Kammarbeit im öffentlichen Raum

by Gunnar on 10. Januar 2012 · 19 comments

Herr Kaliban ist immer wieder verblüfft, wenn er in der Öffentlichkeit einher geht: Menschen sind nämlich komisch.

Neulich, im “Palaver”.

Die Liebe meines Lebens, das Goldkind und ich sitzen frühstückend an einem zu kleinen Tisch im Café, um uns herum Stimmengewirr, Lachen, Geschirrgeklapper, im Hintergrund säuft bei irgendeiner Musik der Gesang ab und man hört nur noch ein paar Fetzen Gitarre und jeden dritten Drumbeat.

Auswärts frühstücken ist Luxus und Stress zugleich: Einerseits bekommt man die Nahrungsmittel portioniert und zubereitet an den Tisch gebracht, andererseits sind die Tischregeln samt der Standardrituale, die den Alltag mit Kind überhaupt überlebbar machen, ein bisschen außer Kraft. Also schmiert man hier was nach, hebt da was auf, hält dort was fest.

Zwischendurch schaue ich mal auf und sehe, anderthalb Tische weiter, eine junge Frau, Anfang 20 vielleicht, die sich hingebungsvoll die Haare kämmt. Die Frau hat sehr schöne, blonde Haare, die ihr bis auf die Hüften reichen. Und sie kämmt, sie kämmt, als gäb’s kein Morgen.

Ich bin öffentlicher Körperpflege abhold, und auch wenn kämmende Damen gefälliger anzuschauen sind als, sagen wir, fußnagelclipsende Herren, handelt es sich grundsätzlich um das gleiche Vergehen: Zahnpflege, Waschungen, Mani-/Pediküre, Haarstyling, Brauengezupf, sowas gehört ins Private, nicht in die öffentlich einsehbaren Bereich. Mich irritiert es sogar schon, wenn Leute sowas in ihren Autos tun.

Naja wurscht, ich schaue weg und widme mich wieder dem Chaos um mich herum, meine Tochter ist mittlerweile bei ihrer Puppe zur Löffelfütterung übergegangen, ein Verfahren, das bei allen Beteiligten stets Spuren hinterlässt. Die Liebe meines Lebens ist entfleucht, um sich die Nase zu pudern, und die Bedienung fängt schon mit Abräumen an, obwohl da noch für gut 30 Cent Rührei auf meinem Teller liegen.

Ein paar Minuten später tauche ich mal wieder kurz auf, gucke in Richtung der Kammdame, aber sie hat aufgehört. Aber nur, weil sie ihrer Freundin zuschaut, die ebenfalls lange, blonde Haare hat und sich kämmt. Hingebungsvoll möchte ich das nennen, aber ich habe den Begriff oben schon mal verwendet. Also die Alternativbeschreibung: Sie kämmt engagiert, wie jemand, der weiß, dass von seinem Handeln Einiges abhängt.

Neben mir fällt ein Glas zu Boden, ich fahre panisch herum, aber der Schuldige ist der kleine Junge am Nachbartisch. Ich werfe dem verantwortlichen Vater diesen “Jetzt kriegen sie doch bitteschön ihr Kind in den Griff, schauense mal wie brav meine Tochter ist”-Blick zu und entwinde dem Goldkind das Messer, mit dem sie gerade die Blumenvase manipuliert.

Ein paar Minuten vergehen, dann schaue ich wieder zu den Kämmenden und diesmal, es kann kein Zufall mehr sein, hat eine dritte junge Frau am Kämmertisch ihren Kamm in Stellung gebracht und fährt sich, man möchte es fast hingebungsvoll nennen, durch die hüftlangen blonden Haare.

Argh. Das ist doch kein Zufall mehr. Ich schaue mir den Tisch jetzt mal genauer an: Fünf junge Frauen (von denen drei schon gekämmt haben) sitzen beim Frühstück, alle haben langes blondes Haar. Und, jetzt fällt’s mir erst auf, ausschließlich schwarze Klamotten. Hinten rechts gibt’s auch noch einen Mann, ebenfalls Anfang 20, schwarz gekleidet und — langhaarig blond.

Ich kann nicht mehr wegschauen, versuche ihnen von den Lippen abzulesen, um irgendeinen Hinweis auf den Grund ihres Zusammenkommens zu erlangen, aber erfolglos. Ist das eine norwegische Girlmetal-Band, ein Bekanntenkreis mit hohem Gruppendruck, die Nachbereitung eines Modelcastings für einen Perückenhersteller? Sind das die Haardoubles für Charlize Theron auf Deutschlandausflug? Ist es ein Flashmob aus dem Frisurenforum? Fragen über Fragen.

Irgendwann zahlen wir und gehen, die Kämmenden verweilen.

Ich werde nie erfahren, wie diese Menschen sich gefunden haben und warum sie sich so voller Hingabe kämmten. Ach, die Rätsel des Lebens.

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