Kaliban-Gespräche, Folge 1: Petra Fröhlich

by Gunnar on 20. Januar 2012 · 17 comments

 Ich hatte mir, wie ich kürzlich in einer alten Mail an mich selber wieder entdeckte, 2008 mal den Vorsatz gesteckt, auf dieser Seite mehr Interviews und Gespräche zu veröffentlichen. Ich fange damit jetzt mal an, no time like the present.

Ich sprach mit Petra Fröhlich, Spielejournalistin der ersten Stunde, über Frauen in der Branche, Jobchancen für Einsteiger und ihre persönlichen Spielevorlieben.

Petra Fröhlich (Jahrgang ´74) entdeckte ihren Spieltrieb Mitte der 80er mit der Anschaffung eines Commodore PC-10 II – damals noch mit Monochrom-Monitor und 5,25-Zoll-Disketten. Bereits als Teenager veröffentlichte sie eine Reihe erfolgreicher Spielebücher und Artikel für Fachzeitschriften. Seit 1992 ist Petra ununterbrochen für PC Games und das Fürther Medienunternehmen COMPUTEC MEDIA tätig. 1999 wechselte sie in die Chefredaktion und verantwortet heute neben der PC Games Magazine wie play3, PC Games MMORE und N-ZONE.

Gunnar Lott: Petra, Du hast ja im Spielejournalismus eine beispiellose Karriere gemacht. Die Frauenzeitschrift “Allegra” hatte sogar mal einen Artikel über Dich geschrieben, weil Du als Frau in diesem Bereich natürlich schon eine Ausnahme bist. Auf Redaktionsfotos bist Du sogar meist die einzige Frau. Fühlst Du Dich “exotisch”?

Petra Fröhlich: Über das Thema habe ich tatsächlich seit der charmanten Allegra-Nummer im Jahre 1999 nicht mehr nachgedacht. Damals fühlte sich das alles schon ziemlich exotisch an, das stimmt. Sowohl in den Studios und bei Publishern als auch in den Redaktionsstuben gab es fast ausschließlich Männer, das hat sich heutzutage natürlich alles geändert und normalisiert. Viel exotischer und unheimlicher erscheint mir inzwischen, dass ich seit exakt 20 Jahren für ein- und dieselbe Firma wirke. Das ist mehr als die Hälfte meines Lebens. Im PC-Games-Jubiläumsjahr 2012 wird mir das fast tagtäglich wieder bewusst.

Gunnar Lott: Du triffst also schon mehr weibliche Entwickler, würdest Du sagen?

Petra Fröhlich: Natürlich keine Massen wie in den AXE-Werbespots, aber doch mehr als noch vor zehn Jahren. Aus meiner Sicht ist das ein völlig normaler Prozess, wenn sich eine Branche so verändert wie die unsrige. Die Welt der Spiele ist im Allgemeinen spürbar weiblicher geworden, da muss man nur mal einen Blick in die Gamescom-Messehallen werfen.

Gunnar Lott: Wenn man auf einem PR-Event der Spieleindustrie im Ausland ist, sieht das klassische Bild trotzdem meist noch so aus: gut gekleidete PR-Damen umflattern männliche Redakteure. Müsste nicht auch der Spielejournalismus weiblicher sein?

Petra Fröhlich: Das ist eine Eigenheit jener PR-Events, die sich üblicherweise den dicken Blockbustern wie Call of Duty, GTA, FIFA, Tomb Raider, Skyrim, Max Payne oder Battlefield widmen. Und deren Zielgruppe war, ist, bleibt natürlich männlich.

Gunnar Lott: Du hast eine klassische Karriere vom Berufseinsteiger zum Chefredakteur gemacht, ausgelöst durch Deinen berühmten Leserbrief. Sind solche Karrieren im Spielejournalismus heute noch möglich?

