Kaliban-Gespräche, Folge 3: Agitpop!

by Gunnar on 21. Mai 2012 · 9 comments

Herr Kaliban sprach mal vor Jahren mit dem Herrn Agitpop über Urheberrecht und Piraterie. Das war ein schönes Gespräch, die Herren nahmen sich denn auch vor, das bei Gelegenheit mal wieder zu tun. Nun, hey, kaum drei Jahre später ist es schon so weit. Das Thema diesmal: der FC Bayern. Das Sujet liegt seit Samstag ein bisschen in der Luft, außerdem ist der Herr Agitpop Fan und Mitglied des besagten Vereins.

Huh, Agitpop? WTF?
Herr Agitpop ist so eine Art “Internet-Freund” vom Herrn Kaliban. Obwohl er FC Bayern-Fan ist. Er twittert zu viel und hat ein sensationelles Blog, das er leider seit einem Jahr nicht mehr updatet, in dem aber noch viele schöne Texte zu finden sind. Der über Bioshock etwa. Oder den über Moral in Games oder der über Schäuble und die Vorratsdatenspeicherung.
Für Portal 2: Show me a Story gewann er den “Warmen Händedruck 2011″, eine Art Preis für Spielejournalismustexte.
Wer mal seine Stimme hören will, könnte das im Zockstoff-Podcast tun, wo er neulich mit Herrn Imre über das Ende von Mass Effect 3 redete.

Herr Kaliban: Also, um mal mit einer Sportreporterfrage einzusteigen: Herr Agitpop, wie fühlt man sich am Tag nach so einem Match?

Herr Agitpop: Kurze Antwort: Leer. Lange Antwort: Völlig leer. Antwort, die ich mir von Spielerseite immer erhoffe: Was ist denn das für ‘ne bescheuerte Frage, du Fliesenleger.

Von uns, die wir nicht Bayern-Fans sind, und daher wöchentlich mit Enttäuschungen und regelmäßig mit titellosen Jahren leben, von uns normalen Menschen also, wird ja immer gerne angenommen, dass Bayern-Fans zu großer Emotion gar nicht fähig sind.

Was natürlich absoluter Blödsinn ist, weil es eine Katastrophenrangfolge vorgibt. So als gäbe es eine Schwelle, die überschritten werden muss damit etwas emotional trifft.

Natürlich ist ein so verlorenes Champions-League-Finale nicht vergleichbar mit einem Abstieg. Aber ein versemmelter Test ist auch nicht vergleichbar mit einem abgebrannten Haus. Das macht die Sache aber in dem Moment nicht weniger schmerzhaft.

Und im Vergleich zu dem, was in Somalia passiert, hat keiner von uns das Recht sich zu beklagen.

Dazu kommt ja noch der Umstand, dass Erfolglosigkeit kein Ehrenabzeichen ist. Als wenn sich die Lauterer Fans beschweren würden, wenn Lautern plötzlich jedes zweite Jahr Meister würde.

Bei mir in der Timeline/Freundesliste/Sozialdings hat der Ton nach kurzer Fassungslosigkeit relativ schnell gegen die eigene Mannschaft gewendet. Da hat kurz nach dem Elfmeterschießen ein Die-Hard-Fan tatsächlich ein “Fuck you, Neuer” ausgestoßen. Sowas ist ein natürlich wahnsinnig subjektiver Ausschnitt aus der Realität, ach was, die Timeline ist ja nicht mal Realität, aber ich bin ja schnell mit Vorurteilen bei der Hand.

Du folgst den falschen Leuten.

Mir scheint das immer ein Anzeichen für verwöhnte Fans zu sein: die schnelle Wut auf die Mannschaft bei Rückschlägen.

Ich folge ja auch so rund 20 bis 30 Bayern-Fans und bei mir war das ganz anders. Hadern. Ja. Und ein gewisser Frust, dass Robben schon wieder im entscheidenden Moment versagt. Das wir bei Standards so harmlos sind, dass wir 18 Ecken haben und nicht eine echte Chance daraus hervorgeht. Dass brutalstmöglicher Defensivfußball belohnt wird, als wäre das 2006 bei der WM noch nicht schlimm genug gewesen.

