Innerer Reichsparteitag?

14. Juni 2010

in Die Doofheit der Medien

Innerer Reichsparteitag?

Neues aus der Abteilung “Stürme in Wassergläsern”.

Halten wir fest: In der Pause vom Fußballspiel Deutschland gegen Australien wollte die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein ein bisschen locker sein und sagte über den Nationalspieler Miroslav Klose, das mit seinem Tor zum 2:0 sei sicher ein “innerer Reichsparteitag” für ihn gewesen.

Reflexhaft setzten die ersten Medien noch am Abend den üblichen Empörungskreisel in Gang: Die diensthabenden Klickstreckenbauer der WELT etwa, ansonsten für Entgleisungen nach rechts außen sonst nicht so sensibel, nennen die Sache “einen schweren Patzer”, erinnern gleich noch an Carmen Thomas (“Schalke 05″) und spielen die wohlfeile Karte des Eva-Hermann-Vergleichs. Das wiederum ruft den diensthabenden Journalismus-Überwacher auf den Plan, Stefan Niggemeier nämlich, der die ganze Aufregung um die “alltägliche Redewendung” nicht verstehen kann und den WELT-Leuten gleich noch en passant eine Copyright-Verletzung nachweist.

Und seither tobt die Schlacht zwischen den “Hey, ich sage das auch dauernd, das ist doch nicht schlimm”-Abwieglern und den “Das, das, das ist doch lupenreiner Nazi-Jargon!!111″-Hyperventilierern und den “Hey, habt ihr gestern das Tor von Klose gesehen? Das muss ja eine innere Maidemo für ihn gewesen sein…”-Veralberern(*).

Seufz.

Dabei ist das alles ganz einfach:

1. “Nazi-Jargon” oder ein Indikator für eine rechte Gesinnung ist die Floskel natürlich nicht, im Gegenteil: “Es war ihm ein innerer Reichsparteitag” sagt man normalerweise eher über ein Arschloch, das Grund zur Schadenfreude hat. Sowas wie “Dass er den Konkurrenten in den Ruin treiben konnte, war ihm natürlich ein innerer Reichsparteitag” oder so. Ist also eher ein Anti-Nazi-Spruch.

2. Unpassend ist die Äußerung aber allemal. Und Witzchen mit Nazi-Anklängen hat man sich in der öffentlichen Rede zu stecken, finde ich.

Update: Jens bringt’s auf den Punkt.

{ 22 comments… read them below or add one }

1 Stefan O. 14. Juni 2010 um 10:58

Für mich ist “innerer Reichsparteitag” überhaupt nicht Umgangssprache, ich finde es eher peinlich, sowas als “Umgangssprache” darzustellen. Vor allem sagt man sowas nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das war wirklich übermäßig dumm und unprofessionell. Ich würde mich freuen, wenn die Dame abgesetzt wird. Wenigstens versucht sie nicht wie Frau Hermanns, das ganze trotzig als “richtig” hinzustellen.

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2 Eberon 14. Juni 2010 um 16:02

Uns 80 Millionen Deutsche trennt eben nichts so sehr wie die gemeinsame Sprache.

Es zeigt sich ganz deutlich, daß es Gegenden in Deutschland gibt, in denen dies eine völlig normale und total unauffällige Redewendung ist; und daß es Gegenden gibt, in denen man das noch nie gehört hat.

Und je nachdem woher man kommt, hat man entweder Schaum vor dem Mund wegen dieses Nazisprechs oder faßt sich wegen dieses unnötigen Aufstandes nur fassungslos an den Kopf.

Das Mißverständnis (das ja erstmal auf beiden Seiten vorhanden ist) könnte/konnte man schnell aufklären. Bleiben dann nur eben die Leute wie Du, die ihren Regiolekt zum allgemeinen Standard erheben und meinen, was sie nicht kennen, gebe es auch nicht.

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3 BNB 14. Juni 2010 um 11:17

Wunderbar, dieser Beißreflex!

Und doch ist ihre Mama am Muttertag die Beste, und sie freuen sich auf den arbeitsfreien “Tag der Arbeit”.

Und bevor einer dieser Sozialhygieniker jetzt einwendet: Das war doch alles schon vor den Nazis da! Ja, wie die Swastika auch!

Heuchler! Erst denken, dann geifern!

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4 Sonja 15. Juni 2010 um 22:16

Und der Parteitag vor der Partei? Gewagte These…

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5 Basileus 16. Juni 2010 um 11:04

Reichsparteitage hatten auch die Kommunisten.

6 9bucks_a_month 14. Juni 2010 um 13:54

Mein Lieblingskommentar bei 11Freunde zum entsprechenden Artikel:

Zitat Anfang
“AUTOBAHN!”
Zitat Ende

Ich muss zugegeben, dass ich das Wort auch schon mal benutzt habe ohne mir über den politischen Hintergrund Gedanken zu machen. Ich sollte als Internetnutzer zurücktreten!
Dass das Geseiere von Kommentatoren und Moderatoren unfassbar belanglos und teilweise schon ziemlich anstrengend ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich habe das z.B. gar nicht mitbekommen, weil sich mein Geist weigert dem dort praktizierten blahblah mit voller Aufmerksamkeit zu folgen.

