Das Ende der FTD oder: Die passiv-aggressive Ablehnung der Realität

by Gunnar on 7. Dezember 2012 · 29 comments

Heute erschien die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland.

Die Redaktion verabschiedete sich mit einem schönen Foto, auf dem sich alle verneigen. Und den folgenden Zeilen:

Entschuldigung,
liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir Euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen.

Das ist gefällig formuliert und hat auf den ersten Blick irgendwie Klasse. Bei Licht betrachtet ist das allerdings schon eine dezent arrogante Nummer für eine Zeitung, die nicht am mangelnden Durchhaltevermögen ihrer Verleger oder Anzeigenkunden oder gar ihrer, haha, Unbequemlichkeit gescheitert ist, sondern schlicht zu wenig Leser gefunden hat. Weniger als die taz, um das mal auszusprechen. (Und die taz hat keine internationale Marke oder einen Großverlag auf der Habenseite.)

Trotzdem sind natürlich die Umstände schuld. Am Journalismus kann es ja nicht liegen. Oder doch? Wir nehmen mal meine Lieblingsfokusgruppe: mich.

FRAGE: Herr Kaliban, Sie sind doch Teil der Zielgruppe. Warum lesen Sie nicht die FTD?
ANTWORT: Ich wollte. Wirklich. Aber ich habe aufgehört, die FTD zu lesen, nachdem ich in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben eine Verwechslung von “Billion” und “Milliarde” entdeckt hatte – und in der dritten Ausgabe auch noch horrender Unsinn über die Spielebranche stand, so richtiger Unsinn, mit falsch interpretierten Zahlen und so.
FRAGE: Ah. Danke. Sie dürfen sich setzen. I rest my case.

Die ganze passiv-aggressive “Entschuldigung” passt allerdings gut zu dem Tenor, der überall zu hören ist, seit das Ende der FTD angekündigt wurde: Schade sei das, bitter gar, das Internet sei schuld, es sei das Ende einer tollen Zeitung, die dem Land fehlen werde et cetera.

Natürlich ist das traurig, wenn 350 Arbeitsplätze über den Jordan gehen, aber vielleicht hat die taz recht, die heute schreibt:

Dass der Verlag nun bei diesem Produkt genau jene Kriterien von Rentabilität und Profit walten lässt, auf die Kommentatoren jener Zeitung stets so bescheidwisserisch wie kaltherzig verwiesen, wenn es, sagen wir, um das Schicksal von Nokia-Arbeitern oder Schlecker-Angestellten ging, ist für die Beteiligten vielleicht lehrreich und sicherlich unangenehm. Aber mehr auch nicht.

Die Larmoyanz deutscher Journalisten in den letzten Jahren ist in der Tat unerträglich geworden – die Verkaufszahlen gehen südwärts, ja, aber das gehen sie, zumindest für die Tageszeitungen, schon seit den 90ern. Jeder weiß seit vielen Jahren, dass man was tun muss. Und doch wird vergleichsweise wenig getan: Preise hoch, Seiten runter, als Redaktion getarnte Werbung allerorten, Praktikanten statt Redakteure und immer noch mehr Tricksereien, um die Abodauer zu verlängern. (Bei der SZ etwa kann man heutzutage im “Abo-Center” auf der Website alles tun, nur nicht kündigen. Dafür muss man einen Brief schicken. Bitch, please.) Und wenn bei einem, sagen wir, Joghurthersteller das Produktmanagement auf die Idee käme, auf sinkende Verkaufszahlen mit einer offensichtlichen Reduzierung der Qualität sowie der Menge pro Gebinde und einer klaren Anhebung des Preises zu reagieren, würden die Leute möglicherweise gefeuert – in Verlagen hält man sich hingegen für clever, wenn man aus den letzten treuen Lesern möglichst viel herausquetscht*.

Aber nun. Ist ja auch egal. Bald kommt das Leistungsschutzrecht und macht die ganze kaputte Welt wieder heile. Bestimmt. Und wenn nicht, dann kommt nach dem Leistungsschutzrecht die Kampagne für die Mehrwertsteuerreduzierung und die Kampagne für Steuererleichterungen und die Kampagne für Verlagsbailouts und was weiß ich.

* Anmerkung in eigener Sache: Natürlich haben wir das in meiner aktiven Zeit als leitender Verlagsangestellter auch so gemacht, managing print for profit hieß das bei uns. Ich sage auch nicht, dass es ganz anders geht, dass Kampfpreise und/oder Qualitätsoffensiven den Printjournalismus retten könnten. Man muss aber eben die Zeit der sinkenden Printauflagen nutzen, um andere Standbeine zu schaffen. Und die Maulerei, dass die Kostenloskultur, das Internet oder das schlechte Wetter schuld seien, möge man sich ganz verkneifen. Das steht Profis nicht gut zu Gesicht.

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