Der Wulff im Fahrstuhl der BILD [Update]

by Gunnar on 4. Januar 2012 · 11 comments

Ich komme nochmal auf die Causa Wulff zurück. Sorry. Aber die Sache mit dem Anruf kriegt in der Diskussion einen falschen Spin, finde ich.

Da wird jetzt viel ‘rumgetan, weil Wulff die Pressefreiheit missachtet habe und überhaupt. Aber darum geht’s nicht. Der Kern des Problems ist Wulffs Verhältnis zur BILD. Die taz trifft’s:

[…] Schon bei seinem allerersten Sommerfest ein Jahr zuvor trat, so berichten Teilnehmer, der eben vereidigte Wulff umringt von der fast kompletten Bild-Führung aus Schloss Bellevue zu den Feiernden in den Garten. Und auch das zeigt: Der Bundespräsident hat – pardon und bei allem Respekt vor seinem Amt – eine politische Vollmeise. Für manchen Landesfürsten mag es lohnend und notwendig erscheinen, mit den vermeintlich Medienmächtigen auf inniges Verhältnis zu machen. Das eher symbolische, aber deshalb gerade auf Unabhängigkeit und Integrität angewiesene Amt des Bundespräsidenten hatte und hat das nicht nötig. […]

Wulff hat lange, lange von seinem guten Verhältnis zur BILD profitiert. Das ist natürlich unangemessen und alleine ein Grund, ihn nicht als Bundespräsidenten zu wollen, aber hey, wo ist denn da das Problem für die Pressefreiheit?

Ich finde das Geheule der Journaille einigermaßen reflexhaft und albern. Weiß schließlich jeder, dass die BILD mit derlei Kriterien nicht zu messen ist: Die BILD scheißt auf alle Regeln, was Journalismus angeht (Unabhängigkeit, Wahrheit in der Berichterstattung, Schutz von Persönlichkeitsrechten et cetera) und verspielt damit, wenigstens moralisch, ihre verfassungsmäßig verbrieften Presserechte. Es war übrigens auch nicht die BILD, die das Wort Pressefreiheit in diesem Zusammenhang den Mund genommen hat.

Hier geht es nicht um das Verhältnis eines Politikers zur Presse, hier geht es um ein Business-Agreement zwischen zwei unmoralisch handelnden Partnern: Auf der einen Seite der Politiker, der ein Medium bevorzugt, um positive Berichterstattung sicherzustellen. Auf der anderen ein Revolverblatt, das den bevorzugten Zugang mit lieblichen Homestorys und der Unterdrückung unliebsamer Fakten belohnt. Und der Deal wurde dann eben von Partner 2 einseitig aufgekündigt — ohne dass Partner 1 informiert wurde. Wulff wähnte sich wohl immer noch als BILD-Liebling, obwohl das Blatt schon begonnen hatte, im Schmutz zu wühlen. Warum das die BILD tat, ist eine interessante Nebenfrage: War Wulff nicht mehr interessant genug, weil er als Bundespräsident nicht querschoss sondern sich auf’s Lächeln konzentrierte? Hatte Wulff irgendwas verweigert, was die BILD gerne gehabt hätte?

Egal, so ist das eben mit der BILD. Die tut, was sie für richtig hält, hübsch illustriert durch ein altes Döpfner-Wort “Wer mit der “Bild”-Zeitung “im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten”. Insofern braucht’s kein Mitleid, okay, aber auch keine künstliche Erregung wegen der gefährdeten Pressefreiheit. Da gab’s einen Deal, einer hält sich dran, einer nicht, der andere regt sich auf. Pech. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Sogar Boris Becker weiß das:

[Quelle: Boris Beckers Twitter-Feed]

P.S. Aber hey, Wulff ist natürlich nicht der einzige Politiker, der jemals wütend bei einem Chefredakteur angerufen hat. Udo Röbel, Ex-Chefredakteur der BILD, erinnert sich an ein hübsches Telefonat mit Helmut Kohl:

[Quelle: Röbels Facebook-Seite]

P.P.S Das mit dem “Rubikon”, der laut Wulff “überschritten” sei, hält Blogger Maha für ein entlarvendes Bild. Maha ist nicht irgendwer, der hat erst neulich einen Vortrag über Politikersprache gehalten.

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