Fear and Loathing in Skyrim

by Gunnar on 21. Dezember 2011 · 15 comments

Der folgende Text wurde als Gastbeitrag für den Adventskalender von Polyneux geschrieben und sollte, so war der Plan, hier einfach nochmal veröffentlicht werden. Dann gefiel er mir nicht mehr, irgendwie, und ich fing an, an Sätzen und Abschnitten herumzubasteln. Jetzt erscheint er hier in einer deutlich veränderten Fassung. Texte sind eben eine Baustelle, ich drücke jetzt auf »Publish«, ehe ich nochmal von vorne anfange..

Ich habe dieses Problem mit virtuellen Welten.

Für mich funktionieren sie nicht, meistens.

Andere, beneidenswerte Menschen von großer innerer Stärke, schauen lässig darüber hinweg, wenn in Detroit Sprayer stundenlang an der Wand stehen und nicht merken, dass aus ihren Spraydosen gar keine Farbe kommt. Andere stören sich nicht daran, dass in Gotham ein kleiner Anstaltsleiter mit einem miesen Track Record mal eben Bürgermeister wird und dann auch noch Teile der Innenstadt als Gefängnis ausweist, obwohl man anderswo ohne Bürgerinitiative nicht mal einen Bahnhof ausbauen kann. Anderen macht es nichts aus, dass die Stadtwachen in allen Städten, von Weißlauf bis Einsamkeit, alle Probleme mit den Knien haben – und die Geschichte ohne gebührende Ehrfurcht dem vorbeischauenden Weltretter erzählen, anstatt erstmal einen roten Teppich auszurollen und ihm ein Heißgetränk und die Jungfrauen des Ortes anzubieten.

Ach, die Logik.

Und doch spiele ich Skyrim. Und doch macht mir das Spiel Spaß, auch in der 20plus-ten Spielstunde.

Dabei ist da eigentlich alles falsch: Die Dialoge sind mau, größtenteils; man gibt mir nicht das Gefühl, jemand Besonderes zu sein; der Kampf ist merkwürdig körperlos; die Animationen machen aus Charakteren zombifizierte Schaufensterpuppen. Außerdem passiert ständig irgendwas Absurdes: Einen Kampf gegen einen Drachen im Hof der Magierakademie etwa habe ich komplett verpasst, weil das Biest genau während eines Dialogs angegriffen hat – als ich mit dem Gespräch fertig war, hatten die Kollegen das offenbar kränkliche Tier schon erlegt. Über all die Kerzen und Feuerschalen, die in gottverlassenen Verliesen voller Untoter brennen, rege ich mich schon gar nicht mehr auf, da gibt’s offenbar einen Hausmeisterdienst oder sowas. Am Schlimmsten ist aber, dass alle naselang jemand gelaufen kommt und einen Brief überbracht, ein Beziehungsproblem gelöst oder seinen Hof gekehrt haben will und immer fehlt die wichtigste Dialogoption: »Fick Dich, Du Depp, sehe ich aus wie ein Laufbursche?«

Das Spiel ist halt eines von denen, die lautstark fordern, dass man sich auf sie einlässt. Hey, sagt es, hey Gunnar, ich habe eine ausgefeilte Welt, mit NPCs und Quests und Story Arcs und Vast Narratives und weiteren Fachbegriffen ohne deutsche Entsprechung, vertief dich in mich, sei mein Held. Und dann, wenn es dich hat, tritt’s dir vor’s Schienbein. Pech, sagt es, und tritt nochmal, ist eben Pech, wenn in jedem Dungeon die Begleiter verloren gehen, weil die Wegfindung scheiße ist. Da muss man eben Kompromisse machen. Pech, dass meine Entwickler keine Zeit mehr hatten, sich eine überzeugende Haupthandlung oder auch nur ein überzeugendes Inventarsystem auszudenken, Pech. Und dann tritt es einem nochmal auf den Fuß.

Naja.

Ich gebe mir Mühe. Ich mache halt die meisten Mini-Quests (die unter »Verschiedenes«) erst gar nicht, ich sage mir zwischendurch, wenn die Leute mir dumm kommen, immer wieder mein Mantra Ich bin der Thane von Weißlauf und der Erzmagier der Akademie und Jesus wurde auch vom normalen Volk verkannt auf. Ich rede nicht mit Wachen, ich passe auf meine Begleiter auf. Ich freue mich an Kleinigkeiten, an der Landschaft, am Laufen durch die Welt, an der Länge meines Schwertes. Ich spinne mir im Kopf eine eigene kleine Heldengeschichte zusammen, in der ich den Nonsense ausblende.

Denn eines muss man sagen, genügend Bausteine für diese Geschichte gibt mir Skyrim auf jeden Fall: Ich habe eine handfeste Schildmaid geheiratet und bin jetzt in den Dungeons als Ehepaar unterwegs; ich bin auf den höchsten Berg gestiegen und habe das Land, mein Land, unter mir ausgebreitet gesehen – nicht ohne einen wohligen Anflug von Heimatliebe zu empfinden. Ich bin mit klopfendem Herzen durch Zwergenruinen geschlichen, immer auf der Hut vor den Gefahren einer unbekannten Kultur. Ich habe Sonnenuntergänge in freier Natur erlebt, bin durch atmende Wälder gewandert, habe für mein Land gekämpft, habe Wunder geschaut.

Für all das bin ich dankbar. All das macht Skyrim dann doch zu meinem Spiel des Jahres, zu einem Blumenstrauß wunderbarer Momente, auch wenn ich hin und wieder mal ein paar Stängel Unkraut dazwischen herausklauben muss. Und Disteln. Und Brennnesseln.

Und übrigens, wenn der doofe Hund (dieser Cheater) mich noch einmal in einem Verliesgang einsperrt, weil er, anders als andere Gefolgsleute, mir immer direkt auf der Pelle hockt und nicht auf’s Schubsen reagiert, werfe ich die DVD aus dem Fenster, verdammt!

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