Nochmal Streetview

by Gunnar on 22. November 2010 · 13 comments

Gastbeitrag des Kaliban-Lesers Styg, der mir in seiner Aufdenpunktigkeit zu sehr gefällt, um ihn in den Kommentaren meines Streetview-Beitrags* versauern zu lassen.

München-Bogenhausen: "All energy to forward shields!"

München-Bogenhausen: Mr. Data, all energy to forward shields!

Bei aller geistigen Überlegenheit derjeniger, die aufgrund ihrer Technik-Affinität offenbar die Deutungshoheit über Street View & Co. besitzen: Meine Oma hat mit ihren 83 Jahren Angst vor der Sache. Sie ist ein einer anderen Zeit aufgewachsen, hat andere Ängste, versteht nicht, worum’s hier geht. Ihr hat’s auch niemand erklärt, auch ihr überstudierter Enkel (ich) nicht. Ist die Frau deswegen kleinkariert* oder spießig*? Hinter der ganzen schäumenden Wut der Street View-Fans in den Blogs scheint mir dieselbe Geisteshaltung zu stecken, die Leute dazu veranlasst, ihre Hütten zu verpixeln. Es gibt kein User-Recht auf unverpixelte Spaziergänge in fremden Wohnvierteln. Die Abbildung des öffentlichen Raumes in einem Medium ist nicht der öffentliche Raum selbst – das ist ein fundamentaler Unterschied.

Anmerkung: Dies schreibt jemand, dessen Hütte nicht verpixelt ist. Weil’s mir meilenweit am Arsch vorbeigeht, ob einer der gerade angesagten “es lebe der Selbstzweck”-Dienste ein dämliches Bild der streichwürdigen Fassade online gepackt hat.

Für mich ergibt sich die Problematik von Street View und ähnlichen Diensten denn auch weniger aus dem “Gucken und geguckt werden” von Privatpersonen, sondern aus der zentralen Verfügbarkeit von Informationen, die über bloße Fassaden weit hinausgehen und z.B. als GoogleMaps-Overlay vom Informationsgehalt her sowieso schon stark aufgewertet sind. Ich seh Google nicht als Untergang des Abendlandes, aber eine börsennotierte Firma wird ihre Gründe haben, derartig viel Geld einen kostenlosen und werbefreien Dienst zu investieren.

Ich weiß noch, wie groß das Geschrei war, als herauskam, dass die Deutsche Post u.a “Begehungen bis Bordsteinkante” machte, um Immobilien nach Größe und Wert und Zahl der Garagen und somit auch Sozialstatus auszuwerten. Vielleicht ist Data-Mining ein zu abstraktes Thema für eine breite öffentliche Diskussion, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Tatsache, wie verfügbar alle möglichen Daten heutzutage sind, im Mittelpunkt der Debatte steht –und nicht die absurde Angst, dass sich Tante Erna aus Buxtehude meine ungewaschenen Fensterscheiben angucken kann.

Nochmal: Das Internet ist kein Ort, sondern ein Medium. Das ist meiner Ansicht nach auch ein zentraler Unterschied in der Wahrnehmung verschiedener Generationen. Ältere Semester sagen zu der Thematik: “Das ist ja, wie wenn jemand Bilder von Häusern samt Straßenplan in ein Buch druckt, und beliebige Freiexemplare verteilt”. Das ist die Wahrnehmung des Internets als Medium, das Bild passt, und es ist mir auch verständlich, warum man diese Vorgehensweise für abstrus halten kann. Wir sehen tha interwebz als Ort (zur Bespaßung), denn “da sind wir ja sowieso schon”, unterstellen der Sache automatisch einen rein positiven Nutzwert, sehen diese Dienste als “Angebot”, als weiteren Ort, das muss ja was Gutes sein.

Nur: Im Internet ist von mir als Person genau solange (fast) nichts, bis ich das Medium aktiv selbst verwende. Das ist auch heute noch so. Ich kenne genügend Menschen, die aufgrund ihrer Nutzungsweise online absolut anonym sind. Konsumiere ich das Internet ohne aktiv zu partizipieren, bleibe ich anonym. Die Teilnahme (im Blog, in Facebook etc.) ist eine aktive Handlung, die aber auch noch nicht zwangsläufig weltöffentlich ist: Gerade WIR beschweren uns doch gerne über die bewusst komplexen Privatsphäreneinstellungen von Facebook. Dass aber jetzt mein Privatauto samt Typenschild weltweit verfügbar einfach so online steht, das war keine aktive Handlung meinerseits.

Ich find’s auch nicht so prickelnd, um ehrlich zu sein. Ist mir aber zu wurscht, um Beschwerde einzureichen.

Konklusion: Das Problem vieler Menschen ergibt sich daraus, dass sie “teilgenommen werden”, und zwar gleich mit dem Wohnort, also einem zentralen privaten Ort. Nächstes Problem: Diese Bedenken werden dann durch oberflächliche Berichterstattung des Boulevards (aber auch der Qualitätsmedien) eher befeuert als entkräftet.

Aber: Was als bräunlich “konservativ” gedeutet werden kann, kann man auch zu einem rötlichen “Konzerne müssen verdammt nochmal nicht alles über mich wissen” umgedichtet werden. Treffen Befürworter und Gegner aufeinander, reden sie meistens völlig aneinander vorbei, weil vor lauter Gereizheit nicht einmal grundlegende Ausgangspunkte – die oft so unähnlich nicht sind! – in Ruhe dargelegt werden können.

[(c) Styg]

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