Kinderspiele für das iPad

by Gunnar on 11. Juli 2011 · 8 comments

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Schmidt*. Eine kleine Ergänzung von Herrn Kaliban mit entsprechenden Goldkindtm-Erfahrungen folgt morgen.

Ich bin nun seit knapp drei Wochen Besitzer eines iPad 2 und musste ich bis jetzt noch kein einziges Mal meine Prepaidkarte wieder neu aufladen. Denn anstatt damit zu telefonieren habe ich das schicke Ding über den größten Teil dieses Zeitraums direkt unter Extrembedingungen getestet: mit einer Schar von Kindern. Ich war letzthin auf Familienurlaub mit sechs Kindern, dazugehörigen Eltern und Omas und Opas. Dass das iPad bei Kindern hochbeliebt ist, versteht sich von selbst, deshalb wollte ich es vor dem Ausflug mit passenden Spielen ausstatten. Aber welchen? Was eignet sich für Kinder, was kommt gut an?

Ich habe zu der Frage wenig Hilfreiches im Internet gefunden, deshalb teile ich an dieser Stelle einfach mal meine Erfahrungen – vielleicht sind die für den einen oder anderen Mitlesenden erhellend. Ich hatte mich letztendlich für ein gutes Dutzend Spiele entschieden, die meisten davon bekannte Namen, und sie in den letzten Wochen an insgesamt zehn Kindern im Alter von 4 bis 14 ausprobiert, die sich wie die Wespen auf das Pad gestürzt haben. Für den Besitzer bedeutet das kurze Momente immenser Popularität („Duuu, Christian, dürfen wir dein iPad haben?“), gefolgt von langen Phasen der Nichtexistenz („Geh weg, wir spielen“).

Welches Spiel dabei das beliebteste war, dürfte die iPad-erfahrenen Mitleser wahrscheinlich überraschen – obwohl es an sich nicht überraschend ist, wenn man bedenkt, dass Kinder am liebsten miteinender spielen statt allein. Das gilt genauso für das iPad, und deswegen ist die wichtigste Erkenntnis: Die besten Spiele für Kinder sind solche, die man gemeinsam spielen kann.

Hier sind die Spiele, die ich an den Kindern ausprobiert habe:

Cut the Rope: Tolles Spiel für alle Altersgruppen. Die Steuerung zumindest der leichteren Levels begreifen schon die Jüngsten (3+), die Lösungen erreichen sie aber eher durch Ausprobieren und Glück denn durch Verständnis der Rätsellogik – was aber nichts macht, denn auch das Rumprobieren macht großen Spaß. Jungen Kinder kommt entgegen, dass sich der Bildausschnitt in den meisten niedrigen Levels nicht bewegt und alles auf einen Schirm passt. Das Spiel kam auch bei Erwachsenen und Älteren sehr gut an.

Doodle Jump, Need for Speed: Es ist interessant zu beobachten, dass jüngere Kinder, denen man einen Controller in die Hand gibt, die Bewegungen mitmachen, sich also bei Rennspielen in die Kurve legen und den Controller drehen. Der Sohn meiner Freundin (7) hüpft bei Jump-and-Runs bei jedem Spielsprung auf dem Sofa mit. Aus diesem Grund sind Spiele, die Feinmotorik voraussetzen, für jüngere Kinder eher ungeeignet, da die dazu tendieren, Bewegungen zu übersteuern. Das gilt für Doodle Jump & Co, vor allem aber für Rennspiele wie Need for Speed: Hot Pursuit; die sind bei kleineren Jungs zwar durch die Bank mächtig beliebt, aber die Autos krachen wie ein Flummi von Bande zu Bande.