Aber da war eben auch sofort die Erkenntnis, dass es weitergehen muss. Weiter, immer weiter. Dass die nächste Saison kommt. Dass wir wieder dabei sind. Das war eher ein gegenseitiges Stützen und das Gefühl, dem Verein und einander noch enger verbunden zu sein. Weil man nach 1999 jetzt schon wieder so eine bittere Niederlage gemeinsam erlitten hat. Sowas schweißt zusammen.

Natürlich hat Bayern Erfolgsfans. Mehr als andere Vereine, weil eben mehr Titel geholt werden. Aber ich bin auch erstaunt, wer auf einmal seinen 10 Jahre eingestaubten Biene-Maja-Schal aus dem Schrank kramt. Oder bei der EM wieder im schwarz-weißen Trikot beim Public Viewing jubelt. Scheiß drauf. Die sollen mal machen, aber nach denen muss man sich nicht richten.

In meiner Timeline hat der harte Fankern nach gestern Abend eher ‘ne Menge Respekt für den Schalker Jungen bekommen. Der Mann hat immerhin mehr Eier gezeigt als der Teil unserer Jungs die sich fast unterm Rasen versteckt haben als man Elfmeterschützen suchte.

I second that. Die Tatsache, dass er geschossen (und auch noch getroffen hat), ist krass. Vielleicht das Bedürfnis, immer noch etwas mehr zu tun, um die Anerkennung der Bayern-Fans zu gewinnen. Vielleicht aber auch einfach Tapferkeit vor dem Feind.

Du sprichst ein “gegenseitiges Stützen” unter den Fans an. Das ist etwas, das zumindest ich aus meiner vorurteilsbeladenen Hannover 96-Sicht mit Bayern-Fans nicht sofort assoziiere. Meinst, es tut dem Verein und seinen Fans nicht auch ganz gut, mal wieder ein bisschen Tragik zu erleben?

Ich bin ja persönlich der Meinung, dass ein Barcelona 1999 gereicht hat. Da hätte ich auf ein München 2012 verzichten können. In der Vorwoche – gegen Dortmund – da war’s ‘ne verdiente Klatsche über die sich keiner beschweren konnte. Und vor zwei Jahren gegen Inter war’s auch verdient. Ich glaube nicht, dass Tragik ein pädagogisches Element ist. Vor allem weil’s doch – so wie bei jedem Verein – nur die wirklich hart trifft, die mit Herzblut dabei sind. Die Schönwetterfans fluchen über Neuer und streifen sich dann die schwarz-rot-goldene Blumenkette über und gehen auf die EM-Partys.

Aber – Phrasenschwein!- das gehört doch unabhängig von Verein zum Fußball. Das hätte ja auch Hannover im umbenannten UEFA-Cup passieren können. Das prägt halt und das bleibt im System. Ich sehe uns schon in 10 Jahren da sitzen und vom Krieg erzählen. Wie wir das Finale gesehen haben. Was wir gedacht haben. Das sind Bilder die sich einbrennen und Emotionen die so mächtig sind, das wir sie den Rest unseres Lebens nicht abschütteln werden. So wie vor drei Jahren Bayern-Fans über 1999 geredet haben wie andere Leute über den 11. September.

Ach, ich glaube, die Tragik, die unverdiente Niederlage, das knapp daneben, das ist die Wolle, aus der Veteranengeschichten gewebt werden. Unsere Heimniederlage gegen Atletico war so glatt, darüber musste man nicht reden. Das Spiel in Madrid hingegen, mit der Abwehrschlacht und dem Tor in der Nachspielzeit, das bleibt uns.

Aber wir dürfen ja auch verlieren, wir sind ja nicht Bayern.

Andere Sache: Woran liegt’s denn beim FCB in dieser Saison? Pech und Karma, zu dünner Kader, falscher Trainer?

