Blöd, dass Mord verboten ist

by Gunnar on 31. Mai 2010 · 20 comments

Wer als Erstes an die Wand gestellt wird, wenn die Revolution doch noch kommen sollte.

Wir haben Freitagmorgen, knapp 9:00, verhaltener Sonnenschein, ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Die Lyonel-Feininger-Straße ist ein bisschen unübersichtlich, da nehme ich statt der Fahrbahn immer den Bürgersteig, der ist drei Meter breit, übersichtlich und mangels angrenzender Wohnhäuser auch immer frei. Ich nähere mich einer Ausfahrt, bremse ein bisschen ab, da dreht ein geföhnter Herr in einem silbernen BMW Z4 Cabrio von der Gegenseite der Straße mit quietschenden Reifen in die Ausfahrt ein, kurbelt hektisch am Lenker und zieht voll auf den Bürgersteig. Nicht den Bürgersteig touchierend oder sowas, nein, er biegt einfach auf den Fußgängerweg ein, als sei der eine Fahrbahn. Dort kommt er zum Stehen, — zwei, drei Meter vor mir. Ich reiße an den Bremsen, gerate ins Schlittern, bekomme das Rad knapp links an dem Wagen vorbei. Der Schwung und der Schreck tragen mich weiter, erst nach zehn Metern drehe ich mich um, um dem Fahrer des Z4 irgendwas hinterher zu schreien. Und sehe, wie der Typ (übrigens sonnengebräunt und gepflegt dreitagebärtig) seelenruhig aus dem Auto heraus einen Brief in den Briefkasten wirft. Da geht mir der Sinn seines Manövers erst auf: Der hat den Stunt nur veranstaltet, um an den Postkasten zu kommen, ohne auszusteigen.

Danach wendet er und fährt dahin zurück, wo er hergekommen ist — vermutlich ist das einfach seine tägliche Fahrt zum Briefkasten.

Ich stehe konsterniert und schaue nur. Wie scheiße kann man sein?

Ah, dass man im echten Leben nicht ständig in den Rucksack greifen und seine BFG* hervorziehen kann, ist manchmal frustrierend, wirklich.

{ 19 comments… read them below or add one }

Manuel Mai 31, 2010 um 16:35

Helm besorgen, und nächstes mal einfach ein bisschen verpennt dreinschauen, wenn man von dem Kofferraum runterklettert.

Antworten

hugn Mai 31, 2010 um 16:41

Das hatte ich eine Zeit lang bei einer Tankstelle. Die Leute sind allesamt ohne zu gucken von der Auffahrt auf die Straße gefahren. Irgendwann bin ich dann dazu übergegangen “reflexmäßig” mein Bein rauszustrecken. Dabei sind insgesamt zwei Kühlergrills zu bruch gegangen. Führte zu sehr erheiternden Diskussionen

Antworten

Pascal Mai 31, 2010 um 16:58

Ja, solche Arschlöcher gibt es immer mal wieder. Übrigens auch unter den Radfahrern und nicht Z4-Fahrern, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht ;) Aber es ist halt schon ein gewisser Schlag Mensch, der gehäuft sowas tut, ein teures Auto fährt und regelmäßig das Solarium besucht.

Antworten

Marjan Mai 31, 2010 um 17:00

BFG -> LIIIIIIIKE!

hast du nicht auch mal in Göttingen gewohnt, Gunnar? die fahrradfahrer da sind doch militant, paramilitärisch ausgebildet und lassen guerillataktisch jeden arabischen häuserkämpfler wie ein gänseblümchen aussehen. ehe man sich’s versieht hat jemand seinen kompletten schlüsselbund an einer seite des autos langgezogen, mit zwei gezielten tritten sämtliche airbags ausgelöst und während man sich noch wundert, ist derjenige schon entschwunden.

