Tichu? Tichu!

by Gunnar on 21. Mai 2010 · 5 comments

Wie alle etwas älteren Videospieler hat auch Herr Kaliban eine reichhaltige Brettspiel- und Kartenspiel-Vergangenheit*. Eines der Spiele fesselt ihn bis heute so sehr, dass er es fast jede Woche spielt.

Irgendwann, in der ersten Hälfte der 90er, ich lebte in Göttingen, schenkte mir H. (guter Freund und nebenberuflicher Spieleautor) zum Geburtstag ein Kartenspiel namens Tichu. Die Regeln waren eine merkwürdige Mischung aus Skat und Poker, und die Karten erinnerten an das normale französische Blatt, aber mit chinesischem Touch. Dazu lagen Sonderkarten wie “Drache” oder “Mahjongg” im Deck. Wir setzten uns also bei nächster Gelegenheit mal hin und probierten es aus.

Und waren sofort begeistert, denn der grundsätzliche Mechanismus ist schlicht brillant: Man nehme das Stechen aus Doppelkopf, ebenso die Teambildung zwei gegen zwei, lasse aber den Bedienzwang weg und ermögliche das Stechen nicht nur mit Einzelkarten sondern auch mit Kombinationen — ein König schlägt eine Dame, zwei Damen schlagen zwei Neunen, eine Straße von 4 bis 8 schlägt eine von 3 bis 7. Dazu kommen Sonderkarten und Sonderregeln, der Clou ist aber, dass man, anders als bei vielen anderen Kartenspielen, relativ flexibel auf Spielsituationen reagieren kann: Es kann z.B. ratsam sein, das Fullhouse nicht als Fullhouse zu legen, sondern nacheinander den Zwilling und den Drilling auszuspielen, aus dem es besteht. Da man immer als Team gewinnt oder verliert (ohne das Blatt des Partners zu kennen) und es auch sonst viele Unwägbarkeiten gibt, sind die meisten Tichu-Partien von Strategiewechseln geprägt, was das Spiel zu einer Art Kartenspielschach macht: leicht zu lernen, schwer zu meistern. Natürlich kann man auch hier schlechte Karten ziehen und dann auf verlorenem Posten stehen, aber aber man kann mit geschicktem Spiel auch aus schwachen Blättern viel rausholen, anders als bei, sagen wir, Skat oder Poker.

Aus der ersten Partie entwickelte sich eine kleine Pandemie, in unserem Bekanntenkreis breitete sich Tichu aus wie Flächenbrand: Es entstanden regelmäßige Runden, Turniere und eine richtige Liga. Turniere und regelmäßige Treffs gibt’s in Göttingen bis heute, wer in Südniedersachsen wohnt, kann ja mal reinschauen. Für Leute in anderen Orten: Tichu wird fast überall gespielt, vor allem auch in der Schweiz. Fast immer auch von netten Leuten. Wenn man also dem Gedanken, sich zu viert um einen Tisch zu setzen und Papierstücke hin und her zu schieben, ein bisschen was abgewinnen kann, sollte man mal googeln. Etwas, das ein Elektronische-Unterhaltung-Junkie wie ich seit mehr als 15 Jahren halbwegs regelmäßig spielt, kann so schlecht nicht sein, würde ich denken.

Zusatzinfos: Tichu wurde von dem Schweizer Urs Hostettler erfunden und wird von der Firma Fata Morgana vertrieben. Der Name und die chinesische Anmutung der Karten spielen auf den chinesischen Ursprung des Spiels an, jedenfalls behauptet Hostettler das. Was nichts heißen muss, in China gibt’s zwar ähnliche Spiele, ein Spiel namens Tichu ist dort aber meines Wissens unbekannt. Das Kartenset kann man hierzulande überall im Spielehandel kaufen (oder auch gleich bei Amazon), es kostet so um die sieben Euro. Hartgesottene Papierfeinde ohne RL-Freunde können Tichu bei Brettspielwelt oder Gravon übrigens auch kostenfrei online spielen.

* Wir hatten ja nichts, damals. Nichtmal Grafik und so.

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