Max and the Magic Marker: Eines der besten Spiele auf dem iPad zum Solo-Spielen für Kinder ab 7 Jahren. Jüngere werden von der Lauf- und Sprungsteuerung überfordert, die Gleichzeitigkeit und Timing erfordert. Kreativ, übersichtlich, gut erklärt und abwechslungsreich. Viele der simpleren iPad-Spiele beschäftigten die Kinder meiner Gruppe nur für ein paar Minuten („Mach mal was anderes!“), Max and the Magic Marker erwies sich dagegen als Stundenfresser. Einziges Manko ist die geringe Fehlertoleranz; wenn Max stirbt, muss man den Abschnitt von vorne beginnen. Was dank des motivierenden Spielprinzips aber andererseits auch Ausdauer lehrt.

Mirror’s Edge: Obwohl es aus der Erwachsenen-Ecke kommt und steuerungstechnisch durchaus komplex ist, erwies sich dieses Spiel nicht nur als einer der absoluten Favoriten für die Kids, es lässt sich auch schon von 4jährigen erfolgreich spielen (zumindest in den ersten beiden Levels). Das schnelle Wischen übers Pad gefällt vielen Kindern, und die Thematik des Wettlaufs finden vor allem Jungs ansprechend. Jüngeren kommt entgegen, dass das Spiel zumindest in gegnerfreien Levels ohne Druck abläuft, man also beliebig lang an einem Hindernis hantieren kann, bis man es überwunden hat. Der wahre Clou ist der Splitscreen-Modus, der ausnahmslos alle Kids begeistert hat („Jetzt will ich mal gegen dich!“).

Tiny Wings: Auch wenn’s kids-kompatibel aussieht, Kinder sind von diesem Spiel überfordert, weil es schnelle Reflexe und punktgenaues Timing erfordert und wegen der Trägheits-Simulation kein unmittelbares Feedback gibt. Die eher abstrakte Motivation („Noch weiter kommen!“) scheint Kinder nicht sonderlich zu motivieren. Dazu fehlt inhaltliche und optische Abwechslung.

Marble Mixer: Davon haben wahrscheinlich die Wenigsten bisher gehört, aber tatsächlich ist diese simple Murmelschnipperei mit Abstand das Kinderspiel Nummer 1 auf dem iPad. Korrektur: Das Familienspiel Nummer 1. Denn da hingen genauso viele Erwachsene vor dem Pad. Der wichtigste Aspekt von Marble Mixer ist schlicht, dass man es zu viert spielen kann. Das iPad wäre eine fantastische Party-Multiplayer-Plattform, wenn denn mehr Spiele Gebrauch davon machen würden. Marble Mixer zeigt, wie’s geht: kurze Partien, ultrasimple Steuerung (trotzdem mit Lernkurve), soziale Interaktion und Schadenfreude. „Das Spiel mit den Murmeln“ war beim Familientreffen der ständige Mittelpunkt einer bunt gemischten und stetig wechselnden Gruppe von Kindern und Erwachsenen, die schnell für eine Partie dazustießen oder auch nur zuschauten und mitlachten.

Labyrinth 2 HD: Interessanterweise eines der Spiele, das Erwachsene am meisten beeindruckt, weil sie das Prinzip des Kugellabyrinths aus der Realität kennen und staunen, dass es auf diesem kleinen technischen Ding aussieht und funktioniert wie in echt. Wer seinen Eltern die Faszination von iPad-Spielen nahebringen will, für den ist Labyrinth 2 HD die erste Wahl. Auch Kinder haben Freude daran, vor allem an den verspielteren Levels mit interaktiven Elementen. Jüngere haben Probleme mit der Feinmotorik, und man sollte darauf achten, dass sie auf einer weichen Unterlage sitzen, die zur Not ein fallendes iPad abfedern kann.

Angry Birds: Dazu muss man, glaube ich, nicht mehr viel sagen; das Spiel ist nicht umsonst so populär. Das bestätigte sich in meiner Gruppe: Die Mechanik begreifen schon die jüngsten (3+), das hübsche Design und einfache Spielprinzip gefällt allen Altersgruppen. Ein typisches „Darf ich auch mal?“-Spiel, das jeder mal anfassen will.

