Herr Kaliban isst kein Fleisch. Außer, wenn er will. Es gibt Leute, die schimpfen ihn inkonsequent.
Ich achte auf ausgewogene Ernährung, trinke zwischendurch aber doch immer mal wieder drei Bier auf einer Party oder pfeife mir im Meeting zehn Kekse rein. Ich mache ein bisschen Sport, lasse aber fast jeden zweiten Fitnessstudio-Termin faulheitsbedingt aus und nehme bei einem Hauch von Regenwolke statt des Fahrrads das Auto zur Arbeit. Ich rauche nicht, will aber nicht ausschließen, auf der nächsten Silvesterfeier einen Zigarillo zu paffen. Ich esse kein Fleisch, mag aber bei Fisch nicht neinsagen und würde beim Abendessen mit Freunden einen selbstgeschmorten Rinderbraten durchaus nicht ablehnen. Ich schaue kein Fernsehen und weiß nicht mal, wie die Stimme von Lena Meyer-Landrut klingt, kann aber doch mal einen hirnlosen Abend vor “Schlag den Raab” verbringen.
Ich finde mich dabei grundsätzlich ganz gut: lebe bewusster als sie meisten Leute, ohne ständig als Streber aufzufallen. Ein bisschen frustiert mich allerdings, dass mein Verhalten ständig mit Hohn und Spott überkübelt wird: Raucher, Flimmerkistenfreunde und Schokoladensüchtige nennen mich schwach, weil ich nicht komplett entsage; Sesselsitzer finden mein halbherziges Sporttreiben affig und prophezeien feixend ein baldiges Ende meines Elans; kurzatmige Fleischsemmelfetischisten verstehen nicht, warum ich nicht nur noch Tofu und Bambussprossen zu mir nehme — wenn schon, denn schon, sagen sie.
Aber warum eigentlich? Ist es nicht typisch für diese Zeit, kleine Widersprüche (Bio essen und kalifornischen Rotwein trinken, etwa) easy auszuhalten? Wäre es nicht ganz hilfreich, wenn mehr Leute wenigstens teilzeit auf Fleisch verzichten würden? Warum verlangen eigentlich gerade die Gar-nicht-Entsager, dass alle anderen vollständig konsequent sind? Ist es der gelbnasige Neid auf die, die wenigstens ein bisschen was erreichen und sich nicht komplett gehen lassen? Oder ist es, ahem, vielleicht so, dass gerade die Flexitarier und die Partyraucher und die Quasi-Sportler besonders unerträgliche Zeitgenossen sind? Weil sie, um ein gewagtes Bild zu verwenden, unentwegt Diavorträge veranstalten, obwohl sie auf dem Weg Zu Einem Besseren Lebentm eigentlich doch nur bis zu ersten Raststätte gekommen sind?
Hm.
Äh.
Gut möglich.
Ich muss da mal mein eigenes Kommunikationsverhalten überprüfen. Vielleicht. Vielleicht sind aber auch einfach nur alle anderen Leute doof.
P.S. Zum Thema “Teilzeitvegetarier” gibt’s einen ganz netten Vortrag von Graham Hill:

RT @HerrKaliban: Wochentagsvegetarier —> http://ow.ly/1qynH3
Stimme dir zu. Ich rauche quasi nie, treibe “Halbsport” und gucke zwar nie TV (zu niveaulos), kann aber durchaus bei Van Damme Filmen meine Unterhaltung finden.
Ein Hoch auf die Semitistik! ;-)
Es ist auf jeden Fall besser, ehrlich und zufrieden mit den eigenen Resultaten zu sein als unzufrieden oder unehrlich damit umzugehen. :) Well done.
einiges trifft auf mich selber zu, von daher kann ich das ganze gut verstehn ^^
selbst die reaktionen in meinem umfeld sind ‘gleich’
hach, is echt überall das selbe… ~
“ist der Ruf erst ruiniert…” oder “Es gibt ein Leben nach dem Sektierertum”.
Ist doch schön, wenn man es nicht mehr nötig zu hat, mit seiner Selbstkasteiung hausieren zu gehen, oder?
Ich gehöre zur Fraktion der Extremisten die auf dem “ganz oder gar nicht” – Standpunkt stehen. Ich esse kein Fleisch und keinen Fisch seit sechzehn Jahren, rauche seit 14 Jahren konsequent nicht mehr und Alkohol ist auch seit über zehn Jahren ein absolutes no-go. Und genauso konsequent betreibe ich seit gut 10 Jahren keinerlei Sport. Die halbherzigen Versuche vorher empfand ich selbst als lächerlich inkonsequent, nun hat mein innerer Schweinehund zumindest in diesem Punkt gewonnen. Aber ein völliges Asketentum ist ja auch nichts erstrebenswertes.
