Das mutige Blau

by Gunnar on 27. April 2012 · 13 comments

Das Goldkindtm verlangt vom Herrn Kaliban allabentlich drei Geschichten: eine vorgelesene, eine frei erzählte und einen kurzen Nachklapp, ebenfalls improvisiert. Eine der wenigen wiederkehrenden Figuren bei der Erzählerei ist der “Zauberer mit den blauen Füßen”; eine seiner Geschichten soll hier mal dokumentiert werden.

Wir machen uns wieder ganz klein, ganz klein, bis wir ganz leicht sind. Jetzt wachsen uns unsichtbare Flügel, starke Flügel, die uns bei ersten Gedanken in die Luft tragen. Und nun fliegen wir los, durch die Wand, über die Stadt, dem Sonnenuntergang entgegen. Bis zum runden, grünen Hügel, auf dem der Turm des Zauberers steht.

Welcher Zauberer ist es? Richtig, der Zauberer mit den blauen Füßen. Wir sehen Licht in der obersten Stube, wir schweben durch das geschlossene Fenster und sehen folgende Szene:

Der Zauberer steht vor einer Leinwand auf einer Staffelei, er will ein Bild malen. Noch ist die Leinwand leer, doch neben dem Zauberer, auf einem Tischchen, liegen Dutzende Pinsel. Alle Pinsel sind aus dunklem Holz, haben helle Borsten und in der Mitte einen farbigen Punkt. Der Zauberer nimmt einen, den hellgrauen, soweit wir sehen können, und setzt ihn auf der Leinwand an. Der Pinsel zieht eine Linie, dabei hat der Zauberer ihn nicht in Farbe getaucht. Es ist ein Zauberpinsel! Zauberpinsel malen ohne Farbe und müssen nicht gereinigt werden.

Der Zauber malt ein paar Linien mit Grau und Schwarz, dann beginnt er unten eine Fläche in Grün auszumalen. Dann hält er inne, legt die Pinsel zurück und geht aus dem Zimmer. Die Pinsel auf dem Tischchen liegen still, bis er draußen ist. Dann rollen sie hin und her und fangen an zu tuscheln. Zauberpinsel können nämlich auch sprechen!

“Puh”, sagt Grau, “der kann’s ja nicht besonders.”
“Schon die ersten Linien sind schief”, fügt Schwarz hinzu.
“Daß wird doch nichtß”, zischelt Lila, das ein bisschen lispelt.
“Der fasst mich schon ganz falsch an” ergänzt Grün.

Blau wird das alles zu viel: “Dann sagt es dem Zauberer doch, wenn ihr das Bild nicht gut findet.”
“Ihm sagen?”, “Waaas?” “Aber es ist der Zauberer!”, alle Farben reden durcheinander.

Der Zauberer kommt zurück ins Zimmer, alle Pinsel verstummen.

Er hat sich einen Tee gemacht und schlürft jetzt aus einer dunkelblau leuchtenden Zaubertasse, während er sein angefangenes Bild betrachtet.

“Ach, nicht schlecht”, sagt er vor sich hin und greift den blauen Pinsel.

Er fängt an zu malen, am oberen Rand, offenbar soll das der Himmel werden. Aber der Blauton ist für diese Stelle zu dunkel, und der Zauber malt die Fläche nicht gut aus.

“AHEM”, räuspert sich der Pinsel.

“Huh”, macht der Zauberer und hätte ihn beinahe fallen lassen. “Ich wusste gar nicht mehr, dass ihr Pinsel auch sprechen könnt” sagt er.

“Tja”, antwortet der Pinsel und zögert.

“Was ist denn? Was gibt’s zu räuspern?”, fragt der Zauberer.

“Du machst das ganz falsch”, sagt der Pinsel, “du malst nicht gut.”

“Was?”, der Zauber ärgert sich sichtlich. “Ich muss mir von meinen Pinsel nichts sagen lassen.” Darauf legt er Blau zurück und will eine andere Farbe greifen.

“Bitte, nimm mich wieder” bettelt Blau kleinlaut, “ich will auch nichts mehr sagen”.

Der Zauberer nimmt Blau, setzt an, zieht einen Strich.

“Ahh!” ruft Blau, “so doch nicht.”

“Hrmpf” macht der Zauberer. “Jetzt reicht es aber.” Wieder legt er Blau hin.

“Oh, bitte bitte, nimm mich wieder” bettelt Blau erneut, “ich will auch nichts mehr sagen. Wirklich nicht.”

Der Zauberer nimmt Blau, setzt an, zieht einen Strich.

“Ahh!” ruft Blau, “so doch nicht.”

Der Zauberer hält inne und macht ein böses Gesicht. Er lehnt den Pinsel an die Leinwand und sagt: “Nun gut, wenn du meinst, es besser zu können als ich, dann mal das Bild doch selber.”

Er breitet die Arme aus, seine Augen beginnen grün zu leuchten, im Zimmer wird es duster. Er spricht einen Zauber:

Abro Kadabro Eselsteine
Der Pinsel hat jetzt… Beine

Abro Kadabro Mehlalarme
Der Pinsel hat jetzt… Arme

Der Pinsel beginnt zu zucken und zu zittern. Plötzlich wachsen ihm grüne Froscharme und Froschbeine. Mit denen krabbelt er die Leinwand hoch und begann, mit seinem Borstenkopf zu malen.

Der Zauberer schaut ihm zu, erst mit böser Miene, dann freundlicher. “Ganz und gar nicht schlecht, wie der Pinsel malt”, denkt er bei sich.

Er spricht einen weiteren Zauber:

Abro Kadabro Eselsteine
Alle Pinsel ha’m jetzt… Beine

Abro Kadabro Mehlalarme
Alle Pinsel ha’m jetzt… Arme

Und dann wachsen allen Pinseln Arme und Beine. Sie kriechen los, kreuz und quer über die Leinwand, um zu malen. Nach wenigen Minuten ist eine wunderschöne Flusslandschaft entstanden, mit Wiesen und blauem Himmel und Bergen im Hintergrund.

Der Zauberer schaut zu.

Plötzlich klatscht er in die Hände.

Abro Kadabro Meinkaufsliste
Alle Pinsel… in die Kiste

Da fliegen alle Pinsel in eine kleine flache Kiste am Ende des Raums. Die Kiste klappt zu.

“Ach”, sagt der Zauberer, “jetzt habe ich zwar ein schönes Bild, aber ich wollte doch selber malen, nicht bloß zugucken. Selbst wenn ich es nicht so gut kann wie die Pinsel. So macht mir das keinen Spaß.”

Und er geht aus dem Zimmer. Sobald er draußen ist, geht das Licht aus. Alles ist dunkel und still, nur in der Kiste hören man leise die Pinsel reden.

Wir wenden uns ab, schlagen mit den Flügeln und fliegen durch die Wand. Wir haben den Sonnenuntergang im Rücken, es geht über die Stadt bis zu unserem Haus. Wir schweben durch die Wand und landen sanft im Bett. Die Flügel schrumpfen und verschwinden, wir dehnen uns, bis wir wieder so groß sind wie vorher.

Jetzt sind wir müde vom Fliegen, ziehen die Decke bis zum Kinn, schließen die Augen und erinnern uns noch einmal kurz vor dem Schlafen an die Geschichte vom Zauberer und dem mutigen Blau.

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