O Immersion, where art thou?

by Gunnar on 29. Dezember 2010 · 6 comments

Dies ist ein Gastbeitrag von Fabian Krapp aka Styg.

Computerspiele, die man noch Jahr(zehnt)e später nostalgisch verklärt und vehement gegen niederträchtige Kritisierungsversuche verteidigt, besitzen eine Art hauseigene Matrix: Man entscheidet sich für die rote Pille, taucht ein, wenige Augenblicke später ist es vier Uhr morgens. Such is the power of immersion!

2010 war mein Jahr der blauen Pillen, Pech gehabt.
Schnelle Zugänglichkeit und Oberflächlichkeit, diese “Casual”-Sache da, für den kurzen Feierabend-Zock genau richtig! Bei den dicken Brocken aber sieht die Sache anders aus: Viele AAA-Titel erlauben kein Innehalten, möchte man hinter der hauchdünnen Zwiebelschicht aus Skriptsequenzen und Grafikvorhängen nicht auf ein klappriges Motivations-Gerüst stoßen. Wenn am Fantasy-Lagerfeuer der dunkle Wald im Hintergrund ausmodelliert und nicht nur schemenhaft angedeutet ist, wenn in der SciFi-Oper jeder Gang einer Raumstation auch tatsächlich begehbar ist, dann muss oder kann nichts mehr hinzugedacht werden. Der Trend zur expliziten “Komplettdarstellung” kann zum Problem werden – weil er die Vorstellungskraft entmündigt.

Kopfkino wird unterschätzt.
Die C-Beams in der Nähe des Tannhauser Gate habe ich nie über einen Bildschirm flimmern sehen. Meine eigenen implizierten Vorstellungen und Gedanken dazu habe ich daher auch nicht durch explizit vorgegebene Interpretationen einer Grafikabteilung ersetzt. In der Flut von Polygonen, Texturen, Shadern (und kreuzdämlichen Dialogen) wird gerne übersehen, dass Immersion voraussetzt, etwas aus der eigenen Vorstellungskraft oder Gefühlswelt in ein Spiel einweben zu können.

Vielleicht ist diese Wahrnehmung der lange Schatten der Vielspielerei, schließlich hat man alles schon einmal irgendwie gesehen, hat Mechaniken längst klar umrissen und in zig Abwandlungen konsumiert. Sehr wahrscheinlich legt man die im Alltag ganz praktische Ratio auch nicht konsequent genug ab und wendet sie dann dummerweise auf zur Bespaßung gedachte Unterhaltungssoftware an. Mag sein.

Vielleicht aber haben zwischen die groben Pixelraster vergangener Tage auch tatsächlich mehr dieser Immersion-Partikel gepasst.
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Who the Fuck is Fabian Krapp?

Fabian Krapp ist Informatiker, 28, selbstverständlich langhaarig, jedoch noch unbebrillt. Er trinkt Kaffee ausschließlich schwarz, macht beruflich “irgendwas mit Medien” und in seiner Freizeit Heavy-Metal oder Fotos. “Styg” ist ein Überbleibsel aus seligen Quake-Zeiten, als die Sache mit den jugendlichen Reflexen noch funktionierte. Er spielt leidenschaftlich gerne RPGs, ist von Shootern mittlerweile übersättigt und für MMO-Gaming nicht mehr empfänglich. Styg trauert seligen LAN-Zeiten nach, als man noch tageweise in verdunkelten Zimmern saß und die lokalen Pizzadienste subventionierte. Persönliche Nemesis ist der Hang zu Logik, Abstraktion und Bauchgefühl gleichzeitig. Diese Selbstbeschreibung besteht aus exakt 100 Wörtern, wie von Gunnar gewünscht. Pedant.

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