Naja, wer bei solchen Themen über Inkonsequenz lästert, wird früher oder später über die eigenen Maßstäbe stolpern. Denn keiner, wirklich keiner, ist ohne Sünde. Amen. Kalifornischen Rotwein trinke ich als Freund kurzer Wege allerdings wirklich nicht. In Europa gibt es doch so viele leckere Weine…
“Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du mußt.” (Zitat, ich glaube von Goethe?)
Es gibt zu viele Schubladen in die man mich stecken möchte, aber irgendwie passe ich da nicht rein.
Ist denn ein bewusstes Leben nicht das “bessere” Leben?
@Traveller:
Sicherlich sind wir alle Sünder. Aber wenn man ein Prinzip grundsätzlich für richtig erachtet und sich dazu entschliesst etwas durchzuziehen, dann sollte man sich wenigstens darum bemühen es so konsequent wie möglich zu betreiben. “german gründlichkeit”
Das heisst ja nicht dass man seine Lebensphilosophie nicht mehr hinterfragen und ggf. sogar über den Haufen werfen sollen darf, aber so eine gewisse Linie im Leben zu verfolgen finde ich schon erstrebenswert.
Vegetarier? pfff…aber lass lieber den soja scheiss, hier ein Artikel dazu: http://kesseltraining.blogspot.com/2010/01/sofa-medizin-oder-gift.html
soja is böse!
PS: mein essen scheisst auf dein essen :-P
Irgendwie fehlen mir in dem Artikel [bzw. der Liste] ein paar Quellenangaben oder aehnliches…
Ah, da haben wir ja ein Beispiel.
Sehr schön.
Hmmm – ich rauche, esse ALLES, trinke Alkohol in Maßen, bin süchtig nach Espresso und betreibe Sport in wechselnder Intensität – aber all das unter dem Aspekt von Genuss. Diavorträge halte ich keine und auch auf Raststätten treibe ich mich selten herum (sehr schöner Vergleich übrigens, hat sich das Studium doch ausgezahlt…), trotzdem ist das Leben besser – aber im Sinne von “leben und Leben lassen” bin ich ganz bei dir, denn: Fundamentalisten jeglicher Coleur sind mir ein Greuel…
[erhobener Zeigefinger]
Wer Fleisch isst, der lässt eben nicht leben!
[/erhobener Zeigefinger]
Nach diesem Text brauchte ich erst mal ne Pizza, ne Kippe und meinen Sessel…
Immer schön angepasst bleiben und niemand vor den Kopf stoßen! Vor allem nicht durch Konsequenz. Wäre ja noch schöner, auf irgendetwas festgenagelt zu werden. Da ist es schon bequemer, sich bei Bedarf alles nennen zu können, ohne es wirklich zu sein. Überall ein bisschen mitreden wollen, alles schon mal probiert haben, den Weltmännischen geben, aber im Zweifelsfall lieber mit der Strömung schwimmen – könnte ja anstrengend werden. Denn in dieser Gesellschaft ist weniges schlimmer, als in eine Ecke gestellt oder Schublade gestopft zu werden, aus der man vielleicht nicht mehr so leicht herauskommt…
Leute mit dieser Einstellung sollte es Hunderte geben, leider gibt es Tausende davon. Und sie sind mir genauso ein Gräuel wie militante Vertreter einer Lebensart, die jeden von der Richtigkeit ihrer Haltung überzeugen müssen.
Äähhhh… und wie darf man dann leben, Deiner Meinung nach, wenn Konsequenz böse ist, Inkonsequenz aber auch?
Außerdem: Solange ich niemandem damit schade (das alte Lied von meiner Freiheit, die da aufhört… kennt man ja), leiste ich mir eine ganz ähnliche Inkonsequenz.
Ist auch eine Form von Konsequenz, eben konsequente Inkonsequenz.
Kein Alkohol: check (schmeckt mir aber auch garnicht)
Kein Rauchwerk: check (schmeckt ebenfalls nicht und Geldverschwendung ist es sowieso)
Konsequentes Handeln ist für mich persönlich sehr wichtig, heißt aber nicht das ich nicht auch einmal über etwas meine Meinung abändere/anpasse. (wie Ellenn schon sagte)
Sie selbst treu bleiben ist aber das wichtigste, was andere Menschen von einem denken ist doch vollkommen egal, oder?