Small Things: Ich hatte angenommen, dass Hidden-Objekt-Spiele den Kindern wegen der einfachen Spielmechanik gefallen müssten, und hatte Small Things wegen seiner klaren und kinderkompatiblen Optik ausgesucht. Das war ein Fehlgriff. Die Masse an kleinen, ähnlichen Objekten macht das Suchen viel schwieriger als in klassischen Wimmelbildspielen, und das auf Kosten von optischer Abwechslung. Man sucht ständig die gleichen Dinge in den gleichen Bildern. Dass man die auch noch scrollen muss, gefällt Kindern gar nicht; und wenn zwei Kinder gemeinsam auf dem Pad herumtapsen, springt und zoomt der Schirm, was für irritiertes Gekreische sorgt.
Auch wenn ich von Small Things nur abraten kann, bin ich nach wie vor überzeugt, dass Wimmelbildspiele für Kinder sehr geeignet sind, vor allem, um das Lesen einfacher Wörter zu trainieren (5+). Auf dem PC ist die Samantha-Swift-Reihe wegen ihrer generell guten Qualität und zahlreichen Hilfefunktionen für Kinder sehr zu empfehlen. Eine Episode davon gibt’s auch fürs iPad, ich habe sie aber noch nicht ausprobiert.

Helsing’s Fire: Ich finde das Spiel super, aber jüngere Kinder halten es offensichtlich für eher langweilig. Das richtige Platzieren des Feuerscheins kriegen schon 5jährige hin, aber sobald die Farbreihenfolge und schnelle Ausweichreaktionen eine Rolle spielen, sind sie überfordert. Ältere Kinder (10+) haben durchaus Freude damit.

Multipong: Hatte ich heruntergeladen, weil vier Spieler gleichzeitig es spielen können. Aber im Gegenzug zu Marble Mixer ist Multipong für jüngere Kinder und ältere Erwachsene zu hektisch und für alle anderen nach kürzester Zeit schlicht zu langweilig.

Flight Control / Harbor Master: Wie zu erwarten ist das eher etwas für Jugendliche und Erwachsene, die Vorausplanung, Koordination und schnelle Reaktionen gut beherrschen. Kinder sind von dem zunehmenden Gewimmel auf dem Schirm überfordert, zumal die Darstellung des Geschehens recht klein ist. Selbst die Älteren in meiner Gruppe spielten nur dann Harbor Master, wenn sie partout keine andere Alternative hatten.

World of Goo: Ist natürlich eines der besten Spiele auf dem Pad, punktum. Obwohl sich der Humor eher an Erwachsene richtet, gefallen auch Kindern die bunte Optik und die knuddeligen Schleimkugeln. Schon 6jährige können die ersten Levels erfolgreich bewältigen, wenn man ihnen die Mechanismen erklärt. Später wird’s für sie aber zu haarig. Für Kinder, die Max und the Magic Marker aus dem FF beherrschen, ist World of Goo der nächste logische Schritt.

Ich setze die Liste bei Gelegenheit fort, wenn ich neue Spiele ausprobiert habe. Small World soll zum Beispiel als Mehrspieler-Titel spannend sein, das muss ich meiner Fokusgruppe mal unterjubeln. Was könnte ich noch mit ihnen spielen? Hat jemand eigene Erfahrungen zum Thema, Tipps für mich oder Anmerkungen zu meinen Urteilen? Ich bin für jede Rückmeldung dankbar!

Who the fuck ist Christian Schmidt? Christian Schmidt, 34, ist Spielejournalist und war zuletzt stellvertretender Chefredakteur beim Fachmagazin GameStar. Er gehört zur ersten Generation, die mit Videospielen groß geworden ist, und lässt keine Gelegenheit aus, das der zweiten Generation aufs Brot zu schmieren. Er hat (noch) keine eigene Kinder, aber 3.200 PC-Spiele in seiner Privatsammlung, was in Sachen Sozialverträglichkeit, Liebe und Kosten in etwa aufs Gleiche hinausläuft.

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