Eine Welt ohne Bücher

by Gunnar on 30. September 2011 · 23 comments

(c) Keller, Ernst, 1948Können Sie sich eine Welt ohne Bücher vorstellen, werden Leute in Interviews zuweilen gefragt. Und dann kommt unfehlbar immer die Antwort, dass das natürlich unvorstellbar sei. Es fallen dann gerne große Worte wie Eine Welt ohne Bücher wäre tot und leer oder Eine Welt ohne Bücher ist wie eine Welt ohne Liebe. Und es werden Erinnerungen an kuschelige Lesesituationen in der Kindheit wachgerufen. Mindestens das Ende des Abendlandes droht aber, wenn man aufhören würde, Papier mit Druckschwärze zu bespritzen*.

Ich verstehe das nicht. Ich kann mir ganz leicht eine Welt ohne Bücher vorstellen. Diese mystische Überzeichnung, diese Überbetonung der Haptik, des Geruchs, des Blättergeräuschs, das geht mir mittlerweile gehörig auf den Zeiger. Das dient doch, wenn wir ehrlich sind, nur der eigenen Überhöhung als Kulturmensch. Ich besitze auch nach meinen letzten Aufräumaktionen noch gut 600 bis 700 Bücher und habe in meinem Leben bestimmt schon mehr als 1.000 Bücher gelesen, vielleicht auch 1.500. Aber das Buch als Gegenstand an sich ist doch nur selten wirklich toll. Ich besitze viele wunderschöne gebundene Werke mit kunstvollen Einbänden, aber die meisten meiner Bücher sehen so aus:

Ich bin eben nicht Heinrich Böll und habe nur Hochliteratur im Haus; ich lese überwiegend Taschenbücher oder Paperbacks. Massenware mit mäßigem Satz, brüchigen Rücken und abfärbender Druckerschwärze, die nach einmaligem Lesen schon scheiße aussieht. Die Dinger sind nicht mal besonders angenehm in der Hand zu halten. Da ist keine Romantik, nur Gebrauch. Eher wie Sex auf der Rückbank eines Kleinwagens als Liebesspiel bei Kerzenschein und Seidenlaken.

Von den Abendlanduntergangsbeschwörern wird offenbar die Kulturleistung des Geschichtenerzählens mit dem Trägermedium Buch verwechselt, mit voller Absicht oder auch ohne. Denn in der Tat: Eine Welt ohne Geschichten kann ich mir auch nicht vorstellen, Geschichten werden immer erzählt werden, egal ob auf Papier, Papyrus, flackernden Bildschirmen oder mündlich vorgetragen. Der Faszination einer guten Geschichte kann sich kaum jemand entziehen, auch die immer wieder beschworenen hirnfragmentierten Online-Junkies nicht, falls es die überhaupt in nennenswerter Anzahl gibt.

Nur dem Buch an sich, dem geht es als Massenmedium vielleicht in den nächsten Jahren an den Kragen, Ikea jedenfalls sorgt schon mal vor.

Und das ist möglicherweise schade, andererseits aber auch der Wandel der Welt, die Verbreitung der Schellackschallplatte ist ja auch ein bisschen zurück gegangen in den letzten Jahren. Wobei es natürlich jedermann frei steht, sich zu Dekozwecken oder aus Nostalgie, die Wohnung mit historischen Medienerzeugnissen einzurichten.

* Was, übrigens, ein durchaus nicht gerade umweltfreundlicher Prozess ist, der enorm Wasser verbraucht.

Weiterlesen: 1. Der obige Beitrag wurde angeregt durch einen Blogpost von Leander Wattig. 2. In einem Interview von Mossberg mit Jeff Bezos wird das Thema ebenfalls angeschnitten.

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