Ein Brief an die Spieleindustrie

by Gunnar on 24. April 2012 · 31 comments

Background: Vor allem in UK, mit der gerade erfolgten Pleite der Spielehandelskette GAME und dem starken Konsolenmarkt, läuft seit einem Monat eine Diskussion um das Thema “Machen gebrauchte Spiele das Geschäftsmodell der Spieleindustrie kaputt?”. Angeheizt wird die Debatte durch die Gerüchte um die Nachfolger von PS3 und Xbox 360, die angeblich keine Gebrauchtspiele mehr abspielen werden.

Dazu ein paar Anmerkungen von mir, in der derzeit beliebten Form des offenen Briefs:

Liebe Spieleindustrie,

wir kennen uns doch schon lang, dennoch habe ich manchmal das Gefühl, dass ich über Dich zuviel weiß, Du über mich aber gar nichts. Vielleicht trügt mich meine Eitelkeit aber nur, vielleicht weißt Du alles über mich, lässt nur eben Deine Handlungen nicht beeinflussen. Ich meine, hey, wenn Du mich kennen und schätzen würdest, würdest Du doch nicht all diese waffengeile Militärscheiße rausbringen, all die DRM-vernagelte Mittelmäßigkeit, all diese halbfertigen DLC-Fallen. Aber nun ja.

Liebe Spieleindustrie, ich erzähle Dir mal was Wichtiges über mich:

Ich kaufe jeden Monat ein Spiel.

Okay, das ist nicht ganz richtig, ich kaufe jeden Monat viel mehr Spiele, Indie-Games, iPhone-Games, kleine Sachen sozusagen. Aber in eurer Definition, im klassisch vollpreisigen Sinne kaufe ich pro Monat ein Spiel. Das kostet mich, weil ich zu träge bin nach Sonderangeboten zu schauen und bevorzugt auf der Konsole spiele, in aller Regel 69,90 Euro.

Das ist gar kein schlechter Preis, den ich da klaglos zahle: Für dasselbe Geld bekäme man auch 5 bis 10 Kinobesuche (ohne Popcorn), Battlestar Galactica komplett auf 25 DVDs (mit reichlich reichlich Popcorn), ein Jahresabo von GameStar oder die ersten sechs Bände von Unwritten. Oder einen Bordellbesuch, vermutlich, aber da kenne ich mich mit den Preisen nicht aus.

Für die 70 Steine bekomme ich, das weiß ich zu schätzen, ein hochwertig produziertes Entertainment-Produkt, das mich manchmal, es ist schwer vorauszusehen, 8 Stunden fesselt, manchmal auch 50 Stunden. Manchmal bin ich auch enttäuscht, übrigens nie wegen Grafik oder Bugs, sondern eigentlich immer nur wegen der polierten Seelenlosigkeit mancher Produkte. Das aber ist eine andere Geschichte. Also, egal, ob’s gut war oder mau, ich sitze nach Benutzung auf einem für mich wertlosen Produkt: Ich sammele nicht, ich wiederspiele nicht, das abgespielte Spiel fängt bei mir Staub. Ergo tue ich das, was ich mit allen anderen Dingen auch tue: Ich verschenke es, verleihe es, verkaufe es. Das mache ich mit Büchern, Kaffeemaschinen, Handys, DVDs, CDs und allem — mein Herz hängt nicht an Vintage dies und Retro das, ich versuche mein Leben ballastfrei zu halten.

So bin ich nun mal, liebe Spieleindustrie, das hast Du immer gewusst.

Und nun lese ich, dass ich schuld sein soll, dass das alles so schwierig ist mit dem Profit und dass Singleplayer-Games wegen mir sterben und dass das alles Notwehr ist und überhaupt. Das alles wirft man mir, metaphorisch, an den Kopf, quasi sobald ich den Laden um 70 Euro ärmer verlassen habe. Das macht mich nicht glücklich, ehrlich gesagt. Ich war der Meinung, es sei völlig okay, dass ich ein physikalisches Gut als mein Eigentum betrachte, aber ihr wollt es mir lieber nur vermieten. Gerne aber zum vollen Preis. Tja, dann kommen wir wohl nicht zusammen, liebe Spieleindustrie.

Ich sag’s hier mal ganz offen: Wenn ich mein 70-Euro-Spiel nicht wieder verkaufen kann, dann kaufe ich eben kein 70-Euro-Spiel mehr. Was mich dann vielleicht noch von dem Problem befreit, eine 500-Euro-Konsole erwerben zu müssen. Auf dem Handy, mit seinen 79- bis 799-Cent-Spielen (die mich aber auch gerne mal ein paar Wochen beschäftigen), da nehme ich es gerade noch hin, dass mir die bezahlte Ware nicht wirklich gehört, aber im Premium-Segment, liebe Industrie, im Premium-Segment erwarte ich mehr.

Also, hört auf, schlecht über mich und mein Geschäftsgebaren zu reden, und verkneift euch den Quatsch mit der Anti-Gebrauchtspiel-Konsole, sonst sind wir geschiedene Leute.

Herzlichst,

Euer Gunnar.

P.S. Und ja, es ist mir wurscht, ob meine Position in dieser Sache völlig konsistent ist.

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