Ein offener Brief an die Herrscher der DRM-Hölle

by Gunnar on 24. Januar 2012 · 65 comments

Liebe Content-Industrien,

ich habe durchaus Verständnis für Copyrights. Ich habe mein ganzes Berufsleben und auch privat als Blogger und Autor täglich das produziert, was heute so abwertend “Content” heißt. Und möchte nicht, dass Leute sich ohne zu fragen daran bedienen. Ich habe auch die dramatische Amiga-Zeit mitbekommen, als die Firma Thalion unterging, deren Spiele ich mochte, die aber wegen der Raubkopien keine Zukunft für sich mehr sah. Ich war dabei, als Anno 1602 in Deutschland im ersten Jahr gut das Fünffache von Starcraft verkaufte, weil Starcraft eben keinen Kopierschutz hatte und Anno immerhin einen schwachen. Ich stehe auf dem altmodischen Standpunkt, dass wenn man etwas nutzen möchte, auf dem ein Preisschild klebt (und für dessen Erschaffung jemand hart gearbeitet hat), man gefälligst zahlen möge.

Aber das ist die eine Ebene, die intellektuelle Ebene sozusagen.

Meine Lebenserfahrung lehrt mich etwas ganz anderes.

Vor langer Zeit, da kaufte ich regelmäßig CDs. Bis mir auffiel, dass sich gekaufte CDs in meinem Auto-CD-Player nicht mehr abspielen ließen, wegen des Kopierschutzes, gebrannte aber schon. Da ich im Auto Musik hören wollte, stieg ich um.

Dann kaufte ich Musik auf iTunes, bis mir irgendwann gleichzeitig iPod und PC crashten und sich die gekaufte Musiksammlung, wegen des Kopierschutzes, nicht mehr legal abspielen ließ, die gerippten Tracks aber weiterhin liefen. Ich kaufte dann Musik bei Amazon, DRM-frei, das löste das Problem.

Dann kaufte ich Serien auf iTunes, bis mir gestern auffiel, dass ich die Folgen nicht auf meine Xbox streamen kann, wegen des Kopierschutzes, im Netz herrenlos aufgefundene Filme aber schon. Ich kann mir jetzt ein Apple-TV kaufen oder wieder nach DRM-freien Quellen suchen, bin’s aber durchaus auch leid, durch immer neue Feuerreifen zu springen, während die Industrie mir weiterhin Steine in den Weg legt.

Liebe Entscheider der Content-Industrien, ich gehöre zur ersten Generation der Internet-User. Wir sind die Leute, die iTunes mit unserer Kaufkraft überhaupt erst möglich gemacht haben. Wir sind die Leute, die mit Flattr spenden, die über Paypal Serials für Software kaufen, die den Indies über die Humble Bundles ein bisschen Herzblut zurück geben, die die ganze App-Ökonomie am Leben halten.

Wir tun das nicht, weil wir nicht wüssten, wie ein Jailbreak funktioniert. Oder wo wir Keygens und Cracks und Serialz und Musik und ganze Filme finden. Wir tun das aus Überzeugung, weil wir für das, was wir konsumieren, gerne bezahlen. Ich würde erwarten, dass man uns für diese Haltung liebt. Aber nein, wir sind die Feinde, denen man widerstrebend gerade so viel Nutzungsrecht überlässt, damit ein Vertrag erfüllt werden kann.

So geht das nicht. Ich will mein Eigentum so nutzen, wie’s mir gerade gefällt, auf welcher Plattform auch immer. Und ich möchte, in einer globalisierten Welt, Werke dann kaufen können, wenn sie auf den Markt kommen und nicht erst dann, wenn ein Portfolio-Manager entscheidet, dass er mein Land jetzt endlich doch auch freischalten möchte, weil alle anderen Verwertungsketten erschöpft sind.

Johnny von Spreeblick hat das kürzlich noch ein bisschen hübscher gesagt: “Und wenn sich die Unterhaltungsbranche dann irgendwann mal dazu bequemen könnte, aus dem Erfolg von Megaupload etc. zu lernen und internationale Lösungen für Konsumenten anzubieten, statt ihre Energie in nicht minder schmutzige Lobbyisten-Arbeit in der Politik zu vergeuden, dann kommt vielleicht langsam mal was ins Rollen. Von mir aus kann dieser ganze Schrott wie Megaupload nämlich gerne aus dem Netz verschwinden, ich will weder beschissene Pornowerbung noch flackernde Download-Timer ertragen müssen und an solche Portale erst recht kein Geld zahlen, um den Film meiner Wahl sehen zu können, sobald er fertig produziert wurde. Ich lege gerne fünf oder zehn Euro im Monat aufs Trackpad, wenn ich davon ausgehen kann, dass die Produzenten einen Teil davon erhalten und der ganze Kram legal ist.”

Geht in euch, ich bin den ganzen Ärger ein bisschen leid.

Herzlichst,

ein zahlender Kunde

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