Das universelle Geschäftsmodell

by Gunnar on 12. August 2010 · 13 comments

Herr Kaliban erinnert sich an eine grundlegende Regel.

Früher arbeitete ich, studiumsbegleitend, bei der Firma ViCo Multimedia in Kassel und Göttingen. Der einfallsreiche Name ViCo stand für Video- und Computerspiele — und das war es denn auch, was dort verkauft wurde. So richtig klassisch im Einzelhandel, Steam gab es ja noch nicht, und Amazon.de hieß noch Telebuch. Ich legte dort, im Fronteinsatz am Gamer, den Grundstein für meine spätere Karriere, indem mich mir durch ausdauerndes Ausprobieren der Ware die absurden Detailkenntnisse aneignete, mit denen ich dann Anno 1998 meinen späteren Chef im Vorstellungsgespräch beeindrucken konnte. Eine der Fragen damals war: “Auf wie vielen unterschiedlichen Screens stellt Fallout 1 am Ende des Spiels den Fortgang das weitere Schicksal der Welt dar?” Schlimm. Weiß auch gar nicht mehr, was ich geantwortet habe, aber das ist ja auch nicht Gegenstand dieser Beitrags, denn eigentlich wollte ich von der universellen Regel erzählen, die Ramin (mein Chef bei ViCo) seinerzeit aufstellte.

Folgende Situation: Irgendwer, vermutlich Ramin, hatte ohne Remissionsrecht für das totgeborene Sega Mega CD allerlei Spiele und Zubehör eingekauft, die nunmehr in der Auslage verschimmelten. Viele Winter zogen ins Land, Kinder wurden geboren und starben als Greise, Gletscher wanderten meilenweit und noch immer lag das Mega CD-Zeug von den Kunden verschmäht im Regal. Da fasste ich mir ein Herz und reduzierte den Preis auf einen nur noch knapp zweistelligen Markbetrag, in der Hoffnung, damit die Brieftaschen der letzten Sega-Fans zu öffnen. Ramin pfiff mich zurück, hieß mich den Preis wieder nach oben setzen und sprach die denkwürdigen Worte:

“Gunnar, wir halten den Preis. Denn höre, jeden Morgen steht ein Idiot auf. Und wir hoffen eben, dass er heute zu uns kommt.”

Und so war es dann auch, beinahe: Ein paar Wochen später brachen ein paar Halbstarke nachts im Laden ein, bekamen die Kasse aber nicht auf und nahmen, vermutlich aus Unkenntnis, unser gut sortiertes und hoch bepreistes Mega CD-Sortiment komplett mit. Das wird die Versicherung nicht gefreut haben.

Mich begleitet Ramins Regel jetzt durch’s Leben — und hilft mir, das Geschäftsmodell vieler Internetangebote besser zu verstehen.

{ 10 comments… read them below or add one }

Jonas August 12, 2010 um 12:09

Trug dein Chef zufälligerweise einen langen Bart und eine braune Kutte?
Nein im Ernst:
Das ist echt mal ein sehr weiser Satz.

Antworten

PhanThomas August 12, 2010 um 12:42

Dass das Ding dann geklaut wurde, ist der Hammer. Ich lach mich schlapp. Oh man…

Antworten

hoschi August 12, 2010 um 12:56

muss die Versicherung nicht den tatsächlichen Marktwert, also inkl. Preisverfall, bezahlen?
Ansonsten schöne Story und denn Spruch muss ich mir merken. Vor allem das “denn höre”

Antworten

PhanThomas August 12, 2010 um 14:51

Nee, das müsste sich doch wie mit der Hausratversicherung verhalten: Die ist eine Neuwertversicherung und zahlt dir immer den ursprünglichen Wert, damit du dir etwas “Gleichwertiges” wiederbeschaffen kannst. Bei Konsolen wäre das dann wohl ein moderneres Modell. Ahem.

Antworten

PaladinFenris August 13, 2010 um 01:09

Die letzte Sega-Konsole war die Dreamcast. Samt dem Zubehör, Spielen usw. kommt da auch ein hübsches Sümmchen zusammen, oder?

Falko August 12, 2010 um 15:14

Und du hattest ein Alibi?

Antworten

Gunnar August 13, 2010 um 20:51

Ich hätte den Duke-Nukem-3D-Bestand mitgenommen.

Antworten

Thomas Benle August 12, 2010 um 20:21

Für den letzten Satz könnte ich dich küssen! Sozusagen… äh dings, sinnbildlich.

Antworten

Holger August 13, 2010 um 16:26

Ja, Ramin war super. Wenn der was gesagt hatte dann war das so.
Nur der andere… :)

Antworten

Peter August 21, 2010 um 21:52

Das erinnert mich an den Händler der von mir um das Jahr 2000 rum 120 Mark für Diablo 1 wollte. Und was soll ich sagen: Heute gibt es dem Laden nicht mehr. Dafür gibt es dort jetzt Kühlschränke.

Antworten

Leave a Comment

{ 3 trackbacks }

Previous post:

Next post: