Home is where the Weser runs

by Gunnar on 25. August 2011 · 13 comments

Ah, Herr Kaliban gießt seine Wurzeln.

Ich tu’ ja immer ein bisschen weltläufig, Businesskasperei und all das, aber in Wirklichkeit bin ich nur ein Junge vom Dorf. Bis zum 28. Lebensjahr hat sich mein gesamtes Leben in einem Radius von 50 Kilometern um meinen Geburtsort herum abgespielt: Geboren in Stadtoldendorf; gewohnt in Bovenden, Northeim, Osterode, Bevern; Abitur in Holzminden; Wehrdienst in Northeim, Hildesheim, Stadtoldendorf; Studium in Göttingen; Hochzeit in Höxter — alles passt in einen sehr kleinen Abschnitt Südostniedersachsens.

Gut, ich habe auch in Kassel studiert (ohne dort zu wohnen) und okay, der Abstecher der Familie nach Isselburg am Niederrhein ist ausgeklammert, aber davon abgesehen stimmt das.

So sieht das auf der Karte aus:

Natürlich ist das alles furchtbar provinziell dort, im Dreiländereck Nordhessen-Ostwestfalen-Südniedersachsen haust ein stumpfes Bauernpack, das sich in Sachen Sturheit mit den Niederbayern messen kann. Die hauptsächliche Kreisstadt ist Holzminden, ein 20.000-Einwohner-Örtchen, welches die europäische Aromen-Industrie auserkoren hat, um dort einen Schwerpunkt anzusiedeln. Was dazu führt, dass Holzminden der einzige Ort Deutschlands ist, wo man mit geschlossenen Augen die Stadtgrenze passieren kann und trotzdem weiß, wo man ist. Es riecht da nämlich. Mal nach Himbeere, mal nach Lakritz, mal nach irgendwas Schlimmerem. Bei Kleintier-Familien, die innerhalb der Stadtgrenzen leben, wird der Nachwuchs der dritten Generation bereits ohne Nase geboren.

Aber nun, die Leute sprechen meine Sprache — Bauernpack ja, aber eben mein Bauernpack. Als ich Ende letzter Woche, Gamescom-bedingt auf dem letzten Loch pfeifend, in Altenbeken umsteigen musste, kamen mir die jugendlichen Proleten am Bahnhof direkt sympathisch vor, weil sie eben das Weserbergländisch gefärbte Hochdeutsch sprachen und nicht bayrisch oder badisch oder schwäbisch. Und dabei ist Altenbeken noch nicht mal ansatzweise auf der richtigen Weserseite, sondern liegt tief im verfeindeten Ostwestfalen. Offenbar lasten die mittlerweile mehr als 14 Jahre Süddeutschland doch schwerer auf mir, als ich immer dachte.

Und als ich mal wieder am Weserufer stand, obwohl’s die falsche Seite war, stiegen in mir mächtige Heimatgefühle auf. Offenbar hat mein Hirn doch, in der beeinflussbaren Kinderzeit, auf ewig eine bestimmte Mischung aus Leuten, Luft und Landschaft als korrektes Default-Set eingeprägt bekommen. So ungefähr muss es aussehen, damit bei mir im Hirn der Heimatmodus einrastet:

Und dann fällt einem auch sofort der alte Vers aus der Schule wieder ein:

Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie ihre Namen büssen müssen,
Und hier entsteht durch diesen Kuss
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss

Ach hey, ich gewinne jetzt Samstag im Lotto, dann pfeife ich auf die Fleischtöpfe der süddeutschen Arbeitgeber, kaufe mir ein Häuschen mit Weserblick und schreibe dort hauptberuflich sentimentale Blogbeiträge.

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