Petra Fröhlich: In stillen Momenten wünscht man sich, das Internet vergäße die Vergangenheit und würde mit diesem Leserbrief starten. Das Absurde ist ja, dass man mich nicht wegen, sondern trotz dieser lächerlichen Epistel mitmachen ließ. Und ja, ich hab mich damals wirklich maßlos über das Heft geärgert – weiß nicht, ob das zwischen den Zeilen hinreichend zum Ausdruck kommt ;) Meine journalistische Laufbahn beruhte auf einem schier unglaublichen Zufall, denn auf dem Nachhauseweg von der Schule hörte ich für zweieinhalb Millisekunden den Radioaufruf eines Nürnberger Verlags. „Spieletester gesucht, Telefon 0911-…“ Ich hab angerufen, Unterlagen eingereicht und mich natürlich persönlich vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt – ich war noch nicht mal volljährig – waren schon ein paar Dutzend meiner Artikel in IT-Fachzeitschriften erschienen, später folgten noch zwei, drei Bücher. Im Grunde gibt es heute nur zwei Wege in die Branche: Der eine führt über ein Engagement als freier Autor – wir sind ständig auf der Suche nach fähigen Leuten, insbesondere im Bereich der Online-Rollenspiele. Der klassische Weg läuft über ein mehrmonatiges Praktikum, gefolgt von einem zweijährigen Volontariat. Wenn alles passt und eine Stelle frei ist, können wir den Leuten einen Redakteurs-Job anbieten. Ein Großteil unseres Line-Ups hat diese Schritte durchlaufen. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass die Vollzeitstellen im redaktionellen Bereich begrenzt sind.

Gunnar Lott: Und die Karriere? Wohin kann ich mich entwickeln, wenn ich denn das Glück habe, eine Volo-Stelle zu ergattern? Die Verlagskarrieren sind nicht mehr das, was sie zu unserer Zeit waren. Und die Wege in die Spieleindustrie oder den breiteren Journalismus sind schwierig.

Petra Fröhlich: Wenn man sich die Impressi der führenden Print- und Online-Medien anschaut, wird man feststellen, dass die Akteure in leitenden Funktionen schon seit vielen Jahren dort wirken. Das ist keine Spezialität der Games- oder IT-Magazine. Beim Stern sitzt das Duo Osterkorn/Petzold seit 1999, also seit 13 Jahren, in den Chefsesseln. Wer sich als Volontär vornimmt „Eines Tages bin ich Chefredakteur“, braucht so oder so einen langen Atem und viel Fortune. Ich hab Zweifel, dass man sowas planen kann. Redakteur eines Spielemagazins – das ist für eine gewisse Zeit ein echter Traumjob, so wie Bundesliga-Profi. Irgendwann wird es einen Punkt geben, an dem man unter Umständen andere Schwerpunkte setzen muss, etwa Richtung Management. Ganz grundsätzlich bekommt man als Redakteur ein prima Rüstzeug, um seine Laufbahn auch auf anderen Feldern der Branche fortzusetzen, zum Beispiel bei Publishern. Aber wem erzähl‘ ich das? ;)

Gunnar Lott: Dafür gibt’s natürlich ein paar schöne Beispiele, aber die Zahl der Kollegen, die das nicht geschafft haben und sich jetzt als Freie mehr schlecht als recht durchschlagen (oder gar die Branche verlassen haben), ist größer, oder?

Petra Fröhlich: Die Tätigkeit als freiberuflicher Söldner war in den vergangenen Jahren sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig, das stimmt. Fast jeder Autor will die dicken Reportagen schreiben, für die man wochenlang recherchieren darf, doch dieser lukrative Auftragskuchen ist begrenzt. Besser dran und auch viel stärker ausgelastet sind jene Schreiber, die sich spezialisiert haben – einen kompetenten und zuverlässigen WoW-Todesritter krieg ich immer unter.

Gunnar Lott: Spezialisierung hilft, klar, aber auch mit stetigem Auftragsfluss kommt nicht allzu viel Geld ins Haus. ich habe früher mal was für den Focus gemacht, da gab’s 600 Euro für die Seite. Damit kann man arbeiten und auch Recherchen finanzieren. Später, bei GameStar, habe ich Seitenpreise von 250 Euro bezahlt. Nicht viel, aber einigermaßen okay. Da sind wir heute lange nicht mehr, nehme ich an, bei keiner Publikation. Mir wurden grad vor ein paar Tagen (allerdings auch von einer Nischenpublikation) 200 Euro für 12.000 Zeichen geboten. Da entspricht je nach Layout zwischen drei und sechs Seiten. Das habe ich dann dankend abgelehnt. Würdest Du jungen Leuten heute den Beruf noch empfehlen? Oder anders: Wenn Du einen 20jährigen Bruder hättest, der sich um Volo-Stellen bewerben möchte, würdest Du ihm zuraten?

