Social Media, Piraten und die Politik

by Gunnar on 19. April 2012 · 15 comments

Irgendwie funktioniert das Social Media-Ding nicht. Oder ich mache was falsch. Obwohl ich mich wirklich bemühe, News-Webseiten zu vermeiden, habe ich gestern dennoch wieder aus drei Quellen erfahren, dass die ARD Gottschalks Show abgesetzt hat. Ich kann überhaupt nicht, ohne Wörter von Tolkien’scher Epik zu bemühen, das unendliche, direkt kosmische Desinteresse beschreiben, das mich ankommt, wenn ich die Buchstabenkombination ARD beziehungsweise den Namen Gottschalk lese.

Was treibt all die cleveren Leute, denen ich hie und da folge, dazu, sich zu Fragen der Programmplanung eines Senders zu äußern, auf dem sie allenfalls einmal die Woche den Tatort einschalten, um sich dann auf Twitter über dessen mangelnde Authentizität aufzuregen?

Es wird sich ja gerne über die Boulevardisierung von SpOn beklagt, durchaus zu recht, ich habe aufgehört, die Seite zu lesen, als ich an drei aufeinanderfolgenden Tagen ungewollt Lady Gaga-Information ausgesetzt worden bin, aber hey, wenn all die lässigen Elite-Twitterer und Edel-Facebooker es für ironische Gelassenheit halten, belanglose Boulevard-News funny-funny zu kommentieren, dann läuft da was falsch, wie zum Beispiel auch im Bau dieses Satzes, der eine merkwürdige Bandwurmigkeit angenommen hat, aber das ist ja ein ganz anderes Thema.

Ein noch ganz anderes Thema, das nichts mit dem Beginn dieses Textes zu tun hat, aber mir eben gerade einfiel, ist die Piraterie. Ich rede da von der politischen Partei, nicht etwa von Räubern auf See. Diese Doppeldeutigkeit des Begriffs Piraten nervt mich übrigens unendlich, weil ich, als alter Herr quasi ständig von Reizüberflutung bedroht, immer unangenehme Zehntelsekunden der Verwirrung auszustehen habe, wenn ich wie gestern Schlagzeilen wie “Bundeswehr darf Piraten jetzt auch an Land verfolgen” lesen muss. Ich sehe dann vor meinem geistigen Auge immer Panzer über Uni-Campusse rollen, schreiende Nerds in schwarzen T-Shirts bedrohend. Kann man den Laden nicht in PPD oder etwas ähnlich Althergebrachtes umbenennen? Über die Piraten sagen übrigens viele, die seien doof, besonders Anhänger oder Funktionsträger verstaubter Pöstchenparteien mit schlechtem Trackrekord posten in diesen Social-Media-Kanälen (oh, Social Media, wir sind doch noch beim Thema, quasi) kleine Beweise der besondere Sachunkundigkeit oder schlichten Blödheit einzelner Piraten. Dazu wäre anzumerken, und mich wundert, dass das kaum jemand mal deutlich sagt, dass das Spotten über die piratische Unbedarfheit so weit am Thema vorbeigeht wie eine Tatortfolge, die in Dresden spielt, in der aber kein Sächsisch gesprochen wird. Die Piraten sind nicht beliebt, obwohl sie unbedarft und hilflos und jung sind. Die Piraten sind beliebt WEIL sie unbedarft und hilflos und jung sind. Denn in den Augen von wenigstens 10 Prozent der potenziellen Wähler ist jung und doof immer noch besser als alt, bestechlich und abgewichst. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Selbst wenn die Piraten plötzlich versehentlich mit dem aktuellen Personal und den aktuellen Strukturen überall in Regierungsverantwortung müssten, es fiele ihnen schwer, es noch sehr viel schlechter zu machen als, sagen wir, ein CDU-Mann, der in einem verfassungwidrigen Verfahren 5 Milliarden Steuereuros für einen Konzern ausgibt (der kurz danach drastisch an Wert verliert), und wichtige Mails und Akten zum Deal nicht mehr findet. Oder ein Grüner, der sich von einem Lobbyisten Geld leiht und als Begründung angibt, er sei in Schwierigkeiten, weil er humanitären Organisationen so viel gespendet habe. Oder ein CSU-Mann mit erschlichenem Doktortitel, über dessen größte Amtsreform sein CDU-Nachfolger mit der Formulierung “unhaltbare Zustände” spricht. Oder oder oder, die entsprechenden Beispiele für Linke, FDP und SPD mag sich jeder selber ergoogeln. Ist nicht allzu schwer. Immer gut: Parteispenden, Postenvergabe, Bauvorhaben. Die etablierten Parteien bestehen, der Eindruck drängt sich auf, aus inkompetenten Abzockern und sind den Berliner Lobbyisten hilflos ausgeliefert. Dann lieber die Piraten, mag sich mancher denken.

Oh. Das hat jetzt einen ernsten Unterton angenommen, dabei begann der Beitrag so leicht. Zum Abschluss noch ein Vorschlag für eine Social Media-Sache, die ich gerne lesen würde: Kann mal einer dieser Hacker, von denen man allenthalben hört, vielleicht sogar ein Pirat, Angela Merkels Handy hacken und aus ihren SMS einen Twitterfeed machen? Das würde mich interessieren. Mehr als Herrn Gottschalks aktueller Aufgabenschwerpunkt.

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