Antworten

Scuba Mai 31, 2010 um 17:06

Ist die erste Zeile ein “Per Anhalter durch die Galaxis”-Zitat?^^

Wenn ja, dann warte einfach ab, vllt fällt ja bald dein Blog durch ein Wurmloch aus der Zukunft, und da steht dann drin, dass Z4-Fahrer “als erste an die Wand gestellt wurden, als die Revolution doch noch kam” ;)

Antworten

vafal Mai 31, 2010 um 17:31

@Marjan, das klingt so als hättest du schon mal das Vergnügen gehabt *g*

Also ich wohn in Wien – wird fahrradverkehrtechnisch nicht viel Unterschied sein – und ich trau mich einfach nicht mit dem Drahtesel in der Stadt zu fahren – ist mir zu gefährlich. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich tatsächlich schon mal beim Radeln über ne Kühlerhaube geschleudert wurde -> Krankenhaus. Das war allerdings damals in nem Kaff und nicht in der Stadt…

Antworten

Marjan Mai 31, 2010 um 17:43

sind erfahrungen aus zweiter hand, halte mich selbst für einen rücksichtsvollen verkehrsteilnehmer. ;)

Antworten

Traveller Mai 31, 2010 um 17:37

Bestärkt mich wieder in meiner Ablehnung dieser vierrädrigen Gefährte. Die Leute werden echt immer fauler, und in Kombination mit dieser “Hoppla-jetzt komm ich”-Attitüde ist das manchmal wirklich schwer ertragbar. In meiner Fantasie habe ich da auch schon mehrere Scheinwerfer mit einem Baseball-Schläger zertrümmert.

Antworten

BenTonic Mai 31, 2010 um 18:41

Mit dem Rad auf dem GEHweg?!
Revolution? An die Wand stellen?

Also Revolutionen ändern ja nun nicht die Menschen. Eben das wäre ja nötig.
An die Wand stellen wäre da schon effektiver. Das ändert zwar nichts minimiert aber die Anzahl der Probleme. Lehne es trotzdem kategorisch ab.

Die Lösung des Problems ist hier in den Solarien zu suchen.
Wie bei Märkten sollte man auch hier in den sozialen Gruppen ansetzen. Die Zielgruppe klar umreißen und die Angriffspunkte für das weitere Vorgehen definieren.
Man muss sie in ihrer natürlichen Umgebung mit ihren eigenen Waffen schlagen.
Solarien sind nicht krebserregend, sie sind gesund. Einfach immer wieder anbiedernd in Kameras sagen. Die müssen das glauben. Dunkelbraun muss sexy werden. In aller Regel müssen Hautmelanome zum Abzeichen narzisstischer Faschisten erkoren werden. Jeder kann seinen Beitrag leisten. Etwa durch zielgerichtete Spenden an die Lobbyisten der SunPointDynasti, oder an die Röhrenhersteller. Wir dürfen nicht eher ruhen bevor dieses Ziel erreicht ist. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit. Bei dem Ärztemangel und mit entsprechender Kopfpauschale wird sich dieses Zeitfenster fortschreitend immer schneller schließen.

Don’t call it Schnitzel!
XD

Gruß.

Antworten

HeadcraP Mai 31, 2010 um 18:49

Jaja, immer dieser 4Rädrer. Bei uns am blinken vielleicht 2/3 der Autofahrer (höchstens), wenn sie aus dem Kreisel fahren. Das ist dann immer sehr schön, fast angefahren zu werden und dafür auch noch angemeckert zu werden (“Kannst du nicht gucken?!”). Ich habe eigentlich täglich das Verlangen, ein großes Schild mit der Aufschrift ‘Wie wärs mal mit blinken?’ an dieser Stelle zu schwenken.