Der Titel- und Siegeshunger wirkt arrogant. Aber das ist Teil des Deals. Wenn du Bayern-Fan bist, dann willst du jedes Spiel gewinnen. Ist auch eine Einstellung, die ich auf die Nationalmannschaft übertrage. Ist ja ganz toll, dass wir seit sechs Jahren weltweit beliebt sind weil wir sympathische Zweite und Dritte werden. Ich möchte mal wieder ‘nen Titel. Und wenn der dreckig erkämpft und erbolzt wird, dann eben so. In Schönheit sterben – wie’s der Verein gestern gemacht hat – macht auf Dauer auch nicht glücklich.

Diese Saison: Von allem ein bisschen. Wenn man mal neutral drauf guckt: Bayern sind Ligazweiter mit einer Leistung, mit der man in vielen anderen Jahren Meister geworden wäre. Aber die Dortmunder sind einfach eine überragende Mannschaft die letzten zwei Jahre, zumindest national, und das muss man neidlos anerkennen. Da hat Klopp eine Mannschaft geschnitzt die perfekt ineinander greift. In Ansätzen gibt’s das bei Bayern auch. Kroos, Badstuber, Alaba, Müller. Das sind ja Van-Gaal-Gewächse. Aber der wurde halt zu früh entlassen wegen “Erfolglosigkeit” und weil’s zuviele Alpha-Tierchen sind. Ist wie bei den meisten Vereinen: Der Fisch stinkt vom Kopf her und Hoeneß, Rummenigge und Konsorten sind Platzhirsche der alten Schule, die keine Götter neben sich zulassen. Das wird sich wohl ändern müssen.

Ansonsten: Robben versagt im entscheidenden Moment. Mario Gomez ist und bleibt ein Großchancentod und es war kein B-Team da, das überzeugt um zugleich auf drei Hochzeiten zu tanzen, wie das bei Barcelona oder Real geht. Andererseits: Der Preis den die dafür bezahlen, die völlige Überschuldung, ist es nicht wert. Da endet dann die Erwartungshaltung doch.

Vermutlich wär’s mit van Gaal noch auf andere Arten schief gegangen, aber mein Eindruck ist, dass das Trainerteam taktisch nicht voll auf der Höhe ist. Die Mannschaft ist ausrechenbar, vertraut auf individuelles Genie — und wenn der Gegner mal einen klaren Plan hat, dann ist die Heldentruppe plötzlich erstaunlich wirkungslos.

Nicht nur gegen Dortmund, auch Gladbach, Augsburg und Hannover, alles im weiteren Sinne “Trainer-Mannschaften” oder “System-Mannschaften” haben sich gegen Bayern gut geschlagen.

Da hast du Recht. Ein System mit dem wir starr gegen die Wand rennen. Hoher Ballbesitz, aber langsamer Aufbau, immer über die Flügel und ein Robben oder Ribéry werden dann gerne mal ganz aus dem Spiel genommen.

Die Fixierung auf Robbery ist das eine Problem. Schlimmer ist die Fixierung auf Gomez (den ich nicht für einen Chancentod halte) — wenn der abgeschirmt ist, fehlt zu viel. Hat man ja am Samstag gesehen.

Du hälst Gomez nicht für einen Chancentod? Der hätte diese Saison den Rekord von Müller (Gerd, nicht Thomas) einstellen können, wenn er sich nicht im Strafraum so verdribbeln würde oder einfach mal draufziehen würde, statt Bälle erst stoppen zu wollen. Der Mann hat mich diese Saison Nerven gekostet. Gefühlt braucht Gomez vier oder fünf Großchancen ehe er den Ball versenkt. Aber da hat man ja, wie der Stoiberede heute verkündet hat, jetzt eine neue Sturmgranate.

Claudio Pizarro…

Pizarro ist super für die zweite Mannschaft oder als Joker.

Das ist so, als wenn dir der eigene Verein am Tag danach nochmal mit Schmackes eine runterhaut.

Zurück zu Gomez:

Gomez schießt pro Spiel 3 Mal auf das Tor (3,1 Mal, um genau zu sein) und erzielt dabei fast immer einen Treffer. Das ist so schlecht nicht, andere Stürmer haben keine besseren Quoten. Und er spielt wirklich gut mit, zieht Verteidiger, schafft Räume, provoziert Fouls.