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7 Hazamel 14. Juni 2010 um 14:16

Ich hab’s zwar nicht gesehen, aber ich bin mir sicher, dass ich das im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft und einem Kommentator und einem Stürmer schonmal gehört habe. Ich kann’s nicht beschwören, aber ich mein es wäre bei Ungarn gegen Deutschland gewesen.

Allgemein finde ich die Diskussion auch total Panne.

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8 Seb 14. Juni 2010 um 14:56

“Klickstreckenbauer” – haste jetz’ aber auch vom Niggemeier, right?

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9 grobi 14. Juni 2010 um 16:01

Du hast die vergessen, die bisher eigentlich dachten, der “innere Reichsparteitag” wäre eine spöttische und abwertende Bemerkung über den eben jenen Parteitag abhaltenden Mitmenschen. Die Vorstellung, beim Reichsparteitagsfeiernden fänden im Kopf Aufmärsche und Tschingderassabumm statt, hat ja nun auch ein komisches Element.

Das soll keine Entschuldigung für Frau Müller-Hohenstein sein, ich habe diesen Begriff bisher _tatsächlich_ so eingeschätzt. Insofern hat sie aus meiner Sicht gleich zwei Fehler auf einmal gemacht: eine Metapher falsch angewendet und sich auch noch unpassend in der Öffentlichkeit geäussert. Man sagt ja auch nicht “die Spieler sind bis zur Vergasung gerannt”…

Unpassend? Ja.
Geschmacklos? Meinetwegen. Hat natürlich mit Klose und seiner polnischen Abstammung einen “Volltreffer” gelandet. Nach dem Motto: wenn Fettnapf, dann richtig.
Schneller gesprochen als gedacht? Auf jeden Fall.
Verherrlichung des Nationalsozialimus? Wie bitte?

Das Geile: jeder meint, ‘ne Meinung dazu zu haben.

Ich auch ;-)

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10 Eberon 14. Juni 2010 um 16:04

Hier sieht’s aus wie bei Führers unter’m Sofa

Seit wann stellen denn Hempels den Führer? ;-)

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11 Twix 14. Juni 2010 um 17:53

Ich verfolge diese hyperventilierte Diskussion durch einige Blogs, die ich abonniert hatte und fand eine prima Methode, endlich in meinen RSS-Feed etwas aufzuräumen: wer jetzt hyperventilierend “NAZI!” brüllt, flog just aus meinen Feeds…
Kann diese künstliche Aufregung nicht nachvollziehen und kannte den Ausdruck bislang auch nicht.

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12 Ben 14. Juni 2010 um 18:36

Was bei der Gelegenheit gerne vergessen wird: Auch wer sich politisch korrekt ausdrückt, kann ein Arschloch sein.

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13 Luzifer 14. Juni 2010 um 18:41

Was sagen eigentlich diejenigen, die angeblich nazistisches Gedankengut bei einer Fußball-Kommentatorin ausmachen, zur Vergangenheit des Bundestrainers unserer Weltmeisterelf von 1954? Sepp Herberger trat 1933 in die NDSAP ein und wurde 1936 Trainer der Fußball-Nationalmannschaft. Nahtlos ging es dann nach dem Krieg als Bundestrainer weiter.
Vermutlich stört das keinen, weil sich Herberger auf Aussagen wie “Der Ball ist rund” oder “Heute ist Fritz-Walter-Wetter” beschränkte und keine verfänglichen Formulierungen wie “innerer Reichsparteitag” verwendete.

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14 Jens 14. Juni 2010 um 19:12

@grobi
> Du hast die vergessen, die bisher eigentlich dachten, der “innere Reichsparteitag” wäre eine spöttische und abwertende Bemerkung über den eben jenen Parteitag abhaltenden Mitmenschen. Die Vorstellung, beim Reichsparteitagsfeiernden fänden im Kopf Aufmärsche und Tschingderassabumm statt, hat ja nun auch ein komisches Element.
> (…) ich habe diesen Begriff bisher _tatsächlich_ so eingeschätzt.

Und diese Einschätzung ist völlig korrekt, denn genau so ist die Redewendung eigentlich gemeint.

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15 Tom_82 14. Juni 2010 um 23:42

Ich lese Kaliban und bin nun zum ersten Mal damit konfrontiert worden, dass diese mir allzu bekannte Redewendung Nazi-Gedankengut sein soll.

Da wird einem erst wieder bewusst, warum sich alle aus der älteren Generation so darüber freuen wenn Menschen mit einer Fahne am Auto durch die Gegend fahren und von einem neuen Deutschland sprechen. Es ist echt schön, wenn man unbelastet aufgewachsen ist, dann kann man Redewendungen aussprechen ohne gleich das Dritte Reich auszurufen und erkennt keine neue Weltordnung wenn Menschen mit Deutschland Fahnen schwenken.

