing. Schön ist das natürlich auch nicht, das korrekte Deutsch “Suchmaschine benutzen” klingt sogar auch besser. Aber man muss schließlich für Microsoft werben. Und das dass mal jemand sagen wird, muss man sich mal vorstellen!

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Marjan März 16, 2010 um 11:50

“Bing” ist wohl die schlimmste bezeichnung, die M$ einfallen konnte. ich denke an eine mikrowelle, die mir suggeriert, das kalte essen vom vorabend ist jetzt wieder halbwegs genießbar. und an Chandler Bing aus Friends, dessen nachnamen ich immer ziemlich strange fand. das gute bei Google ist ja, daß es ein wortspiel mit dem wort Goggle ist, hat sich jemand was bei gedacht. aber Bing… Bing… irgendwie kommen noch gameshow-assoziationen auf. glücksrad! das war’s…

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Zabree März 16, 2010 um 17:27

Ja, Briefmarkensammler gibt es noch. In Hülle und Fülle. Da wir als privater Postdienstleister die Möglichkeit bieten, zu Hochzeit, Geburtstag und Restkrams Briefmarken machen zu können, ist mir das sehr gut bekannt. Die “kaufen” bzw. sammeln alles, nicht nur die Marken, sondern sogar die Serienbriefe die wir an unsere Briefmarken-Verkaufsstellen senden, um dann auf dem nächsten Sammlertreffen prahlen zu können.

Leider ist mir die genaue Umsatzzahl nicht bekannt, aber Sammler bzw. Behalter sind eine sichere Einnahmequelle in solch schwierigen Zeiten.

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Lars März 18, 2010 um 09:23

Offenbar scheint Herr Kaliban, betrachtet man den Schreibstil, mit Herrn Goldt verwandt zu sein: “Thema A, a propos Thema B … Thema C”. Gefällt mir.

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niklas März 19, 2010 um 10:03

hoschi ist mir dank total unsympathisch.

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Paddy-o März 29, 2010 um 00:51

Groß! Ar! Tig!

Musst nicht weinen, kleine Milch…
Bitte ein skurriles Kinderbuch (welches Tim Burton sofort verfilmen würde) daraus stricken!!

Werde kaufen!
Ohne Kinder!!!

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Jonas Februar 26, 2011 um 04:49

Fein gemacht, Herr Lott.
Dennoch scheinen im Text ebenso zwei Programm durcheinander zu laufen, Doppelverb, hat beim Lesen ganz schön geholpert. Ich springe eigentlich nicht auf, wenn es um kleine Fehler geht, aber der Text hat einen bemerkenswerten Lesefluss und dadurch fiel es arg auf. Ansonsten sehr fein :)

“wir zahlten ihr die Hälfte zahlen”

Grüße

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