Unter Reichen

by Gunnar on 27. März 2010 · 16 comments

Ein kurzer Beitrag, in welchem der Verfasser eines seiner Lebenstraumata aufarbeitet: den immer noch ausbleibenden siebenstelligen Lottogewinn.

Unsere Wohnung ist an einer Bundesstraße gelegen und hat einen Blick auf einen verrotteten Siebzigerjahrebau mit grünen Fensterrahmen. Einerseits. Andererseits liegen die Tempel der Reichen in Altbogenhausen nur einen Schwarzgeldkofferwurf entfernt. Ich muss also nur ein paar Straßen weitergehen, um mich — je nach Stimmung — entweder als Bewohner einer vornehmen Gegend zu fühlen oder von den in Regimentsstärke die Parkplätze bevölkernden Porsches ans eigene Normalverdienertum erinnert zu werden.

Naja.

Wenn ich besonders mutig bin, wage ich mich in den Supermarkt der Reichen, Schönen und schön Reichen: die Feinkostapotheke Käfer. Dort trifft man die kariert pullunderige Jeunesse Dorée Münchens, die Champagner für den Abend einkauft, in der Sonne von St. Tropez verbrannte hagere Endfünfzigerinnen in Begleitung des Körbe schleppenden Hauspersonals, in der Langeweile der 20-Zimmer-Villa füllig gewordene Ehefrauen auswärts übernachtender CEOs, die Hände voller 8-Euro-Schokoladentafeln, strickjackige ältere Herrn mit Luxushunden, geliftete Geschäftsführerinnen, perfekt unrasierte Agenturbosse und ihre italienischen Liebhaber und so weiter.

Und, manchmal, trifft man dort Leute, die sich offenkundig verirrt haben, wie den bedauernswerten Familienvater, der sich eine kleine runde Himbeertarte einpacken lässt, dann das Preisschild sieht und erschrocken nachfragt: “Hier steht 29 Euro! Auf dem Schild in der Auslage hieß es doch 5 Euro?!” Worauf der perfekt geschulte Verkäufer anmutig den Kopf schräg legt und “5 Euro ist der Preis für ein Stück” entgegnet. Der Familienvater wird bleich, winkt nach seinen Kindern und verlässt geschlagen den Schauplatz.

Ich fühle mit ihm.

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Yukiru März 27, 2010 um 15:09

Könnte doch auch ein verdammt geiziger Reicher gewesen sein, oder? :D

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PhanThomas März 27, 2010 um 15:26

Ein echter Reicher ließe es sich doch aber nicht nehmen, reich auszusehen. Selbst, wenn es sich um einen geizigen Reichen handelt. Würde ich zumindest mal meinen.

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Elorie März 27, 2010 um 16:05

Nein, das wäre der feine Unterschied zwischen einem Reichen und einem Neureichen…

ROFLcOptimist März 27, 2010 um 15:23

Spätrömische Dekadenz könnte man meinen.
Allerdings ist die eher auf der anderen Seite der Wohlstandsschere zu finden…laut einigen fehlgeleiteten Außenministern.

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Falcon März 27, 2010 um 17:22

Also soooo was besondres ist der Feinkost Käfer nun auch wieder nicht… Qualität kostet nunmal. Manches mag zwar sicherlich hoffnungslos überteuert sein, aber die Produkte mit dem “Schrott” den man in vielen “gemeinen” Läden kriegt, zu vergleichen ist unangebracht.

Richtig ist dagegen die Beobachtung des Großteils des Klientels. Arrogante Schnösel.

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BenTonic März 27, 2010 um 17:49

“Feinkost Käfer” scheint mir eine sehr interessante Interpretation von Feinkost.
Ein Elektroingenieur berichtete mir letztens (mit leichtem Entsetzen), dass seine Firma 08/15 Audio-Kabel (er nannte den Fachausdruck der mir inzwischen entfiel) für den 10-fachen üblichen Ladenpreis anbietet. Einziger Unterschied, die Isolierung ist minimal dicker und in verschiedenen Farben erhältlich.
Er erkundigte sich sogleich beim zuständigen Verkaufsleiter der darauf entgegnetet, man habe versucht die Kabel zu einem “normalen” Preis zu veräußern, das schlug jedoch fehl, da das Produkt als minderwertig interpretiert wurde und somit nicht zu den angebotenen hochwertigen Verstärkern passt.

Dieses alte Marketingprinzip funktioniert meiner Ansicht nach auch bei “Feinkost Käfer”. Den Leuten geht es nicht um die Produkte (diese wären vermutlich teilweise in ihrer Qualität durch Supermarktangebote austauschbar) sondern es geht um das Erlebnis Einkauf bei Käfer. Sehen und gesehen werden oder, für die Verlaufenen, sehen und gehen. Für dieses Erlebnis ist man bereit einen höheren Preis zu bezahlen und es wäre ja nicht Feinkost wenn die Preise im höheren Supermarktsegment angesiedelt wären. Da könnte man ja gleich mit dem Fußvolk shoppen gehen.

… schön geschrieben Herr Kaliban

Gruß

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Konrad März 27, 2010 um 19:32

Da fehlen jetzt aber schon noch die verwöhnten Kinder der Upperclass die später bestimmt mal FDP wählen werden ;)

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PropheT März 27, 2010 um 19:33

…muss ja eine mächtig tolle Torte gewesen sein.

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br0t März 27, 2010 um 22:30

Die haben einen Knall da in München. Ein Mineralwasser bitte! “Das macht 11 Euro.”

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Patrick März 28, 2010 um 09:02

Aber im Ernst, die Himbeer-Tarte ist großartig!

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Gunnar März 28, 2010 um 13:51

In der Tat. Ich, äh, war auch wegen der da.

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finsterwipf März 28, 2010 um 10:11

@Brot: Meinst du dieses Vulkangestein-Himalaya-Mineralwasser? Das schmeckt aber auch wirklich großartig, so einen intensiven Wasser-Geschmack kriegst du nicht alle Tage. ;p

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Der mit dem Gnu im Schuh März 28, 2010 um 10:50

Ich wohne nicht all zu weit entfernt und jedesmal wenn ich über die Einsteinstrasse beim Media-Markt vorbei komme, frage ich mich, warum jemand freiwillig eine Wohnung am mittlerern Ring nimmt.

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Gunnar März 28, 2010 um 13:52

Die Villa mit dem Blick auf den Starnberger See konnte ich mir nicht leisten.

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Der mit dem Gnu im Schuh März 28, 2010 um 14:54

Ach so.

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