P.S. eine typisch kalibansche Überschrift ;)
Ich als alter Evangele halte es mit Martin Luther:
Wenn schon sündigen, dann richtig!
Aber an sonsten: Amen!
Lest das Buch von Foer!
Ich finde, es kommt eher darauf an, *warum* man tut, was man tut. Wenn es ‘nur’ um die Gesundheit geht, muss man selbst wissen, inwieweit man zwischen Genuss und einem etwaigen laengeren Leben [oder was auch immer] abwaegen will. Konsequenz ist dabei doch vollkommen uninteressant, sofern man nicht anfaengt, sich mit irgendwelchen unzutreffenden Begriffen zu labeln [bspw. "Vegetarier", wenn man eben doch Fleisch isst - was ist so schlimm, einfach "Pescetarier" oder "ich esse nur selten Fleisch" zu sagen?].
Wenn es andererseits um ethische Aspekte gehen soll, so finde ich Konsequenz durchaus wichtig. Zwar kann auch hier Schwarz/Weiss-Denken einer zumindest geringfuegigen Verbesserung der allgemeinen Situation im Weg stehen [bspw. "etwas weniger Fleisch essen" [= Inkonsequenz] vs. “entweder ganz verzichten oder gar nicht” [= letztendlich genauso weitermachen wie bisher]], aber zumindest an mich selbst hab ich hier den Anspruch, so konsequent zu sein, wie es mir moeglich ist…
Aber letztendlich muss das wie immer jeder selbst wissen, denn man selbst muss ja auch damit leben.
Also die Krux an der Sache ist ja auch, dass man sich eigentlich nie zu 100% sicher sein kann, ob irgendeine Handlung auch wirklich gesund / ökologisch ist. Klar, 3 Kilo Fleisch und 4 Flaschen Schnaps pro Woche scheinen nicht unbedingt gesund zu sein. Aber werde ich wirklich älter, wenn ich nur Fisch esse und Abstinenzler bin? Bringt die penible Mülltrennung wirklich was oder lacht sich die Abfallwirtschaft ins Fäustchen und schmeißt alles zusammen in die Verbrennungsanlage? Ich GLAUBE zu wissen, wie es läuft, aber kann ich mir dessen sicher sein? Aus diesem Grund finde ich lange Diskussionen um persönliche Prinzipien(losigkeit) – mal abgesehen von einigen ethischen Grundlagen – eigentlich überflüssig, da sich eh keiner auf DIE Wahrheit berufen kann.
Ohne mich unnötig anbiedern zu wollen: Beinahe dachte ich beim Lesen, ich hätte den Blogeintrag selbst verfasst. ‘Flexitarier’ kannte ich allerdings noch nicht, sehr hübsch.
Kleine Unterschiede: Treibe in letzter Zeit ziemlich viel Sport. Zum Radfahren ins Büro (manchmal sogar bei Regen!) und Laufen auch noch Schwimmen!! Was ich übrigens sehr empfehlen kann. Auch als alter Sack um die 40 sieht man da nach einem halben Jahr wieder aus als sei man ein echter Mann.
Und, Schande über mich, ich weiß auch wie Lena Meyer-Landrut klingt. Vor allem aber wie sie aussieht. Was man mir verzeihen möge, hatte ich doch schon immer eine (gern auch mal furchtbar leidbringende, so viel sei verraten) Schwäche für beschützenswert und trotzdem selbsbewusst dreinschauende dunkelhaarige Prinzessinnen im kleinen Schwarzen…
Zum Thema ‘Bio essen und kalifornischen Rotwein trinken’ (bei mir ist’s eher südafrikanischer) sei übrigens ganz nebenbei eine der letzten Spektrum der Wissenschaft-Ausgaben empfohlen (ich glaube März), in der von einem interessanten Experiment berichtet wurde, dessen Ergebnis darauf hinauslief, dass es für die meisten Menschen beim Einkaufen eine Art moralisches Budget gibt. Gnadenlos unvollständige Kurzzusammenfassung: Wer Bio kauft, glaubt gerne, sich dafür den kalifornischen (südafrikanischen) Rotwein gönnen zu dürfen. Wer 08/15-Industriefraß ersteht, verzichtet eher auf den Wein aus Übersee.
Ein Leseerlebnis, das mich reichlich nachdenklich gemacht hat bezüglich der moralischen Wertigkeit des eigenen Ich-wär-so-gern-ein-guter-Mensch-Konsumverhaltens.