Das ist doch wieder so’n typisches Bayern-Fan-Ding, das man mit einem 30-Mio-Stürmer nicht zufrieden ist…

Ja, aber das sind objektive Statistiken! Bei der eigenen Mannschaft geht es nicht um Objektivität. Da sehe ich, wie Gomez schon wieder einen Ball vertändelt und denke mir bei jedem einzelnen Schuss, dass unsere Omma das auch noch hinbekommen hätte.

Nun gut, Lewandowski sieht eleganter aus dabei. Der Gomez sieht übrigens in vielen Situationen nur komisch aus, weil er so lange Beine hat. Im Spiel gegen Chelsea hat er sich sogar einen Fallrückzieher aufgelegt – der kann durchaus was am Ball.

Außerdem profitiert ihr doch von unserem Bayern-Ding und bekommt preisgünstig Spitzenkräfte wie Schlaudraff und Haschemian. … … Okay, letzterer vielleicht nicht so sehr.

Nicht nur Hannover, die Liga ist voll von Leistungsträgern, die man bei Bayern nicht richtig einsetzen konnte oder wollte. Pizarro, beispielsweise. Podolski. Kroos. Kraft.

Mats Hummels.

Korrekt.

Und nächstes Jahr schießt uns Olic aus dem DFB-Pokal und Usami aus der Champions League.

Lass uns noch einmal zum Fan-Sein zurückkehren: Nervt das, das man immer des “Erfolgs-Fan”-Seins verdächtigt wird?

Oder kommt das gar nicht so oft vor, wie ich mir das vorstelle, der ich natürlich JEDEN Bayern-Fan automatisch für einen Event-Fan halte?

Doch, das kommt dauernd vor. Du wirst ja auch als Fußballfan von den anderen nicht ernst genommen, eben weil du Bayern-Fan und damit kein Fan bist. Was aber auch schizophren ist: Für Erfolge sollst du dich schämen, Misserfolge reiben dir die gleichen Leute dann mit Inbrunst unter die Nase.

Aber auch das definiert ja. Als Bayern-Fan leidest du eben unter anderen Problemen. Das willst du aber auch. Du willst ja den Neid und die Missgunst, weil du dann weißt, dass das Ding läuft. Diese ekelhaften Beileidsbekundungen, die braucht doch kein Mensch. Und immerhin kannst du dir sicher sein, dass du deutschlandweit Antipathien erntest. Damit muss man eben auch umgehen können. Aber wenn du als Fan von allen gemocht werden willst, dann musst du halt Freiburg supporten.

Oder Mainz.

Oder Mainz.

Trägst Du Farben? In der Öffentlichkeit, meine ich. Vor dem Fernseher zählt nicht.

Klar. Wobei ich in den letzten Jahren eher zum dezenten T-Shirt übergegangen bin. Aber mein Mehmet-Scholl-Shirt trage ich mit Stolz. Den Schal im Winter auch. Im Trikot bin ich inzwischen seltener unterwegs, weil’s doch in vielen Situationen unangemessen ist. Und den Bazi-Button der mit der Vereinsmitgliedschaft kam, habe ich auch noch nicht ans Revers geheftet. Aber ich stehe schon klar zu meinem Fansein und zum Verein.

Gut so. Nun, ich überlasse dich jetzt wieder deinem Schicksal und den Morissey-Platten, wünsche verständnisvolle Kollegen und generell eine gute Zeit. Wir sehen uns in der Liga und ich hoffe, unsere Heimspiele gegen euch gehen genau so aus wie in den letzten beiden Jahren.

Ich muss jetzt “Schau’n mer mal” sagen. Oder?

Ich hätte zum Ausklang noch einen Musikwunsch:

Da gibt’s in den Kommentaren – bei Youtube erschreckenderweise – einen gar nicht so dummen Satz: “In den Farben getrennt. In der Sache vereint.”

Ich glaube, das ist ein gutes Schlußwort.

Amen.

[Hinweis: In den ersten beiden Folgen der "Kaliban-Gespräche" redete Herr K. mit Petra Fröhlich, Spieleredakteurin Galore, und Falko Löffler, Schriftsteller und Spieletexter.]

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