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16 Daniel 15. Juni 2010 um 08:20

Was für eine künstliche Erregung? Der Spruch ist doch nicht im geringsten rechtsradikal angehaucht. Hier sagt das jeder ohne gleich ein Rechter zu sein. Es gehen doch auch noch alle in die Kirche, obwohl sie mit dem NS-Regime sympathisiert hat. Also verbietet das Wort zum Sonntag. Das ist typisch deutsch, über alles aufregen.
Aber über Kahns Antwort: “Ja, das war wie eine Erlösung” sagt keiner was.

Regt euch ab.

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17 Stefan O. 15. Juni 2010 um 09:02

Wo ist eigentlich “hier”? Da wo ich mich rumtreibe (Ostwestfalen, Münsterland, Ruhrgebiet), habe ich den Spruch noch nie gehört. Und ich kenne einige sehr konservative Gesellen, die schon schlimmeres von sich gegeben haben. Ist denn der “innere Reichsparteitag” eher in Süddeutschland verbreitet?

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18 Jens 15. Juni 2010 um 10:23

@Stefan O: Bei Twitter wurde inzwischen vermutet, daß die Irritationen tatsächlich vor allem daher kommen könnten, daß der Spruch in Norddeutschland eventuell wirklich so völlig unbekannt ist. Frau M.-H. kommt allerdings aus Nürnberg, wo diese Redewendung wahrscheinlich sogar ihren Ursprung hat (da der Reichstag ja dort beheimatet war). Ich kannte ihn auch, komme aber auch aus dem Fränkischen. Daher war ich anfangs auch so verwundert, daß hier so viele Leute das als “Nazisprech” missverstehen, nur weil darin das Wort “Reichstag” vorkommt…

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19 Groovechampion 15. Juni 2010 um 14:55

Dieses Skandälchen ist mMn DER Beweis, daß das Web 2.0 der FAIL schlechthin ist. Keiner hat Ahnung, alle eine Meinung. Monsieur Kaliban ausgenommen. Komme aus Norddeutschland, kenne den Spruch, Allgemeinbildung ftw.

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20 BNB 15. Juni 2010 um 15:17

apropos ftw:

Ist doch tatsächlich söben eine Online-Petition freigeschaltet worden:
Umbenennung des “Reichstagsgebäudes” in “Bundestagsgebäude”

Ja, ich denke, da hat jemand seine Prioritäten klar beieinander…

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21 Player1 15. Juni 2010 um 21:07

Irgendwie habe ich so ein wenig das Gefühl, dass die ganze Aufregung daher rührt, dass die Redewendung, wie es scheint, in einigen Regionen des Landes gängig ist, und entsprechend als alltäglich empfunden wird, während man sie andernorts praktisch nicht kennt.

Mir ist sie meines Wissens bis dato auch noch nicht untergekommen, so dass ich sie wie viele Andere etwas geschmacklos finde. Jedenfalls würde ich mal sagen, wenn man schon keine Mohrenküsse mehr kaufen kann, sollte man vielleicht auch auf innere Reichsparteitage verzichten. Die wirklich missverständlich klingen – und ich bin sonst kein Freund übertriebener Political Correctness.

Tipp für mitlesende Germanistikstudenten (herzliches Beileid): 1A-Diplomarbeitsthema! Regional differierende Rezeption von Idiomen mit möglicherweise nationalsozialistischem Hintergrund unter spezieller Berücksichtigung der Verwendung in der öffentlichen Rede. ;-)

Nachtrag: Gerade muss ich feststellen, dass der oben verlinkte Jens Scholz schon zu dem selben Schluss gelangt ist. Ich sollte unbedingt noch mehr Zeit im Internet vergeuden, dann müsste ich weniger selbst denken…

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22 Duke 16. Juni 2010 um 15:52

Lieber Kaliban,

Deine 2. Einschätzung teile ich zu 100%. Zu Deiner ersten muss ich allerdings bemerken, dass die Formulierung doch sehr an die Reichsparteitage in Nürnberg mit dem Aufmarschgedöns, Militär, Fackelzügen und riesige Hakenkreuzfahnen erinnert. Und verbale Fehltritte in diese Richtung können und müssen grundsätzlich – unabhängig von der inneren politischen Haltung – Konsequenzen nach sich ziehen (Beispiel: Strafbarkeit der Auschwitzlüge).

In diesem eher harmlosen Fall sollte man den (unglücklich gewählten) Begriff allerdings tatsächlich nicht überbewerten. Das zeigt ja bereits die lebhafte Diskussion um den Aussagegehalt dieser Formulierung.

Eine nationalsozialistische Gesinnung lässt sich der Formulierung letztlich nämlich nicht entnehmen. Nur mangelnder Respekt vor dem gesprochenen Wort, dem Zuschauer und eine Gedankenlosigkeit, mit der sich diese (mir persönlich leider unsympathische) Moderatorin selbst intellektuell bloßstellt.

Wie Stefan O. und grobi schon richtig bemerkt haben: “Schneller gesprochen als gedacht.” Sowas ärgert mich – dann muss da eben jemand stehen, der beides gleichzeitig kann. Frau Müller-Hohenstein kann es nicht (im Übrigen unterbricht sie den Olli K. auch dauernd…).

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