Petra Fröhlich: Ich würde zunächst ein Praktikum empfehlen, zum Reinschnuppern. Wenn das gut läuft, nach Möglichkeit gleich das Volontariat hinterher. Und ab diesem Zeitpunkt kann man ohnehin nur noch auf Sicht fahren. Ob und wie es danach weitergeht, hängt ganz vom Timing ab. Wir schenken Bewerbern in den Gesprächen von vornherein reinen Wein ein – und ich habe seit langer Zeit niemanden mehr erlebt, der sich da überzogenen Erwartungen hingibt. Dass die Erwerbsbiographie beim ein- und demselben Unternehmen beginnt und endet, kann man heutzutage ohnehin ausschließen. Aber ganz klar: Hätte ich als Anfangs-, Mitte-, Endzwanziger heute die Chance auf einen Vollzeit-Redakteursposten, würde ich diese Erfahrung auf jeden Fall mitnehmen.

Gunnar Lott: Stimmt, ist schon immer noch ein schöner Beruf. Anderes Thema: Computerspiele genießen oft noch einen etwas zweifelhaften Ruf. […] „Isolierende Mattscheiben-Manie“ gehört zu den Schlagworten, wenn über Spielesoftware hergezogen wird. Doch die Zeiten von stumpfsinnigen Schießspielen sind längst vorbei. schrieb Heinrich Lenhardt 1985 im Editorial zu einem Spiele-Sonderheft der Zeitschrift Happy Computer. Die Vorurteile gegen Games sind ein Thema, das uns viele Jahre lang begleitet hat. Ist das vollends vom Tisch in den Zehnerjahren dieses Jahrtausends oder begegnet Dir sowas noch zuweilen?

Petra Fröhlich: Im vergangenen Jahr ist es mir nur noch zwei, drei Mal passiert, dass ich offenkundig fehlinformierte Zeitungs-Chefredakteure freundlich, aber bestimmt auf fachliche Unzulänglichkeiten in Leitartikeln und „Killerspiel“-Kolumnen hinweisen musste – von Kollege zu Kollege. Die haben auch geantwortet und sich bedankt fürs Mitdenken. Mit einer gewissen Quote an Vorurteilen und schlichtem Blödsinn muss man sicher auch künftig leben. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass sich in der gesellschaftlichen Debatte seit 1985 schon eine Menge zum Positiven hin geändert hat. Die Teenager von damals sind die Erziehungsberechtigten von heute.

Gunnar Lott: Hältst Du das privat auch so? Kaufst Du Deinen Neffen und Nichten Spiele?

Petra Fröhlich: Ja. Wobei die Damen und Herren ohnehin recht präzise Wünsche formulieren und man am Ende nur noch zu entscheiden hat: Lego Star Wars für DS oder Lego Harry Potter für DS? Bei familiären Aufeinandertreffen ist zuweilen nicht immer ganz klar, worauf sie sich mehr freuen – auf Tante Petra oder auf das iPad von Tante Petra.

Gunnar Lott: Okay, Lego Filmlizenz I-III für die Kids. Und selber? Was spielst Du so? Man merkt ja bei vielen Kollegen mit den Jahren eine leichte geschmackliche Erstarrung. Ich reihe Solo-Rollenspiel an Solo-Rollenspiel, andere hängen immer noch auf World of Crackcraft oder wechseln ihre Battlefield-Unterhose erst mit dem Erscheinen einer neuen Nummer.

Petra Fröhlich: Ich finde es inzwischen sehr angenehm, wenn man von vornherein das Ende eines Spiels absehen kann – in den Weihnachtsferien war deshalb unter anderem Modern Warfare 3 fällig. Vor XXL-Rollenspielen wie Skyrim schrecke ich zurück, weil mir klar ist, dass ich da wochen- und monatelang dran hängen würde. Noch „schlimmer“ sind Browsergames oder Online-Rollenspiele wie aktuell Star Wars: The Old Republic: Da hab ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mich bis zu einem bestimmten Level voranzuspielen und dann radikal die Deinstallation einzuleiten. Kalter Entzug, quasi. Privat am meisten Spaß habe ich mit Open-World-Spielen wie Red Dead Redemption oder L. A. Noire. Neben Diablo 3 ist GTA 5 deshalb das Spiel, auf das ich mich am meisten freue. Unvernünftig viele Stunden sind 2011 auch in Plants vs Zombies geflossen, auf den unterschiedlichsten Systemen.

Gunnar Lott: Kehrst Du zuweilen noch zu alten Spielen zurück oder fehlt Dir dafür die Zeit?

Petra Fröhlich: Zwar hab ich im vergangenen Jahr mal wieder das sieben Jahre alte Half-Life 2 durchgespielt. Aber ich gehöre offen gestanden nicht zu den Leuten, die eine DOS-Box anwerfen. Mir gefällt allerdings, dass Plattformen wie gog.com Retro-Klassiker bewahren und zugänglich machen.

Gunnar Lott: Danke, Petra, für das kurzweilige Gespräch.

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