Die Bosheit von Google

by Gunnar on 30. August 2010 · 16 comments

Herr Kaliban hat auch eine Meinung zu Google Streetview.

Zum Thema Streetview ist schon vieles gesagt, die c’t fasst aber den aktuellen Stand der Diskussion nochmal launig in ihrem aktuellen Editorial zusammen. Auszug:

[… ]sprangen Politiker aller Bundestagsfraktionen mutig vor Googles allgegenwärtige Augen, die heimlich hilflose Hausfassaden abfotografiert hatten […]. Niemals würde unsere Regierung zulassen, dass so private Informationen über die Landesgrenzen hinausdringen. Außer beim SWIFT-Abkommen, aber da geht es ja nicht um Fotos, sondern um Kontodaten – was ist das schon gegen das Risiko, dass ein Passant beim Brötchenholen oder ein Autokennzeichen versehentlich der automatischen Verpixelung entgehen könnte? Das wäre ja fast, als stünde man vor anderen splitternackt da, wie etwa bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen.

Vielleicht spielt da das Alter der betreffenden Politiker auch eine Rolle. Die clevere Frau Passig sagt ja ganz korrekt, dass es leicht ist, Technologien zu schätzen und zu nutzen, die einem mit 25 oder 30 Status- und Wissensvorsprünge verschaffen. Wenn es einige Jahre später die eigenen Pfründen sind, die gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen, wird es schwieriger (Quelle).

Aber lohnenswerter als sich über die Doofheit von Politikern aufzuregen ist es vielleicht, sich mal die alte Ermittlerregel “Follow the Money” anzugucken — die in der modernen Variation so klingt: “Wenn jemand Moral oder Bürgerrechte im Munde führt, schau’ erstmal nach den wirtschaftlichen Zusammenhängen”.

Was Google da tut, ist nämlich nicht primär eine Frage der Preisgabe von Privatsphäre; unsere Daten liegen interessierten Parteien schon in besserer Form vor. Nein, Google zerstört da gerade live und mit einiger Konsequenz einen Markt. Ebenso wie Google Maps andere Kartendienste ins Abseits drängt und Handyanbieter zum Verschenken ihrer Navigationssoftware gezwungen hat, wird auf absehbare Zeit niemand mit der 3D-Kartografierung von Städten Geld verdienen. Google schaltet ja nicht einmal Werbung daneben. Das Vorgehen entzieht nicht nur kleinen Konkurrenten die Geschäftsgrundlage, das trifft auch die großen Datenschacherer und, ja, auch Behörden.

Diese Verbindung von Wirtschaftsinteressen mit einem leicht instrumentalisierbaren Bild in den Köpfen der BILD-Leser (“Die wollen meine Frau im Badeanzug fotografieren! Spanner!”) ist, davon kann man ausgehen, der eigentliche Grund für die allgegenwärtige Hysterie.

Update: Bonmot von, nunja, Hendryk M. Broder zum Thema: “Dieselben Leute, die unser Leben in eine „Truman-Show“ verwandelt haben, wollen uns und unsere Privatsphäre nun vor Google beschützen. Das ist, als würden Repräsentanten der Alkohol-Lobby das Verbot von Mon-Chéri-Pralinen fordern.” (Quelle) Kann Broder nicht leiden, aber das ist hübsch gesagt.

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