Antworten

Hannes Mai 31, 2010 um 20:05

Stell dir einfach vor, die Mädels wären der Typ. :D

http://www.youtube.com/watch?v=lM4JFy7mPNk

Antworten

odnowkeat Mai 31, 2010 um 22:44

Das ist mal ein krasser Fall. Die Sache ist ja auch, dass die allermeisten das nichtmal in böser Absicht tun (die gibt’s zwar auch, aber ich glaub das sind nicht mehr als gefühlte 5%, keine Ahnung, ob dein Fön-Fan dazugehört). Viele denken einfach nicht drüber nach was sie tun. Überhaupt scheint (auch im Straßenverkehr) kaum noch nachgedacht zu werden.
Meine Eltern sagten immer, man müsse für jeden mitdenken als wäre er der größte Idtiot, der gleich einen fiesen Unfall provoziert, weil er den Straßenverkehr als Arena begreift (§1 StVO lässt grüßen…), sonst wird man im Straßenverkehr nicht alt. Auch als Autofahrer.
Beim Radeln mach ich das auch. Gerade, wenn ich abbiegen oder eine Straße überqueren will, suche ich immer Blickkontakt zu den Fahrern. Wenn der nicht erwidert wird, kann ich davon ausgehen, dass der Fahrer träumt und mich erst bemerkt, wenn wir schon “Kontakt” hatten. Allerdings hätte dir das für solche Spontanaufgehwegfahrer wie deinen Spezi kaum geholfen.
Sei’s drum, ich fahre fast täglich mit dem Rad und komme ungefähr einmal alle 2 oder 3 Monate in eine brenzlige Situation. Manche Autofahrer nehmen Radler einfach nicht für voll. (Fußgänger sind übrigens noch schlimmer.)
Solange ein Auto also keine offensichtlich (für mich) tödliche Geschwindigkeit drauf hat, nehme ich mir meine Vorfahrt auch immer, wenn sie mir denn zusteht (z.B. wenn ich grün hab (bei uns gibt es grüne Blechpfeile an einigen Ampeln, die gern mal als grüne Ampel fehlinterpretiert werden, egal ob die Ampel rot ist oder nicht) oder ich am Kreisverkehr rüberwill und keiner mit Blinker anzeigt dass er raus will). Da immer den Blickkontakt suche, bin ich mit meinen verbalen und gestischen Ausfällen fast immer schneller als die gedankenlosen Autofahrer.
Lediglich bei den richtigen Arschlöchern, die augenscheinlich Gallionsfiguren für ihren Kühlern sammeln, zieh ich manchmal zurück, obwohl die eigentlich wirklich mal nen Schock für’s Leben bräuchten. Aber da häng’ ich dann doch zu sehr an meinem Leben. In solchen Momenten hasse ich es, dass ich dann den Ärger hätte, würde ich einfach einen Stein hinterherwerfen (idealerweise durch die Heckscheibe). Denn mir ist doch nix passiert. Was soll da die unrechtmäßige Sachbeschädigung…

Antworten

JayJay Juni 2, 2010 um 12:18

Vorsicht bei Verwechselung von “Grünem Pfeil” und “Grünpfeil”:
Die grünen Blechpfeile heben tatsächlich auch die rote Ampel auf. Dabei muss der Autofahrer allerdings auf jeden Fall auf andere Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen…

Antworten

odnowkeat Juni 2, 2010 um 18:32

Genau das denken so viele und fahren dann einfach weiter. Eigentlich muss man, wenn die Ampel rot ist, auch bei grünem Blechpfeil erstmal anhalten. Da funktioniert er praktisch wie ein Stoppschild und eben nicht wie eine grüne Ampel. Das Gefährliche ist, dass so viele vom umgekehrten Fall ausgehen.
Mir kann aber keiner erzählen, dass er innerhalb von 5 Metern den Wagen von 30km/h zum Stillstand bringt, wenn plötzlich ein Radler bei grün die Straße überquert. Und den sieht man manchmal erst so kurz vor der Ampel (Stichwort: Hecke).

Wie auch immer: ich bin nicht so penibel, dass ich erwarte, dass der Autofahrer grundsätzlich und immer vollständig anhält (wie es eigentlich vorgeschrieben ist). Aber dass man, so die Ampel denn rot zeigt, die Geschwindigkeit reduziert und erst dann weiterfährt, wenn kein vorfahrtberechtigter Verkehrsteilnehmer in Reichweite ist (einschließlich Radfahrer oder Fußgänger, die dann logischerweise grün haben), muss einfach drin sein. Passiert aber zu selten. Eben auch wegen dem Irrglauben, der Blechpfeil würde das rote Signal aufheben.

Antworten

JayJay Juni 10, 2010 um 12:57

Das Angehalten werden muss, wäre mir ehrlich gesagt auch nicht bewusst gewesen. Allerdings bin ich ein Autofahrer, der auch an einer grünen Ampel beim Rechtsabbiegen im Zweifelsfall lieber anhält, wenn nicht ganz klar ist, ob grad ein Radfahrer oder Fussgänger hinter einer Hecke o.ä. hervorschießt..

el-flojo Mai 31, 2010 um 23:25

Bin da ganz bei dir, Gunnar. Als jemand, der seinen Feinschliff in Münster bekommen hat, wo nun aber wirklich die militantesten Radfahrer wüten, kann ich auch nur sagen: Man sollte immer ein bisschen aggressiver als die Autofahrer sein!
Natürlich nur, wenn die Überlebenschancen das zulassen. ;-)

Antworten

mkraxx Juni 1, 2010 um 00:20

Also ich fahre nicht soviel mit dem Rad, aber auf die Idee mit dem KFZ zum Postkasten zu fahren, bin ich noch nie gekommen…wer verschickt heute eigentlich noch Briefe? Aber tröste dich: die Solariumsfrequentierer gebratenen Krusten bekommen schon noch, was sie verdienen…im besten Falle hässliche Falten mit Mitte 40, höhöhö…

Antworten

Andi Juni 1, 2010 um 15:01

Ich fahre nahezu täglich Rad sowie ab und an mit dem Auto. Beide Perspektiven zu kennen ist sehr hilfreich. Die aggressivsten Autofahrer sind oft Herren jungen bis mittleren Alters in großvolumigen Kisten – da wurde mir schon ab und an Prügel angedroht. Ältere Herren sind eine Kategorie für sich, oft weniger aggressiv – dafür aber stur und ohne Einsicht. Sehr einsichtig, dafür nicht weniger gefährlich mangels Umsicht, sind meiner Meinung nach viele Frauen – die eine hatte mich just heute morgen übersehen und bog vor mir rechts ab. Dank Blinker aber gut sicht- und somit kalkulierbar :)

In New York heisst die Hauptursache für Unfälle bei Radkurieren übrigens “getting doored” ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=hAw30PjY9OU

Antworten

Gachmuret Juni 10, 2010 um 20:28

Na, die Verkehrsregeln interpretiert der Kollege aber auch sehr frei. ;)

“getting doored” ist übrigens, wie ich aus leidvoller Erfahrung sagen kann, eine sehr üble Geschichte. Pures Glück, daß hinter mir frei war, als ich mit Fahrrad und besetztem Kindersitz auf der Straße lag. So blieb es bei einem gebrochenen Finger. Mithin, liebe Autofahrer: Bitte erst schauen, ehe die Tür geöffnet wird.

@topic:
Ich nahm an, solche Typen gäbe es nur im Film. *kopfschüttel*
Als jemand, der seine Kinder auf dem Fußweg gerne frei laufen läßt (dafür ist es ja ein Fußweg, mithin ist mit keinem zu rechnen, der deutlich schneller al 5-6 km/h unterwegs ist), muß ich aber sagen: Radfahrer haben auf dem Fußweg aber auch nichts verloren. Bei allem Vertrauen in die durch jahrelanges Training geübten Reaktionsfähigkeiten des Herrn Kaliban: einem plötzlich losstürmenden Kind auszuweichen ist auch nicht ganz so einfach.

Antworten

Leave a Comment

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: