Die GameStar ohne Chris?

by Gunnar on 28. Juni 2011 · 38 comments

Ach, es bleibt nichts bestehen in der schrumpfenden Welt der Printmedien. Die GEE ist quasi eingestellt, Christian Schmidt hat die GameStar verlassen, als nächstes erscheint vermutlich der SPIEGEL mit einem lila Rahmen.

1998, Anfang Mai, ich war gerade einen Monat bei der GameStar, stellte Jörg L. einen blonden Jüngling ein, ausgerechnet aus der Konkurrenzstadt Nürnberg, wo die mächtigen Computecs damals residierten. Der junge Mann, Christian Schmidt hieß er, übernahm von mir die Betreuung der Rubrik der Budget-Spiele, eine dankbare Aufgabe für Neu-Redakteure, weil man dort ohne Wertungsdruck seine Spielewissen verbreitern konnte. Aber der Herr Schmidt brachte ohnehin schon ein immenses Wissen mit, eine normale Jugend kann er nicht gehabt haben, so viele Spiele kannte er aus eigener Anschauung. Dieses brennende Interesse am Medium hat er sich dann über die Jahre erhalten, quasi als einziger der mir bekannten Redakteure — wir alle haben uns zwar noch fortgebildet, aber uns irgendwann privat auf ein Genre kapriziert. Manche hingen auf WoW, andere auf Battlefield, ich reihe noch immer Solo-Rollenspiel an Solo-Rollenspiel, nur der Chris, der brachte es fertig, letztes Jahr Montags in der Redaktion zu erscheinen, einen Kurztest zu einem der Redaktion unbekannten Nischending namens Armada 2526 abzugeben und zu verkünden, er habe den Titel privat am Wochenende gespielt und dann nebenbei rasch noch den Test geschrieben. Chris war unser Experte für alles, was nicht Mainstream war: Rundenstrategie, Adventures, Wimmelbildspielchen und anderes Kleinzeug aber auch Story-Shooter, Rollenspiele und Echtzeitstrategie. Er testete eine Reihe von Meilensteinen (Deus Ex, Bioshock, Warcraft 3, System Shock 2), war der Hauptkolumnenschreiber und verantwortlich für das Kronjuwel des Magazins, die Reports. Seine Karriere lief nicht ganz gerade, zwischendurch nahm er sich eine Auszeit, begann ein Studium, kehrte zurück, betreute Sonderhefte, wurde dann Leitender Redakteur und schließlich Stellvertretender Chefredakteur.

Und jetzt, jetzt ist er weg.

Mal sehen, wo er wieder auftaucht, die Spiele werden ihn nicht loslassen, nehme ich an.

So. Und warum gebe ich mir so eine Mühe, das Ausscheiden eines einzelnen Redakteurs zu bereden? Nun, weil Chris meiner bescheidenen Meinung nach der beste Autor und Spiele-Analyst der ganzen verdammten deutschsprachigen Spielejournaille ist. Und der GameStar mächtig fehlen wird.

Ich nehme mir mal die Freiheit, für Christians gut zwölf Jahre Games-Journalismus einen virtuellen Schrein zu erreichten und präsentiere hier einige seiner schöneren Werke. Also, wir beginnen leichtfüßig mit seinem ersten Auftritt in “Raumschiff GameStar”:

Nun zu schwererer Kost, hier sind zwei Essays über gute Anfänge und gute Enden von Spielen: Richtig anfangen / Richtig aufhören

Jetzt wieder was Lustiges, Chris’ vernichtende Kritik an den Bugs von Gothic 3:

Und wieder Gravitas: Nutze den Tod ist ein Essay über den Tod in Videospielen.

Nun Minecraft, das meistgesehene Testvideo der GS-Redaktion, mit fast 800.000 Views auf Youtube.de und GameStar.de:

Und jetzt endlich ein richtiger Spieletest: Amnesia: The Dark Descent Obwohl, es ist kein typischer GameStar-Test, Chris macht hier ein Experiment mit subjektiver Erzählweise, sehr unüblich in der konservativen deutschen Spieletesterei.

Und jetzt wieder ein Video, eine kundige Historie über die Diablo-Serie. Chris hat noch weit bessere Historien-Videos gemacht, die sind nur leider nicht online.

Wir schließen mit einer polemischen Kolumne gegen die Spielehasser von BILD.

Das reicht erstmal.

Obwohl, so richtig vollständig ist das hier nicht, wenn man nicht wenigstens ein Expertengespräch gesehen hat, Schmidts und Grafs Impro-Comedy:

Hm. Mir fielen noch mehr schöne Schmidt-Werke ein, aber der Beitrag hier ist eh schon überladen.

Also, Chris, alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für all die Jahre als geschätzter Kollege.

Update: Chris hat sich hier, im GSPB von den Lesern verabschiedet.

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